Freiwilliges Jahr in Togo, eine Sehbehinderte erzählt

In meinem Beitrag blinde Menschen in Togo hat meine Gastautorin Jasmin über ihren Besuch in einem Blindenzentrum berichtet. Gemeinsam haben wir eine Spendenaktion gestartet. Darüber werde ich an anderer Stelle noch einmal berichtet, wenn wir die ersten Stöcke an blinde Menschen in Togo ausgegeben haben. Ich finde, dass ich das den Spendern schuldig bin, die auf mein Wort vertrauen, dass ich das mir anvertraute Geld tatsächlich für Blindenstöcke ausgebe. Dafür danke ich von Herzen. Für jetzt stellt sich Jasmin vor, und berichtet über ihr Freiwilligenjahr in Togo.

Ich heiße Jasmin, bin 18 Jahre alt und habe letzten Sommer mein Abitur mit der Note 1,5 an einer Regelschule abgeschlossen. Mit Brille sehe ich auf dem einen Auge 5% und auf dem anderen 10% von dem eines Normalsehenden. Zudem bereitet mir das Sehen bei Nacht Probleme. Während der Vorbereitungen für das Abitur ist mir eine erneute deutliche Sehverschlechterung aufgefallen. Und so habe ich nach langer Überlegung einen Antrag auf einen Blindenlangstock und einem Mobilitätstraining gestellt. Zudem habe ich angefangen mich mit dem Thema Sehbehinderung und Blindheit erstmals ernsthaft auseinanderzusetzen. Bisher kannte ich keine anderen Menschen mit einer Sehbehinderung. Und ich hatte stets das Bestreben, in der Schule und im Alltag dieselben Leistungen wie meine normalsehenden Mitschüler zu erbringen. Mit Blocklupe, Monokular und Tablet war ich gut ausgestattet, weshalb eine Sonderpädagogin einer Blinden- und Sehbehindertenschule auch nur etwa einmal pro Jahr kam um den Nachteilsausgleich zu klären. Anstatt im Januar endlich mit dem Lernen fürs Abitur anzufangen, suchte ich im Internet nach Angeboten für einen Freiwilligendienst auf dem afrikanischen Kontinent. Wieso Afrika? Weil mich dieser Kontinent schon seit der Grundschule fasziniert hat. Ein Freiwilligendienst erschien mir als die beste Möglichkeit eine andere Kultur kennen zu lernen. Insbesondere da man in einer Gastfamilie lebt und nicht wie im Urlaub oder als Auslandsaufenthalt über die Arbeit, vom Lebensalltag und den Problemen der Menschen abgeschirmt ist. Aber ehrlich gesagt auch aus Angst, dass die Augen noch schlechter werden und es zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr so unproblematisch möglich sein könnte.
Meine Bewerbung schrieb ich für verschiedene Stellen in Ghana, erwähnte meine Sehbehinderung jedoch nur sehr vage in der Aussage, dass ich zu schlecht sehen würde, um einen Führerschein zu haben. Genauer nachgefragt wurde nicht mehr. Auch nicht, als für das Gesundheitszeugnis angegeben werden musste, dass bei mir der Verdacht auf Zapfen-Stäbchen-Dystrophie vorliegt.

Letztendlich kam die Zusage, verbunden mit der Frage, ob ich mir nicht auch vorstellen könne, in einem Bildungszentrum in Togo zu arbeiten. Da ich währenddessen in der Oberstufenbibliothek, die eine Freundin und ich zusammen aufgebaut und weitestgehend selbstständig geleitet haben, arbeitete, passte es sehr gut. Zumal ich mehrere Praktika in Büchereien gemacht hatte und die Bestätigungen, neben einem Nachweis über meine Kenntnisse in Französisch der Bewerbung beigefügt hatte.
Ich als einzige ausländische Freiwillige in Balanka. Das Dorf hat etwa 8000 Einwohner, verfügt über eine Krankenstation, sowie Schulen bis zur 10. Klasse und liegt im Norden Togos, an der Grenze zum Nachbarland Benin. Die Menschen leben neben ihren Berufen wie Lehrerin, Motoradtaxifahrer, Händlerin und Schneiderin vor allem von der Landwirtschaft. Balanka hat seit dem Jahr 2014 Strom und ist sehr aktiv um seine Weiterentwicklung bemüht. Dies wird durch einen Verein aus Deutschland unterstützt.
Ich arbeite zusammen mit einem hauptamtlichen Bibliothekar und einem togolesischen Freiwilligen in der Bibliothek, die durch den Verein «Bildung für Balanka» errichtet wurde. Die Bibliothek bietet den Verleih von Schulbüchern an. Die Schüler kommen zum Hausaufgaben machen und Lesen üben zu uns. Zudem werden beispielsweise Computerkurse, ein Theater- und Englischclub angeboten. Da die Bibliothek über Solarstrom verfügt, ist sie besonders bei Stromausfällen gut besucht.

