Kategorien
Allgemein Zu Gast auf lydiaswelt

Als ich nach einem Therapieplatz in einer Tagesklinik suchte

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits die Beiträge Ich höre Eure Blicke nicht, Ehrenamt oder auch mal nicht und blind schminken für mich geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches gern totgeschwiegen oder bagatellisiert wird, nämlich die Suche nach einem Therapieplatz als blinde Frau.
Kliniken lehnten mich wegen meiner Blindheit ab

Triggerwarnung:
In diesem Beitrag geht es um schwere Depressionen und unterlassene Hilfe

Als ich nach einem Therapieplatz in einer Tagesklinik suchte, erhielt ich Aufgrund meiner Blindheit immer wieder Absagen. Dabei hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. „Oh, Sie sind blind!? Nein, dann können wir Sie nicht aufnehmen!“ Mit diesen Worten ließ man mich mehrfach ratlos am anderen Ende der Leitung zurück. Die Erklärungen waren immer ähnlich: Man habe nicht genug Personal, um mich als blinde Patientin zu betreuen. Ich könne viele therapeutische Angebote nicht wahrnehmen. Es gäbe zu viele Treppen in der Klinik. Durch Mobbing am Arbeitsplatz hatte sich bei mir eine schwere Depression entwickelt. Ich hatte psychische Erkrankungen zuvor nicht gekannt und versuchte lange, meinen Optimismus nicht zu verlieren. Ich konnte jedoch kaum noch Schlafen und Essen, fühlte mich wie in einer eisernen Klemme und in ständiger Todesangst. Auch wenn ich die Fassade so gut es ging für Außenstehende aufrechterhielt, für meine Lieben war ich nur noch ein Schatten meiner selbst.
Nach wiederholter Krankschreibung wurde ich vom Medizinischen Dienst (MDK) begutachtet. Man riet mir dringend, mir so schnell wie möglich einen Platz in einer Tagesklinik zu suchen. Ich war bereits zu krank für eine Psychotherapie, die nur einmal wöchentlich stattfinden würde und war auf tägliche psychologische Hilfe angewiesen. Auch wenn es zunächst ein Schock für mich war, dass es mich so schlimm erwischt hatte, flammte Hoffnung in mir auf. Vielleicht würde ich meinen Lebensmut zurückerlangen können und wieder gesund werden. Ich konnte nicht ahnen, dass ich im Hilfesystem dann auf so viele verschlossene Türen stoßen würde.
Ich begann verschiedene Einrichtungen abzutelefonieren und sah mich plötzlich mit massiven Berührungsängsten bezüglich meiner Blindheit konfrontiert. Immer wieder musste ich mich erklären, was meine Orientierung und Selbstständigkeit betraf. Als Sozialpädagogin hatte ich viele Jahre in einem helfenden Beruf gearbeitet. Nun war ich auf Hilfe angewiesen und bekam keine. Aufgrund einer unheilbaren Netzhauterkrankung bin ich schleichend erblindet. Ich komme damit im Alltag gut zurecht. Mein Problem war nicht die Blindheit, sondern meine Depression. Und mit jeder Absage wurde meine Verzweiflung größer.
Meine engen Vertrauten waren ratlos und hatten Angst, mich zu verlieren. Nach intensiver Suche begleitete mich mein Vater zu einem lang ersehnten Gespräch in eine teilstationäre Einrichtung, in der ich mich endlich als blinde Patientin vorstellen durfte. Ich ertastete die Umgebung, wir hatten ein gutes Gefühl. Doch einen Tag vor Therapiestart sagte man mir das lang ersehnte Bett wieder ab. Man habe nicht genug Kapazitäten für eine blinde Person im Haus. Meine Eltern konnten es nicht fassen. Sie waren für ein paar Tage verreist, da sie mich in sicheren Händen wähnten und auch etwas Kraft schöpfen wollten in der schweren Zeit. Obwohl ich innerlich längst am Strick hing, hieß es nun wieder warten, wieder auf ein Gespräch hoffen, wieder erklären, bitten, kämpfen.
