Wer nicht sehen kann, muss tasten.
Es ist Freitagvormittag. Meine Freundin und ich gehen gemeinsam in den Supermarkt meines Vertrauens. Während sie kurz abgelenkt ist, stehe ich vor den Nektarinen. Das weiß ich aber erst nachdem ich vorsichtig die Hand auf das Abgepackte Päckchen gelegt habe. Okay, ich habe meine Information und möchte weiter tasten. Schließlich brauche ich noch einiges an Obst und Gemüse. In diesem Moment spüre ich einen Schlag auf meine rechte Hand. Während ich noch überlege woher das kommt, motzt mich eine Frau an. Sie wirft mir vor das Obst zu zerquetschen. Ich versuche ihr in ruhig sachlichem Ton zu erklären, dass ich blind bin und tasten muss. Sie ist so in Fahrt, dass meine Erklärung sie nicht erreicht. Als sie dann „Sauerei“ durch den Supermarkt ruft, rate ich ihr sich doch zu beschweren. Das hat sie offensichtlich nicht getan. Denn als ich das Problem an der Kasse anspreche, weiß der Mitarbeiter nichts davon.
Am selben Tag, 30.08.2016 um 12:26, poste ich in Facebook folgenden Status: Ich möchte mich auf diesem Wege bei der Dame bedanken, die mir heute in der Zeit zwischen 10:15 Uhr und 10:30 Uhr im netto Markendiscount auf die Finger gehauen hat. Sie meinte mich auf diese Art und Weise davon abzuhalten die Nektarinen, die ich kurz ertastet hatte, zu zerdrücken. Es war ihr nicht klar zu machen, dass ich als blinder Mensch nur durch Tasten fühlen kann was da ist.
Ich wünsche dieser Frau, dass sie niemals in eine Situation gerät, in der sie wie ich mehr Tasten als sehen kann. Und wenn doch, dann wünsche ich ihr, dass sie verständnisvolleren Zeitgenossen begegnet. Da ich nicht weiß wie diese Frau aussieht, habe ich keine Chance ihr das jemals selbst sagen zu können. Schade eigentlich. Aber vielleicht war jemand während dieser Zeit im Netto und hat das ganze irgendwie mitbekommen.
In einer regionalen Facebookgruppe entfacht das eine rege Diskussion. Der Großteil der Leser verurteilt das Verhalten der Schlägerin. Es gibt jedoch auch Stimmen, welche diesen Übergriff rechtfertigen. Schließlich sei ihr möglicherweise meine Sehbehinderung entgangen. Ich wusste bisher nicht, dass man in unserem Rechtsstaat einem anderen auf die Finger hauen darf, um dessen vermeintliche Verfehlung zu ahnden. Ein User stellt mich als notorische Motzbacke dar, da ich mir mal nicht beim Aussteigen aus einem Bus helfen ließ. Dies nutzt eine weitere Userin, die zu wissen glaubt, dass Menschen mit Behinderung generell unhöflich auf Hilfsangebote reagieren. Für beinahe 48 Stunden wurden die meisten Klischees bedient. Ich bin mal wieder entsetzt. Und so beschließe ich diesen Beitrag zu schreiben.
Die Schlägerin hat Glück gehabt, dass ich sie nicht beschreiben kann. Sonst hätte ich den Vorfall angezeigt. Schade eigentlich. Denn so etwas habe ich schon einmal erleben müssen. Und ich schließe nicht aus, dass es sich um dieselbe Person handelt, da die Stimmen sich ähnlich waren.
In einem Supermarkt oder Kaufhaus orientiere ich mich zunächst einmal mit meinem Sehrest von ca. 2 Prozent. Wie gut das geht hängt von den jeweiligen Lichtverhältnissen ab. Ich kann Wege, Gänge, Regale oder Tische mit Auslagen erkennen. Ich kann auch noch sehen ob große Gegenstände darin stehen oder liegen. Die Details sehe ich nicht mehr. Dazu muss ich tasten. Meist reicht ein vorsichtiges Anfassen, um zu erkennen welchen Inhalt das Regal oder der Tisch hat.
