Deutschunterricht – So habe ich es gemacht

Als im Herbst 2015 die große Flüchtlingswelle anrollte, beschäftigte mich der Gedanke, dass diese Menschen in einer Erstaufnahmeeinrichtung lebten, und darauf warteten, dass sich Behörden oder wer auch immer mit ihnen beschäftigte. Und eben dieses Warten erschien mir so sinnlos. Ich dachte, diese Zeit könne man doch sinnvoll nutzen, indem man den Menschen die deutsche Sprache beibrachte. Als ich dann hörte, dass diese Menschen erst mal keinen Deutschunterricht hatten, wollte ich helfen. Ich fragte an, ob ich einen Deutschkurs in der Einrichtung anbieten könnte. „Wir suchen Leute für Syrer mit höherem Bildungsstand“, erklärte mir ein Herr, der sich in der Organisation besonders hervor getan hatte. Was er mit höherem Bildungsstand meinte, sollte ich nie erfahren. Vermutlich ging er davon aus, dass ich blind und damit einem niedrigen Bildungsniveau angehöre.
Anfang 2016 stieß ich in Facebook auf eine Anzeige, in der Leute gesucht wurden, die beim Deutschlernen helfen würden. Ich meldete mich, und wir vereinbarten einen Termin. Ich schaute mir an was die Kollegen machten, und fand Gefallen daran.
Wir hatten mit einem Hotel, welches in der Nähe der Erstaufnahmeeinrichtung Langen lag, ein Abkommen. Wenn die einen Tagungsraum nicht verkauft hatten, durften wir diesen nutzen. Während dieser Zeit machten wir im Wechsel Programm mit den Menschen, die zu uns kamen.
Ich übernahm einen Kurs, dessen Teilnehmer schon ein paar Sätze Deutsch sprechen konnten. Dieser bestand hauptsächlich aus jungen Erwachsenen, die lernen wollten. Und dazwischen ich, die ich ihnen etwas bieten wollte. Also überlegte ich mir zweimal die Woche ein Thema, welches ich mit meiner Gruppe bearbeiten wollte. Zunächst einmal erstellte ich mir ein Arbeitsblatt am Computer, welches Sätze enthielt, die ich in einem fremden Land besonders wichtig fand. Dazu gehörten Begrüßung, um etwas bitten, nach einem Weg fragen und so weiter. Dieses Arbeitsblatt ging ich mit den Teilnehmern durch, und erarbeitete mit ihnen die jeweilige Übersetzung in ihre Heimatsprache. Diese schrieben sie sich auf ihr Blatt. Ich ließ sie die Worte wiederholen, um die Aussprache zu korrigieren. Ich hatte jedes Mal ein Blatt mit einem anderen Thema dabei. Einmal waren es Eigenschaften, ein anderes Mal waren es Farben oder Gegenstände. Und immer wieder wurden die älteren Sachen wiederholt.
Die Stunde begann damit, dass wir uns vorstellten. So bekam ich einen Überblick darüber wer wo saß, und die Teilnehmer übten das. Anfangs reichte mir der Name. Doch jede Woche kam ein Satz dazu. So konnten meine Teilnehmer sich später mit Namen, Herkunft, Alter vorstellen, und einiges über sich erzählen, während ich ihre Grammatik und Aussprache korrigieren konnte.
Besonders wichtig waren rituale, wie das Singen von Liedern. Die Jahresuhr von Rolf Zuckowski war ein Dauerbrenner, um die Monate zu lernen. Und natürlich kamen Spiele wie „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ dazu. Dieses Spiel kann man sowohl auf Farben als auch auf Eigenschaften von Gegenständen beziehen. Allerdings setzte es voraus, dass ich den Raum genau kannte.
Ein weiteres Werkzeug war Kopfrechnen. Die Aufgabe habe ich auf Deutsch gestellt. Wer dran war, musste sich erst mal klarmachen was ich von ihm wollte, und dann auf Deutsch antworten. Anschließend durfte er seinem Nachbarn eine Rechenaufgabe stellen.
Nach ein paar Wochen habe ich Arbeitsblätter mit Fragen auf Deutsch mitgebracht, die jeder für sich beantworten musste. Dazu gab ich den Schülern etwa 10 Minuten Zeit. Danach gingen wir die Antworten gemeinsam durch. Damit wollte ich erreichen, dass sich jeder mit dem Verstehen meiner Fragen alleine beschäftigte.
Mein Vorteil war, dass ich die Fehler kenne, die Menschen machen, die aus den entsprechenden Ländern kommen. Und ich war bereit das ein oder andere Wort aus ihrer Sprache zu lernen, das mir half ihnen die Inhalte zu vermitteln. Und ich brachte ausreichend Kreativität mit, um meinen Schülern ein paar praktische Sprachkenntnisse mit auf den Weg zu geben. Denn diejenigen, die in meinen Kursen saßen, waren freiwillig da, weil sie lernen wollten, und nicht mussten.

Mein Unterricht war keine Alternative zu einem offiziellen Deutschkurs. Aber ich denke, ich habe den Teilnehmern einige wichtige Dinge mit auf den Weg geben können. Denn viele Missverständnisse entstehen dadurch, dass eine Sprache gar nicht, oder nur sehr unzureichend beherrscht wird. Es reicht nicht aus einen Sprachkurs zu besuchen. Eine Sprache lernt man ab besten, indem man sie benutzt, Fehler macht und aus eben diesen Fehlern lernt.

Mein Gastkind aus Palästina – Teil 2

Amal vor einem Aufzug an einer U-Bahn-Station

In meinem Beitrag Mein Gastkind aus Palästina hatte ich Amal vorgestellt, über ihre Einreise nach Deutschland berichtet und einen Ausblick auf mein Vorhaben gegeben.

