Wahrheit oder Einschaltquote

Ich stehe in Frankfurt und warte auf meine S-Bahn, als mein Handy klingelt. Am anderen Ende der Leitung eine Journalistin, die gern einen Beitrag zum Thema Blindheit machen möchte. Mit genauen Vorstellungen vom Ablauf. Sie möchte mich besuchen und einen Tag lang mit verbundenen Augen begleiten. Vorher solle ich sie noch in den Gebrauch des Blindenstocks einweisen. Und wir müssten bereits übermorgen drehen, da sie zeitliche Vorgaben bezüglich der Fertigstellung ihres Beitrags habe.
Ich bin einen Moment lang sprachlos, und fühle mich an ein paar Videos dieser Art auf YouTube erinnert. Und so erkläre ich meiner Gesprächspartnerin, dass ich für solche auf Sensation ausgelegten Beiträge nicht zur Verfügung stehe, aber gern dabei bin, wenn es um Beiträge geht, die der Aufklärung dienen.
Stille. Dann fängt es am anderen Ende der Leitung an zu stottern. Anschließend folgen die Rechtfertigung und die Erklärung, dass es doch nur ein Selbstversuch sei. Ich gebe der Dame noch ein paar hilfreiche Tipps mit auf den Weg, und beende das Telefonat.
Ich habe immer wieder gern Interviews gegeben, Gastbeiträge geschrieben oder andere öffentlichkeitswirksame Aktionen unterstützt. Einmal wurde ich eine Woche lang durch einen Journalisten begleitet. Alles kein Ding. Aber solche Dinge wie sensationshungrigen Fernsehtourismus unterstütze ich nicht. Das hat mehrere Gründe. Einmal erinnert es mich an ein Tier im Zoo, dass für viel Geld zur Schau gestellt wird. Es gibt ein YouTube-Video, in dem sehende Leute mit verbundenen Augen durch einen Supermarkt gehen, wahllos irgendwas aus den Regalen nehmen und sich zuhause ansehen was sie da gekauft haben. Denn Blinde sehen schließlich nicht was sie einkaufen. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich mir gut vorstellen kann, dass die Kernaussage eines solchen Beitrags lautet: Für einen Tag blind, so hilflos habe ich mich gefühlt. Oder, ein Tag in völliger Dunkelheit, gut dass ich wieder Sehen kann.
Es reicht nicht aus einem blinden Menschen einen Blindenlangstock in die Hand zu drücken und zu sagen: So, jetzt mach mal. Das braucht lange Übung, um sich damit zuverlässig orientieren zu können. So eine Übung für jemanden der sieht möchte ich also lieber nicht blind im Straßenverkehr begleiten. Jedenfalls nicht ohne kundige Assistenz. Ich würde einem Eintagsblinden auch ganz sicher nicht mein scharfes Küchenmesser in die Hand drücken und ihn zum Schnibbeln von Gemüse auffordern, geschweige denn an meinen Herd lassen.
Ich habe immer wieder Projekte an Schulen begleitet, wo Menschen mit Behinderung entsprechende Übungen mit Schülern gemacht haben. Dies geschieht im abgesicherten Raum, und ist bei guter Vor- und Nachbereitung eine sinnvolle Sache mit nachhaltiger Wirkung.
Was Fernsehsendungen angeht, so schaue ich mir die Leute, denen ich etwas erkläre, etwas genauer an. Ich möchte wissen was sie oder er mit dem jeweiligen Beitrag bezwecken wollen.
Ich erinnere mich an ein Team eines privaten Fernsehsenders, die mit blinden Eltern drehen wollten. Ich war damals noch unerfahren. Daher habe ich nicht gleich kapiert, dass die beiden Mitarbeiter bereits genauere Vorstellungen hatten, und wir quasi die Schauspieler für einen vordefinierten Beitrag waren.
Vielleicht braucht es solche Erfahrungen, um daraus zu lernen.

ICH möchte diesen Kommentar mit einem positiven Ergebnis abschließen. Vor ein paar Monaten schrieb mich ein Journalist an, der mich auf einem Stadtspaziergang durch meine Heimatstadt begleiten wollte. Sein Thema waren Barrieren für blinde Fußgänger im Straßenverkehr. Ich nahm mir viel Zeit für ihn, er stellte ganz viele Fragen und schickte mir unaufgefordert einen Link zum Artikel, der echt gut war. Erlebnisse wie dieses motivieren mich dazu an Aktionen teilzunehmen, die die Situation behinderter Menschen realistisch darstellen.