Ich lebe in einer Gastfamilie in Balanka, wohne allerdings im Gästehaus der Leiterin des Vereins. Dies hat vor allem Platzgründe, da die Gastfamilie sehr groß ist. Den Großteil meiner Freizeit verbringe ich auf dem Hof der Familie, sodass ich meist nur zum Wäsche waschen oder putzen ins Gästehaus gehe. Ich habe zwei sehr liebevolle Gastmütter und insgesamt 14 Gastgeschwister, bei zweien handelt es sich allerdings auch schon um Enkelkinder. Mein Gastvater Batchene hat früher als Busfahrer gearbeitet und bewirtschaftet jetzt seine Felder. Seine Frau Mommy betreibt abends eine Cafeteria und verkauft morgens Wetau, fermentierten Maisbrei.
Mit meiner gleichalten Gastschwester Samsia gehe ich jeden Samstag joggen, mit den jüngeren Geschwistern spiele ich oft auf dem Hof.
Das Leben in Balanka ist für mich recht unkompliziert, die Wege sind kurz und weitestgehend eben. Es ist auch nicht allzu schlimm, jemand auf der Straße nicht zu erkennen. Ich grüße, wie hier üblich, jeden und der Smalltalk auf der Straße in Balanka ist, egal ob zwischen Bekannten oder Freunden, ziemlich identisch.
Einige Barrieren bestehen für mich hier in Togo nicht mehr. So gehe ich immer mit meinen Gastgeschwistern zum Markt. Wenn man etwas sucht, kann man fragen und ein Kind kann einen sicher zu dem gesuchten Ort oder Produkt führen. Auch die Wege sind hier deutlich kürzer und weniger verkehrsbelastet als von Deutschland gewohnt. Dies liegt aber primär daran, dass es sich um ein Dorf handelt. In einer Großstadt wie Lome oder Sokode kann ich kaum alleine eine Straße überqueren, ohne dass es lebensgefährlich ist, da der Verkehr, besonders aufgrund der vielen Motorräder für mich absolut nicht einschätzbar ist.

Für mich ist das Jahr in Togo schon nach den ersten vier Monaten eine wunderbare und unglaublich interessante Erfahrung. Ich habe Einblicke in das Leben vieler Menschen bekommen, neue Freunde gefunden und auch eine neue Sichtweise auf das Thema Entwicklungspolitik. Und wie mein Freund vor dem Abflug schon ankündigte, so habe ich auch meine Sehbehinderung noch mal auf eine neue Art kennen gelernt.

Danke Dir, liebe Jasmin, für den Einblick in Dein Leben in Togo und Deine Arbeit. Wenn Euch, liebe Leser, dieser Bericht gefallen hat, dann drückt doch einmal auf gefällt mir, oder hinterlasst ein paar Worte für Jasmin, die hier mitliest.

6 Antworten auf “Freiwilliges Jahr in Togo, eine Sehbehinderte erzählt”

  1. Liebe Jasmin, das ist wirklich beeindruckend! So couragiert war ich mit 18 nicht. Für mich hat es damals gerade zu einem Au Pair-Jahr in Frankreich gereicht…😉 Danke, dass ich und viele andere über Lydias Blog an deinen Erfahrungen teilhaben dürfen! Herzlichen Gruß, Sarah (auf meinem Blog „Sunnybee“)

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    1. Vielen Dank, aber auch ich wurde von so vielen anderen motiviert. Von Mr.Blindlife, Lydia, einem Mann vom Comde – Stand auf der SightCity, ect.

      Eigendlich sind zwischen dem Leben in Togo und in Deutschland keine großen Unterschiede. Oder jedenfalls für mich nicht mehr.
      Die selben Träume, eine große Herzlichkeit. Bloß dass es hier schwieriger für die meisten ist, ihre Träume, wie beispielsweise ein Studium zu verwirklichen.

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