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Sight-City – weltgrößte Messe rund um Blindheit und Sehbehinderung

Während blinde Menschen vor einem halben Jahrhundert als permanent hilflos waren, hat sich die Einstellung unserem Personenkreis gegenüber soweit gewandelt, dass auch ein selbstbestimmtes Leben möglich ist. Je nach Behinderung, Wesen oder Mobilität braucht die eine oder andere Hilfestellung in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Theoretische Inhalte darüber gibt es im Netz der Netze in Hülle und Fülle. Ich möchte mal auf die Perspektive einer blinden Person eingehen. Ab und zu brauche ich Hilfe beim Putzen, da ich dafür die mehrfache Zeit brauche, die ein Sehender braucht. Auch handschriftlich verfasste Mitteilungen an mich gehen nur mit Hilfe einer sehenden Assistenz.
Dennoch gibt es eine Menge Hilfsmittel, die mir meinen Alltag erleichtern. Da wäre meine Waage, die mit einer Sprachausgabe versehen ist, so dass auch ich mein Mehl oder Zucker Gramm genau abwiegen kann. Da ist mein sprechendes Farberkennungsgerät, mit welchem ich feststellen kann, ob ich jetzt den blauen, oder den roten Pullover in Händen halte. Und da ist die Software, die gerade jetzt dafür sorgt, dass ich jeden Buchstaben, oder jedes Wort, das ich gerade in den Computer eingebe, vorgelesen bekomme.
Doch nicht nur die Hersteller von Blindenhilfsmitteln haben blinde Personen als Zielgruppe entdeckt. Auch andere Branchen leben inzwischen davon. Da sind die Anbieter für Reisen, die speziell für blinde und sehbehinderte Personen konzipiert sind. Da sind Firmen, die sich auf Schulungen spezialisiert haben. Und da sind Vereine und Selbsthilfegruppen, die ihre Arbeit vorstellen.
Doch sind nicht nur blinde und sehbehinderte Personen als Zielgruppe interessant, sondern auch Angehörige und Freunde von Betroffenen. Und natürlich auch potentielle Kostenträger für Bildungsmaßnahmen. Daher bieten größere Hilfsmittelmessen ein entsprechendes Rahmenprogramm mit Vorträgen oder Podiumsdiskussionen zu unterschiedlichen Themen an.

Ein Highlight ist die jährlich in Frankfurt am Main stattfindende SightCity, Europas größte Hilfsmittelmesse für Blinde und Sehbehinderte. Drei Tage lang präsentieren Aussteller aus aller Welt ihre Neuheiten und Angebote. Daher ist diese Messe für jeden interessant, der sich umfassend informieren möchte. Entsprechend viele blinde und sehbehinderte Besucher nehmen dieses Angebot wahr.
Ein Hilfsmittel ist ein Gegenstand, der einen im Alltag begleitet. Daher ist es wichtig dieses vor dem Kauf in der Hand gehalten und die Bedienung ausprobiert zu haben. Erst recht, wenn es sich um ein kostspieliges Hilfsmittel handelt. Für blinde und sehbehinderte Kunden ist das noch wichtiger, da sie oft die Abbildungen der Hilfsmittel im Onlinehandel oder Hilfsmittelkatalog nicht sehen können.
Ein gutes Beispiel ist mein Blindenlangstock, der mich auf meinen Wegen durch den Alltag begleitet. Ein Blindenstock ist nicht  nur ein Stock. Es gibt diesen in unterschiedlichen Varianten, und mit mancher Zusatzfunktion. Und da ich mich mit dem Blindenstock auf der Straße sicher bewegen möchte, und dabei will, dass sich dieses für mich gut anfühlt, suche ich mir den entsprechenden aus, indem ich damit ein paar Schritte laufe, sein Gewicht prüfe, mich frage, ob mir das Material des Griffs gefällt usw. Und dann gibt es auch unterschiedliche Stockspitzen, zwischen denen ich wählen kann. Es gibt sie in unterschiedlichen Formen, je nach Einsatzgebiet.
Daher bin ich ein Freund davon solche Messen oder Ausstellungen zu besuchen. Sie bieten mir die Möglichkeit mehrere Anbieter verschiedener Produkte kennenzulernen und direkt miteinander zu vergleichen. Ich kann das Hilfsmittel in die Hand nehmen, dem Aussteller jede Frage stellen, die mir wichtig erscheint. Und da viele Betroffene auf solchen Messen unterwegs sind, ist das für viele eine gute Gelegenheit sich zu treffen, Erfahrungen auszutauschen oder einfach mal einen Kaffee miteinander zu trinken.

