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Katze mit Migrationshintergrund

Zum ersten Mal hörte ich von Mignonne, als eine Freundin den folgenden Status über Facebook postete: „Ich wende mich heute mit einer dringenden Bitte an euch! Es geht um Mignonne, eine Straßenkatze aus Kreta.“
Sie gehört zu 30 Tieren, die meine Freundin Cornelia auf Kreta in Sitia an einem Sammelplatz füttert. Sie wurde von einem Auto angefahren, doppelter Beckenbruch. Er wurde von der Tierärztin behandelt, sie kann wieder laufen, aber sie muss noch springen lernen. Voraussichtlich wird das noch was, aber auf die Straße kann sie nicht mehr, denn ganz wie vorher wird es wohl nicht mehr.
Sie lebt im Moment bei Franzosen in Sitia, Ostkreta, die müssen aber für 1 Monat weg. Meine Freundin kann diese Katze nicht nach Hause nehmen, da dort ein dominanter Kater herrscht. Raus kann sie so auch nicht wegen ihrer eingeschränkten Sprungkraft und einfach nur einmal am Tag füttern bei den Franzosen ist für eine Katze doof. Meine Freundin hat so viele Baustellen im Tierschutz, sie ist fast 70 und kann für diese Katze keine Fürsorge mehr tragen.
Mignonne ist super Menschen bezogen, zahm, trotz Straßenkatze blieb sie einmal ganz ruhig, als sie ausversehen eingeschlossen war in einem Haus und ist auch jetzt in ihrer Indoor-Phase friedlich. Ein Haus mit eingezäuntem Garten, wo sie im geschützten Raum raus kann, aber auch notfalls als Wohnungskatze wäre Mignonne die allerliebste Begleiterin.
Wenn Mignonne kein neues zu Hause bekommt, müsste sie eingeschläfert werden. Denn man kann ein Tier nicht so in Freiheit lassen. Es würde sich nicht verteidigen oder gut flüchten können vor wilden Hunden und möglicherweise dann elendiglich verenden. Auf Dauer bei den Franzosen, die sich freiwillig an der Tierarztkostenrechnung beteiligt haben, kann sie auch nicht bleiben, da die öfters für länger in Frankreich sind.
Also, wer hat ein Herz für Mignonne? Sie würde auf Kosten des Tierschutzes nach Deutschland gebracht werden. Der neue Besitzer müsste sie nur aufnehmen. Im Anhang die Bilder und ein Video von Mignonne.
Wir hatten schon zwei Kater, die sich gut miteinander vertrugen. Und Platz war auch reichlich vorhanden. Spontan wie ich manchmal bin, rief ich meine Freundin an, um einige Fragen zu klären, bevor ich mit meiner Familie darüber sprach. Mignonne war noch nicht vermittelt worden, und es würde keine nennenswerten Folgekosten für die tierärztliche Behandlung geben.
Gespräche, Telefonate, und Absprachen. Am Ende stand fest, dass Mignonne Mitte August zu uns kommen würde. Wir wollten einfach ausprobieren wie sich unsere beiden Kater damit arrangieren würden. Wir vereinbarten, dass Mignonne Mitte August zu uns kommen würde, da wir vorher im Urlaub waren.
Am 15.08.2017 war es dann soweit. Unser Nachbar fuhr mich abends mit dem Auto zum Flughafen, da wir Mignonne eine Fahrt mit dem Bus nicht zumuten wollten. Hier fand die Übergabe durch einen Freund von Cornelia statt. Das Ganze geschah recht unspektakulär in einer kleinen Tragetasche.
Zu Hause angekommen, ließen wir die Tasche offenstehen und warteten erst mal ab. Mignonne kam tatsächlich raus, und erkundete erst mal den Flur, in welchem wir standen. Sie war zutraulich und ließ sich sogar streicheln. Dann ließen wir sie erst mal in Ruhe ankommen.
Während der nächsten Wochen verkroch Mignonne sich unter der Kellertreppe, und kam nur raus, wenn sie das Katzenklo aufsuchte, oder fraß. Wir hatten ihr ein Handtuch untergelegt, damit sie es weicher hatte.

