Nur fliegen ist schöner

Lydia auf dem Frankfurter Flughafen

Im November 2015 flog ich für fast drei Wochen nach Jordanien. Dazu telefonierte ich mit dem Ticketverkäufer meines Vertrauens und besprach alles Nötige. Ich finde mich auf dem Frankfurter Flughafen nicht alleine zurecht. Daher meldete ich den Bedarf einer Assistenz an, die mich zum Flieger begleitet. Im Flugzeug wollte ich einen Sitz am Gang. Zum einen brauche ich keinen Fensterplatz, zum zweiten empfinde ich es leichter mit den Flugbegleitern zu kommunizieren, wenn ich dies nicht über zwei Passagiere hinweg machen muss. Und weiter brauche ich eine Begleitung, die mich In Jordanien am Flieger abholt, durch den Flughafen begleitet, mit mir das Gepäck abholt und mich zur Ankunftshalle bringt. Dort würde ich dann abgeholt werden. Auf dem Rückflug nach Deutschland brauchte ich das gleiche Spiel in umgekehrter Reihenfolge. Ich betonte noch einmal, dass ich keinen Rollstuhl brauche, sondern lediglich eine sehende Begleitung, die mir den Weg zeigte. Der Flug wurde gebucht, das Ticket bezahlt und ich bekam das Ganze per E-Mail bestätigt. Nun konnte es also losgehen.
Ich packte also meinen Koffer, verstaute die Dinge, die ich diesem nicht überlassen wollte in einem Rucksack, fertig. Diesmal verzichtete ich darauf mich zum Flughafen begleiten zu lassen, da es eine direkte Busverbindung gibt. Außerdem habe ich mein Gepäck so zusammengestellt, dass ich damit ohne fremde Hilfe zurechtkomme. Meinen Rollkoffer hatte ich für die linke Hand vorgesehen, auf dem Rücken den Rucksack, und die rechte Hand war dem Blindenstock vorbehalten. Diesen brauche ich, um mir meinen Weg zu ertasten. Wenn ich doch mal eine freie Hand brauche, dann kann ich mir den Stock auch mal unter den Arm klemmen. Jedenfalls solange ich nicht laufe. Schließlich möchte ich keine unliebsamen Bekanntschaften mit Laternenpfählen und so weiter machen. 😊
Eine Hürde ist für mich der Umstieg am Busbahnhof des Flughafens. Mein Bus kommt am Terminal 1 an. Und ich muss zum Terminal 2. Aber bekanntlich sind Menschen oft nett, wenn man sie lässt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass es Mitreisende mit gleichem Ziel gibt, denen man sich anschließen kann. Und so war es auch diesmal. So war ich also in der riesigen Ankunftshalle. Ich sprach den nächstbesten Passanten an, um zu erfahren in welchem Bereich ich mich befand. So wusste ich in welche Richtung ich mich bewegen musste. Irgendwann sprach mich ein Mitarbeiter des Flughafens an. Er bot mir an mich zum Check-in zu begleiten, was ich gerne annahm.
Und jetzt wurde es erst mal etwas problematisch. Der Mitarbeiter erklärte mir, dass ich nicht am Gang sitzen dürfte. Blinde würden aus Sicherheitsgründen grundsätzlich am Fenster sitzen. Ich hatte davon noch nie etwas gehört, was ich auch entsprechend äußerte. Es wurde jemand anderes hinzu geholt, der mir erklärte, dass dies Vorschrift sei. Ich erklärte den beiden in ruhigem und sachlichen Ton, dass es viel gefährlicher sei, wenn die Flugbegleitung bei der Geräuschkulisse nicht vernünftig mit dem Blinden kommunizieren könne. Schließlich fallen Gestik und Mimik hier vollständig aus. Und wenn ich erst einmal über zwei Passagiere klettern muss, um zur Toilette zu kommen, wäre dies eine Stolperfalle. Es wurde sich besprochen. Und dann bekam ich meinen gewünschten Sitzplatz.