Wer jetzt neugierig geworden ist, findet auf der Homepage der SightCity alle erforderlichen Informationen über Aussteller und Rahmenprogramm. Viel Spaß beim Stöbern. Und vielleicht treffe ich den ein oder anderen meiner Follower dort.

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Sehen für Blinde im digitalen Zeitalter

Auf dem Foto halte ich mein Smartphone in der Hand.
die Kamera ist in Richtung meiner Bluse gerichtet.

Ich bin mächtig aufgeregt. Heute habe ich einen Termin mit einer Redakteurin, die über meine Arbeit berichten wird. Das Outfit dafür habe ich gestern zusammen mit einer Freundin ausgesucht und griffbereit auf einen Bügel gehängt. Also alles palletti. Wenn nicht diese blöde Milchtüte umgefallen wäre. So was passiert nur heute, und nur weil ich mich bereits angezogen hatte. Was mache ich jetzt? Es ist keiner in meiner Nähe, den ich fragen kann ob die Kleidung sauber geblieben ist. Und viel Zeit bleibt mir nicht mehr.

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Blind am Computer, Teil 1

Auf dem Foto ist ein handelsübliches Notebook zu sehen. Das einzige Merkmal welches mein Gerät von anderen unterscheidet ist die Braillezeile unterhalb des Rechners. Das ist ein Ausgabegerät, welches mir den Text auf dem Bildschirm in Braille ausgibt. Eine Maus sucht man an meinem Arbeitsplatz vergebens. Auch das Touchpad, welches sich an meinem Notebook befindet, stört mich nur. Daher habe ich es einfach abgeschaltet. Ich bediene meinen Computer ausschließlich über die Tastatur. Eine Maus kommt nur dann kurzfristig zum Einsatz, wenn mal ein Nichtblinder an diesem Arbeitsplatz sitzt.
Damit das möglich ist, läuft eine Software im Hintergrund, die ständig nach Textelementen auf dem Bildschirm sucht und mir diese in Sprache umwandelt. Das nennt man Screen Reader. Die Sprache kann ich nach meinen Bedürfnissen anpassen, also Stimme, Geschwindigkeit, Betonung, und so weiter. Das ist so wie das Schriftbild auf dem Bildschirm, welches sich ein sehender Nutzer so einstellt, dass das Arbeiten angenehm ist.
Ich werde oft gefragt wie ich das mit dem Schreiben mache. Denn ich kann die Tasten schließlich nicht sehen. Eine der am häufigsten gestellten Fragen ist, ob es sich um eine spezielle Blindentastatur handelt. Nein, tut es nicht. Diese gibt es. Aber ich brauche sie nicht. Jede gelernte Schreibkraft schreibt blind. Denn ab einer bestimmten Schreibgeschwindigkeit kann das Auge den Fingerbewegungen nicht mehr folgen. Hinsehen würde also die Fehlerquote erhöhen. Zu meiner Schulzeit hatte ich ab dem 5. Schuljahr Maschinenschreiben als Pflichtfach. Und ab der 7. Klasse gehörte eine mechanische Schreibmaschine nebst einer Schreibmaschine für Braille zu meiner Grundausstattung für die Schule. Auf dieser Maschine mussten ab dem 9. Schuljahr sämtliche ‚Arbeiten‘ getippt werden. Die Ausnahmen bildeten die Naturwissenschaften. Der Grundgedanke war, dass blinde in der Lage sein mussten auch mit normal sehenden schriftlich zu kommunizieren, ohne dass diese die Brailleschrift beherrschten. Dementsprechend wurden auch Tippfehler in Arbeiten negativ gewertet. Spätestens jetzt strengte man sich in diesem Fach etwas mehr an. 😊
In der Schule gab es auch einen Raum, der mit elektrischen Schreibmaschinen ausgestattet war. Auch an diesen wurden wir unterrichtet. Ich kam damit lange nicht zurecht, da der Anschlag doch ein ganz anderer ist als auf der mechanischen Schreibmaschine. An einem PC habe ich zum ersten Mal geschrieben, nachdem ich mein Abitur bereits hatte. Das erste was ich tat war den Anschlag auf hart einzustellen. 6 Jahre auf der mechanischen Schreibmaschine hinterlassen schließlich ihre Spuren.
Eines der ersten Dinge, die ich zu schätzen gelernt habe war die Braillezeile, die das Korrekturlesen wesentlich erleichterte, und die Möglichkeit sich den getippten Text nochmal per Sprache ausgeben zu lassen. Durch die schnellere Sprechgeschwindigkeit kann ich mir auch während des Schreibens ansagen lassen was ich geschrieben habe und sofort korrigieren, wenn ich das für nötig halte.