Das Bild zeigt Mignonne unter der Kellertreppe. Sie wirkt ängstlich. Daneben stehen ein Katzennapf und einige andere Dinge, die sonst ihren Platz dort haben.
Es dauerte wohl an die zwei Wochen, bis sie sich raus traute. Mein Sohn war der Erste, dem sie in der Familie vertraute. Ich bekam sie gar nicht zu fassen.
Weitere zwei Wochen vergingen, bis wir feststellten, dass sie nachts ins Wohnzimmer ging, und es sich auf dem Sofa gemütlich machte. Aber sobald sich jemand von uns dort hinbewegte, verschwand sie wieder unter die Treppe. Erst nach und nach begann sie zu begreifen, dass ihr niemand etwas tat. Das hieß, dass sie im Wohnzimmer blieb, wenn auch jemand von uns da war. Manchmal strich sie einem auch schon mal um die Beine, und ließ sich anstandslos streicheln.
Der Platz unter der Kellertreppe ist inzwischen Geschichte. Sie hält sich inzwischen im ganzen Haus auf. Dank des Glöckchens kann ich sie hören und orten. Dieses habe ich an einem Halsband befestigt, in welchem auch Mignonne und meine Telefonnummer vermerkt sind. Das war mir wichtig, solange ich nicht sicher sein konnte, dass Mignonne uns nicht rausgeht und nicht zurückkommt.

Auf dem Bild sieht man Mignonne, die auf einem Bett liegt, und sich von mir streicheln lässt.
Heute, mehr als sechs Wochen nach ihrer Ankunft bei uns, bleibt sie auf dem Bett oder Sofa liegen, wenn sich jemand zu ihr setzt. Für mich heißt das, dass sie uns als ihre Mitbewohner akzeptiert hat, und uns vertraut. Und so langsam finden sich auch unsere beiden Kater damit ab. Platz zum Ausweichen gibt es reichlich, da die beiden Kater auch schon mal nach draußen gehen. Mignonne tut das auch hin und wieder. Allerdings zieht es sie recht schnell wieder ins Haus, wo sie sich sicherer fühlt.

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Allgemein Alltag blinde Eltern

Die Behinderung der Eltern ausnutzen

Es gibt eine Frage, die viele neue Bekanntschaften von mir beschäftigt, sobald sie wissen, dass nicht nur ich blind bin, sondern auch mein Mann eine Sehbehinderung hat. Die Leute mit großem Mundwerk stellen sie sofort, andere brauchen lange dafür. Aber in beiden Kategorien brodelt die Frage: „Nutzen die Kinder Eure Behinderung nicht auch schon mal aus“? 
Liebe Miteltern, Lehrer und Erzieher!

haben Eure Kinder noch nie eine Schwäche von Euch ausgenutzt, um etwas zu erreichen? 
Ich denke, dass jeder lösungsorientiert denkende Mensch sich überlegt wie er möglichst schnell an ein bestimmtes Ziel kommen kann. Und dabei werden selbstverständlich Schwachpunkte des Gegenübers einkalkuliert. Für den Versicherungsvertreter mag das der Vertragsabschluss für eine Haftpflichtversicherung sein, für ein Kind das Stückchen Schokolade, dass es stibitzen kann, ohne dass die Eltern es merken. 
Wenn ich mir das bewusst mache, kann ich die Frage mit einem klaren Nein beantworten. Denn wenn mein Kind eine weitere Scheibe der Lieblingswurst vom Tisch nimmt, oder die ungeliebte Käsescheibe wieder zurück auf den Teller legt, dann tut es das nicht mit dem Gedanken: „Die ist ja blind, mit der kann ich es machen“, sondern eher mit dem Gedanken „Ich mag Wurst lieber als Käse. Mal sehen ob Mama das merkt“. 
Lösungsorientierte Kinder suchen nach Möglichkeiten ein Ziel zu erreichen. Und sie sind lernfähig. Sie erkennen, dass Mama weniger sieht als Papa, dass man ihr einen Gegenstand in die Hand gibt, oder sie beschreibt, da Draufzeigen keinen Erfolg haben. 
Jedes Elternteil hat Stärken und Schwächen. Und da Kinder lernfähig sind, lernen sie diese einzuschätzen und ihr Handeln danach auszurichten.

