Ich schreibe auf was du nicht hörst interview mit einem Schriftdolmetscher

Ein Interview mit einem Schrift Dolmetscher über seinen Werdegang, seine Ausbildung und seine Arbeit.

Das Bild zeigt einen blinden Mann mit tragbarem Computer, externer Tastatur und Braillezeile. Dieser hat ein Headset im Ohr.
Unter dem Motto „Blinde helfen Gehörlosen“ nahm ich 2014 an einer Informationsveranstaltung zur Fortbildung zum Schriftdolmetscher teil. ‚Uns Interessenten wurde einiges zu diesem vergleichsweise neuen Berufsbild erklärt. Zum Abschluss wurde ein Eignungstest angeboten. Geprüft wurde die Vorlesegeschwindigkeit, die Schreibgeschwindigkeit auf dem Computer und einige andere Kleinigkeiten, die für dieses Berufsbild wichtig sind.

Auch wenn ich die Voraussetzungen für die Teilnahme erfüllen konnte, habe ich mich für einen anderen Weg entschieden. Dennoch habe ich diesen Ausbildungsgang im Auge behalten und spreche jetzt mit Stefan Müller. Er hat diese Weiterbildung absolviert und arbeitet jetzt als Schriftdolmetscher.
Lydia Zoubek: Stefan, wie bist du zum schriftdolmetschen gekommen?
Stefan Müller: Das war vor 2 Jahren. Da die Firma, in der ich zum Schluss gearbeitet hatte, Pleite gegangen war, musste ich mich beruflich umorientieren. Ich komme ursprünglich aus der Geisteswissenschaft und bin von dort aus in die Softwareentwicklung gerutscht. Während der Arbeitssuche erhielt ich eine Information zum Berufsbild Schriftdolmetscher. Die Beschreibung des Berufsbildes hat mich angesprochen, so dass ich im Dezember 2014 an einer Infoveranstaltung teilnahm. Da ich Lust hatte, mich beruflich zu verändern, habe ich dann die Fortbildung zum Schriftdolmetscher absolviert.
Lydia Zoubek: was ist ein Schriftdolmetscher, und was macht er?

Stefan Müller: Schriftdolmetscher helfen schwerhörigen und ertaubten Menschen bei der Kommunikation im Alltag, etwa in Ausbildung und Studium, bei Arztbesuchen, bei Gericht und Veranstaltungen jeder Art. Sie übersetzen zum Beispiel auch Debatten in Parlamenten.
Lydia Zoubek: Wie funktioniert das genau?
Stefan Müller: Schriftdolmetscher übersetzen lautsprachliche Inhalte wortwörtlich oder zusammengefasst in Echtzeit in Schriftsprache. Damit können die Kunden Live mitverfolgen, was gesprochen wird.

Lydia Zoubek: Wie sieht die Arbeit eines Schriftdolmetschers aus?
Stefan Müller: Ich arbeite überwiegend online d.h. von Zuhause aus. Über eine sogenannte Konferenzsoftware bin ich zum Beispiel im Schulunterricht oder im Studium bei einer Vorlesung eines Kunden direkt Live zugeschaltet. Über eine Mikrofonanlage wird der Ton übertragen, sodass ich hören kann, was etwa der Lehrer, der Dozent oder auch die teilnehmenden sprechen. Dieses übersetze ich dann entweder 1 zu 1 oder zusammengefasst. Den Text kann der Kunde zeitgleich entweder über seinen Laptop oder ein Smartphone lesen. Damit weiß der Kunde, was gesprochen wird. Zunehmend werde ich auch zu vor-Ort-einsetzen gerufen. Hier schaut der Kunde einfach auf den Bildschirm meines Laptops. Bei Veranstaltungen wird der Text per Beamer übertragen.
Lydia Zoubek: Bei deiner Arbeit stell ich mir vor, dass du mitschreibst. Da muss man doch ziemlich schnell sein, um alles festhalten zu können?
Stefan Müller: Das ist richtig. Im Prinzip gibt es 2 Dolmetschmethoden. Die konventionelle Methode d.h. ich schreibe mittels einer herkömmlichen Computertastatur mit oder über eine Spracherkennungssoftware. Um aber mit einer herkömmlichen Computertastatur mithalten zu können, muss man mindestens 450 Anschläge pro Minute schaffen. Für die konventionelle Methode gibt es aber auch verschiedene Stenografien, die man erlernen kann. Ich habe mich für die Spracherkennung entschieden, weil ich festgestellt habe, dass ich schneller sprechen als schreiben kann.
Lydia Zoubek: Stört das die anwesenden Teilnehmer oder Kollegen nicht, wenn du vor Ort dolmetschst?
Stefan Müller: Nein, da kann ich beruhigen. Für Präsenzeinsätze gibt es eine spezielle Sprechmaske, auch Stenomaske genannt. Dabei handelt es sich um eine Gesichtsmaske mit einem hochempfindlichen Mikrofon. Diese Maske kann man sich auch als eine mobile Kabine vorstellen, die den Sprechschall nach außen abschirmt. Zuhause benutze ich ein herkömmliches Headset mit Mikrofon.

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Auf dem zweiten Bild ist Stefan Müller an seinem Arbeitsplatz mit aufgesetzter Sprechmaske zu sehen.

