Kategorien
Allgemein Alltag

Knuspr schließt blinde Kunden aus – ein Erfahrungsbericht

 Heute Morgen bekam ich eine SMS. „KnusprTeam, bestelle mit heutiger Lieferung und sichere dir 5 Credits! Spare dir das Anstehen mit knuspr.de!“ Eine dieser Nachrichten, die früher bei mir funktioniert haben. Ein kleiner Anstoß, schnell noch etwas zu bestellen, sich den Alltag ein Stück leichter zu machen. Für einen Moment war sie einfach da, diese Erinnerung an einen Service, der für mich lange Zeit genau das war: praktisch, flexibel und ein Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Und dann kam die Realität. Bestellen geht nicht mehr. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich es nicht kann. Die App, die mir genau dieses „Anstehen sparen“ ermöglichen sollte, schließt mich inzwischen vollständig aus.

 

Die App von Knuspr war nie wirklich barrierefrei. Schon vor zwei oder drei Jahren habe ich den Support auf bestehende Probleme hingewiesen. Damals wurde zumindest so weit nachgebessert, dass die App mit der Sprachausgabe irgendwie nutzbar war. Perfekt war sie nie, aber praktikabel.

 

Warum ich trotzdem dort bestellt habe? Der Service passte gut in mein Leben. Der Mindestbestellwert war niedrig, teilweise konnte man sogar ganz ohne Mindestbestellwert bestellen. Die Lieferzeitfenster waren klein und überschaubar, was mir Planungssicherheit gab. Leergut wurde bei der Lieferung direkt wieder mitgenommen. Günstig war der Laden nicht, aber dafür wurde alles frei Haus geliefert, und ich musste mich nicht mit der Frage auseinandersetzen, wie ich allein in einen Supermarkt gehe. Meine Bequemlichkeit wurde dabei durchaus optimal unterstützt.

 

Für einen jährlichen Aufpreis von rund 100 Euro konnte man zusätzlich kleinere Zeitfenster nutzen und noch häufiger ohne Mindestbestellwert bestellen. Genau diese Flexibilität war für mich und viele andere blinde Menschen ein echter Gewinn an Selbstständigkeit.

 

Seit mehr als einem halben Jahr konnte ich in der App nicht mehr nachlesen, welche Zutaten oder Nährwerte ein Produkt enthält. Ursache war ein Update. Mehrere Meldungen an den Support blieben ohne Ergebnis. Auch Hinweise auf weitere Barrieren, die von anderen blinden Nutzerinnen und Nutzern gemeldet wurden, verliefen im Sande.

 

Vor einigen Wochen folgte dann der nächste Schritt. Die App ist für blinde Menschen inzwischen gar nicht mehr bedienbar. Meine Sprachausgabe schweigt mich konsequent an. Buttons, Inhalte und Navigation sind nicht mehr zugänglich.

 

Ich bin damit nicht allein. Es gibt mehrere blinde Kundinnen und Kunden, die regelmäßig bei diesem Shop bestellt haben. Wir alle stehen nun von einem Tag auf den anderen ohne die Möglichkeit da, uns Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen. Erneute Anfragen an den Support blieben auch diesmal unbeantwortet.

 

Ein Blick in die Bewertungen im App Store zeigt eine Durchschnittsbewertung von 4,9 Sternen. Liest man genauer hin, wird schnell klar, dass dort vor allem der Lieferservice bewertet wird, nicht die Bedienbarkeit der App. Barrierefreiheit spielt kaum eine Rolle, weder in den Rezensionen noch offenbar im Unternehmen selbst.

 

Dabei gibt es inzwischen das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Dennoch sehe ich weder konkrete Verbesserungen noch die erkennbare Bereitschaft, sich des Problems ernsthaft anzunehmen.

 

Ich rufe alle Kundinnen und Kunden mit Sehbehinderung dazu auf, aktiv zu werden. Wendet euch an den Support von Knuspr, bewertet die App im App Store ausdrücklich in Bezug auf ihre Bedienbarkeit und macht öffentlich, dass dieser Onlineshop aktuell keine barrierefreie Nutzung ermöglicht. Wer ein kostenpflichtiges Premium-Paket gebucht hat und den Service aufgrund fehlender Barrierefreiheit nicht nutzen kann, sollte sein Geld zurückfordern.