Dafür galt, dass ich vieles, was die Kinder taten, nicht sehen konnte. Dafür habe ich vieles gehört. Ich weiß noch, als meine Tochter in der ersten Klasse ihrer Freundin erzählte, dass sie leise sprechen müssten, da ihre Mama sonst mithört. 
Aber auch ich bin lernfähig. Wenn ich nicht will, dass meine Kinder heimlich an Süßigkeiten gehen, dann habe ich sie auch nicht in großen Mengen zuhause. Oder ich bewahre sie für Kinder unerreichbar auf. Gleiches gilt für Putzmittel, Medikamente und andere Gefahren. 
Kommen wir mal zum Angstfaktor „Digitale Medien“. Wir hatten einen Fernseher. Und der stand im Wohnzimmer. Diesen habe ich nie verteufelt, sondern mir gemeinsam mit meinen Kindern Filme angesehen. Heimlich Fernsehen war sozusagen uninteressant. Und wenn man das reglementieren will, so bietet die Technik diverse Hilfsmittel an, die das ermöglichen. Gleiches gilt für den Computer, den meine Kinder hatten. Ein Smartphone hatten meine Kinder erst zu einem Zeitpunkt, als ich sie nicht mehr reglementieren wollte. Sie hatten inzwischen gelernt welche Seiten man besser nicht aufruft, und wie man mit persönlichen Daten umgehen sollte. 

Problematisch wurde es, als meine Kinder in die Schule kamen, und ich Arbeiten und andere Mitteilungen abzeichnen sollte. Ich habe es so gehalten, dass ich nichts unterschrieben habe, was ich nicht selbst lesen konnte. Kamen die entsprechenden Nachrichten nicht per E-Mail zu mir, so ließ ich sie mir von einer dritten Person vorlesen. Das war mir wichtig, um sämtliche Versuche meine Behinderung ausnutzen zu wollen, im Vorfeld zu vermeiden. Gleichzeitig habe ich meinen Kindern immer wieder gepredigt, dass schlechte Nachrichten kein Weltuntergang sind. Und sie sind nur halb so schlimm, wenn ich es vom Kind selbst erfahre. Es war ein langer Prozess, hat sich aber letztlich bezahlt gemacht. Heute kann ich darauf vertrauen, dass ich die Nachrichten aus erster Hand und ungefiltert bekomme. Dafür bin ich dankbar. Denn ich weiß, dass nicht alle Eltern dieses Glück haben, und nicht alle Kinder sich trauen schlechte Nachrichten mit nach Hause zu bringen, aus Angst vor strafen oder Liebesentzug. 
Kurz, ich bin in erster Linie Mutter. Ich habe zwei Kinder, mit allen Eigenschaften, die sie als Kinder mitbringen. Und ich habe ihnen vorgelebt, dass der Überbringer schlechter Nachrichten nicht gleich enthauptet wird. Und noch etwas: Ein Kind veräppelt mich nicht aufgrund meiner Behinderung, sondern aufgrund eines Ziels, welches es gerade jetzt erreichen will. Und es ist an mir als der erfahreneren Mutter das nicht zu persönlich zu nehmen. Ich will einfach glauben, dass meine Kinder mir zu keinem Zeitpunkt wirklich wehtun wollten. 

