Stricken mit Sehbehinderung

Wenn es um das Thema Handarbeiten im Zusammenhang mit einer Sehbehinderung geht, so gehen die Meinungen stak auseinander. Einerseits schreibt man uns blinden Personen ein ausgeprägtes Feingefühl in den Händen zu, andererseits sind wir nicht in der Lage hochwertige Handarbeiten herzustellen, weil wir diese nicht sehen. Gleiches Spiel gilt beim Basteln oder anderen künstlerischen Tätigkeiten, die gern auf das Aussehen runterreduziert werden.
Als ich in die Blindenschule kam, wurde nach der Schule viel mit uns gebastelt. Papier falten, Körbe aus Peddigrohr flechten oder Untersetzer aus Bast weben war nur einige der Dinge, die wir gerade vor Feiertagen herstellen lernten. Unsere Erzieherinnen ließen sich immer wieder etwas Neues einfallen, so dass für jedes Kind nach seinem Entwicklungsstatus und seinen Stärken etwas Passendes dabei war.
Als im sechsten Schuljahr eine AG für Handarbeit angeboten wurde, war ich sofort dabei. Ein paar Wochen später kam die Ernüchterung. Wir häkelten, und ich bekam diese Luftmaschen und die erst recht die festen Maschen einfach nicht hin. Ich begriff einfach nicht wie man durch eine einzige fließende Bewegung den Faden durch die Masche bekam, ohne diese gleich fallen zu lassen. Ganz schlimm wurde es, als eine Mitschülerin schon stricken lernen durfte. Ich wollte das auch lernen. Aber das ging erst, wenn ich das Häkeln beherrschte. Und davon war ich damals noch weit entfernt.
Ich war dreizehn Jahre alt, als ich in einer Wohngruppe mit mehreren strickenden Erzieherinnen lebte. Und eine davon nahm sich einen Nachmittag Zeit, um mir die Grundzüge des Strickens zu erklären. Ich lernte, das Häkeln nicht die Voraussetzung für Stricken ist. Und es machte mir so viel Spaß, dass ich sehr bald die wichtigsten Basics des Strickens beherrschte. Ich wusste wie man ein Strickstück beginnt, und die gewünschte Anzahl Maschen auf die Nadel bringt. Ich lernte den Unterschied zwischen rechten und linken Maschen kennen. Weitere Basics sind, dass man weiß wie man die Anzahl der Maschen erhöht oder verringert, und natürlich wie man eine Strickarbeit abschließt. Damit war der Grundstein für meine Strickkariere gelegt.
Stricken ist eine Art angewandte Mathematik. Man kann sich das etwa vorstellen wie ein Schachbrett. Jede Masche hat meist Maschen neben, über und unter sich. Diese Maschen kann man fühlen. Und das kann man sich zu Nutze machen, um eine bestimmte Oberflächenstruktur zu erreichen. Man kann sogar blind mit Farbmustern arbeiten, wenn man ein bisschen geometrisches Verständnis mitbringt. Ich habe viel mit Mustern herumexperimentiert, um zu lernen wie ich eine bestimmte Oberflächenstruktur erreichen kann. Und natürlich war ich stets auf der Suche nach Anregungen und Mustern. Doch die Auswahl für blinde Nutzer ist nach wie vor gering. Daher habe ich irgendwann angefangen meine eigenen Muster zu entwerfen.
Eines dieser Entwürfe ist das Kleid in Pink auf dem Beitragsbild. Der Rock beginnt mit zwei Streifen weißen Fransengarn, der mit einer Reihe Messerspitzenmuster unterbrochen ist. Dieses Messerspitzenmuster zieht sich bis zur Hüfte, und geht dann in einen elastischen eng am Körper anliegenden Teil über. Das Kleid wird in zwei gleiche Teile gestrickt. Während das Rückenteil glatt abschließt, hat das Vorderteil einen V-Ausschnitt, der mit weißem Fransengarn verziert wurde. Um schöne glatte Ränder zu bekommen, wurden diese umhäkelt.
Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dem Häkeln gemacht. Ich kann es sogar leidlich. Aber ich kann keine Begeisterung dabei empfinden. Diese bleibt dem Stricken vorbehalten.
In der Regel arbeite ich zeitgleich an mehreren Stücken. Die Arbeiten, bei denen ich mich konzentrieren muss, bleiben zuhause, während ich einfachere Strickstücke gern unterwegs bearbeite. Und das kann sowohl im Zug, auf einer Parkbank oder im Wohnzimmer von Freunden sein. Stricken kann auch eine meditative Arbeit sein, die mir hilft zu denken oder mich zu konzentrieren. Aber dafür waren Jahrelange Erfahrung und viel Übung nötig.
Die meisten Vorlagen für Strickmuster sind optisch ausgelegt. Oft in Form einer Zeichnung. Hier ein Beispiel für eine blindengerechte Mustervorlage:
Topflappen mit Messerspitzenmuster:
Das Muster besteht aus sechs nebeneinander liegenden Messerspitzen und 8 übereinander liegenden.
Reihe 0: 38 Maschen rechts anschlagen.
Reihe 1: 1RM, 5R 1L, 1RM
Reihe 2: 1RM, 2R 4L, 1RM
Reihe 3: 1RM, 3R 3L, 1RM
Reihe 4: 1RM, 4R 2L, 1RM
Reihe 5: 1RM, 1R 5L, 1RM
Reihe 6: 1RM, 6R, 1RM
R: Rechte Masche, L: linke Masche, RM: Randmasche.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Nacharbeiten, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.