Die gewünschte Assistenz kam und brachte den schon obligatorischen Rollstuhl mit. Nun, dann konnte ich den auch als Gepäckablage benutzen. 😊 Ich wurde in die Wartelounge gebracht. Die Dame erklärte mir wo ich mich hinwenden soll, wenn ich etwas brauche. Später wurde ich abgeholt. Mit einem Elektroauto ging es dann Richtung Flieger.
In Amman wurde ich von zwei Mitarbeitern abgeholt. Während ich mich noch fragte warum die zu zweit kommen mussten, merkte ich, dass noch eine Rollstuhlfahrerin begleitet werden musste. Es ging nicht auf dem direkten Weg zu den Sicherheitskontrollen, da noch eine weitere Dame mit Assistenzbedarf von einem anderen Flieger abgeholt werden musste. Das kostete uns noch mal gut 20 Minuten. Beide Damen hatten eine Begleitperson dabei. Mit der großen Gruppe waren wir sicher der Hingucker schlechthin. Da ich als Einzige aus der Gruppe ein Visum brauchte, setzte sich einer der Mitarbeiter mit mir ab. Alles Weitere lief reibungslos. Ich hatte mir meinen Koffer mit einem glitzernden Band markiert, damit meine Assistenz ihn unter den vielen Gepäckstücken der Mitreisenden wiederfinden konnte. Eine weitere Alternative wäre den Koffer zuhause zu fotografieren. Bei Bedarf kann ich dann das Foto auf meinem Smartphone zeigen.

Auf dem Rückflug hatte ich wieder die Diskussion mit dem Rollstuhl zu führen. Irgendwo haben sich wohl alle Flughäfen dieser Welt darauf verschworen Menschen mit Behinderung in einen Rollstuhl zu setzen. Da mein Arabisch längst nicht so gut ist wie mein Deutsch, ist es jedes Mal eine Herausforderung den Mitarbeitern klarzumachen, dass ich mich definitiv nicht in diesen Rollstuhl setzen werde. Der Mann verlegte sich auf das Bitten. So nach dem Motto: „Höre auf Deinen großen Bruder“. Keine Chance. Er hat irgendwann selbst eingesehen, dass es zwecklos ist. Ich kann manchmal ziemlich stur sein. 😊 Und wenn ich nicht in einem Rollstuhl sitzen möchte, dann möchte ich, dass man das respektiert. Das gehört für mich zu einem selbstbestimmten Leben.
Dafür gab es keine Diskussion ob Gang oder Fenster. Besonders toll fand ich, dass mir die Sicherheitsmaßnahmen separat gezeigt wurden. Auch wurde mir beim Essen das Tablett erklärt und alles andere. Zwischendurch kam auch mal jemand und fragte nach ob ich noch etwas brauche. Ich erwähne das, weil das nicht selbstverständlich ist. Ich habe auch schon anderes erlebt.

Sommer 2007. Mein Sohn war sechs und meine Tochter fast acht Jahre, als ich zum ersten Mal mit beiden Kindern nach Jordanien flog. Ich hatte die begleitende Assistenz bei der Buchung angefordert. Wir wurden wie vereinbart am Check-in abgeholt und wie geplant zum Flieger begleitet. Anschließend kam der Kabinenchef zu mir, und erklärte mir, dass er uns aus Sicherheitsgründen gar nicht mitnehmen dürfe. Denn ich könnte meine Kinder nicht begleiten. Als Alternative zum sofortigen Ausstieg ließ er mich ein Formular unterschreiben, dass es sich um unbegleitete Kinder handelte. Damals fehlte mir die Erfahrung, um dem etwas entgegenzusetzen. Also unterschrieb ich. Ich hatte es so verstanden, dass man dann auch ein Auge auf uns haben würde. Dem war aber nicht so. Auch nicht, als mein Sohn Angst bekam. Die Folge war eine ordentliche Beschwerde. Bisher die einzige von meiner Seite.

