Ich höre Eure Blicke nicht

Jennifer Sonntag

Ich habe noch nie Gesichter erkennen können. Damit sind mir auch Gesichtsausdrücke fremd. So wie mir geht es vielen geburtsblinden Menschen. Wir müssen mühsam erlernen was ein Lächeln oder ein grimmiger Gesichtsausdruck bedeutet. Ebenso verhält es sich mit Gesten, da wir diese nicht abschauen können.
Vor ein paar Wochen flatterte mir der Beitrag einer Gastautorin ins Postfach, der dieses Thema behandelt.

Sehende nicht imitieren

Mit dem Thema Mimik und Gestik wurde ich wohl am häufigsten in meiner Fernseharbeit konfrontiert. Ausgerechnet als blinde Frau ein stark visuell angelegtes Format zu bedienen, obwohl ich visuelle Impulse selbst nicht wahrnehmen kann, erfordert sensible Kommunikationsantennen.
Meine prominenten Gäste waren oft Schauspieler oder medien- und kameraerprobte Persönlichkeiten. Sie sind es gewohnt, dass ihr Gegenüber ihre Mimik und Gestik optisch auffängt. Das vermittelt ihnen Sicherheit. Ich spürte es, wenn ein Gesprächsgast nicht wusste, wo er im Kontakt mit mir hinschauen sollte, den Blick hilfesuchend an mir vorbei schweifen ließ, jenen Blick, den ich nicht auffangen, nicht spiegeln konnte. Ich versuchte mit Worten, meiner tragenden Stimme, meiner Körpersprache, die die Richtung zum Gegenüber suchte, diese Sicherheit zu vermitteln.
Bei Fotoarbeiten oder ausgedehnten Dreharbeiten innerhalb meiner Öffentlichkeitsarbeit strengt es mich sehr an, lange einen bestimmten Punkt zu fixieren, mit Augen oder Gesicht zu arbeiten. Meine Augen driften dann ab oder wollen zufallen. Ich muss sie entspannen, sonst bekomme ich starke Kopfschmerzen, alles flimmert und dreht sich. Ich musste erst lernen, diese Grenzen auch zu kommunizieren, denn sehende Menschen können sich nicht vorstellen, welche Bedürfnisse blinde Augen haben und wieviel Konzentration sie das Fixieren einer für sie unsichtbaren Situation kostet.
Ich wurde oft „bewundert“ für mein unblindes Aussehen, finde es aber anstrengend, mir aus diesen Gründen Mimik und Gestik aufzusetzen. Aus meiner Sicht sollten wir blinden Menschen nicht versuchen, sehende zu imitieren, sondern unsere Attribute immer auch ein bisschen als Markenzeichen zu betrachten.

Irritierende Situationen im Alltag gibt es viele. Bei Männern zum Beispiel galt ich oft als unnahbar und unterkühlt, weil ich ebenso schaute, wie ich schaute. Das hatte mit meinem zunehmenden Tunnelblick zu tun. Hände, die mir gereicht wurden, habe ich bei Begrüßungen regelmäßig unfreiwillig ignoriert. An der Kasse in der Kaufhalle bekam ich zu hören: „Ach, Madame träumt im Stehen!“, weil ich in der Schlange nicht weitergerückt bin. Das sah ich ja nicht, und es war zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Augen schon manchmal aus Überforderung schloss. Den Stock übersah die Dame, die mich da angezickt hatte.
Einmal fühlte sich auch ein Typ in einem Fast-Food-Restaurant von mir beim Essen angestarrt, weil er glaubte, dass ich ihn im Spiegel beobachtete. Ich wusste nicht, dass an der Wand neben mir ein Spiegel war und schaute extra zur Wand, um nicht zum Nachbartisch zu starren. Die Situation klärte sich erst auf, als mein sehender Partner zum Tisch zurückkehrte. Obwohl ich mit meinem Führhund immer mit Führgeschirr unterwegs bin, wenn ich ohne Begleitperson gehe, verstehen zum Beispiel andere Hundebesitzer oft nicht, dass sie verbalisieren müssen, dass sie mit einem anderen Hund kommen oder am Straßenrand stehen. Sie sind Mimik und Gestik unter Hundebesitzern schon auf Entfernung gewöhnt. Ich erschrecke dann manchmal sehr, wenn plötzlich ein kläffender Hund in uns hineinläuft. Mein Credo: Reden hilft!

Jennifer Sonntag ist blinde TV-Moderatorin bei MDR-Selbstbestimmt. Über ihre Arbeit als Sozialpädagogin, Inklusionsbotschafterin und Buchautorin könnt Ihr Euch auf ihrer Seite blind verstehen informieren.

Wie erlebt ihr das Thema Mimik und Gestik bei euch oder anderen Menschen, vielleicht auch geprägt durch eine Behinderung?