 

Mir geht es nicht darum, einen Shop an den Pranger zu stellen. Es geht darum, darauf hinzuweisen, dass hier eine klare Ausgrenzung von Menschen mit Sehbehinderung stattfindet. Barrierefreiheit ist kein Bonus und kein Zusatzangebot. Sie ist Voraussetzung dafür, gleichberechtigt am Alltag teilzuhaben, auch beim ganz normalen Lebensmitteleinkauf.

 

Weitere Informationen finden sich unter https://www.knuspr.de.

Die App ist im App Store unter https://apps.apple.com/de/app/knuspr/id1448444304 zu finden.

 

Wenn wir jetzt schweigen, bleibt alles so, wie es ist. Wenn wir uns aber äußern, Bewertungen schreiben, Barrieren benennen und unser Recht auf Barrierefreiheit einfordern, machen wir sichtbar, dass Ausgrenzung kein Randproblem ist, sondern etwas, das ganz konkret unseren Alltag betrifft.

Kategorien
Allgemein Sport und Freizeit Zu Gast auf lydiaswelt

Wie aus einem Nein bewegte Inklusion wurde 

Wie aus einer Unterschrift, die niemand leisten wollte, ein digitales Sportangebot für tausende wurde

 

Wenn ich heute auf Bewegte Inklusion schaue, dann sehe ich kein klassisches Gründungsnarrativ. Kein Start-up-Pitch. Kein Businessplan aus der Schublade.

Ich sehe Gespräche am Esstisch. Frust. Kopfschütteln. Und irgendwann diesen einen Satz, der alles verändert hat.

 

Aber der Reihe nach.

 

Eine Geschichte, die mich nicht losließ

2017 erzählte mir meine Mutter Lydia von einem Erlebnis, das mich nachhaltig beschäftigt hat. Sie wollte – wie so viele Menschen – fitter werden und hatte ein betreutes Probetraining im Fitnessstudio vereinbart. Geräte kennenlernen, Wege erklärt bekommen, danach selbstständig trainieren. Eigentlich ganz normal.

 

Doch am Ende sollte sie, weil sie blind ohne Begleitperson trainieren wollte, einen Vertrag unterschreiben, der alles andere als normal war.

Ein Haftungsausschluss, der so weit ging, dass selbst bei einem Unfall durch defekte Geräte keinerlei Anspruch bestanden hätte. Unabhängig davon, ob eigenes Verschulden vorlag oder nicht.

 

Meine Mutter unterschrieb das nicht.

Und ich verstand sofort: Das hatte nichts mit Fitness zu tun. Das war eine Frage von Verantwortung – und von Barrieren, die oft unsichtbar bleiben.

 

Sie schrieb darüber auf ihrem Blog. Die Geschichte machte lokal die Runde, das Fitnessstudio entschuldigte sich. Doch trainieren wollte sie dort nicht mehr. Die Story könnt Ihr im Beitrag Als ich versuchte in einem Fitnessstudio zu trainieren.  nachlesen.

 

Wenn Barrieren das eigentliche Problem sind

Was danach folgte, war fast noch ernüchternder.

Ein Fitnessstudio war nur über eine viel befahrene Straße ohne Blindenampel erreichbar.

Ein anderes lag zwanzig Minuten Fußweg von der nächsten Haltestelle entfernt.

Ein drittes war gut erreichbar – aber die Geräte nur über Touchscreens ohne Sprachausgabe bedienbar.

 

Irgendwann sagte meine Mutter diesen Satz, der mir im Kopf geblieben ist:

 

Der innere Schweinehund ist schon Herausforderung genug.

Aber die Barrieren machen ihn zum kleinsten Problem.

 

Und genau da wurde mir klar: Wir reden hier nicht über Einzelfälle. Wir reden über strukturelle Hürden, die Menschen davon abhalten, etwas so Selbstverständliches wie Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.

 

Vom Kopfschütteln zum Handeln

2022 saßen wir wieder einmal zusammen beim Abendessen. Fitnessstudios kamen zur Sprache. Meine Mutter erzählte die Geschichte erneut – diesmal meinem Mann Max. Ungläubigkeit. Diskussion. Kopfschütteln.

 

Und dann dieser Moment, den ich heute als eigentlichen Startpunkt sehe.

 

Aus „Da müsste mal jemand etwas tun“ wurde:

„Dann machen wir das jetzt.“

 

Was als familiäres Gespräch begann, wurde schnell konkret. Wir wollten wissen: Wie geht es anderen? Wo hakt es wirklich?