Heute möchte ich meinen Computer auf keinen Fall mehr missen. Er verleiht mir eine Unabhängigkeit, die für mich sehr wichtig ist. Ich schreibe meinen Text, Brief oder was auch immer dann wenn ich es möchte, und nicht wenn jemand da ist, der das für mich tun könnte. Ein handelsüblicher Drucker sorgt dafür, dass ich eben diesen Brief ausdrucken kann. Geht es darum einen Briefumschlag zu adressieren, so habe ich einen kleinen Etikettendrucker. Die Adresse schreibe ich über den Computer, Drucke sie aus und kann den Briefumschlag direkt damit bekleben.
Ein weiterer Schritt in die Unabhängigkeit kam für mich 2003, als ich meine erste E-Mail-Adresse einrichtete. Jetzt konnte ich schriftliche Dinge direkt über den PC verschicken, ohne diese vorher umständlich ausdrucken, adressieren und wegbringen zu müssen. Eine wesentliche Erleichterung ist es für mich, wenn man mir Informationen per E-Mail schickt. Diese werden direkt von meinem Computer vorgelesen und können daher schneller bearbeitet werden.
Wie viele Menschen auf dieser Welt meide ich den Papierkrieg so gut es eben geht. Aber nur ein Teil meiner Phobie kann ich mit Faulheit begründen. Papier ist geduldig. Es hat auch damit zu tun, dass es für mich mit Zeitaufwand verbunden ist mir den Inhalt eines Schreibens zugänglich zu machen.
Während ein normalsehender Leser einfach mal den Brief aufmacht und draufschaut, muss ich technische Hilfsmittel einsetzen, um mir das entsprechende Schreiben zugänglich zu machen. Der ein oder Andere hat vielleicht schon mal davon gehört, dass es Vorlesesysteme für Blinde gibt. So etwas Ähnliches nutze ich auch. Das Blatt wird auf einen Scanner gelegt und fotografiert. Dieses Bild wird an den Computer übertragen und an eine OCR-Software geschickt. Dieses Programm macht aus dem Bild wieder Text, der vom Screen Reader vorgelesen werden kann. Je besser der Ausdruck des Briefes, desto weniger Fehler macht die Texterkennung. Und um mir einen Brief zugänglich zu machen, brauche ich ein Vielfaches an Zeit als ein normalsehender Briefempfänger.
Bei handschriftlichen Eintragungen funktioniert das leider nicht. Denn das lässt sich bisher noch nicht in vordefinierte Raster einordnen. Wenn meine Krankenversicherung schreibt, bekomme ich manchmal Formulare mit Feldern, die teilweise angekreuzt wurden. Ich bekomme von der Texterkennung die Namen der Formularfelder vorgelesen, jedoch nicht den Inhalt. Barrierefrei ist etwas anderes. Hier bin ich auf die Hilfe einer sehenden Vorlesekraft angewiesen.
Ein weiteres Beispiel aus meinem Alltag sind die schriftlichen Mitteilungen aus der Grundschule. Die Lehrkraft schreibt sie von Hand in das Heft, und die Eltern sollen diese abzeichnen. Das hat beides bei mir nicht funktioniert. Nach drei Jahren habe ich es aufgegeben die Lehrkraft um Mitteilungen per Mail oder telefonisch zu bitten. Zwei Mütter aus der Klasse meiner Tochter haben mich dann mit den relevanten Informationen per E-Mail versorgt. In der weiterführenden Schule hingegen gab es diese handschriftlichen Mitteilungen nicht mehr. Dafür hatte ich von einigen Lehrern den Luxus von Informationen per E-Mail. Und das bedeutet für mich Unabhängigkeit und damit auch mehr Lebensqualität.
Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich mit Computern, die man mitnehmen kann. Denn ich möchte nicht nur an meinem Schreibtisch arbeiten können, sondern gerade wo ich bin. Ich möchte die Wahl haben im Urlaub, im Zug oder auf einem Seminar meinen Computer zur Verfügung zu haben. Und so habe ich meinen Arbeitsplatz so konzipiert, dass ich die wesentlichen Komponenten, also Notebook und Braillezeile, transportbereit habe. Alles andere steckt in einer Dockingstation.