Das beste Beispiel hierfür ist Obst und Gemüse. Hier brauche ich kaum fremde Hilfe. Einmal kurz hin fassen, und ich weiß sofort ob ich hier Äpfel, Nektarinen oder Birnen vor mir habe. Ich muss auch nicht auf das Obst oder Gemüse draufdrücken, um zu erkennen wie reif es ist, oder ob es möglicherweise nicht mehr gut ist. Auch das kann ich erfühlen und oder auch riechen. Reifes Obst oder Gemüse riecht nun einmal anders als Unreifes.
Wenn ich sage, dass ich mir die Inhalte durch Ertasten erschließe, dann meine ich damit die Inhalte von frei zugänglichen Regalen und Verkaufstischen. Ich würde nie auf die Idee kommen hinter eine Fleischtheke zu greifen. Das ist auch nicht nötig. Schließlich gibt es da Bedienung. Was ich auch nicht mache ist mir Berliner, Donuts oder so aus der Bäckertheke Selbst rauszunehmen. Das Hantieren mit dem dafür vorgesehenen Löffel empfinde ich als anstrengend. Hier nehme ich gern Hilfe an.
Kommen wir zu dem zweiten ähnlichen Erlebnis, dass ich vor Jahren hatte. Auch hier hatte ich keine Chance.
Es ist mitten im ‚Sommer. Ich komme gerade von der Arbeit und springe eben noch mal in den Supermarkt, um noch einige Besorgungen zu machen. Anschließend stehe ich an der Kasse an. Ich habe alles ausgeräumt. Da ich nicht hören oder sehen kann wie weit das Förderband inzwischen gefahren ist, greife ich vorsichtig von oben drauf, um zu ertasten ob das noch mein Einkauf ist, oder bereits der vom nächsten, der hier ansteht. Bevor ich mit der Hand auf dem Band landen kann, schlägt mir jemand von oben richtig fest auf die Hand. Ich bin bitter erschrocken. Als ich mich mit einem lauten Autsch beschwere, meint die Verursacherin, dass ich ihre Pflaumen zerquetschen würde. Ich versuche ihr in ruhig sachlichem Ton zu erklären warum ich die Hand eben da hatte. Gehör finde ich jedoch nicht. Sie zahlt ihre Pflaumen und geht. Die Verkäuferin an der Kasse reagiert nicht. Ich schreibe es der Tatsache zu, dass sie mit Kassieren abgelenkt war. Und was soll sie auch tun? Die Schlägerin hat den Laden bereits verlassen. Und ich weiß nicht einmal wie sie aussieht.
Und jetzt noch mal für diejenigen, die mit so einer Person sympathisieren. Es ist nicht Sache eines Kunden einen anderen von etwas abzuhalten. Wenn, dann ist das Sache der Kassierer oder anderer Angestellten. Dort darf man sich beschweren. Diese, und nur diese, entscheiden darüber was zu tun ist. Also, selbst wenn ich die Lebensmittel bis zur Unkenntlichkeit zerquetschen würde, hat keiner das Recht mich körperlich anzugreifen. Auch nicht die Damen und Herren der alten Schule, die meine Körperliche Züchtigung sei noch immer das Mittel der Wahl.
Schlagwort: blind
Auf dem Bild bin ich vor meinem Herd mit Ceranfeld zu sehen. Auf der linken hinteren Kochplatte steht eine Pfanne mit Kartoffeln. Davor ein Brett, auf dem ich mit einem Messer Gemüse Schneide. Rechts von mir ein Teller mit Fleisch. Darauf liegt ein Pfannenwänder.
Kochen, backen, braten.
Über die Voraussetzungen in meiner Küche habe ich bereits geschrieben. Heute möchte ich auf die heißen Angelegenheiten eingehen. Denn auch blinde können kochen. Und dass nicht nur hin und wieder vor Wut.
Für diejenigen, die befürchten, dass ich mir regelmäßig die Finger an der heißen Herdplatte verbrenne. Ja, auch das ist mir schon mal passiert. Nämlich aus derselben Unachtsamkeit wie bei einem nicht blinden auch. Doch ist es nicht der Normalfall.