Zum obligatorischen Rollstuhl fällt mir noch eine kleine Geschichte ein. Meine Kinder und ich waren gerade aus dem Urlaub gekommen. Nach der Landung am Frankfurter Flughafen wurden wir von einer Dame abgeholt, die mir ebenfalls den Rollstuhl anbot. Ich wollte lieber laufen. Meine Kinder fragten, ob sie sich mal reinsetzen dürften. Die Dame erlaubte es ihnen. Mein nein wurde von allen Seiten ignoriert. Also setzte sich einer rein, während der andere schob. Doch wurde dies auf die Dauer etwas langweilig. Und beide Kinder hatten nach dem langen Flug Bewegungsdrang. Also probierten sie aus was das Teil hergab. Geschwindigkeit, Kurven, Bremsen. Hauptsache Action. Und auf dem glatten Boden funktioniert das nun mal erschreckend gut. Unsere Begleiterin sah sehr schnell ein, dass das keine gute Idee mehr war.
Wenn ich einen Flug buche, dann sage ich dazu, dass ich keinen Rollstuhl möchte. Ich sage was ich brauche. Denn schließlich bin ich die Expertin für meine Behinderung. Und ich wünsche mir, dass meine Bedürfnisse, die ich klar geäußert habe, berücksichtigt werden. Im Marketing heißt es: Der Kunde ist König. Warum bitte soll das für Menschen mit Behinderung nicht ebenso gelten?

Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 1 – die ersten Jahre

In den ersten 9 Monaten brauchte ich nur wenig sehende Hilfe im Alltag. Ich hatte eine richtig tolle nachsorgende Hebamme, die mir die Handgriffe und Tricks zeigte, die bei der Säuglingspflege wichtig sind. Dies passierte in meiner vertrauten Umgebung, so dass ich all das Erlernte direkt umsetzen konnte. Außerdem sorgte sie dafür, dass ihre Patienten Kontakt zueinander hatten, wenn sie das wollten. Das war eine große Hilfe für uns alle. Gerade während der ersten Jahre.
Nachdem sich unser Alltag eingespielt hatte kam ich sehr gut zurecht. In meiner Wohnung kannte ich mich aus. Und wo man ein Baby ablegt, da bleibt es liegen bis man es wieder abholt. Jedenfalls in den ersten Monaten.
Die erste Veränderung kam, als meine Tochter begann sich mehr zu bewegen und sich zu drehen. Ab da habe ich sie beispielsweise nur noch auf dem Boden gewickelt. So war ein Herunterfallen ausgeschlossen. Außerdem hatte ich immer eine Hand am Kind. So hatte ich Windel, Kind und Platz im Griff. Vor dem Wickeln oder Umziehen habe ich mir mein Aktionsfeld vorbereitet, so dass ich nicht zwischendurch irgendwo irgendwas holen brauchte.
Wenn ich mit meinem Baby unterwegs war, gebrauchte ich ein Tragetuch, welches ich mir so band, dass meine Tochter direkt vor meinem Bauch war. Anfangs platzierte ich sie so, dass sie mit dem Gesicht zu mir lag. Später, als die Wachfasen länger wurden, trug ich sie mit dem Gesicht nach vorne vor mir her. Das war für sie wie Fernsehen. Auf diese Weise konnte ich auch das Problem mit den visuellen Eindrücken und dem Aufbau von Blickkontakt lösen. Da sie ein sehr kommunikatives Baby war, war das für mich sehr entspannend. Während andere Babys im Kinderwagen aus Langeweile quengelten, betrachtete meine Tochter die Umgebung und alles und jeden, der sich bewegte.
Als meine Tochter 5 Monate alt war, meldete ich uns in einer Mutterkindgruppe an. Der Schwerpunkt lag auf gemeinsames Singen, Spielen und Erfahrungsaustausch. Außerdem besuchte ich gemeinsam mit einer Freundin einen freien Babytreff. Hier half man mir auch mal beim Füttern mit dem Löffel, da das anfangs noch nicht so recht klappen wollte. Meine Tochter vertrat lange Zeit den Standpunkt, dass ich nun mal die Brust sei und verweigerte alles andere, was ich ihr anbot. Und da ich den Standpunkt vertrete, dass Essen Freude machen sollte, akzeptierte ich das erst einmal so.