Geräuschumgebung, zu laut oder zu leise

Geräusche spielen für blinde Menschen eine bedeutende Rolle. Das gilt für die Orientierung im Straßenverkehr, dem Ausmachen von Gefahrenquellen oder bei der Kommunikation mit dem Gegenüber. Ich kann nicht sehen, ob mir jemand freundlich zunickt und brauche eine direkte Ansprache. Den Ampelpfosten finde ich nur, wenn er sich irgendwie akustisch zu erkennen gibt. Und der laufende Motor eines Busses verdeckt die anderen Geräusche so sehr, dass ich nicht hören kann, ob ich die entsprechende Straße überqueren kann oder nicht.

Mein heutiger Gastautor Willi hat dieses Thema aufgegriffen. Er hat schon mal einen Beitrag für mich geschrieben, der sich um das blind Fernsehen oder ins Kino gehen dreht.

Und immer dieser Lärm
Eigentlich hatte ich mich sehr auf diesen Abend gefreut: Wir wollten, die meisten von uns blind, in das neue In-Lokal in unserer Stadt gehen. Während der Happy Hour gibt es für die Mädels die Cocktails billiger und wir Jungs lassen uns ein großes Bier schmecken. Internationale Küche gibt’s auch, da findet wirklich jeder was.
Doch schon als wir reinkommen, setzt bei mir der Fluchtinstinkt ein. Wir werden von ohrenbetäubender Musik empfangen. „Sucht Ihr einen Tisch?“ Die Kellnerin ist fast nicht zu verstehen. Wir rufen Ja im Chor, als hätte die Lieblingsmannschaft ein Tor geschossen. Siebugsiert uns an einen Tisch direkt unter dem Lautsprecher. „Entschuldigung, gibt es noch einen Tisch, an

dem es etwas leiser ist?“ Sie überlegt kurz und führt uns im Gänsemarsch durch das Lokal zu einem Tisch, der für uns vier gerade so ausreicht. Außerdem ist es hier dunkel, was sich noch rächen soll. „Wollt Ihr was trinken?“, fragt die Kellnerin so laut sie kann. „Wir wollen Cocktails“, schreien die Mädels. Unser einziger Guckling kann die Karte nicht lesen, so dass die Kellnerin nun ihr dünnes Stimmchen in die Waagschale werfen muss und die wunderbar benannten Cocktails und deren Zutaten vorlesen. Irgendwie finden wir alle etwas und nachdem sie sich durch die Speisen geschrien hat, kann auch unser Hunger gestillt werden. Wir wären wohl gern noch etwas geblieben, aber unserer Bitte, doch die Musik etwas leiser zu machen, wurde nicht entsprochen.

Sehbehinderte und blinde Menschen kennen diese Geschichte in vielen
Variationen. Unser Hörsinn ist ja unser einziges Kommunikationsmedium. Durch laute Musik an Orten, an denen wir uns unterhalten wollen, wird dieser total ausgebremst. Wir sind dann nicht nur blind, sondern de facto taub. Wer sieht, kann dem Nachbarn von den Lippen lesen und seine Worte mit Mimik und Gestik unterstreichen. Zwar waren bestimmt schon die Tavernen zur Römerzeit keine Orte der Stille, aber die Unsitte, jedes Lokal noch mit lauter Musik zu beschallen, griff erst in den letzten 30 Jahren um sich. Auf großen sommerlichen Stadtfesten überbieten sich die in der ganzen Innenstadt verteilten Bühnen mit ihren Beschallungsanlagen. Wenn es dann so laut wird, dass die Autos nicht mehr gehört werden können, wird es sogar gefährlich. Warum aber regen sich dieselben Leute über Kinderlärm auf, denen offensichtlich der elektromechanisch erzeugte Lärm nichts ausmacht? Wir müssen uns doch ernsthaft fragen, warum ein Hahnenschrei uns aufregt, während wir gleichzeitig die Musik um uns herum immer lauter hören müssen.
Aber auch von anderer Seite droht uns akustisch Ungemach: Manchmal führt Baulärm bei einigen von uns zu panikartigen Reaktionen. Deshalb werden in Marburg alle Baustellen, an denen es sehr laut sein kann, entsprechend von Bauarbeitern gesichert, die unsereins sicher durch die Baustelle begleiten.
Doch auch „Leisetreter“ machen uns Probleme: So erschrecken wir uns, wenn ein Radfahrer im vollen Tempo an uns vorbeischnurrt. Zu einer neuen Gefahrenquelle können Elektroautos werden, wenn sie ohne eine zusätzliche Schallquellen unterwegs sind.
Doch leider sind auch wir Blinden und Sehbehinderten nicht achtsam untereinander. Welchen infernalischen Krach wir entfalten können, zeigt sich an unseren Stammtischen. Hier könnte die Lautstärke einer Gruppe im Kindergarten durchaus Konkurrenz machen.

Ich danke Willi für seinen Beitrag. Und wie immer lade ich Euch herzlich ein, Eure Meinung in die Kommentare zu schreiben.