Inzwischen lebt sie seit fast drei Wochen bei uns in der Familie. Sie teilt sich das Zimmer mit meiner Tochter. Und das klappt erstaunlich gut. Ich habe ihr einen Schreibtisch eingerichtet, auf dem sie schreiben oder ein Keyboard stellen kann. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es für blinde Menschen praktischer ist, wenn sie ihre Hilfsmittel stehen lassen können.
Zwei Tage nach ihrer Ankunft überlegten meine Tochter und ich, wie wir Amal erklären können, wie ein Toastbrot mit Butter bestrichen wird. Die Lösung sah so aus: Mit dem Messer Butter aus dem Behälter nehmen, und es in die rechte obere Ecke tun. Dann mit der flachen Seite des Messers darüber streichen und das Brot um 90 Grad drehen. Dann wiederholt man diesen Vorgang so lange, bis alle Seiten dran waren. Am Anfang darf man nachfühlen, und spürt wie gleichmäßig die Butter verstrichen wurde. Das klappt inzwischen sehr gut.
Eine weitere Lektion war die Mülltrennung, die sie noch nicht kannte. Wir trennen Bio-, Verpackung-, Altpapier und Restmüll. Weitere Basics wie das Einräumen von benutztem Geschirr in die Spülmaschine oder den Tisch sauber wischen klappen gut. Manche Kenntnisse hat sie bereits mitgebracht. Dazu gehören das Zusammenlegen getrockneter Wäsche oder der Abwasch. Ich muss also nicht ganz bei null anfangen. Ab der nächsten Woche werden wir gemeinsam kochen. Da werde ich sehen was sie bereits kann, und was ich ihr vermitteln kann.
Gleich einen Tag nach ihrer Ankunft habe ich begonnen sie im Umgang mit dem Blindenlangstock zu schulen. Erst habe ich ihr die Haltung gezeigt, was sie dann bei uns im Wohnzimmer geübt hat. Anschließend sind wir nach draußen gegangen. Ich habe ihr gezeigt wie sie Bordsteine oder Hindernisse erkennt. Seither waren wir viel unterwegs. Sie hat inzwischen gelernt mit dem Stock Treppen zu erkennen und zu bewältigen und sicher in eine U-Bahn oder S-Bahn ein und auszusteigen. Am Einsteigen in einen Bus müssen wir noch etwas arbeiten. Denn da ich in der vergangenen Woche mit meiner AugenOP beschäftigt war, konnten wir nicht weiter daran arbeiten. Das wird in der kommenden Woche ein Thema sein.
Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von einer Trainerin, die sich angesehen hat, wie Amal mit dem Stock läuft. Sie hat meine Arbeit gelobt, da Amal eine gute Pendeltechnik gezeigt hat. Darüber habe ich mich riesig gefreut. Weitere Trainingseinheiten mit der Trainerin sind in Planung.
Amal hat inzwischen einige deutsch und arabisch sprechende Menschen aus meinem Bekanntenkreis kennen gelernt. Die meisten davon sind blind oder sehbehindert. Das ist wichtig für den Erfahrungsaustausch. Sie hat auch Bekanntschaft mit meinen Hobbys töpfern und Showdown spielen gemacht.
In Zusammenarbeit mit einem befreundeten Journalisten ist dieses kurze Video mit Amal entstanden. Es zeigt sie wie sie sich auf Deutsch vorstellt und anschließend mit dem Blindenstock über einen Bürgersteig läuft.

Mit meinem ersten Beitrag über Amal habe ich einen Spendenpool über PayPal für sie eingerichtet. Damit sollen Kosten bestritten werden, wie beispielsweise für Augenarzt, Trainingseinheiten oder mögliche günstige Hilfsmittel. Mit Stand von heute sind 265 € zusammengekommen. Von Menschen, die ausschließlich auf mein Wort vertrauen. Das hat mich besonders berührt. Dafür danke ich allen Spendern, und denen, die meinen Beitrag in ihren Netzwerken geteilt haben. Ich werde in den nächsten Wochen weiter über Amal und ihren Aufenthalt in Deutschland berichten.

Als blindes KitaKind arabischer Eltern

Ich war sechs Jahre alt, als ich die Chance bekam halbtags einen Kindergarten zu besuchen. Meine Eltern hatten in einigen Kindergärten nachgefragt und stets eine Absage erhalten. Grund war, dass sie kein blindes Kind aufnehmen wollten oder konnten. Irgendwann fand sich ein Kindergartenplatz für mich. Mein fünfjähriger Bruder, der ebenfalls einen Platz brauchte, konnte dort nicht aufgenommen werden. Daher hatte meine Mutter morgens und mittags einen recht langen Fußweg zu bewältigen, bis wir beide in unseren Kindergärten und sie wieder zuhause waren. Sie war zu dem Zeitpunkt schon hochschwanger. Und als meine Schwester zur Welt kam, wurde das Ganze zu einer absoluten Herausforderung für sie erst meinen Bruder und dann mich um 8:00 in den Kindergarten zu bringen.
Ich hatte im Kindergarten zum ersten Mal regelmäßig Kontakt mit nicht arabisch sprechenden Kindern. Das war für mich eine absolute Umstellung. Von meinem Vater getrennt zu sein war ich gewohnt. In meinen ersten vier Lebensjahren kannte ich ihn ohnehin nur vom Hörensagen, da er in Deutschland lebte, und wir in Jordanien. Und auch später war er tagsüber bei der Arbeit. Meine ständige Bezugsperson war meine Mutter, die meistens in meiner Nähe war. Heute würde man sie als eine Art Helikopter Mummy bezeichnen. Denn was meinen Bruder und vor allem mich anging, so überließ sie nichts dem Zufall.

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