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Allgemein Alltag Bildung

Aus 1 mach 3 – ein Problem mit dem Screenreader Cobra

Was für viele PC-Nutzer ein Luxus ist, das ist für mich Lebensqualität und Hilfsmittel zugleich. Einen Computer nutze ich seit fast 30 Jahren. Er löste quasi die mechanische Schreibmaschine, die mich viele Jahre begleitet hatte, ab, und erlaubte es mir einen Text erstmals mit einer Sprachausgabe oder Braillezeile Korrektur zu lesen und abzuspeichern oder auszudrucken. Abspeichern, um mir diesen zu einem späteren Zeitpunkt noch mal anzuschauen oder daran zu arbeiten. Ausdrucken, um diesen mit einer normal sehenden Person zu teilen oder als Brief zu verschicken. Die Software, die dafür sorgt, dass ich den Text hören oder tasten kann, nennt man Screenreader. Im Laufe meiner PC-Zeit habe ich einige kennenlernen dürfen. In den letzten Jahren habe ich mit dem Screenreader Cobra gearbeitet. Dieser hat, außer der Darstellung per Sprache und Braille, noch eine integrierte Vergrößerung. Die ist für mich aufgrund meiner Blendempfindlichkeit wichtig. Damit stelle ich mir helle Schrift auf dunklem Hintergrund ein. So kann ich mich grob auf dem Bildschirm orientieren, ohne dass es für meine Augen anstrengend wird. Und sollte ich kurzzeitig keine Invertierung haben wollen, kann ich das auf Knopfdruck ausschalten. Diese Funktion habe ich mir auf eine Kurztaste gelegt. Das ergibt vor Allem dann Sinn, wenn ich mit einer normal sehenden Person am Rechner arbeite, und die herkömmliche Farbdarstellung brauche. Die anderen Screenreader, die ich bisher kennenlernen durfte, bringen diese Möglichkeit der Invertierung nicht mit. Man kann das zwar über Windows einstellen, kann die Invertierung meines Wissens jedoch nicht per Knopfdruck Aus- oder einschalten. Seit einigen Wochen gibt es ein Update des Screenreader Cobra. Normalerweise dienen Updates dazu ein Produkt zu verbessern. Hier würde ich sagen, dass das Wort Verschlimmbessern es eher trifft. Bei mir jedenfalls habe ich den Effekt, dass Buchstaben, Satzzeichen und Leerzeichen manchmal dreifach auf dem Bildschirm erscheinen. Aus dem Wort „Feuer“ kann somit schnell mal das Wort „Feeeuer“ oder auch mal „FFFeuuuer“ werden.

Die meisten Texte schreibe ich in Word. Ich habe meinen Screenreader so eingestellt, dass er mir das Geschriebene sofort akustisch wiedergibt. Damit kann ich Tippfehler sofort hören. Zum Korrekturlesen oder bei der Arbeit mit Zahlen oder Tabellen ist die Braillezeile mein bester Freund.
Kommen wir zurück zum dreifachen Tastenanschlag. Das Meiste höre ich, da sich die Wörter dann etwas verzogen anhören. Und einen anderen Teil findet die Rechtschreibprüfung, die Wörter wie „FFFeuuuer“ nicht kennt. Aber eben weil sie dieses Wort nicht kennt, kann es passieren, dass ich auch schon mal einen falschen Verbesserungsvorschlag bekomme. Kurz, es macht einfach keinen Spaß mehr Texte zu schreiben, in denen mehr Fehler als richtig geschriebene Wörter sind.
Anfangs glaubte ich an einen Fehler bei meinem Office 2013 und erkundigte mich nach einem kürzlich durchgeführten Update. Fehlanzeige. Als ich in der Mailingliste von Cobra nachfragte, meldeten sich einige andere User, die dasselbe Problem hatten. Eine Lösung gab es nicht, nur die Erkenntnis, dass das Problem bei dem Screenreader im Zusammenspiel mit Word liegt.
Und solange noch an einer Lösung gearbeitet wurde, brauchte ich erst mal Abhilfe. Denn ich schreibe mindestens so viel in Word wie ein normal sehender Mensch schreibt. Vielleicht sogar noch mehr, da ich nicht mit Stift und Papier arbeiten kann.