10 Antworten auf “Stricken mit Sehbehinderung”

  1. Ja, liebe Lydia, auch ich durfte an der Blindenschule stricken lernen. Wir setzten damals durch, dass beide Geschlechter Stricken, Kochen Handarbeiten und Technik erhielten Vorher war das geschlechtlich nicht möglich. Wir durften immer Musik, Hörspiele, Hörbücher oder Radiosendungen in den Handarbeitsunterricht mitbringen. Wir haben dort die große Friedenspolitik Anfang der Achtziger Jahre diskutiert. Da wurden Philosophen besprochen, Gedichte gezeigt und Abrüstungspolitik gemacht. Nebenbei, ganz unbemerkt, wuchsen natürlich auch unsere Strickereien in die Länge. Mir hat das auch immer viel Freude bereitet. Ich höre so viele Hörbücher, Podcasts und Radio, dass ich mir ernstlich überlege, wieder mit einer Handarbeit zu beginnen, weil mir die Hände während dessen oft zu unbeschäftigt sind. Ich habe eine blinde Bekannte, der es genau so geht. Wir werden mal versuchen, unser Vorhaben in irgend einer Form umzusetzen. Man darf gespannt sein, was daraus wird. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass Handarbeiten sehr die Motorik und die Vorstellungskraft von blinden Kindern schult. Derlei sollte man unbedingt dem Alter, Entwicklungsstand und den Fähigkeiten des Kindes entsprechend unbedingt mit in die Früherziehung einbeziehen. Lehrer beklagen heute, dass auch sehenden Kindern motorische Fähigkeiten abgehen, wenn sie nicht basteln, malen etc. Manche Stimmen gehen sogar so weit, dass die Motorik auf der Strecke bleibt, weil keine Schreibschrift mehr unterrichtet wird. Wie auch immer. Ich finde es wichtig und denke, dass ein Kind um eine wichtige haptische Erfahrung betrogen wird, wenn man ihm Handarbeit o. Ä. vorenthält.

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  2. Meine Mutter hat in einem Höllentempo gestrickt und „gefühlt“ gar nie hingesehen. Ich habe sie dafür bewundert und wollte das natürlich ebenfalls können. Leider habe ich es nie zu ihrer Meisterschaft gebracht, aber Spass hat es stets gemacht und ich konnte dazu gut Radio hören oder einfach so die Gedanken fließen lassen. Leider musste ich das Stricken nach einem Schleudertrauma aufgeben. Ich habe es immer wieder probiert; aber die Hände sind innert Minuten gefühllos. Es muss mit der Kopfhaltung zusammenhängen, und ich habe leider immer noch nicht rausgefunden wie ich es anstellen muss, doch noch stricken zu können. Ich vermisse es sehr!

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    1. Mir geht’s leider ganz genauso, dass ich nicht mehr stricken kann und mir leider das, von allen anderen Hobbys, wie zB walking spazierengehen reiten usw am allermeisten fehlt! Denn ich kann zwar sehen, und ich hatte 30 Jahre immer Leidenschaftlich und viel gestrickt, aber eine fortschreitende Muskelerkrankung macht es mir unmöglich, da die Unterarme dabei ständig krampfen. Auch ich hatte immer alles selber entworfen, die Schnitte und Maße für gestricke Kleidung, alles in tollen komplizierten Zopf, Loch und Ajourmstern, die auch super passte, wie auch Tops, Strickjacken, Bikinis, Trachtenjacken, oder Puppenkleidung und Kinderkleider mit lustigen Farbmustern, auch Socken Mützen Schals und Handschuhe, und ganze Sets, … ich habe es immer sehr geliebt und zu meiner persönlichen Meisterschaft gebracht,… Und kann es auch voll bestätigen dass man das alles einfach jederzeit alles genau im Kopf haben muss, so wie etwa einen Bauplan, da man sowieso immer wieder und immer wieder wegen dem Muster und den zu- und Abnahmen oder damit den Fingern nachzählen muss, weil man mit den Augen eh durcheinander kommen würde ! Bis zu meiner Muskelerkrankung ging das auch völlig problemlos., Jetzt lese ich viel und da bereitet mir sogar das halten der Bücher Probleme…

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  3. Liebe Lydia, ich habe keine Sehbehinderung, aber abgesehen davon könnte dein Beitrag von mir sein – wir scheinen ein sehr ähnliches Verhältnis zum Stricken zu haben. Danke für deinen Artikel, das war sehr spannend für mich zu lesen und das Kleid finde ich Klasse!

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  4. Danke für deinen Artikel. Ich kann sehen, kann aber simple Muster ‚blind‘ stricken und dabei z.B. lesen. Ich stricke gern nach Diagramm, weil ich ein sehr visueller Mensch bin. Ich lebe in England, wo fast alle Muster ausgeschrieben werden. Jetzt verstehe ich, wie wichtig das ist.
    Für mich ist Stricken in den letzten Jahren sehr wichtig, damit ich mein seelisches Gleichgewicht bewahren kann.

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