Ich arbeite mit einem handelsüblichen Elektroherd. Die einzige Besonderheit, auf die ich großen Wert lege, ist, dass er pro Herdplatte einen Drehregler hat, der bei den einzelnen Strichen auch fühlbar einrastet. Andernfalls hätte ich mir fühlbare Punkte an den Herd kleben müssen, um diese gezielt ansteuern zu können. Auch der Regler meines Backofens rastet ein. So kann ich schnell zwischen Heißluft, Oberhitze und oder Unterhitze wählen. Nur der Drehregler für die Temperatur rastet nicht ein. Ich habe mir von einer sehenden Hilfe erklären lassen wie die Regler stehen müssen, um eine bestimmte Temperatur einzustellen. Fühlbare Markierungen habe ich mir nicht anbringen lassen. Anfangs aus Faulheit. Und irgendwann habe ich für meinen Backofen ein Gefühl entwickelt. Und jetzt brauche ich keine Markierungen mehr.
Wichtig bei Haushaltsgeräten ist, dass sie entweder fühlbare Markierungen haben, oder Regler, die bei bestimmten Einstellungen fühlbar einrasten. Bei meiner Spülmaschine habe ich beispielsweise einen Ein- und Ausschalter. Wenn die Maschine an ist, so ist der Knopf reingedrückt. Und wenn er hervorsteht, dann ist sie aus. Für die Programme habe ich jeweils einen eigenen Knopf, so dass ich das entsprechende Programm direkt auswählen kann. Früher hatte ich eine Spülmaschine mit einem Drehregler für die einzelnen Programme. Das fand ich noch besser zu bedienen. Drehregler habe ich auch bei meiner Mikrowelle. Nämlich einen für die Zeiteinstellung, und einen für die Leistung. Damit bin ich zufrieden.
Ich liebe mein Zeranfeld. Eine Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht ist, wie ich es schaffe den ‚Topf oder die Pfanne genau auf die Kochplatte zu platzieren. Denn diese ist nicht fühlbar. Nun, das war für mich eine reine Übungssache. Anfangs habe ich die Hand um den Topf herumgeführt, um das anhand der Wärme zu kontrollieren. Inzwischen brauche ich das nicht mehr. Es geht buchstäblich im Blindflug.
Wenn ich Nudelwasser oder andere Flüssigkeiten erhitze, höre ich wie weit diese sind. Wenn Flüssigkeiten zu kochen beginnen, blubbern sie. Wie lange meine Nudeln, Kartoffeln oder Reis kochen stelle ich mittels einer Stoppuhr fest, oder koche auch mal nach Zeitgefühl. Bei Milch nutze ich gern einen Milchwächter. Sobald die Milch kocht, beginnt dieser im Topf zu klappern. Das hat für mich den Vorteil, dass ich nebenbei etwas anderes tun kann, anstatt neben der Milch zu wachen, damit sie mir nicht überkocht. Muss ich etwas einrühren, wie z. B. Puddingpulver, Grieß oder Mehl, dann kann ich mit dem Schneebesen oder Kochlöffel fühlen wie Flüssig oder dickflüssig mein Essen geworden ist.
Ähnlich mache ich es beim Braten in der Pfanne. Sowohl Butter oder Margarine, als auch Öl verursachen ein Geräusch, wenn sie heiß werden. Ich höre also sofort wann ich mein bratgut in die Pfanne geben muss. Außerdem riecht heißes Fett, so dass ich es auch kontrollieren kann, wenn ich nebenbei Musik höre. Handelt es sich um größeres Bratgut, wie Schnitzel oder Steak, kontrolliere ich über Geruch und Geräusch ob es gar ist. Auch mein Zeitgefühl und langjährige Erfahrung helfen mir sehr. Muss das Fleisch oder Gemüse gewendet werden, so nehme ich am liebsten einen möglichst breiten und flachen Pfannenwender. Und wenn ich mir unsicher bin, ob das Bratgut drauf bleibt, nehme ich auch mal einen oder zwei Finger zu Hilfe, um es auszubalancieren. Ich bin es gewohnt auch mal heiße Dinge anzufassen. Ich weiß wie man dies tut, ohne sich gleich zu verbrennen.