Cobra ist nicht der einzige Screenreader für Windows. Der kostenlose Screenreader NVDA wäre auch eine Alternative. Nur hat er den Nachteil, dass ich damit keine helle Schrift auf dunklem Hintergrund einstellen kann. Jedenfalls nicht so, dass ich sie auf Knopfdruck auch wieder ausschalten kann. Aus diesem Grund arbeite ich mit Cobra. Und zusätzlich eine Vergrößerungssoftware installieren wollte ich auch nicht. Mir ist keine kostenfreie Vergrößerungssoftware bekannt, die sich ohne Maus bedienen lässt, und die mir den Rechner nicht verlangsamt. Das führte erst mal dazu, dass ich meine Texte in WordPad bearbeitete. Um einen Text zu schreiben, tut es diese minimalistische Textverarbeitung. Um allerdings eine Rechtschreibprüfung durchzuführen, oder einen Text zu formatieren, hieß es für mich, dass der Text in Word musste. Und beim Verbessern stellte sich das ursprüngliche Problem wieder ein.
Irgendwann hatte ich eine Lösungsidee. Da ich ohnehin viel mit dem Smartphone mache, konnte ich auch das Thema Word damit abtun. Allerdings arbeite ich teilweise mit dem Bildschirm. Daher wäre das iPad Mini eher geeignet. Hier konnte ich meine helle Schrift auf dunklem Hintergrund haben, eine Tastatur und eine Braillezeile anschließen und bekam ebenfalls von einem Screenreader meinen Text vorgelesen. Der im iPad integrierte Screenreader Voiceover bringt alle dafür erforderlichen Funktionen mit. Ich muss mich nur noch mit der Bedienung von Word auf dem iPad vertraut machen. Alternativ werde ich mir noch weitere Editoren ansehen. Vielleicht finde ich auf diese Weise meine persönliche „eierlegende Wollmilchsau“.

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Allgemein Bildung

Bücher lesen geht auch blind

Das Beitragsbild zeigt mich mit einem Heft in Brailleschrift. Meine Finger liegen auf dem Papier.

Seit Jahren streiten sich die Geister darüber ob man lieber ein gedrucktes oder digitales Buch liest. Dabei geht man vom normalsehenden Leser aus. Aber wie verhält es sich bei blinden Lesern?

Mit diesem Beitrag nehme ich an einer Blogparade zum Thema „eBook oder gedrucktes Buch“ teil. Den Beitrag und die anderen Teilnehmer an der blogparade findet Ihr hier.

http://senkpiel.net/blogparade-ebook-oder-gedrucktes-buch/
Auf einem Elternabend im 2. Schuljahr erklärte die Klassenlehrerin meiner Tochter uns Eltern, dass es gut ist, wenn Kinder zuhause lesen. Dabei ist es völlig egal, ob sie ein Kinderbuch lesen, in einer Fernsehzeitung blättern oder die Aufschrift auf Gewürzbehältern entschlüsseln. Wichtig ist nur, dass sie es freiwillig und in ihrem Tempo tun, damit die Freude am Lesen wachsen kann.

Während der ersten zwei Schuljahre hatte ich nicht wirklich Freude am Lesen. Allerdings lag das daran, dass ich in einer Schule für sehbehinderte Kinder war. Hier arbeitete man bestenfalls mit vergrößerten Texten. Und ich war damals schon zu blind, um längere Texte entspannt lesen zu können. Lesen war somit eine Notwendigkeit für gute Noten. Erst als ich zu Beginn des dritten Schuljahrs eine Blindenschule besuchte, lernte ich Braille. Ich lernte, dass lesen Spaß machen konnte. Und als ich dann auch noch die Schulbücherei entdeckte, begann meine Laufbahn als angehende Leseratte.

Hier sieht man den Vergleich eines Buches in Braille und normaler Schrift.
Leider war die Auswahl der Literatur in Braille wesentlich eingeschränkter als Literatur, die normal sehenden Kindern zur Verfügung steht. Bücher von Astrid Lindgren oder einige Werke von Karl May waren in der Schulbücherei vorhanden, als ich begann mich dafür zu begeistern. Schwierig wurde es, als ich meine Vorliebe für Enid Blyton entdeckte. Es gab weder „Fünf Freunde“ noch „Hanni und Nanni“ in Braille. Wir hatten einen tollen Klassenlehrer, der die Abende auf Klassenfahrten mit dem vorlesen aktueller Kinderbücher füllte.

Mit 13 Jahren entdeckte ich für mich das Hörbuch. Auf dem Schulgelände befand sich eine für damals umfangreiche Hörbücherei, die sowohl wissenschaftliche als auch Unterhaltungsliteratur speziell für blinde Leser auf Kassette aufsprach. Diese wurden kostenfrei an die Mitglieder Versand. Nach dem Hören konnte ich sie kostenlos an die Hörbücherei zurücksenden, das war während der Ferien besonders praktisch.