Schließlich bekam ich dann doch noch den Platz, aber mir wurden viele Therapien verwehrt. Es gab spürbare Zerrissenheit in den Teams. Einige Therapeut*innen schickten mich konsequent weg, weil sie keine Ideen hatten, wie sie mich als blinde Patientin einbinden sollten. Einzelne waren wirklich kreativ und zeigten, dass es durchaus möglich war. Auch beim Pflegepersonal gab es einige offene Menschen, ein großer Teil war jedoch extrem befangen. Dabei bemühte ich mich trotz meiner schlimmen Situation, möglichst unkompliziert zu sein, um Vorurteile abzubauen. Das führte zur Überkompensation, denn wie alle anderen war ich krank und brauchte Hilfe. Manche vermieden es, mich zu führen oder mir etwas zu erklären, ich traute mich dann nicht zu fragen, weil ich nicht aufwändig sein wollte. Da ich so viele Therapien nicht mitmachen durfte, verbrachte ich viel Zeit auf meinem Zimmer und rutschte tiefer in die Depression. Nun war ich schon in diesem Auffangbecken und konnte kaum teilhaben. Tag für Tag wurde ich suizidaler, sprach aber nicht darüber. Ich hatte Angst, wegen meiner Blindheit wieder entlassen zu werden.
Das passierte dann auch, aber aus anderen Gründen. Leider gab es auf unserer Station einen Viruseinbruch. Das war vor Corona, hat aber für mich ähnlich weitreichende Folgen, wie für viele Betroffene heute Post Covid. Alle Patient*innen, die es erwischt hatte, wurden entlassen, um die anderen nicht anzustecken. Mich hatte es besonders schlimm getroffen, da ich als blinde Person viel mit den Fingerspitzen erfassen musste und daher intensiv mit den Infektionsquellen konfrontiert war. Meine Mitpatient*innen waren erschüttert, in welchem Zustand mich mein Partner aus der Klinik schleppte. Man hatte ihn angewiesen, zuhause keinen Notarzt zu rufen, da ich ja offiziell noch im Krankenhaus war. Aus heutiger Sicht ein Skandal! Aber auch meine Angehörigen hatten Angst etwas falsch zu machen und wollten den Klinikplatz nicht riskieren. Ich kollabierte mehrfach, zog mir schlecht heilende Schürfwunden zu, meine hoch angesetzten neurologischen Medikamente, auf die ich angewiesen war, blieben nicht im Körper, ich hatte heftige Entzugssymptome und keinen Tropf. Zu der schweren Depression gesellte sich nun noch ein komplizierter Virusverlauf.
Ich, die ewige Kämpferin, war nun wirklich am Ende angekommen. Ich war so verzweifelt, dass ich auf eine psychiatrische Intensivstation gebracht werden musste. Dort wurde ich mehrere Monate gut betreut. Allerdings waren die Torturen mit dem Viruseinbruch auch körperlich nicht ohne Folgen geblieben. Ich leide noch heute unter Fibromyalgie mit Fatigue, das ist eine schwere Schmerzerkrankung, die mit starker Erschöpfung einhergeht. Außerdem stellte sich ein heftiger Tinnitus ein, so dass ich im Anschluss einen Platz in einem Tinnituszentrum suchte. Erneut stieß ich auf Ablehnungen in mehreren Spezialeinrichtungen bei insgesamt fünf Trägern. Wieder sagte man mir, für Blinde sei das Zentrum nicht ausgestattet. Zum Glück fand ich irgendwann doch eine Verhaltenstherapeutin, die sich auf Tinnitus spezialisiert hatte und sich von meiner Blindheit nicht abschrecken ließ. Das zu erleben hat mir wieder Mut gemacht!
Seit einigen Jahren setze ich michals Inklusionsbotschafterin dafür ein, dass psychische Erkrankungen bei Menschen mit Behinderung nicht zu einer doppelten Ausgrenzung führen. Und ich möchte noch einen Schritt früher ansetzen und Mobbing gegenüber Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz sichtbar machen, welches oft Auslöser für Depressionen ist. Ich durfte inzwischen auch immer wieder inklusionsbereite Therapeut*innen kennenlernen. Leider werden Behinderte Menschen aber noch immer regelmäßig von Rehakliniken ganz verschiedener medizinischer Fachrichtungen abgelehnt, nicht nur in der Neurologie und Psychiatrie. Im Corona-Kontext haben viele Menschen mit Behinderung darum gekämpft, nicht im Rahmen einer Triage aussortiert zu werden. Aussortierung findet aus meiner Sicht bereits statt, wenn wir keinen Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen. Mir ist das bereits passiert, als das Wort Triage noch niemand von uns kannte. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig traumatisiert. Ich möchte über diese Missstände aufklären, damit anderen Menschen mit Behinderungen zukünftig hoffentlich solche schlimmen Erfahrungen erspart bleiben.