Lydia Zoubek: In welchen Bereichen kommst Du zum Einsatz?
Stefan Müller: Die Themengebiete sind vielfältig. Mal dolmetsche ich eine Vorlesung in Biologie, Pädagogik oder BWL oder einen Schulunterricht in Deutsch oder Geschichte. Dann bin ich bei einer Teamsitzung eines Mitarbeiters zugeschaltet oder vor Ort dabei. Demnächst habe ich einen Einsatz, bei dem es um das Thema Existenzgründung gehen wird.
Lydia Zoubek: Jedes Fachgebiet hat ja seine ganz speziellen Begriffe. Kennst du diese Begriffe alle?
Stefan Müller: Nein, natürlich nicht. Es kann passieren, dass der Spracherkenner nicht alle Begriffe kennt. Die fehlenden Begriffe, muss ich der Spracherkennungssoftware dann beibringen. Entweder bekomme ich von der Agentur das Material zur Vorbereitung zugeschickt oder ich muss die Fachbegriffe recherchieren.
Lydia Zoubek: Wenn man an Menschen mit einer Hörbehinderung denkt, dann stellt man sich die Kommunikation mittels Gebärdensprachdolmetscher vor. Warum braucht man dann noch Schriftdolmetscher?
Stefan Müller: Schriftdolmetscher sind für hörgeschädigte Menschen, die die Gebärdensprache nicht oder nicht ausreichend beherrschen, eine wichtige Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Lydia Zoubek: Was unterscheidet Deine Arbeitsweise von der eines nichtblinden Berufskollegen?
Stefan Müller: Neben einem herkömmlichen Computer arbeite ich mit speziellen Hilfsmitteln, die den Bildschirminhalt sowohl über eine Sprachausgabe als auch über ein spezielles Display in Blindenschrift wiedergeben. Dieses Display wird auch Braillezeile genannt und befindet sich unterhalb der Tastatur.
Lydia Zoubek: In Kombination mit dem Berufsbild Schriftdolmetscher taucht hin und wieder der Begriff Transkribieren auf. Was versteht man darunter?
Stefan Müller: Das Transkribieren von Text ist auch eine Form der Übersetzung. Im Gegensatz zum Dolmetschen, das in der Regel in Echtzeit läuft, wird beim Transkribieren der Text im Nachhinein übersetzt. Dieses Verfahren kommt immer dann zum Einsatz, wenn Mitschnitte von Veranstaltungen oder von Meetings für Protokolle nachträglich bearbeitet werden sollen. Wenn man mit der Spracherkennung geübt ist wie ich, erspart man sich dadurch eine Menge Schreibarbeit. Somit ist es möglich, sich rein auf das gesprochene Wort zu konzentrieren und während des Vorgangs Passagen etwa zusammenzufassen, zu kürzen oder wegzulassen.
Lydia Zoubek: Wie finanziert sich die Arbeit eines Schriftdolmetschers?
Stefan Müller: Schriftdolmetscher arbeiten in der Regel freiberuflich selbstständig oder über eine Agentur. Es gibt auch Fälle einer Festanstellung. Pro Stunde wird ein Honorarsatz vereinbart, der sich in der Regel nach den Kommunikationshilfeverordnungen der einzelnen Bundesländer richtet. So kann es passieren, dass man in Berlin weniger bezahlt bekommt als in Hessen. Wie viel man bekommt, hängt auch davon ab, ob man ein spezielles Zertifikat hat oder nicht. Dieses spezielle Zertifikat kann man zusätzlich zum Beispiel beim deutschen Schwerhörigenbund erwerben. Arbeitet man für eine oder mehrere Agenturen, wird von den Honoraren eine Vermittlungsprovision abgezogen. Wie viel Provision abgeht, hängt von der jeweiligen Agentur ab.
Lydia Zoubek: Welche Voraussetzungen muss man für diesen Beruf mitbringen?

Stefan Müller: Man braucht auf jeden Fall gute Deutschkenntnisse. Wichtig ist auch eine gute Merkfähigkeit. Beim Dolmetschen laufen ja verschiedene Prozesse gleichzeitig ab. D.h. ich muss das gehörte verstehen und direkt weitergeben. Gleichzeitig muss sich das gehörte wiederum verstehen und wieder aufgreifen und umsetzen. Man sollte in der Lage sein, sich in verschiedene Fachgebiete einzuarbeiten. Wichtig ist, dass man sein Vokabular trainiert. Auch gehört eine gewisse Stressresistenz dazu. Von Vorteil ist auch eine gute Mobilität, wenn man bereit ist, auch Außeneinsätze zu übernehmen. Wenn man mit Spracherkennung oder Konferenzsoftware arbeitet, gehört auch eine gewisse technische Affinität dazu.
Lydia Zoubek: Wohin wenden sich Interessierte mit mehr Informationsbedarf?
Stefan Müller: Interessierte wenden sich am besten an die Agenturen. Diese speziellen Stellen haben einen breiten Pool an Dolmetschern zur Verfügung und bieten auch selber aus-und Fortbildungen an. Zu nennen sind hier die Agentur Kombia in Darmstadt und die Agentur Verbavoice in München. Es gibt auch ein Register, in dem sich selbständig arbeitende Schriftdolmetscher eintragen. Daneben gibt es noch kleinere Agenturen, die in verschiedenen Regionen ansässig sind. Wenn man in einer Suchmaschine „Schriftdolmetscher“ und „Agentur“ eingibt, findet man zahlreiche Stellen. Wenn Sie selber eine Veranstaltung planen oder als Arbeitgeber bzw. Arbeitnehmer Schriftdolmetscher benötigen, können Sie sich an die Agenturen wenden oder sie im Register finden. Weitere Ansprechpartner sind zum Beispiel die Integrationsämter, Bundesarbeitsagenturen oder der deutsche Schwerhörigenbund. Blinde und sehbehinderte, die sich für eine Ausbildung zum Schriftdolmetscher interessieren, können sich auch bei Monika Weigand im Berufsförderungswerk Würzburg melden

Lydia Zoubek: Danke Dir Stefan für dieses Interview.

Stefan Müller: gern geschehen.

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

3 Kommentare zu „Ich schreibe auf was du nicht hörst interview mit einem Schriftdolmetscher“

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