Die Rückmeldungen aus einer Umfrage über soziale Netzwerke sowie über die Verteiler der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe waren eindeutig: Der Bedarf an barrierearmen Sportangeboten ist riesig. Das bestehende Angebot reicht nicht ansatzweise aus.

 

Anfang 2023 gründeten wir Bewegte Inklusion.

 

Meine Rolle: von Anfang an mittendrin

Von Beginn an habe ich die inhaltliche Entwicklung der Angebote verantwortet. Meine Ausbildung und Erfahrung in der Physiotherapie und Kursleitung waren dabei zentral: Wie müssen Übungen erklärt sein, damit sie ohne visuelle Orientierung funktionieren? Wie viel Anleitung ist nötig – und wann wird sie zur Bevormundung?

 

Mir war wichtig, dass unsere Angebote nicht als Insellösung wirken, sondern durchdacht, professionell und alltagstauglich sind.

 

Zunächst dachten wir regional. Doch schnell wurde klar: Das Problem existiert nicht nur hier. Es ist überall.

 

Der Schritt in die digitale Welt

Ende 2023 saßen wir wieder am Esstisch.

Die Frage diesmal: Wie erreichen wir Menschen bundesweit?

 

Die Antwort lag nahe: digital.

Aber nicht als Video. Nicht als Bildschirmformat. Hier waren der Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen BSBH und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV uns gute Helfer, um unser Angebot an Menschen mit Sehbehinderung heranzutragen.

 

Audio.

 

Ich übernahm die Projektleitung für das durch Aktion Mensch geförderte Projekt „Fitness zum Hören“. Damit war der Grundstein für die digitale Ausrichtung von Bewegte Inklusion gelegt. Im Beitrag Fitneskurse zum Hören nachzulesen.

 

Audio statt Bildschirm. Freiheit statt Abhängigkeit.

Heute verbindet Bewegte Inklusion verschiedene digitale Angebote:

 

Eine Fitness-App mit reinen Audiokursen und begleiteten Live-Kursen.

Alle Kurse gibt es in zwei Versionen: eine ausführliche mit detaillierten Erklärungen und eine kürzere für alle, die einfach ins Schwitzen kommen wollen.

 

Live-Kurse schaffen zusätzlich Raum für Austausch, Rückfragen und Motivation.

Aktuell arbeiten wir außerdem an digitalen Sportevents und an der Entwicklung kassenzertifizierter Präventionskurse.

 

Das Ergebnis? Nicht nur mehr Bewegung, sondern mehr Selbstbestimmung.

Eine Nutzerin sagt sinngemäß:

„Endlich kann ich meiner Liebe zur Bewegung nachgehen, ohne auf andere angewiesen zu sein.“

Eine andere Rückmeldung aus den Live-Kursen:

„Ich bleibe zum ersten Mal wirklich dran – weil ich mich gesehen fühle und nicht allein trainiere.“

Und spannend: Immer mehr sehende Menschen entdecken Audiofitness für sich.

Lisa sagt:

„Meine Bildschirmzeit ist schon hoch genug. Beim Sport tut es gut, mal nicht draufzuschauen.“

Tanja ergänzt:

„Mit Kindern ist Audiofitness Gold wert. Keine zusätzliche Bildschirmzeit – und ich kann im Pyjama trainieren, ohne mich schlecht zu fühlen.“

 

Was mich besonders freut:

Nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen nutzen unsere Angebote. Immer mehr sehende Menschen entdecken Audiofitness für sich – weil sie weniger Bildschirmzeit wollen, flexibler trainieren möchten oder Bewegung besser in ihren Alltag passt.

 

Was wir gelernt haben

Bewegung braucht keine perfekten Räume.de

Keine Hochglanzstudios.

Und keine Verträge, die niemand unterschreiben möchte.

 

Sie braucht Zugang.

Sie braucht Flexibilität.

Und sie braucht Angebote, die sich an echten Lebensrealitäten orientieren.

 

Genau daran arbeiten wir bei Bewegte Inklusion – jeden Tag. Und zwar mit denen, die unser Angebot nutzen auf Augenhöhe.