Dieser Beitrag wurde am 15.01.2019 im Newsletter von Raul Krauthausen veröffentlicht. Dieser erscheint an jedem Dienstag mit Hand verlesenen Links rund um Behinderung und Inklusion. Danke für die Erlaubnis ihn auch hier noch mal posten zu dürfen.

4 Antworten auf “Wahrheit oder Einschaltquote”

  1. Ja, liebe Lydia,

    auch ich bin relativ oft in den Medien und lehne solche journalistischen Sensationsbeiträge ab. Ich weiß momentan gar nicht, was eigentlich los ist. Irgendwie will gefühlt im Augenblick jeder Journalist mal blind sein. Ich hatte in letzter Zeit mehrere solche Anfragen, die ich aus denselben Gründen ablehnte, wie Du.

    Schon alleine wegen meiner Astronomie versuchen immer wieder Reporter mich vor einen Karren der Sensationsmache zu spannen. Nicht mit mir. Mir gehen diese Menschen mit ihrer Selbsterfahrung etc. gewaltig auf die Nerven. Blind sein ist kein cooles Abenteuer, sondern etwas, dem wir uns jeden Tag neu stellen müssen.

    Und wer nicht einmal täglich seine Blindheit Scheiße findet, lügt sich irgendwie in die Tasche, oder ich beneide ihn sehr.

    Nicht, dass ich damit meine, dass ich jeden Tag einmal trübsinnig darüber wäre, blind zu sein. Nein, das bestimmt nicht, aber manchmal nervt es einfach.

    Und für Kinder ist diese Erfahrung in jedem Falle sehr nützlich und kann nachhaltig wirken und prägen.

    Wenn wir an der Uni Kinderuniversität haben, dann lasse ich die Kinder schon auch mal unter der Augenbinde Wasser einschenken. Dieser Nachmittag ist immer in den Schulferien. Da macht dann die Spritzerei sogar Spaß. Fühlkisten, in denen ich Sachen verstecke, sind auch immer nett. Da die Augen dabei offen bleiben, ist klar, dass es hier nicht darum geht, blind zu sein, sondern einfach nur um den Tastsinn und diese Wahrnehmung.

    Ach, da fällt mir ein, dass ich mal einen Journalisten nebst Photographen bei so einer Veranstaltung aus dem Büro geworfen habe. Er meinte, er könne die Kinder, wie Figuren so stellen, dass es ihm in seine verdammte Kamera passt. Ich finde es erbärmlich, wenn ein Photograph nicht so gut ist, dass er spontan Bilder von Kindern machen kann. Drei mal habe ich ihn gewarnt… Das wurde mir nachher noch angekreidet, dass ich den angeblich besten Bildermacher der Uni rausgeworfen habe. Ich muss aber mit den Kindern arbeiten und lasse mir niemals von so einem unsensiblen, respektlosen sehenden Sensationsmacher rein pfuschen.

    Ja, das hat schon manchmal etwas von einem bunten Zirkuspferd, wenn man eine Einschränkung hat.

    Hier noch ein Zitat von Christian Morgenstern aus „Die Sklavenmoral“.

    Brillen Brillen, gebt uns Brillen,

    schwarze, weiße, gelb und rot,

    reines Licht ist für Pupillen uns’rer Art der sich’re Tot.

    Gefällt 2 Personen

    1. Mir sind alle Medienmacher willkommen, die zu einem sinnvollen Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung beitragen. Diese Beiträge verlinke ich dann auch auf meiner Seite. Das mache ich,um diese hervorzuheben.

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  2. Natürlich ist das mit einer Behinderung nicht zu vergleichen, aber mich nerven die Reporterinnen, die mal einen Tag lang die unterdrückte Muslima spielen wollen. Da wird dann auch kein Kopftuch, sondern gleich Niqab getragen. Man geht auch nicht durch die Stadt, sondern Abends auf die Reeperbahn, um die heftigsten Reaktion zu bekommen. Der Nutzen von solchen Reportagen tendiert gegen Null.

    Gefällt 1 Person

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