Ich achtete darauf, dass wir viel unter andere Eltern und Kinder kamen. Da meine Tochter auf Action stand, war sie dadurch ausgeglichener. Für mich war es der Lösungsweg, um ihr Dinge wie Gestik und Mimik näher zu bringen.
Schwierig wurde es erst, als sie das Laufen erlernte, und anfing draußen die Welt zu entdecken. Wir wohnten damals in einer Gegend, in welcher die Sandkisten und Wiesen schon mal Hundehaufen oder Glasscherben enthalten konnten. Freies Spielen auf dem Spielplatz war daher nur mit Hilfe einer sehenden Begleitung möglich.
Fragen, Telefonate usw. Ergebnis war, dass ich auf dem Sozialamt einen Antrag auf Assistenz gestellt habe. Man prüfte unsere finanzielle Situation, um mir nach einiger Zeit mitzuteilen, dass uns keine Mittel zur Verfügung gestellt werden können. Auch von anderen Stellen gab es keine Hilfe, allenfalls einen Verweis auf den ansässigen Blindenverein oder das Blindengeld. Wenn ich also eine Hilfe brauchte, dann war dies mit viel Organisation, viel Bitten oder selbst zahlen verbunden. Kurz gesagt, es musste eine kreative Lösung her.
Mein Mann, der etwas mehr sieht als ich, konnte solche Aufgaben schon mal übernehmen. Eine andere Lösung war sich mit Freunden zu verabreden, deren Kinder im Alter meiner Tochter waren. Einmal in der Woche besuchten wir meine Eltern und Geschwister, die gern mit meiner Tochter draußen waren.
Meine Elternzeit endete, als mein Kind ein Jahr alt wurde. Wir gaben Sie zu einer Tagesmutter, während ich wieder arbeiten ging. Die Kosten trugen wir selbst. Diese Tagesmutter betreute meist vier Tageskinder im Alter von ein bis zwei Jahren. Mit diesen war sie viel draußen, einkaufen usw. Wir sahen es als Krabbelstube mit einem erhöhten Betreuungsschlüssel an.
Da es damals weder eine Anlaufstelle für blinde Eltern, noch eine Möglichkeit gab sich auszutauschen, wusste ich auch nicht, dass es für Kinder behinderter Eltern eine Frühförderung gibt. Diese würde dem Kind in meinem Fall die Dinge vermitteln, die ich nicht sehe. Ich kann keinem sehenden Kleinkind Farben benennen, da ich diese nicht sehe. Daher sprach ich das Thema bei unserer Tagesmutter an, damit sie darauf achtete, dass meine Tochter keine Defizite aufwies.
Mein Sohn wurde geboren, als meine Tochter 17 Monate alt war. Ich ging erneut in Elternzeit. Mein Mann und ich entschieden uns dafür unsere Tochter weiter zur Tagesmutter gehen zu lassen, da diese ihr mehr Förderung bieten konnte, und sie sich dort sehr wohl fühlte.
Zum ersten Mal bekam ich den Assistenzbedarf richtig zu spüren, als mein Sohn ein halbes Jahr alt war, und meine Tochter zwei Jahre. Zu dem Zeitpunkt hatte unsere Tagesmutter einen dreiwöchigen Urlaub während der Sommerferien genommen. Meine Freundin, welche Kinder im Alter meiner beiden hatte, zog weg, so dass wir uns nicht mehr so oft verabreden konnten, und Aktivitäten für Eltern mit kleinen Kindern waren mir nicht bekannt. Zuhause mit einem Baby und einem Kleinkind, welches so gerne auf den Spielplatz wollte, und nicht durfte. Und dass weil die blinde Mutter nicht verantworten wollte, dass ihr Kind genüsslich an einer Glasscherbe des Sandkastens lutschte. Das war ein ganz schreckliches Gefühl für mich.