 

Wenn du neugierig geworden bist, selbst ein barrierearmes Bewegungsangebot suchst, kooperieren möchtest oder als Förderpartner nachhaltige Wirkung erzielen willst:

Sprich uns an, oder schreibe eine E-Mail an info@bewegteinklusion.de.

Und so findest Du uns im Netz der Netze:
Webside ,
Facebook ,
Instagram ,
YouTube ,
– Tiktok ,
linkedin .

Denn Sport sollte kein Privileg sein.

Sondern eine Möglichkeit für alle, die Sport treiben möchten.

Kategorien
Allgemein

DHLPackstation, für Blinde gibts hier nix zu holen

Es ist Mitte Januar. Das ist die Zeit, wo ich über Pflanzen nachdenke, die ich evtl. am Fenster ziehen möchte. Also stöbere ich im barrierefrei bedienbaren Onlineshop meines Vertrauens, und lasse mich dazu hinreißen ein paar Kräuterpflanzen zu bestellen.

Als sie zugestellt werden, bin ich nicht zuhause. Normalerweise werden Pakete bei Nachbarn abgegeben, oder ich bekomme eine E-Mail, dass ich sie in einer Filiale von DHL abholen muss. Soweit, so gut. Nur diesmal überrascht DHL mich damit, dass meine Bestellung in einer nahegelegenen Packstation liegt.

Packstationen sind der schrecken aller blinden Paketempfänger. Denn sie sind komplett unzugänglich für unseren Personenkreis. Und zum Glück war dieser Kelch bisher an mir vorüber gegangen.

Normalerweise hätte ich jetzt den Versender angeschrieben, ihm mein Problem geschildert, und ihn gebeten eine weitere Zustellung zu veranlassen. Und wenn das nicht geht, dann geht die Ware eben zurück an den Versender. Aber so etwas dauert. Es ist Donnerstagabend, und in dem Paket sind Pflanzen. Ich kenne die Temperatur der Packstation nicht, und draußen ist es bitter kalt. Also stelle ich mich der Herausforderung. Ich mag es nicht, wenn Pflanzen erfrieren.

Ich finde heraus, dass die Packstation zum Isenburg Zentrum gehört. Und ich stelle fest, dass sie im Warmen ist. Okay, das ist noch mal gut gegangen. Eine sehende Begleitung, die mir heute helfen kann, treibe ich so kurzfristig nicht auf.

Ich stelle mich in der Nähe der Packstation auf, und spreche Passanten an. Die meisten davon können mir nicht helfen. Endlich treffe ich auf einen Herrn, der selbst etwas aus der Packstation holen muss. Auch für ihn ist es das erste Mal.

Er liest auf dem Bildschirm, dass man diesen berühren muss, um zu starten. Anschließend muss man den Code, den man in der E-Mail oder Paketschein hat, scannen. Dabei ist sogar ein Geräusch zu hören. Anschließend soll man Vor- und Nachname über den Touchscreen eingeben. Damit hat der Mann Schwierigkeiten, weil die Tastatur sehr träge reagiert. Nach einem Klick auf weiter, muss man mit dem Finger auf dem Bildschirm unterschreiben und das über einen #Schalter bestätigen. Auf dem Bildschirm wird die Meldung ausgegeben, dass man jetzt sein Paket aus dem Fach entnehmen soll. Fächer gibt es ganz Viele. Also sollte man möglichst alle im Blick behalten. Ich denke, dass wir beide eine gute Viertelstunde damit beschäftigt waren, bis wir beide Sendungen aus der Packstation befreit haben.

DHLPackstationen verfügen über keine Sprachausgabe. Damit haben blinde Menschen keine Chance ihr Paket eigenständig rauszuholen. Dabei ist es technisch sicher kein Hexenwerk dafür zu sorgen, dass blinde und auch lesebehinderte Personen die Geräte bedienen können. Bei vielen Geldautomaten geht es doch auch. Wie sind Eure Erfahrungen mit Packstationen? Habt ihr, speziell meine blinden Leser, eine Möglichkeit gefunden damit zurecht zu kommen? Schreibt es gern in die Kommentare.

