Auch Blinde haben mal schlechte Laune

Es ist Sonntag und später Nachmittag. Am Abend findet eine Familienfeier statt, für die ich mich noch fertig machen muss. Am Nachmittag hatte ich ein Treffen in Friedberg, die SBahn habe ich nur bekommen, weil sie Verspätung hatte, und ohnehin bin ich eine Stunde später als ursprünglich geplant zuhause. Kurz, ich bin voll im Stress. Und weil im Linienbus mal wieder die Ansage der Haltestellen abgeschaltet war, bin ich auch noch zu weit gefahren. Gut, dass mir der weg vertraut ist.

Ich gehe sehr zügig meinen Weg. Plötzlich taucht in meinem eingeschränkten Blickfeld ein Mensch auf, der langsamer unterwegs ist als ich. Ich versuche zu überholen, geht aber nicht, da dieser Mensch in dieselbe Richtung ausweicht wie ich. Meine Bitte mir Platz zu machen wird entweder nicht gehört oder einfach ignoriert. Aber ich will jetzt hier vorbei! Also weiche ich auf den Fahrradweg aus. Plötzlich werde ich von einem Arm aufgehalten, der sich mir ausgebreitet in den Weg legt. Und das in Brusthöhe. Das tut ganz schön weh. Geht’s noch? Fast hätte ich mich auf die Nase gelegt. Und als ob das nicht ausreicht kommt die weibliche Stimme aus dem Hintergrund und mault mich an: „Machen Sie langsam, sie sehen doch nix“. Dabei krallt sich eine zweite Hand in meine Jacke.

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Helfen oder lieber nicht?

Frankfurt, S-Bahnstation Ostendstrasse. Es ist Samstag später Nachmittag, als ich aus der SBahn Steige und zügig in Richtung Rolltreppe aufwärts gehe. Ich mag diese Station nicht, und sehe daher zu, dass ich sie möglichst schnell hinter mich lasse. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und hatte bis eben noch einen historischen Krimi auf den Ohren. Als ich auf der Rolltreppe stehe, nehme ich wahr, dass ich mit einem Fuß zwischen zwei Treppen stehe. Ich tue nichts dagegen, da es mich nicht stört. Plötzlich fühle ich wie mich jemand links und rechts an den Hüften packt. Instinktiv hole ich mit einem Arm aus, nach dem Motto „Erst schlagen, dann fragen“. Schließlich weiß ich nicht warum ich hier gepackt werde. In diesem Moment höre ich eine weibliche Stimme sagen: „Ich habe Sie nur mal richtig hingestellt. Sie standen zwischen zwei Stufen.“ Ich glaube, wir waren beide ziemlich erschrocken.

Dieses Beispiel bringe ich oft an, wenn ich gefragt werde ob man einem Blinden helfen soll oder nicht.

Die Dame hat gesehen: Da ist eine blinde Frau, die falsch auf der Rolltreppe steht. Sie ist vermutlich von ihrem eigenen Empfinden ausgegangen, gepaart mit dem Gedanken: Wenn ich jetzt die Augen zu mache, könnte ich nicht sehen, dass ich zwischen zwei Stufen stehe. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man auch fühlt wie und wo man steht. Und da hat sie mal eben zugepackt, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie uns beide in Gefahr bringen könnte.

Ich finde es gut, wenn mir Menschen ihre Hilfe anbieten. Das lässt mir die Wahl die Hilfe anzunehmen oder nicht. Bekomme ich diese Hilfe aber regelrecht aufgedrückt, dann werde ich auch schon mal ungemütlich. Ich mag es z. B. überhaupt nicht, wenn man mich ungefragt anfasst oder wenn man versucht für mich zu denken, nur weil ich blind bin. Ich habe ein Problem mit den Augen, nicht mit dem Hirn.

Wenn ich Hilfe angeboten bekomme, und diese annehme, dann ist es auch meine Aufgabe meinem Gegenüber zu sagen welche Hilfe ich brauche. Schließlich bin ich hier die Expertin für meine Behinderung. Im Klartext heißt das, dass ich alt genug bin selbst einzuschätzen wann und wo ich mir helfen lassen möchte.

Also, wenn Ihr das Gefühl habt, dass jemand in Eurer Nähe Hilfe braucht, dann macht Euch bemerkbar und fragt einfach. „Kann ich helfen“, „Brauchen Sie Hilfe“ oder wie auch immer. Nur bitte redet mit einem Blinden. Der sieht das nicht, wenn Ihr ihn fragend anschaut. Und er wird sich erschrecken, wenn Ihr ihn ungefragt anfasst und versucht ihn irgendwohin zu schieben.

Es gibt Situationen, da möchte ich keine Hilfe annehmen. Das liegt vielleicht daran, dass ich alleine klarkomme, mir einen Weg erarbeite, oder einfach nur auf jemanden warte und nur deshalb an einem Ampelpfosten stehe. Das hat also nichts mit dem Anbieter der persönlich zu tun, sondern ausschließlich mit mir.

Es gibt aber auch Situationen, die ich einfach nur nervig finde. Das sind Fragen und Floskeln wie: „Kann man da nichts machen“? „Sie tun mir so leid“. Oder „Ich finde das toll, wie Sie ihr schweres Schicksal meistern“. Mal ehrlich: Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn jemand so etwas zu Euch sagt, den Ihr gerade mal 2 Minuten lang kennt?

Zum guten Schluss möchte ich ein Phänomen erwähnen, dass viele Blinde immer wieder erleben. Nämlich dass manche normal sehenden meinen besonders laut und deutlich mit uns sprechen zu müssen. Ich bin sehbehindert und nicht taub.

Im vergangenen Sommer war ich im zwei Minuten entfernten Einkaufszentrum. Als ich wieder draußen war, regnete es in Strömen. Also stand ich erst mal unter der Überdachung und überlegte, ob ich den Regenguss abwarten und trocken nach hause komme, oder ob ich lieber durch den Regen renne und mich dann umziehe. Ich hatte mich extra an die Seite gestellt, um niemandem im Weg zu stehen. Auf einmal brüllte mir ein Herr ins Ohr: „Also, Sie sehen es nicht. Deshalb sage ich es Ihnen. Es regnet.“ Nun, was soll ich sagen? Meine Facebookfreunde hatten viel Spaß mit dieser Geschichte. Denn schließlich ist geteilte Freude auch doppelte Freude.