Zeitweise bezahlte ich eine Schülerin aus der Nachbarschaft dafür, dass sie mit meiner Tochter auf den nahegelegenen Spielplatz ging. Irgendwann machte mich eine Bekannte auf ein Projekt aufmerksam, wo an drei Tagen in der Woche zwei oder drei Stunden lang Aufsicht auf einem Spielplatz in Frankfurt Bockenheim gemacht wurde. Hier konnte man Kleinkinder zum Spielen abgeben. Es war wohl für Eltern gedacht, die eben mal schnell ohne Kinder einkaufen oder Termine wahrnehmen wollten. Und für mich kam das wie gerufen. Ich konnte mit meinen Kindern ganz entspannt auf den Spielplatz und hatte jemanden, der für mich schaute.
Im Herbst 2001 stellten wir einen Antrag auf Übernahme der Kosten für die Tagesmutter, der bewilligt wurde. Warum weiß ich bis heute nicht. Auch ist mir unverständlich, dass mir die Tagesmutter bewilligt wurde, die ein Vielfaches mehr kostete als eine Honorarkraft, welche mir zuhause hätte zur Hand gehen können. Zeitgleich hätte ich einen Platz in einer Kindertagesstätte haben können, der ebenfalls weniger gekostet hätte als die Tagesmutter. Aber der wurde nicht bewilligt, da ich nicht arbeitete, und meine Tochter unter drei Jahre alt war.
Als mein Sohn ein Jahr alt wurde, ging auch er an zwei Vormittagen zur Tagesmutter. Ich nutzte die Zeit meist, um mit meiner Tochter einen Minikindergarten zu besuchen, in welchem auch geturnt und gebastelt wurde. Und zwar ohne aktive Mitarbeit der Eltern, wie es sonst in Kleinkindergruppen üblich ist. Auf diese Weise hatte ich eine Aktivität, die ich problemlos mit ihr machen konnte.
Meine Tochter besuchte die Tagesmutter etwa eineinhalb Jahre lang. Danach zogen wir von Frankfurt weg. Sie hat in dieser Zeit vieles gelernt, was ich ihr nicht hätte beibringen können. Ganz wichtig war mir die Verkehrserziehung. Sie hat gelernt wohin sie schauen musste, wenn sie eine Ampel überqueren wollte. Und sie hat einen ganz normalen Umgang in einer visuell orientierten Gesellschaft gelernt.

Deine Ordnung ist mein Chaos

Frühjahr 2007. In meinem Bekanntenkreis gibt es eine neue Frau, die stets darum bemüht ist mir das Leben zu erleichtern. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches. Und solange ich dabei bin, kann ich sagen wie ich was am liebsten möchte. Nicht aber wenn solche Aktionen in Form einer Überraschung stattfinden.
Ich habe Geburtstag. Und da ich am Vortag bis spät abends gearbeitet habe, freue ich mich, dass meine Familie sich um das Frühstück kümmert. Auf dem Frühstückstisch steht Kuchen, den meine Bekannte in der Nacht gebacken hat. Auf einer Karte finde ich einen lieben Gruß und die Nachricht, dass ihr Geburtstagsgeschenk an mich dieser Kuchen und noch zwei weitere in der Küche seien. Außerdem habe sie in der Nacht meine Küche hübsch gemacht. Ich bin noch nicht so richtig wach und erfasse die Tragweite noch nicht. Da meine Familie sich komplett um das Geschehen in der Küche rund um das Frühstück kümmert, mache ich mir erst einmal keine Gedanken.
Für den Nachmittag habe ich ein paar Freunde eingeladen. Also gehe ich in die Küche, um Kaffee zu kochen. Und jetzt erst nehme ich wahr, dass nichts mehr an seinem gewohnten Platz ist. Meine neue Bekannte hat nicht nur die Küche geputzt, sondern diese komplett neu eingeräumt. Und zwar so, dass ich mich nicht mehr zurechtfinde.
Ich fühle mich einfach hilflos und breche regelrecht in Tränen aus. Es kann doch nicht sein, dass ich in meiner eigenen Küche stehe, unfähig eine Kanne Kaffee zu kochen und den Tisch zu decken. Meine Freundin kommt und erfasst die Lage und leistet Erste Hilfe. Der Tisch wird gedeckt, und Kaffee und Kakao gekocht. Und am Ende wird es doch noch ein entspannendes Kaffeetrinken, da meine sehende Freundin sich kümmert. Wir werden später die Sachen so einräumen, dass ich mich wieder ohne fremde Hilfe zurechtfinden kann.