Kategorien
Allgemein Zu Gast auf lydiaswelt

Als ich nach einem Therapieplatz in einer Tagesklinik suchte

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits die Beiträge Ich höre Eure Blicke nicht, Ehrenamt oder auch mal nicht und blind schminken für mich geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches gern totgeschwiegen oder bagatellisiert wird, nämlich die Suche nach einem Therapieplatz als blinde Frau.
Kliniken lehnten mich wegen meiner Blindheit ab

Triggerwarnung:
In diesem Beitrag geht es um schwere Depressionen und unterlassene Hilfe

Als ich nach einem Therapieplatz in einer Tagesklinik suchte, erhielt ich Aufgrund meiner Blindheit immer wieder Absagen. Dabei hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. „Oh, Sie sind blind!? Nein, dann können wir Sie nicht aufnehmen!“ Mit diesen Worten ließ man mich mehrfach ratlos am anderen Ende der Leitung zurück. Die Erklärungen waren immer ähnlich: Man habe nicht genug Personal, um mich als blinde Patientin zu betreuen. Ich könne viele therapeutische Angebote nicht wahrnehmen. Es gäbe zu viele Treppen in der Klinik. Durch Mobbing am Arbeitsplatz hatte sich bei mir eine schwere Depression entwickelt. Ich hatte psychische Erkrankungen zuvor nicht gekannt und versuchte lange, meinen Optimismus nicht zu verlieren. Ich konnte jedoch kaum noch Schlafen und Essen, fühlte mich wie in einer eisernen Klemme und in ständiger Todesangst. Auch wenn ich die Fassade so gut es ging für Außenstehende aufrechterhielt, für meine Lieben war ich nur noch ein Schatten meiner selbst.
Nach wiederholter Krankschreibung wurde ich vom Medizinischen Dienst (MDK) begutachtet. Man riet mir dringend, mir so schnell wie möglich einen Platz in einer Tagesklinik zu suchen. Ich war bereits zu krank für eine Psychotherapie, die nur einmal wöchentlich stattfinden würde und war auf tägliche psychologische Hilfe angewiesen. Auch wenn es zunächst ein Schock für mich war, dass es mich so schlimm erwischt hatte, flammte Hoffnung in mir auf. Vielleicht würde ich meinen Lebensmut zurückerlangen können und wieder gesund werden. Ich konnte nicht ahnen, dass ich im Hilfesystem dann auf so viele verschlossene Türen stoßen würde.
Ich begann verschiedene Einrichtungen abzutelefonieren und sah mich plötzlich mit massiven Berührungsängsten bezüglich meiner Blindheit konfrontiert. Immer wieder musste ich mich erklären, was meine Orientierung und Selbstständigkeit betraf. Als Sozialpädagogin hatte ich viele Jahre in einem helfenden Beruf gearbeitet. Nun war ich auf Hilfe angewiesen und bekam keine. Aufgrund einer unheilbaren Netzhauterkrankung bin ich schleichend erblindet. Ich komme damit im Alltag gut zurecht. Mein Problem war nicht die Blindheit, sondern meine Depression. Und mit jeder Absage wurde meine Verzweiflung größer.
Meine engen Vertrauten waren ratlos und hatten Angst, mich zu verlieren. Nach intensiver Suche begleitete mich mein Vater zu einem lang ersehnten Gespräch in eine teilstationäre Einrichtung, in der ich mich endlich als blinde Patientin vorstellen durfte. Ich ertastete die Umgebung, wir hatten ein gutes Gefühl. Doch einen Tag vor Therapiestart sagte man mir das lang ersehnte Bett wieder ab. Man habe nicht genug Kapazitäten für eine blinde Person im Haus. Meine Eltern konnten es nicht fassen. Sie waren für ein paar Tage verreist, da sie mich in sicheren Händen wähnten und auch etwas Kraft schöpfen wollten in der schweren Zeit. Obwohl ich innerlich längst am Strick hing, hieß es nun wieder warten, wieder auf ein Gespräch hoffen, wieder erklären, bitten, kämpfen.