Seit ich Kinder habe, habe ich mich daran gewöhnt hauptsächlich auf den hinteren Platten zu kochen. Und im Endeffekt empfinde ich es als bequemer. Im vorderen Bereich habe ich dann meine Arbeits- oder Abstellfläche. So kann ich etwas zerkleinern und direkt in die Pfanne oder den Topf geben ohne versehendlich auf den Boden zu kleckern. Denn so etwas wie den Boden wischen ist für mich zeitaufwändiger als für jemand sehendes. Und auch aus Gründen der Sauberkeit gieße ich Nudeln oder Kartoffeln über dem Spülbecken ab.
Kommen wir zum Backofen. Hier mache ich es nicht anders als normal sehende. Auflaufform oder Backform rein, fertig. Gut, ich sehe nicht wie weit mein Kuchen ist. Dafür weiß ich wie es riechen muss. Ansonsten gibt es noch den Trick mit der Gabel, die man hinein sticht. Bleibt noch etwas Teig daran hängen, so bleibt auch der Kuchen noch ein bisschen im Backofen. Ich nutze das gern als Endkontrolle. Den Rest machen meine Erfahrung und mein Zeitgefühl für mich. Ich stelle mir selten eine Stoppuhr. Das mache ich nur, wenn ich weiß, dass ich etwas außerhalb der Küche mache, während mein Kuchen backt. Bevor ich die form aus dem Backofen nehme, sorge ich dafür, dass Platz auf meinem Zeranfeld ist. Ich bevorzuge Backformen aus Silikon. Wenn ich den Kuchen später daraus stürze, kann ich durch die Form erfühlen wie weit sich der ‚Teig daraus gelöst hat.
Es gibt blinde, die so gut wie gar nichts in der Küche machen, und andere, die wesentlich mehr können als ich. Und hier bin ich der festen Überzeugung, dass das bei Nichtblinden genauso ist. Nur dass ein Sehender sich hauptsächlich auf die Optik verlässt, während ich meine anderen Sinne einsetze, um dasselbe Ergebnis zu erzielen.
Ich bin sicher, dass bei dem einen oder anderen weitere fragen zu dieser Thematik aufgekommen sind. Nur zu, wenn Ihr diese stellen mögt. Ich werde diese gern in meinen nächsten Beiträgen beantworten.
Das Bild zeigt einen blinden Mann mit tragbarem Computer, externer Tastatur und Braillezeile. Dieser hat ein Headset im Ohr.
Unter dem Motto „Blinde helfen Gehörlosen“ nahm ich 2014 an einer Informationsveranstaltung zur Fortbildung zum Schriftdolmetscher teil. ‚Uns Interessenten wurde einiges zu diesem vergleichsweise neuen Berufsbild erklärt. Zum Abschluss wurde ein Eignungstest angeboten. Geprüft wurde die Vorlesegeschwindigkeit, die Schreibgeschwindigkeit auf dem Computer und einige andere Kleinigkeiten, die für dieses Berufsbild wichtig sind.
Das Bild zeigt mich an einem See im Hintergrund. Die Sonne scheint und weit hinten stehen Bäume.
Ich bin zu Besuch bei einer Familie. Wir sitzen im Wohnzimmer und unterhalten uns bei einer Tasse Tee. Es ist Herbst und so langsam wird es draußen dunkel. Normalerweise sehe ich besser, wenn es etwas dämmerig wird. Denn ich bin stark Lichtempfindlich. Aber jetzt ist es mir zu dunkel. Ich bitte meine Gastgeber um etwas mehr Licht. Es wird schlagartig still. Irgendwann fragt mein Gastgeber verwundert warum ich denn Licht haben wollte. Schließlich sei ich blind, und für mich sei ohnehin alles dunkel.
Immer wieder begegnen mir solche oder ähnliche Situationen. Daher habe ich dieses Thema für meinen nächsten Beitrag ausgewählt.
Die Arab. Episkopal School ist eine Schule, welche blinde, sehbehinderte und normal sehende Jungen und Mädchen aller Glaubensrichtungen unterrichtet. Sie liegt in Irbid, der zweitgrößten Stadt Jordaniens. Gegründet wurde sie 2003. Das Motto der Schule heißt nicht den Fokus auf die Unterschiede, sondern auf die Gemeinsamkeiten lenken.