Als meine Bekannte eintrifft, ist sie absolut erstaunt, dass ich mich nicht über ihr Geschenk freuen kann. Sie hatte nicht gewusst, dass mir die Ordnung so wichtig ist. Sie hatte gesehen, dass ich mich sicher durch das Haus bewegen kann. Also würde ich auch mit ihrer Ordnung klarkommen.
Bleiben wir mal bei dem Beispiel Küche. Ich habe meine Anordnung der Lebensmittel, Haushaltsgeräte und Geschirr. Wenn ich also das Salz, den Zwiebelschneider oder eine bestimmte Salatschüssel brauche, weiß ich ohne nachzudenken welchen Schrank ich öffnen muss, um diese zu finden. Jeder, der regelmäßig in der Küche arbeitet, hat so ein System. Dabei ist es egal ob die Person sieht oder nicht. Interessant wird es, wenn der gesuchte Gegenstand nicht an seinem Platz ist. Der normal Sehende sieht sich um, schaut in die einzelnen Schränke, bis er den Gegenstand gefunden hat. Ich taste die Arbeitsflächen ab, taste das Innere eines jeden Schranks ab, bis ich den Gegenstand gefunden habe. Auch wenn ich schnell bin, kostet mich das mehr Zeit.
Vor einigen Jahren hatte ich eine Putzhilfe, die es als ihre Aufgabe ansah auch aufzuräumen. Ich hatte immer einen kleinen Putzeimer hinter der Badezimmertür stehen, damit ich ihn bei Bedarf schnell zur Hand hatte. Als es mal wieder so weit war, fand ich den Eimer nicht mehr an seinem gewohnten Platz. Auch meine Kinder fanden ihn im ganzen Haus nicht wieder. Irgendwann erfuhr ich von meiner Putzhilfe, dass sie diesen in einem Schränkchen im Bad gestellt habe, da dies besser aussieht. Auf die Idee wäre ich wahrscheinlich lange nicht selbst gekommen.
Das Beste hat sich eine Dame geleistet, die einige Monate bei mir beschäftigt war. Meine Kinder waren zu dem Zeitpunkt noch im Grundschulalter. Wenn sie Flächen abwischte, räumte sie alles, was ihr im Weg war, in die darunter befindlichen Fächer oder Schubladen. Nur vergaß sie ganz oft die Gegenstände nach dem Abwischen der Flächen wieder an ihren Platz zurückzustellen. Nach diesen Tagen suchten meine Kinder nach diversen Gegenständen. Und auch ich fand das ein oder andere nicht. Irgendwann fanden sich die Nintendo Spiele meiner Tochter nicht wieder. Wir suchten überall danach. Außer in den Schubladen. Die Dame selbst wusste von nichts. Nach einigen Wochen fanden wir die Spiele nebst einigen anderen gesuchten Gegenständen in einer Schublade wieder. Ich habe mehrfach versucht das abzustellen. Jedoch glänzte die Hilfe durch permanente Lernresistenz. Und da dies nur Stress für meine Familie und mich bedeutete, trennten sich unsere Wege.
Bei blinden Personen im Haushalt helfen bedeutet, dass man auf keinen Fall umräumen darf. Es sei denn der Blinde wünscht es ausdrücklich. Aufräumaktionen sollten gemeinsam abgesprochen werden. Nach der zu Beginn beschriebenen Aktion meiner Bekannten habe ich gemeinsam mit meiner sehenden Freundin meine Küche neu eingeräumt. Und zwar so wie ich es haben wollte. Denn schließlich koche ich in dieser Küche und nicht meine Bekannte oder meine Putzhilfe. Und ich möchte möglichst wenig Zeit mit dem Auffinden versteckter Gegenstände verschwenden. Zeit, die ich sinnvoller gestalten kann.