Schließlich bekam ich dann doch noch den Platz, aber mir wurden viele Therapien verwehrt. Es gab spürbare Zerrissenheit in den Teams. Einige Therapeut*innen schickten mich konsequent weg, weil sie keine Ideen hatten, wie sie mich als blinde Patientin einbinden sollten. Einzelne waren wirklich kreativ und zeigten, dass es durchaus möglich war. Auch beim Pflegepersonal gab es einige offene Menschen, ein großer Teil war jedoch extrem befangen. Dabei bemühte ich mich trotz meiner schlimmen Situation, möglichst unkompliziert zu sein, um Vorurteile abzubauen. Das führte zur Überkompensation, denn wie alle anderen war ich krank und brauchte Hilfe. Manche vermieden es, mich zu führen oder mir etwas zu erklären, ich traute mich dann nicht zu fragen, weil ich nicht aufwändig sein wollte. Da ich so viele Therapien nicht mitmachen durfte, verbrachte ich viel Zeit auf meinem Zimmer und rutschte tiefer in die Depression. Nun war ich schon in diesem Auffangbecken und konnte kaum teilhaben. Tag für Tag wurde ich suizidaler, sprach aber nicht darüber. Ich hatte Angst, wegen meiner Blindheit wieder entlassen zu werden.
Das passierte dann auch, aber aus anderen Gründen. Leider gab es auf unserer Station einen Viruseinbruch. Das war vor Corona, hat aber für mich ähnlich weitreichende Folgen, wie für viele Betroffene heute Post Covid. Alle Patient*innen, die es erwischt hatte, wurden entlassen, um die anderen nicht anzustecken. Mich hatte es besonders schlimm getroffen, da ich als blinde Person viel mit den Fingerspitzen erfassen musste und daher intensiv mit den Infektionsquellen konfrontiert war. Meine Mitpatient*innen waren erschüttert, in welchem Zustand mich mein Partner aus der Klinik schleppte. Man hatte ihn angewiesen, zuhause keinen Notarzt zu rufen, da ich ja offiziell noch im Krankenhaus war. Aus heutiger Sicht ein Skandal! Aber auch meine Angehörigen hatten Angst etwas falsch zu machen und wollten den Klinikplatz nicht riskieren. Ich kollabierte mehrfach, zog mir schlecht heilende Schürfwunden zu, meine hoch angesetzten neurologischen Medikamente, auf die ich angewiesen war, blieben nicht im Körper, ich hatte heftige Entzugssymptome und keinen Tropf. Zu der schweren Depression gesellte sich nun noch ein komplizierter Virusverlauf.
Ich, die ewige Kämpferin, war nun wirklich am Ende angekommen. Ich war so verzweifelt, dass ich auf eine psychiatrische Intensivstation gebracht werden musste. Dort wurde ich mehrere Monate gut betreut. Allerdings waren die Torturen mit dem Viruseinbruch auch körperlich nicht ohne Folgen geblieben. Ich leide noch heute unter Fibromyalgie mit Fatigue, das ist eine schwere Schmerzerkrankung, die mit starker Erschöpfung einhergeht. Außerdem stellte sich ein heftiger Tinnitus ein, so dass ich im Anschluss einen Platz in einem Tinnituszentrum suchte. Erneut stieß ich auf Ablehnungen in mehreren Spezialeinrichtungen bei insgesamt fünf Trägern. Wieder sagte man mir, für Blinde sei das Zentrum nicht ausgestattet. Zum Glück fand ich irgendwann doch eine Verhaltenstherapeutin, die sich auf Tinnitus spezialisiert hatte und sich von meiner Blindheit nicht abschrecken ließ. Das zu erleben hat mir wieder Mut gemacht!
Seit einigen Jahren setze ich michals Inklusionsbotschafterin dafür ein, dass psychische Erkrankungen bei Menschen mit Behinderung nicht zu einer doppelten Ausgrenzung führen. Und ich möchte noch einen Schritt früher ansetzen und Mobbing gegenüber Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz sichtbar machen, welches oft Auslöser für Depressionen ist. Ich durfte inzwischen auch immer wieder inklusionsbereite Therapeut*innen kennenlernen. Leider werden Behinderte Menschen aber noch immer regelmäßig von Rehakliniken ganz verschiedener medizinischer Fachrichtungen abgelehnt, nicht nur in der Neurologie und Psychiatrie. Im Corona-Kontext haben viele Menschen mit Behinderung darum gekämpft, nicht im Rahmen einer Triage aussortiert zu werden. Aussortierung findet aus meiner Sicht bereits statt, wenn wir keinen Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen. Mir ist das bereits passiert, als das Wort Triage noch niemand von uns kannte. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig traumatisiert. Ich möchte über diese Missstände aufklären, damit anderen Menschen mit Behinderungen zukünftig hoffentlich solche schlimmen Erfahrungen erspart bleiben.