Irgendwann bekam ich eine Lupe mit 12facher Vergrößerung. Diese ermöglichte es mir nach längerer Übung normal gedruckte Bücher zu lesen. Allerdings mussten hier die Lichtverhältnisse stimmen. Und es ging recht langsam.

Jetzt hatte ich also die Wahl ob ich ein Buch in Braille oder als Hörbuch lesen wollte. Ich machte das von der Literatur abhängig. Manche Bücher gab es in Braille, andere nur als Hörbuch. Außerdem  sind Bücher in Braille sehr umfangreich. Wenn ich viel unterwegs war, dann wog ein kleiner Kassettenrekorder nebst Hörbuch wesentlich weniger als ein Buch in Braille. Und wenn man mit kleinem Gepäck und ohne Auto reist, dann ist das ein entscheidendes Kriterium. Bekam ich ein Buch weder in einer Hörbücherei, noch in Braille, so las ich das auch schon mal mit der Lupe. Dazu gehörte beispielsweise die Serie „Dolly, Schulabenteuer auf der Burg“ von Enid Blyton.

Mitte der 90er Jahre zog ein Vorlesesystem bei mir ein. Es bestand aus einem PC nebst Scanner. Ich konnte ein beliebiges gedrucktes Schriftstück auf den Scanner legen. Es wurde eingescannt, dann durch eine Texterkennungssoftware geschickt und anschließend auf meinem PC gespeichert. Den Inhalt konnte ich mir mit Hilfe einer Sprachausgabe vorlesen lassen.

Jetzt konnte ich also in eine Stadtbücherei gehen, ein Buch meiner Wahl ausleihen, und es mir mit dieser Technik zugänglich machen. Damals schwärmte ich für die Fernsehserie „Unsere kleine Farm“. Die Bücher trieb ich irgendwie per Fernleihe auf und scannte sie mir ein. Auf diese Weise konnte ich mir so manche Literatur zugänglich machen, die es weder als Hörbuch, noch als Brailllebuch gab. Ich weiß noch, dass ich solange an meinem System feilte, bis ich es soweit hatte, dass ich die Seiten in schnellem Tempo einscannte. Anschließend ließ ich die Software in einer Arbeitsschleife das Ganze in Text umwandeln. Da diese Prozedur für ein dickes Buch mehrere Stunden dauern konnte, ließ ich den Computer arbeiten, wenn ich außer Haus war, oder über Nacht. Da ich meist nur Unterhaltungsliteratur einscannte, war es nicht so schlimm, wenn sich Erkennungsfehler im Text befanden. Und zum Korrekturlesen war ich einfach zu faul.

Und so gingen viele Jahre ins Land. Die Texterkennung wurde besser, es gab außer den Hörbüchereien für blinde Leser immer mehr kommerzielle Hörbücher, die man ganz normal in einem Buchladen, und später online als Download kaufen konnte. Und auch die Hörbüchereien für blinde Nutzer stellten irgendwann auf CD um, was die Bücher noch kleiner werden ließ. Bei mir zog ein Diktiergerät ein, welches nicht viel größer als eine Checkkarte war. Darauf konnte ich mir meine Bücher kopieren und sie überall anhören.

2012 zog das erste IPhone bei mir ein. Und damit die Möglichkeit mobil eBooks zu lesen, die es weder in einer Bücherei für blinde Nutzer, noch als käufliches Hörbuch gab. Und auch die Blindenhörbüchereien stellen nach und nach auf Download um. Es werden also kaum noch CDs verschickt, und müssen damit auch nicht mehr über den PC auf irgendein Gerät kopiert werden. Wenn ich also mitten in der Nacht das Bedürfnis habe ein Buch zu lesen, kann ich es mir auf diese Weise zeitnah besorgen.