Ich danke Dir, liebe Jenny, dass Du Deine Erfahrungen mit uns geteilt hast. Und ich lade Euch, liebe Leser, dazu ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Kategorien
Allgemein Bildung Zu Gast auf lydiaswelt

Blind an einer Regelschule – eine Schülerin erzählt

Heute freue ich mich ganz besonders darüber eine junge Gastautorin zu haben. Melis, die schon mal den Beitrag „malen mit Braille“ bei mir geschrieben hat, ist blinde Schülerin an einer Regelschule.

Meine Erfahrungen, als Vollblinde auf einer Regelschule
Mein Name ist Melis und ich bin 14 Jahre alt. Ich bin vollblind, außer hell und dunkel und Umrissen erkenne ich nichts.
Mein größtes Hobby ist das Lesen und Hören von Hörbüchern und Hörspielen. Außerdem schreibe ich sehr gerne eigene Texte.
In diesem Beitrag möchte ich erzählen, wie ich, als vollblinde Person, an einer Regelschule lerne und auch einige Tips geben, die es euch einfacher machen, falls ihr auf eine Regelschule wollt.
Bevor ich anfange zu erzählen, möchte ich zum besseren Verständnis kurz etwas zu meinen Hilfsmitteln sagen, die ich nutze.
Im Unterricht nutze ich einen Laptop mit Screenreader und eine Braillezeile. Außerdem besitze ich einen Blindenstock.
Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!

Laut, chaotisch, riesige Klassen, so war meine Vorstellung einer Regelschule. Diese Vorstellung machte mir Angst, sodass ich lange auf eine Blindenschule gegangen bin.
Seit fast einem Schuljahr besuche ich nun eine Regelschule und das kann ich vorwegnehmen, so schlimm ist es definitiv nicht.

Inklusion wird hier großgeschrieben
Diese Schule hat eine Besonderheit. Sie hat den Schwerpunkt Inklusion. Ungefähr 40 Schüler mit Beeinträchtigung besuchen das Gymnasium. Hauptsächlich gehören dazu Hörgeschädigte und Gehbehinderte.
Die Schule verfügt über den KBI (Kompetenzbereich Inklusion). Dort schreibe ich meine Arbeiten, bei denen ich auch Zeitverlängerung kriege. Aber dazu später mehr.

Meine Klasse
In meiner Klasse sind mit mir 23 Schüler. In der Klasse fühle ich mich wohl. Die anderen behandeln mich ganz normal und nicht als wäre ich besonders. Gerade von meinen Freundinnen bekomme ich viel Hilfe, aber auch dazu später mehr.
Der Klassenraum liegt im 3. Stock, indem keine anderen Klassen liegen, sondern nur Fachräume. Das wurde speziell für mich so ausgesucht. Das ist auch sehr gut, da es nicht laut und hektisch auf dem Flur zugeht. Die Wand der Klasse ist schallgedämpft, so ist die Akustik in der Klasse sehr gut. Eigentlich ist dies für Hörgeschädigte Schüler gedacht. Da ich mich allein auf mein Gehör konzentrieren muss, hilft es mir aber auch sehr.