Wie sag ich’s einem Blinden? Teil 2

Ich habe einen Sehrest von ca. 2 %. Für mich wirkt sich das so aus, dass ich in geschlossenen Räumen eine gute Orientierung durch das Sehen habe. Draußen sehe ich nur große Dinge wie Straßenkreuzungen, Autos, LKWs oder Hauswände. Ich erkenne den Unterschied zwischen einer glatten Hauswand und einem Schaufenster. Und wenn die Sonne nicht scheint, sehe ich auch, ob Auslagen vor dem Geschäft sind. Details wie die Auslagen selbst, Hausnummern oder Straßenschilder sehe ich nicht. Stufen, Bürgersteige und so weiter ertaste ich mir mit dem Blindenstock. In einem meiner nächsten Beiträge werde ich das näher ausführen. Wenn ich einen Ort zum ersten Mal aufsuche, habe ich mehrere Möglichkeiten. Habe ich Zeitdruck und keine gute Wegbeschreibung, dann nehme ich mir ein Taxi, oder organisiere mir einen netten Menschen aus meinem sozialen Umfeld, der mich begleitet. In der Regel bereite ich mich zuhause auf den Weg vor, indem ich mir anschaue welche Öffentlichen Verkehrsmittel dort halten. Ein Anruf bei der entsprechenden Arztpraxis, dem Geschäft oder Amt ist ebenfalls recht hilfreich, um sich einen Weg beschreiben zu lassen. Eine Wegbeschreibung könnte lauten: steigen sie aus dem Bus aus, gehen sie in Fahrtrichtung bis zur nächsten Kreuzung. Dort biegen Sie nach rechts ab. Der dritte Hauseingang ist es dann.“ Oder „Steigen sie auf der Straßenbahn, gehen gegen die Fahrtrichtung und überqueren die nächsten zwei Straßen. Wir sind direkt an der Ecke“. Ganz schrecklich finde ich Beschreibungen wie: „Fahren Sie bis zum Neckermanngebäude. Da sind wir dann direkt daneben.“ Ich brauche den Namen der nächstliegenden Haltestelle, weil ich das Neckermanngebäude vom Bus aus nicht sehe. Wenn ich diese nicht bekommen kann, dann brauche ich Straße und Hausnummer. Daran kann ich mich orientieren oder eine Navigationsapp auf meinem iPhone bemühen. Das fühlt sich für mich sicherer an als den Busfahrer zu bitten mich bei besagtem Neckermanngebäude rauszuschmeißen.
Wenn ich ein bestimmtes Ziel suche, stelle ich möglichst präzise Fragen. Welche Hausnummer ist das? Ich suche die Hausnummer 5. Ich suche die Klingel der Praxis Dr. Müller. Wo befindet sich die Bushaltestelle? Mein Gegenüber sieht, dass ich blind bin. Dennoch kommen schon mal antworten wie „Da vorne“. Oder „ei, dort drüben“. Meist bin ich dann versucht zu sagen: „Ich sehe heute so schlecht“. Meist mache ich mein Gegenüber aber doch darauf aufmerksam, dass ich nicht sehen kann wohin sie oder er zeigt. Es ist in der Regel Gedankenlosigkeit, und kein böser Wille. Und so geht es richtig. Ich brauche gesprochene Richtungsangaben, wie „links“, „rechts“, vor mir oder hinter mir. „Der Zahnarzt ist von hier aus der 2. Hauseingang nach rechts“, oder „Das Brillengeschäft liegt direkt vor Ihnen“. Oder „Ich zeige Ihnen die Klingel von Dr. Müller.“ Gerne auch: „Soll ich für Sie drücken?“ Wenn ich eine Erklärung nicht verstanden habe, hake ich nach. Denn ich möchte die Wegbeschreibung haben, mit der ich am besten zurechtkomme. Und es ist mein Job als Hilfesuchende meinem Gegenüber zu sagen was genau ich brauche. Von meinem gegenüber wünsche ich mir, dass er mir zuhört. Was zunächst einmal selbstverständlich klingt, ist es nicht immer. Daher zum Abschluss eine kleine Geschichte, die mich heute noch zum Lachen bringt.