Zunächst einmal möchte ich einige Zahlen und Fakten über Jordanien nennen. Diese sind wichtig, um die Zusammenhänge besser zu verstehen.
Jordanien ist etwa dreimal so groß wie Baden Württemberg und hat 9,7 Millionen Einwohner. Irbid ist etwa 90 km nördlich von der Hauptstadt Amman entfernt, und die zweitgrößte Stadt Jordaniens. Hier leben etwa 1,7 Millionen Einwohner und 359.000 syrische Flüchtlinge. Die Gegend um Irbid ist sehr ländlich und die Entfernungen zwischen den mehr als 70 umliegenden Dörfern weit.
In Amman, befindet sich die einzige Staatliche Blindenschule für ganz Jordanien. Hier gehen blinde und sehbehinderte Kinder im Alter von sechs Jahren auf ein Internat. Einen Kindergarten oder andere frühkindliche Einrichtung gibt es nicht. Für die Kinder bedeutet dies, dass sie erst im Alter von sechs Jahren die erste blindengerechte Förderung erfahren dürfen. Viele Familien halten behinderte Kinder im Verborgenen, da diese gesellschaftlich nicht anerkannt werden. Da die Schulpflicht in Jordanien lediglich 6 Jahre beträgt, braucht es eine Menge an Eigeninitiative der Familien, um blinden Kindern den Zugang zu Weiterbildung zu ermöglichen.
Pfarrer Samir Esaid von der anglikanischen Kirche verfolgte eine andere Idee. Er wollte, dass Kinder mit einer Sehbehinderung vom Kindergartenalter an eine Förderung bekommen. Und das sie gemeinsam aufwachsen, lernen und leben kann. Und zwar ohne von ihren Familien getrennt zu werden. Also wurde zunächst einmal ein integrativer Kindergarten ins Leben gerufen. Für die meisten blinden und sehbehinderten Kindern war dies die erste Gelegenheit außerhalb ihrer Familie zu sein und sich Kindgerecht zu entwickeln.
Neben der frühkindlichen Förderung wurde den blinden Kindern auch die Brailleschrift vermittelt. Diese sollte die Kinder in die Lage versetzen gemeinsam mit normal sehenden Kindern dem Unterricht in der Schule zu folgen. Zu den Aufnahmebedingungen der Schule gehört auch, dass ein Familienmitglied ebenfalls die Brailleschrift erlernen muss, um das Kind später in der Schule bei Hausaufgaben zu unterstützen.
Angedacht war, dass die Kinder nach dem Kindergarten auf umliegende Schulen verteilt und inklusiv beschult würden. Nur fand sich keine Schule, die auch die blinden Kinder unterrichten wollte. Daher ging man den umgekehrten Weg. Es wurde eine Schule für blinde Kinder gegründet und für sehende Kinder geöffnet. Bisher ein einzigartiges Konzept in diesem Land. Jedes Jahr kam eine weitere Klasse dazu.
Die meisten blinden oder sehbehinderten Kinder stammen aus ärmlichen Verhältnissen. Daher ist für sie der Schulbesuch kostenlos. Der Unterricht findet auf Privatschulnivo statt, um den Schulbesuch für normal sehende Kinder attraktiver zu machen. Der Rest finanziert sich durch Spenden aus verschiedenen Quellen, unter anderem auch aus Deutschland.
Inzwischen besuchen 256 Kinder die Schule, davon 40 blinde und sehbehinderte. Von 40 Lehrkräften sind 5 blind oder sehbehindert. Außerdem beschäftigt die Schule hauseigene Busfahrer, die die Schüler aus umliegenden Dörfern zur Schule und wieder nach Hause bringen. Weiter wird die Schule durch Volontäre aus Deutschland und Kanada unterstützt.
Ich hörte 2013 zum ersten Mal von dieser Einrichtung. Eine Schulfreundin schickte mir einen Zeitungsartikel zu, in welchem ausführlich darüber berichtet wurde. Kurz darauf erfuhr ich, dass es in den Räumen der Blindenselbsthilfe einen Jordanischen Abend mit arabischem Essen usw. geben würde. Hier wurde der Schulgründer als Referent erwartet. Das machte mich sehr neugierig. Und ich hatte eine ganze Reihe Fragen, die ich ihm stellen wollte.