Ich danke Dir, liebe Jenny, dass Du Deine Erfahrungen mit uns geteilt hast. Und ich lade Euch, liebe Leser, dazu ein in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Kategorien
Allgemein unterwegs

KFC schafft Barrieren für blinde Gäste

Heute möchte ich von einem Erlebnis berichten, das mich ganz schön geärgert hat.

Am 04.08.2022 beschloss ich in Frankfurt an der Hauptwache zu KFC zu gehen. Draußen war es zu heiß zum Sitzen, während es dort klimatisiert war. Und eine Schlange gab es zu diesem Zeitpunkt auch nicht.
Früher habe ich mich in die Warteschlange gestellt, den Mitarbeitern meinen Wunsch genannt, bezahlt und darum gebeten mir die Bestellung an den Tisch zu bringen. In der Regel ging das problemlos.
Seit einiger Zeit gibt es dort Bestellterminals. Dort wählt man seine Bestellung aus, bezahlt und bekommt einen Beleg über die Bestellung. Diese kann man dann an der Theke abholen. Die Terminals sind für blinde Gäste nicht ohne Hilfe bedienbar. Anfangs konnte man seine Bestellung noch parallel zum Terminal bei den Mitarbeitern aufgeben und auch dort bezahlen. Irgendwann ging das nicht mehr. Es stand manchmal ein Mitarbeiter dort, der behilflich war. Damit konnte ich erst mal leben. Eine E-Mail an KFC mit dem Hinweis, dass der Bestellvorgang blinde Menschen ausschließe, blieb unbeantwortet.
Am besagten 04.08.2022 war kein Mitarbeiter am Terminal. Also stellte ich mich in die Schlange vor dem Tresen und sagte der Mitarbeiterin was ich haben wollte. Sie bestand auf die Bestellung über das Terminal. Ihre Kenntnisse der deutschen Sprache waren so unzureichend, dass es eine Weile brauchte, bis sie verstand, dass ich das Terminal nicht bedienen konnte. Irgendwann begleitete sie mich, und wir bekamen die Bestellung hin.
Jetzt ging es darum die Bestellung an einen Platz zu bekommen. Es brauchte etwas Kreativität, um der Dame zu erklären, dass ich die Nummer auf der Bestellung nicht selbst lesen kann, und dass ich Hilfe brauchte, um eben diese Bestellung an einen Tisch zu bekommen. In fremder Umgebung mache ich das nicht selbst. Sie wollte mir einen Platz zeigen, und deutete die ganze Zeit irgendwohin. Auch als ein anderer Gast ihr versuchten zu vermitteln, dass sie mir den Platz zeigen oder mit mir reden sollte, änderte sich nichts. Gut, am Ende fand ich einen Platz.
Ich war danach so genervt, dass ich am Abend den folgenden Post auf Facebook verfasste, wobei ich KFC markierte. „KFC, habt Ihr Euch mal Gedanken darüber gemacht, dass Euer Bestellterminal für blinde Gäste nicht zugänglich ist? Gepaart mit Mitarbeitern, die kaum Deutsch verstehen, fühle ich mich hier nicht mehr wohl. #barrierefrei, und #Kundenfreundlich sieht anders aus. #Ausgrenzung, #blind, #sehbehindert, #KFC, #Behindernisse.“
Da ich noch einen ähnlichen Post auf der Seite abgesetzt hatte, wurde ich gebeten eine Nachricht an KFC zu schreiben. Also tat ich das. Am 06.08.2022 schrieb mir KFC folgendes zurück: „06.08.
KFC, Hi Lydia,
vielen Dank. Wir haben dein Anliegen intern weitergeleitet und unsere Kollegen*innen werden sich zeitnah bei dir melden.
Dein KFC Social-Media-Team“
Heute schreiben wir den 22.08.2022 und ich habe noch nichts von denen gehört. Wertschätzung dem Kunden gegenüber sieht für mich anders aus als mit einem Textbaustein zu antworten und das war’s.
Immer mehr Anbieter setzen Bestellterminals ein. Diese sind für Menschen mit Sehbehinderung eine Barriere. Erst recht, wenn es keine Alternative gibt. Würden diese mit einer Sprachausgabe ausgerüstet, dann wären sie auch für unseren Personenkreis eigenständig bedienbar.

Welche Geschäfte machen Euch bei der Bedienung Schwierigkeiten? Schreibt es bitte in die Kommentare. Lasst uns mal ein bisschen sammeln.