Die Brailleschrift ist nach wie vor wichtig für mich. Allerdings nur, wenn ich etwas Korrektur lesen will, oder wenn ich es mit Zahlen oder Eigennamen zu tun habe. Auch das Erlernen von Vokabeln und ähnlichen Inhalten fällt mir leichter, wenn ich die Schrift unter meinen Fingern habe. Wenn ich jedoch einfach nur ein Buch zur Unterhaltung lesen möchte, dann liebe ich es möglichst klein und kompakt. Und das heißt für mich meine Bücher auf das IPhone zu laden und sie dort zu lesen, wo ich gerade möchte. Das kann auf meiner Couch, auf einer Parkbank oder in einem Zug sein. Wenn mein Buch lediglich die Größe eines Smartphone umfasst, dann geht das alles. Mit einem Buch in Brailleschrift wäre das recht unpraktisch, und damit nichts für die Handtasche. Ein solches Buch würde ich dann doch lieber lesen, wenn ich irgendwo gemütlich in einem Sessel oder an einem Tisch sitze. Denn es ist gleichzeitig ein schönes Gefühl mit den Fingern über die Punkte eines Buches zu gleiten und dessen Inhalt in sich aufzunehmen.

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Allgemein Alltag

Meine Anforderungen an eine Haushaltshilfe

Saubermachen ist für mich persönlich eine Aufgabe, die ich gern abgebe. Denn ich brauche das Vielfache an Zeit dazu. In einem späteren Beitrag werde ich darauf eingehen wie ich ohne zu sehen putze.

Die richtige Haushaltshilfe zu finden empfinde ich als große Herausforderung. Neben denselben Anforderungen, die eine normal sehende Person an eine Haushaltshilfe hat, kommen bei mir noch einige andere, die mit meiner Sehbehinderung zu tun haben. Ich möchte versuchen meine Wünsche vor allem normal sehenden Lesern anhand einiger Beispiele zu veranschaulichen.

Kommunikation in einer mir geläufigen Sprache

Für mich heißt das, dass meine Haushaltshilfe ausreichend Deutsch spricht, um sich mit mir über die Aufgaben unterhalten zu können. Es reicht nicht aus, dass sie mir zeigt, dass eine bestimmte Sache getan werden muss. Sie sollte in der Lage sein das in Worten auszudrücken. Denn mit Gestik und Mimik kommen wir bei meiner Sehbehinderung nicht weiter.

Vor gut 20 Jahren hatte mir eine türkische Nachbarin eine Putzhilfe vermittelt, die mich wöchentlich für 2 Stunden unterstützte. Das Problem war nur, dass sie so gut wie kein Deutsch sprach, und meine Kenntnisse der türkischen Sprache sich auf Begrüßung und dreieinhalb weitere Sätze beschränkte. Wenn es also etwas mitzuteilen gab, war ich auf die Hilfe meiner Nachbarin angewiesen. Inklusive Interpretationsfaktor bei der Übersetzung war das ziemlich anstrengend. Daher hielt das Ganze nur einige Wochen. Ich denke, wir hatten das beide einfach unterschätzt.

Eigenständiges Arbeiten.

Da ich der Haushaltshilfe nicht sagen kann wo genau geputzt werden muss, ist es wichtig, dass sie eigenständig arbeitet. Es gibt zwar gewisse Dinge, die jedes Mal drankommen, wie das Wischen der Fußböden. Sie sollte aber auch selbst sehen, wenn es irgendwo noch was zu tun gibt. Nur weil ich sie nicht sehe, heißt es noch lange nicht, dass ich Spinnweben in meiner Wohnung haben möchte. Und nur weil ich den Staub auf Bildern, die an der Wand hängen, erst fühle, wenn ich direkt hin fasse, heißt das noch lange nicht, dass ich diesen unbedingt behalten möchte.

Ein böses Erwachen gab es für mich, als ich feststellen musste, dass eine Haushaltshilfe Monatelang keinen staub über Kopfhöhe gewischt hatte. Auf meine Nachfrage hin erklärte sie mir, dass ich ihr das hätte sagen sollen.

In meinem Haushalt zählt meine Ordnung

Wie in den meisten Haushalten normal sehender Bewohner habe auch ich meine Ordnung. Nur so lässt sich der Haushalt gut führen. Problematisch wird es, wenn eine Schere, ein Haushaltsgerät oder ein anderer Gegenstand nicht an seinem Platz liegt. Eine normal sehende Person erfasst mit wenigen Blicken, ob das gesuchte Stück woanders liegt. Ich muss systematisch danach suchen, was mich Zeit und Nerven kostet.