Und so lernte ich Pfarrer Samir Esaid und seinen Begleiter Diakon Gunter Hell kennen. Es war ein mitreißender Vortrag. Dieser weckte wiederholt den Wunsch in mir bei diesem Projekt aktiv mitzuwirken.
Selbst als blindes Kind arabischer Eltern konnte ich die ‚Situation blinder und sehbehinderter Kinder‘ im ländlichen Irbid nachvollziehen. Nur hatte ich das Glück Eltern zu haben, die mir den Zugang zu Bildung geebnet haben. Sie sind mit mir nach Deutschland gezogen, haben mich mein Abitur machen lassen. Und sie haben sich zu keiner Zeit für meine Behinderung geschämt. Kurz, ich führe ein selbstbestimmtes Leben. Und jetzt hatte ich den Wunsch etwas davon weiterzugeben. Ich wollte dazu beitragen, dass andere blinde und sehbehinderte Kinder, die nicht so viel Glück hatten, mehr Hilfe erhielten.
Die folgenden Tage nutzte ich zur Recherche über die Schule und deren Mitarbeiter und Projekte. All das faszinierte mich so sehr, dass ich nun endgültig beschloss aktiv mitzuarbeiten. Ich traf mich später mit Diakon Gunter Hell und informierte mich darüber was am nötigsten gebraucht wurde. Dabei erfuhr ich, dass den Schülern oft elementare Dinge fehlten, wie eine Punktschriftmaschine. Das ist eine Schreibmaschine für Brailleschrift, bei der man alle Punkte zeitgleich betätigen kann. Sie schrieben oft noch mit Schreibtafeln, bei denen man mit einem spitzen Griffel jeden Punkt einzeln einstechen musste. Die Schule wünschte sich u. a. für jedes Kind ab der dritten Klasse eine eigene Schreibmaschine. Ähnlich stand es mit anderen Hilfsmitteln.
Ich wusste, dass viele Blinde in Deutschland das ein oder andere Hilfsmittel nicht mehr brauchten, oder gegen ein anderes, moderneres austauschten. Also suchte ich gezielt auf einschlägigen Internetseiten nach diesen Hilfsmitteln, die zu kleinen Preisen zum Verkauf angeboten wurden. Manchmal schaltete ich selbst Anzeigen und startete Spendenaufrufe.
Auf diese Weise kamen drei oder vier Punktschriftmaschinen zusammen, die ich 2014 nach Jordanien transportieren konnte. Das war für mich das Highlight nebst einiger Lupen und anderen Hilfsmitteln für den Alltag. Bei der Auswahl der Geräte achtete ich darauf, dass es Dinge waren, die robust oder leicht zu reparieren waren. Denn was nützt einem ein teures Hilfsmittel, welches irgendwann teuer gewartet werden muss?
2015 verließen die ersten Zehntklässler die Arab. Episkopal School. Angedacht war, dass die blinden und sehbehinderten Schüler auf eine weiterführende Schule wechseln, an welcher sie das Abitur machen können. Die leistungsschwächeren Schüler sollten eine Ausbildung machen. Es geht darum diesen jungen Menschen zu ermöglichen einen Beruf zu ergreifen und zum Unterhalt der Familie beizutragen. Bis jetzt konnte dieses Vorhaben aus Kostengründen noch nicht umgesetzt werden. Auch die blinden und sehbehinderten Schüler, die das Abitur schaffen könnten, wurden von umliegenden Schulen nicht angenommen. Wir hoffen, dass dies in nächster Zeit ermöglicht werden kann. Denn die Alternative heißt zuhause bleiben und finanziell von der Familie abhängig zu sein. Und das ein Leben lang.
Ich werde in meinem Blog weiter über dieses Projekt berichten. Für diejenigen, die aktiv helfen möchten. Schreiben Sie mich an, oder schauen Sie auf der Homepage der Schule nach.
Dort können Sie sich auch direkt an den Schulgründer wenden, der sehr gut deutsch spricht.