Meine I-Helferin
Unterstützung erhalte ich von meiner I-Helferin (Integrationshelferin). Sie hat keine spezielle Ausbildung und deswegen auch keine Erfahrung mit Sehbehinderten. Das versucht sie, aber sehr engagiert aufzuarbeiten und wird immer besser. Sie diktiert mir von der Tafel, hilft mir von Raum zu Raum, erklärt mir spezielle Abbildungen, Landkarten etc. und überträgt Arbeitsblätter. Aber, welch Überraschung zur letzterem später mehr.
Ganz wichtig ist mir zu sagen, dass sie nicht an mir klebt. In der Pause lässt sie mich mit meinen Freundinnen in Ruhe (Ist ja auch ihre Pause). Wir sind inzwischen ein Gutes Team geworden und sprechen uns ab wann ich, wo Hilfe brauche. Außerdem kriege ich nicht nur von ihr Hilfe. Auch meine Freundinnen nehmen mich oft in die Pausen oder andere Räume mit.
Am Anfang einer Unterrichtsstunde spricht sie mit dem Lehrer ab, ob sie, für die eben genannten Dinge, gebraucht wird. Falls ja, setzt sie sich nach hinten und kommt dann zu mir, wenn die Hilfe benötigt wird. Falls nicht, geht sie und bereitet Sachen für mich vor.

Meine Förderlehrerin
Außerdem werde ich von einer Förderlehrerin aus der Blindenschule unterstützt. Sie kommt im Gegensatz zu meiner I-Kraft nur 12 Stunden in der Woche und hilft mir in den Fächern, in denen ich mehr Unterstützung brauche, wie beispielsweise Mathe, Physik und Geschichte. Gerade in diesen Fächern wird viel mit Bildmaterial gearbeitet. Das bereitet sie speziell auf und erarbeitet es mit mir. Auch wenn ich Fragen zu meinem Laptop oder der Braillezeile habe, wende ich mich an sie. Auch ist sie fürs Übertragen zuständig.

Schulbücher und Arbeitsblätter
Wie oben bereits erwähnt, benutze ich einen Laptop mit Screenreader und Braillezeile. Darauf kann ich Lesen und Schreiben. Deswegen habe ich die Schulbücher als Worddokumente auf meinem Laptop.
Die Arbeitsblätter müssen speziell übertragen werden, damit ich sie lesen kann. Viele Lehrer haben sich darein gefuchst und machen das selbst. Diejenigen, die es sich nicht zutrauen, scannen die Arbeitsblätter ein und schicken diese an meine Förderlehrerin, die sie dann überträgt.

Bilder, Landkarten, Experimente
Gerade in Fächern wie Mathe, Geschichte und Physik wird viel mit Bildern und Landkarten gearbeitet. Wenn wir mit einem Bild oder Experiment nicht lange arbeiten, kriege ich es von meinen Mitschülern beschrieben. Ist das Bild so nicht gut erfassbar, wird es für mich taktil aufbereitet. Entweder auf einem speziellen Schwellpapier gezeichnet, dann kann ich es fühlen oder es wird aus verschiedenen Materialien gebastelt.
Zu vielen Sachen gibt es auch Modelle, wie zum menschlichen Körper oder Tieren.
Landkarten gibt es auch in taktiler Form.

Sportunterricht
Der Sportunterricht ist tatsächlich sehr schwer für mich mitzumachen, da viele Ballspiele gespielt werden und es viel auf Schnelligkeit, Reaktionsfähigkeit und Perfektion ankommt. Damit ich besser mitmachen kann, werde ich von einer Physiotherapeutin unterstützt. Sie überlegt sich dann zusammen mit meinem Sportlehrer, wie ich die Übungen auch mitmachen kann und hilft mir dann bei der Umsetzung. Oftmals kann ich allerdings trotzdem nicht mitmachen. In diesen Stunden erarbeite ich dann mit meiner Förderlehrerin Sachen, für die ich als Sehbehinderte mehr Zeit brauche. Dazu gehören Landkarten, Abbildungen etc.

Kunstunterricht
Auch der Kunstunterricht ist nicht einfach mitzuarbeiten, da hauptsächlich gezeichnet wird. Das Zeichnen erledige ich mit einem Zeichenbrett, auf das eine Folie gespannt wird und dann mit einem Kugelschreiber drübergefahren, so entstehen fühlbare Linien. Natürlich kann ich damit nicht genau so gut zeichnen, wie meine sehenden Klassenkameraden. Mir fehlt die Vorstellung von vielem und auch auf kleine Details kann ich schwer achten. Deswegen arbeite ich auch viel mit Knete oder bastele etwas.
Meiner Kunstlehrerin ist klar, dass ein gezeichneter oder gekneteter Löwe von einem Blinden nicht genau so aussehen kann, wie er wirklich aussieht. Schließlich kann ich einen Löwen nicht einfach anfassen.