1996, Wiesbaden, Landeshaus. Ich komme zu Fuß vom Bahnhof und möchte die Kreuzung überqueren. Mit dem Blindenstock pendelnd überhole ich ein Pärchen, bleibe an der Ampel stehen und frage die beiden: „Können Sie mir sagen, wann die Ampel grün ist?“ Und die Dame antwortet: „Tut mir leid, ich bin nicht von hier.“

Wie sag ich’s einem Blinden? Teil 1

Wer kennt das nicht? Man isst, schaut dabei sein Gegenüber an, oder den laufenden Fernseher, und Ups, da ist auf einmal eine Nudel vom Teller auf die natürlich weiße Hose gefallen. Oder das Eis tropft beim Laufen auf das gerade frisch angezogene T-Shirt. So etwas ist zwar ärgerlich, kommt aber in den besten Familien vor. Kein Grund zur Aufregung. Oder vielleicht doch?
Ich setze einmal voraus, dass ein normal sehender Mensch den hinterlassenen Fleck auf der Hose oder dem T-Shirt von selbst bemerkt. Er entscheidet selbst, ob er weiter damit herum läuft, oder ob er versucht den Fleck zu beseitigen. Möglicherweise zieht er sich auch was anderes an.
Bei einem blinden Menschen funktioniert das ein bisschen anders. Gut, dass eine Nudel oder andere Speisen vom Teller auf der Hose gelandet sind, kann ich erfühlen. Somit kann ich besagte Nudel auch wieder von der Kleidung wegnehmen. Ob das ganze einen Fleck hinterlassen hat, sehe ich nicht. Ich kann es nur ahnen. Schließlich habe ich in meinem Alter irgendwann gelernt, dass Tomatensauce auf heller Kleidung sichtbar bleibt und das ziemlich gut. Was das tropfende Eis angeht, so fühle ich das nur, wenn es kalt oder feucht wird. Oder wenn meine Kleidung sich klebrig anfühlt.
Wenn ich mir unsicher bin, frage ich nach ob meine Kleidung noch sauber ist. Wenn ich mit sehenden Freunden unterwegs bin, frage ich diese, sonst frage ich auch mal die Bedienung im entsprechenden Lokal. Diese Information ist für mich persönlich wichtig, da ich Wert auf ein gepflegtes Äußeres lege.
Ich empfinde es als sehr hilfreich, wenn mir jemand sagt, dass ich beispielsweise einen Fleck auf dem Kleid, der Hose oder dem Rock habe. Das ist eine Information, die ich von normal sehenden brauche. Ich habe dann die Wahl es dabei zu belassen, den Fleck zu beseitigen oder ggf. die Kleidung zu wechseln.
Noch mehr freue ich mich, wenn die Information so unauffällig wie möglich zu mir kommt. So Dinge wie von einem Tischende durch das halbe Lokal zu brüllen: „Du hast Sauce auf deinem Pulli“. gehen gar nicht. Es trägt nur zur allgemeinen Aufmerksamkeit bei. Man kann das Ganze auch steigern. Vor beinahe zwanzig Jahren sagte die Bedienung in einem Lokal zu meiner sehenden Begleiterin, sie möge mir doch mal das T-Shirt sauber machen. Heute kann ich darüber lächeln. Damals habe ich mir das berühmte Erdloch gewünscht, dass mich verschluckt.
Mir fällt es leicht um Hilfe zu bitten. D.h. jedoch nicht, dass alle Blinden so reagieren wie ich. Denn den typischen Blinden gibt es nun mal nicht. Es gibt ja auch nicht die Frau, die Katze oder den Tisch.
Also, wenn Ihr seht, dass beispielsweise mit der Kleidung Eures blinden Gegenübers was nicht stimmt, dürft Ihr ruhig fragen ob Ihr helfen dürft. Aber tut dies bitte möglichst leise und unauffällig. Floskeln wie „Sie sehen es ja nicht“, braucht kein Mensch. Dass blinde etwas nicht sehen, wissen sie selbst. Gleiches gilt für das typische Mitleid, dass Sehende oft beim Anblick eines Blinden befällt. Es hilft niemandem, wenn Ihr mit dem Blinden leidet. Aber die diskrete Info, die er von Euch bekommt, die kann sehr hilfreich sein.