Eine meiner Putzhilfen hatte die Angewohnheit Dinge, die sie bei der Arbeit störten, einfach woanders hinzustellen, oder in eine Schublade zu stecken. Leider vergaß sie anschließend alles wieder an den ursprünglichen Platz zu räumen. Es dauerte Wochen, bis ich dahinterkam, dass die Computerspiele meiner Tochter in einer Schublade steckten.

Es ist kein Ding etwas wegzuräumen, um an dieser Stelle vernünftig sauber machen zu können. Wichtig ist, dass am Ende alles wieder an seinem Platz ist. Im Zeitalter von Smartphones kann man sich im Zweifel ein Foto vom Ursprungszustand machen. Ich persönlich habe damit kein Problem. Allerdings sollte man der blinden Person erklären, warum man jetzt gerade ein Foto machen möchte.

Eine Putzhilfe legte mir alles, was sie nicht mehr zuordnen konnte, an einen bestimmten Platz. Dazu gehörten auch Dinge, die sich irgendwo auf dem Fußboden oder wo auch immer während des Putzens fanden. Ich konnte die Sachen dann später sortieren und an ihren Platz stellen. Auch das ist eine Lösung, mit der ich gut leben kann.

Putzeimer aus dem Weg stellen

Mir ist wichtig, dass ich mich in meiner Wohnung bewegen kann, ohne mitten im Raum über einen liegengelassenen Staubsauger, eine Trittleiter oder einen vollen Putzeimer zu stolpern. Wenn ich arbeite, dann weiß ich wohin ich meine Arbeitsutensilien lege. Dennoch stelle ich diese gern irgendwo an den Rand. Denn wie schnell hat man das vergessen. Gerade wenn man verschiedene Dinge zeitgleich erledigt. Und wer schon mal die Erfahrung gemacht hat 5 l Wasser vom Boden aufzuwischen, der wird mir sicher Recht geben.

Eine meiner Putzhilfen hatte die Angewohnheit ihren vollen Putzeimer mitten im Weg stehenzulassen. Auch wenn sie sich in einem anderen Raum aufhielt. Obwohl ich ihr sagte, dass ich den Eimer nicht sehen kann, behielt sie diese Angewohnheit bei. Und irgendwann waren sowohl der Fußboden als auch ich nass.

Bitte keine Erziehungsratschläge

So manche Putzhilfe wollte mir erklären was meine Kinder alles machen sollten, weil ich das nicht sehe. Meine Kinder müssen nicht meine Sehbehinderung kompensieren. Und ich entscheide als Elternteil was sie dürfen, müssen oder nicht. Genauso wie ein Elternteil ohne Behinderung es auch tun würde. Eine Haushaltshilfe hilft, wie das Wort bereits sagt, im Haushalt, und nicht bei der Erziehung. Meine Kinder hatten bereits so viele selbst ernannte Miterzieher, dass man damit einen ganzen Kindergarten hätte betreuen können.

Fettnäpfchen

Zum guten Schluss möchte ich noch ein paar Fettnäpfchen ansprechen, die man doch vermeiden sollte.

Eine Haushaltshilfe erklärte mir mehrmals pro Treffen, dass ich nicht sehen könne. Echt jetzt? Blinde Menschen wissen selbst, dass sie dieses oder jenes nicht sehen können. Auch ohne dass man sie daran erinnert.

„Warum hilft Ihnen Ihre Familie nicht im Haushalt“, ist eine ebenso beliebte Frage. Nun, mir geht es hier wie normal sehenden Leuten auch. Wer möchte schon gern ein Familienmitglied als Haushaltshilfe haben? Jemanden, den ich bezahle, erbringt eine fest definierte Dienstleistung. Und das ist mir wichtig. Für ein gewisses Maß an Lebensqualität brauche ich die Distanz zwischen mir als Arbeitgeber und der Haushaltshilfe als Arbeitnehmer. Familie ist mir da zu emotionsgeladen. Und es gefährdet nur die Beziehung zueinander. Ich bevorzuge eine strikte Trennung.

Natürlich erhebt diese Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Außerdem geht es hier um meine persönliche Meinung. Im Zweifel hilft es miteinander zu reden. Und zwar auf Augenhöhe.

Und jetzt bin ich auf einen Erfahrungsaustausch in den Kommentaren gespannt.