Der Nachteilsausgleich
Trotz all dieser Hilfsmittel und der Unterstützung, habe ich natürlich einen Nachteil meinen anderen Mitschülern gegenüber. Deswegen habe ich den sogenannten Nachteilsausgleich.
Der besteht im einen aus Zeitverlängerung, die ich bei Arbeiten und Tests bekomme. Ist das Gerecht, fragen mich viele? Und ich antworte dann immer, auf jeden Fall.
Mit der Braillezeile brauche ich einfach länger zum Lesen, da ich immer nur eine Zeile auf einmal lesen kann und immer hoch und runter schallten muss. Das kostet einfach unfassbar viel Zeit.
Der zweite Teil des Nachteilsausgleiches bekomme ich in Sport und Kunst. Ich habe bereits erzählt, dass ich dort mehr Schwierigkeiten habe. Damit mir dies nicht zum Verhängnis wird, wird hier meine Note entsprechend angepasst.
Diese Arbeiten schreibe ich dann im KBI. Dort habe ich mehr Ruhe und meine I-Helferin kann mir auch längere Texte vorlesen.

Mein Fazit zur Regelschule
Alles in allem komme ich gut im Unterricht klar. Natürlich habe ich den Vorteil, dass sich meine Schule mit Inklusion gut auskennt und die Lehrer deswegen offen sind.
Natürlich gibt es oft auch Schwierigkeiten. Nicht immer habe ich das Material vorliegen und wir müssen improvisieren. Das kann teilweise sehr anstrengend sein. Trotzdem fühle ich mich sehr wohl.

Tipps für Sehbehinderte Schüler, die auf eine Regelschule möchten
Falls ihr gerade die Überlegung habt, auf eine Regelschule zu gehen, habe ich hier zwei nützliche Tipps, die euch den Anfang erleichtern.
1. Meldet euch früh genug an
Damit der Start reibungslos funktioniert, ist super wichtig, dass ihr euch früh genug anmeldet. Dann können eine I-Helferin, Förderlehrerin, Schulbücher und vieles mehr früh genug organisiert werden.
2. Habt Geduld mit allem
Seit geduldig mit euren Lehrern und Mitschülern. Sie kennen sich wahrscheinlich mit deiner Sehbehinderung nicht aus und werden viel fragen. Versuch dann nicht genervt zu reagieren. Natürlich ist es nicht angenehm immer ausgefragt zu werden, aber viele Menschen haben einfach keine Ahnung von unserer Behinderung und sind deswegen neugierig. Das ist ja jeder Sehbehinderte zu genüge gewohnt. Außerdem legt sich das ziemlich schnell und alle haben fast vergessen, dass du sehbehindert bist.
Auch wenn es im einen oder anderen Fach wegen deiner Sehbehinderung nicht direkt super funktioniert, stress dich nicht, auch das legt sich. Es muss sich halt alles einspielen.
Und vergiss nie, es ist nur Schule, also mach dir selber keinen Druck!!!

So dass war’s mit meinem Beitrag. Ich hoffe er hat euch gefallen und ich konnte euch ein bisschen in meinen Schulalltag mitnehmen.

Vielen Dank Melis, dass Du Deine Erfahrungen mit uns teilst.

Ich lade Euch zu einem Meinungsaustausch in den Kommentaren ein.

Kategorien
Allgemein Bildung

Ein Marktstand zu Gunsten der Arab Episcopal School Jordanien

Schon immer mochte ich Flohmärkte und kleine Weihnachtsmärkte. Ich liebe die Atmosphäre, die Geräusche und Gerüche. Und wenn ich dann noch von lieben Menschen begleitet werde, dann ist gute Laune garantiert.

In diesem Jahr hatte ich die Idee selbst einen Stand auf dem Neu-Isenburger Weihnachtsmarkt zu betreiben. Der Erlös sollte der Arab Episkopal School, einer inklusiven Schule für blinde und sehende Kinder in Jordanien zugutekommen, nachdem Stand- und Materialkosten abgezogen wurden.
Ich habe dafür Monate lang gestrickt, getöpfert und gebastelt. Anschließend habe ich mich bei der zuständigen Stelle um eine Hütte auf dem Weihnachtsmarkt beworben. Auf eben diesem Adventsmarkt werden die meisten Stände von Vereinen und lokalen Organisationen betrieben. Damit passte ich also optimal rein.

Samstagmittag ging es los mit dem Aufbau. Da ich so eine Hütte noch nie von innen gesehen hatte, und nur aus der Beschreibung kannte, wusste ich nicht wirklich was mich da erwartete. Nachdem meine Tochter gemeinsam mit einem Kumpel die Beleuchtung und Deko angebracht hatte, zeigte sie mir und meiner ebenfalls blinden Freundin, die uns an dem Tag unterstützte, wo was zu finden war. Das ist wichtig, da blinde Menschen nicht mit einem Blick erfassen können, wo welche Gegenstände platziert sind.
Grundsätzlich ist es möglich einen Stand blind zu betreiben. Wenn mich jemand anspricht, kann ich antworten. Schwierig wird es bei den Kunden, die nur schauen und darauf warten angesprochen zu werden. Bei der Geräuschkulisse habe ich keine Chance diese Personen wahrzunehmen. Und dann gibt es noch die Menschen, die sich nicht trauen einen blinden Menschen anzusprechen. Diese Erfahrung durfte ich auch machen. Mit meiner Tochter, die mit mir am Stand war, bekam ich mit, wie sie die Menschen, die etwas still waren, ansprach, weil sie diese sehen konnte.
Eigentlich war geplant, dass ich am Sonntag alleine am Stand sein würde. Doch dann beschloss meine Tochter mich auch an diesem Tag zu unterstützen.
Es kamen ca. 180 € für die Schule zusammen, die ich an deren Förderverein überweise.
Für diejenigen, die uns mit einer kleinen Spende im Wert einer Tasse Kaffee oder einer Tafel Schokolade unterstützen mögen, habe ich diesen Money Pool über PayPal eingerichtet. Dieses Geld werde ich nach dem Mitte Januar 2023 auf das Konto der Schule überweisen. Für diejenigen, denen ein größerer Betrag vorschwebt, für den eine Spendenquittung gewünscht wird, gibt es den Förderverein Inklusionsschule IRBID FII e.V.

Von Euch wünsche ich mir, dass Ihr dabei helft diesen Beitrag möglichst großflächig zu verteilen, damit ein möglichst großer Betrag zusammen kommt.

Danke dafür sagt jetzt schon Eure Lydia

Menschen stehen vor einem Schuleingang mit der Aufschrift welcome in unterschiedlichen Sprachen. Daneben ist weihnachtlich dekoriert.
Lydiaswelt
Kategorien
Allgemein Bildung unterwegs Zu Gast auf lydiaswelt

Blindenstöcke für Togo 3 Jahre später

Spendenprojekt für das Blindenzentrum in Kpalimé (Togo)

Rund drei Jahre nach ihrer Rückkehr von einem einjährigen Freiwilligendienst in dem westafrikanischen Land Togo ging es für Jasmin erneut dorthin. Diesmal in Begleitung ihres Mannes Erdin (aka. Mr. Blindlife) und einem Koffer voller Blindenlangstöcke und Lupen.
Jasmin ist sehbeeinträchtigt und sieht mit Brille auf dem besseren Auge mit Brille noch 8%. Während ihres Freiwilligendienstes interessierte sie sich daher auch dafür, wie blinde und sehbeeinträchtigte Menschen in Togo leben und so besuchte sie neben dem „Centre des Aveugles de Kpalimé“ auch eine weiterführende Schule, an denen einige blinde und sehbeeinträchtigte Schüler inklusiv unterrichtet wurden und deren Wohnung, in der die Schüler als Wohngemeinschaft zusammenlebten. Bereits bei der ersten Begegnung mit Ayala, einem der Schüler, fiel Jasmin auf, dass dessen Langstock verbogen war, die einzelnen Elemente nur noch von einem losen Gummiband zusammengehalten wurden und die Spitze komplett fehlte. Auch bei den anderen Schülern war es nicht besser, sodass sie stets von den besser sehenden Mitbewohnern geführt wurden. Auf Nachfrage bei dem Blindenzentrum erfuhr Jasmin, dass es in der Region keine Langstöcke in entsprechender Qualität zu kaufen gäbe.
Daraufhin organisierten Lydia und Jasmin das erste Spendenprojekt, in dessen Rahmen 38 Langstöcke samt Ersatzteilen an die ehemaligen Schüler:innen des Zentrums übergeben werden konnten.
Vor ihrer Reise im Herbst 2022 fragte Jasmin bei dem amerikanischen Ehepaar, welches das Zentrum noch immer leitete an, ob es immer noch Bedarf an Langstöcken, Lupen o.ä. ähnlichen habe. Das Ehepaar erwiderte, dass Langstöcke, Lupen und auch ein neuer Brailledrucker dringend benötigt würden.
Erdin und Jasmin starteten daraufhin erneut ein Spendenprojekt und erhielten von ihrer Community insgesamt 1530,77€ an Spenden. Die, nach dem Abzug der Gebühr von Paypal, verbliebenen 1467,17€ wurden in Lupen, sowie Langstöcke investiert, da ein transportierbarer Brailledrucker das Budget deutlich überstiegen hätte.
Für 15 Lupen von Eschenbach in verschiedenen Stärken wurden 572,46 € ausgegeben, die verbleibenden 894,71€ wurden genutzt um 33 Langstöcke für einen Preis von insgesamt 896 € zu kaufen.
Hinzu kamen sechs Langstöcke und eine Lupe von der Community und und als Sachspenden.
Am 17. September ging unser Flug nach Togo. Für Jasmin eine lang ersehnte Rückkehr, für Erdin die erste Reise auf den afrikanischen Kontinent. Nach einem Tag der Eingewöhnung und Orientierung in Kpalimé, einer Großstadt im Süden Togos, ging es dann vollbeladen auf einem Motorrad-Taxi zum Blindenzentrum. Es waren noch Schulferien, sodass lediglich die Lehrer:innen, welche sich auf den Unterricht vorbereiteten, anwesend waren. Die 16 Lupen und 39 Langstöcke wurden von ihnen entgegengenommen und mit einzeln Lehrer:innen noch einmal der Umgang mit einer Kugelspitze, sowie dessen Auswechseln geübt, damit diese es den Schüler:innen entsprechend beibringen können. Auch einzelne Lupen wurden ausgepackt und getestet, sodass sie abschätzen konnten, welche Lupe von welchen Schüler:innen wahrscheinlich am besten nutzen wird.
Erdin drehte zudem ein Video für seinen YouTube-Kanal, um mit dem Einverständnis aller Anwesenden seiner Community zu zeigen, dass die Spenden tatsächlich angekommen sind.
Bei einer Führung über die gepflegten Anlagen wurde uns auch ein Klassenraum gezeigt, in dem lauter taktile Modelle mit Braille- und Schwarzschriftbeschriftung zu finden waren. Diese hatte ein Lehrer selbst gebaut um seinen Unterricht für die Schüler:innen „begreifbarer“ zu gestalten.

Vielen herzlichen Dank an alle, die unser Spendenprojekt unterstützt und uns bei dieser Reise begleitet haben. Und einen riesigen Dank an Lydia für die unglaubliche Unterstützung bei der ersten Spendenaktion. Diese könnt Ihr unter Blindenstöcke für Togo nachlesen.

Kategorien
Allgemein Zu Gast auf lydiaswelt

Suche nach einer barrierearmen Lampe

Nina Schweppe lernte ich während eines Telefonvortrags bei der Blindenselbsthilfe kennen. Heute ist sie meine Gastautorin.

Nina Schweppe ist zertifizierte Ernährungs- und Schlafberaterin. Mit ihrem eigenen Business unterstützt sie Menschen dabei, im Einklang mit ihren persönlichen biologischen Rhythmen einen gesundheitsfördernden Lebensstil zu pflegen und dadurch einen guten erholsamen Schlaf und eine schier unerschöpfliche Energie zu haben, um mit Leichtigkeit und Freude den Alltag zu bewältigen.
In Einzelcoachings, Kursen und Vorträgen vermittelt Sie das nötige Wissen und zeigt an praktischen Beispielen auf, wie sich das Gelernte leicht in den Alltag einbinden lässt.
Weiter setzt sie sich dafür ein, dass digitale Gesundheitsanwendungen und Medizingeräte barriereärmer und somit zugänglicher für Menschen mit Behinderungen werden.

Nicht einmal Licht bekommt man barrierefrei ☹️😒😞

„Oh, ich kann Sie plötzlich nicht mehr richtig sehen!“ bemerkte ein Geschäftspartner in einer Videokonferenz.

Ok!

Also erst einmal mit dem Computerfachmann die Lage checken. Am Laptop ist alles ok und alle Energiesparpläne sind deaktiviert. Daran kann es nicht liegen.

Also eine Ringleuchte!

Der Besuch im hiesigen Elektromarkt glich einer Schnitzeljagd.

Was brauche ich, wenn ich als blinde Geschäftsfrau Licht für meinen Arbeitsplatz brauche?

Ich brauche zuverlässig ausreichend Licht. – Ohne Dimmer, ohne Farbveränderung, ohne Intelligenz. Einfach nur Licht an oder aus.

Warum?

Weil mir die Sichtkontrolle fehlt. Ich muss mich auf die Lampe verlassen können, dass sie einfach tut, was eine Lampe tut. Nicht kaffeekochen oder telefonieren, sondern einfach nur meinen Arbeitsplatz beleuchten.

Verrückt!

Die Lampen haben alle ein Touchdisplay. So können alle einfach durch das Antippen … nur ich nicht. Denn weil ich die Tasten nicht sehen kann, kann ich auch nicht tippen, um das Licht einzuschalten.

„Was sie suchen gibt es nicht.“, sagte der Verkäufer, und wollte mich in den nächstgelegenen Baumarkt schicken. Dieser aber liegt im Industriegebiet und ist für mich als Blinde, ich kann weder Auto noch Rad fahren, nicht erreichbar.

Muss ich als blinde Geschäftsfrau mich wirklich mit einer schrammeligen Lampe aus dem Baumarkt zufrieden geben in meinem professionell ausgestatteten Büro?

Nein! muss ich nicht. Mein netter Verkäufer wurde kreativ und fand eine einfache Schreibtischleuchte. Diese kann nichts, ist dafür aber teurer als die preisgünstigsten Ringleuchten.

Warum poste ich dieses Erlebnis?

Nicht, weil ich bemitleidet werden möchte. Auch nicht, weil die Welt ja ohnehin schon so schrecklich ist, dass ich noch etwas Nerviges dazu beitragen muss.
Ich poste dies, weil ich Sie, liebe Anbieter da draußen darauf aufmerksam machen möchte, dass es immer wieder Verbraucher geben wird, die aus verschiedensten Gründen einfache Geräte mit mechanisch, haptisch erfahrbaren Schaltern benötigen.
Meine Schreibtischlampe ist nur ein Beispiel.

Viel schlimmer ist für mich, dass ich meinen blinden Kunden, die dringend auf Lichttherapielampen angewiesen sind, auch bald vermutlich nichts mehr empfehlen kann, weil genau diese Entwicklung sich auch dort vollzieht.
Wir brauchen Produkte, die uns ermöglichen, einfach therapeutisches Licht zu haben, oder es einfach auszuschalten.

Bitte haben Sie alle immer im Hinterkopf, dass es immer mal Menschen gibt, die bestimmte Dinge nicht können.

Ich hätte nie gedacht, dass ich bzgl. einer simplen Leuchte um Barrierefreiheit und Teilhabe würde bitten müssen.

Was denken Sie, ist es nicht manchmal auch für Menschen ohne eine #Barrierefreiheit #einfach Licht #Zugänglichkeit #leichte Bedienung #mechanische Schalter #Inklusion Behinderung einfacher, ein Produkt ohne Schnick und Schnack zur Verfügung zu haben?

Vielen Dank an Nina für ihren Erfahrungsbericht. Wer sie näher kennenlernen möchte, dem lege ich ihre Homepage ans Herz.