Nicht ohne meinen Stock

Auf dem ersten Bild binn ich mit meinem weißen Langstock zu sehen. Es zeigt die Haltung beim Laufen. Während der Stock nach links pendelt, geht der rechte Fuß nach vorne. Stößt der Stock auf kein Hindernis, pendele ich damit nach rechts, und ziehe den linken Fuß nach. Dabei bleibt die Hand in der Körpermitte. Der Stock hat eine Rollspitze. Damit lässt sich der Boden besser abtasten und ich muss ihn beim Pendeln nicht mehr anheben. Er rollt sozusagen über den Boden. Der Stock sichert meinen nächsten Schritt ab. Wenn ich also kein Hindernis ertasten kann, kann ich gefahrlos meinen Fuß dorthin setzen wo vorher der Stock war. Die Pendelbewegung verläuft in Schulterbreite. Mehr muss ich ja nicht absichern. Und je schneller ich laufe, desto schneller muss ich mit dem Stock pendeln.

Auf diese Weise lassen sich auch Bodenunebenheiten oder Treppen ausmachen. Ich nehme die Treppenstufen oft erst dann wahr, wenn sie unmittelbar vor mir sind. Für einen normalsehenden Beobachter sieht das so aus, als würde ich gleich hinfallen. Aber so ist es nicht.

Auf dem nächsten Foto sieht man mich beim Treppensteigen. Beim Hochlaufen halte ich den Stock hochkant. Und zwar so, dass er gegen die nächste Stufe schlägt. So kann ich fühlen und auch hören, ob noch eine weitere Stufe kommt. Pendelt der Stock ins Freie, dann war das die letzte Stufe.

Ein weiteres Foto Zeigt mich beim Abwärtslaufen. Auch hier halte ich den Stock etwas hochkant. Und zwar so, dass die Stockspitze etwa eine Stufe tiefer ist als ich. Setzt sie auf, so weiß ich, dass jetzt keine weitere Stufe mehr kommt.
Damit das zuverlässig funktioniert, braucht es eine lange Übungszeit. Es reicht nicht aus einem Blinden Menschen einen Stock in die Hand zu drücken und fertig.
Der weiße Langstock, oder auch Blindenstock, ist das internationale Kennzeichen für Blindheit. Ohne diesen Stock gehe ich nicht auf die Straße. Auch wenn ich mit einer sehenden Begleitung unterwegs bin, habe ich einen Stock dabei. Denn er garantiert mir ein bisschen Unabhängigkeit. Und diese ist für mich sehr wichtig. Denn wasist, wenn ich mal von meiner Begleitung getrennt werde? Was, wenn wir spontan entscheiden unterschiedliche Wege zu gehen?

Ich war 14 Jahre alt, als ich zum ersten Mal einen Blindenstock in die Hand bekam. Ein Mobilitätstrainer wies mich in den Umgang damit ein. Für mich war das ein absolut komisches Gefühl. Immerhin handelte es sich um einen Einteiler mit 125 cm Länge. Also nichts, was man mal eben zusammenklappen und in die Handtasche stecken konnte. Daher war es für mich absolut unvorstellbar mit dem Teil unterwegs zu sein. Und für mich bestand ja auch keine Notwendigkeit. In den Bereichen, in denen ich mich bewegte, kannte ich mich aus. Da musste ich mir keine Wege ertasten.

Klar, unsere Betreuer erklärten uns, dass wir uns aus versicherungsrechtlichen Gründen kennzeichnen müssten. Aber mitten in der Pubertät interessierte mich das überhaupt nicht. Das änderte sich erst, als ich einen Stock bekam, der aus vier Teilen bestand. Den konnte ich also auch mal zusammenklappen, wenn ich ihn nicht mehr brauchte. Inzwischen war ich 15 und zog in eine Wohngruppe um, die sich mitten in der Stadt befand. Also begann ich den Stock zumindest mal mitzunehmen. Das war aber auch schon das höchste an Zugeständnissen. Denn noch immer bewegte ich mich meist auf Wegen, die mir vertraut waren. Und wenn ich in den Ferien bei meiner Familie war, brauchte ich den Stock auch nicht. Da war ich nur selten allein draußen.

Das ganze änderte sich langsam, als ich mal wieder ein Training bekam. Diesmal hatte ich einen erfahrenen Trainer an meiner Seite, der mir zeigte wie ich meinen Sehrest und den Einsatz des Blindenstocks für mich optimal miteinander kombinieren konnte. Und ab da begann ich den Stock auch einzusetzen. Und nachdem ich erst mal eingesehen hatte, dass ich sogar Vorteile dadurch hatte, begann ich den Stock immer mehr einzusetzen, und nur dann wegzupacken, wenn ich mich auf dem Schulgelände oder in absolut vertrauter Umgebung befand. ‚Es dauerte recht lang. Aber irgendwann wurde der Stock mein ständiger Begleiter.

Heute ist es so, dass ich draußen die grobe Orientierung mit dem Sehen mache, die Feinheiten aber mit dem Stock ertaste. Denn ich kann nicht sehen wie der Boden aussieht. Auch Ampelpfosten oder Laternenpfähle sehe ich nur manchmal. Und Ampelpfosten küsst man nicht. Das tut bekanntlich weh.

Es gibt wenige Dinge, die meinem Stock entgehen. Das sind zum einen herabhängende Äste. Die nehme ich erst dann wahr, wenn ich dagegen gelaufen bin. Besonders unangenehm ist dies bei Regenwetter. Ein weiteres Ärgernis sind Hindernisse wie offene Ladeflächen von LKWs oder Schranken, die höher sind als der Bereich über meiner Hand.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch folgendes loswerden. Es kommt immer wieder vor, dass hilfsbereite Menschen einem beim Einsteigen oder beim Verlassen von Bus und Bahn helfen wollen. Menschen, die erst zugreifen, einen irgendwohin schieben oder aus dem Bus ziehen wollen. Oder noch besser den Blinden am Stock irgendwohin ziehen wollen. Das ist ein absolutes Nogo. Es schadet mehr als das es hilft. Fragt lieber nach ob und wie Ihr helfen könnt. Dann ist es auch wirklich hilfreich. Alles andere kann für den Blinden sogar gefährlich werden. Zum einen weil er sich erschreckt, und zum anderen weil man irgendwas falsch macht. Redet mit uns. Wir sind die Experten und können Euch helfen uns wirklich wirksam zu helfen.

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Blind am Computer, Teil 1

Auf dem Foto ist ein handelsübliches Notebook zu sehen. Das einzige Merkmal welches mein Gerät von anderen unterscheidet ist die Braillezeile unterhalb des Rechners. Das ist ein Ausgabegerät, welches mir den Text auf dem Bildschirm in Braille ausgibt. Eine Maus sucht man an meinem Arbeitsplatz vergebens. Auch das Touchpad, welches sich an meinem Notebook befindet, stört mich nur. Daher habe ich es einfach abgeschaltet. Ich bediene meinen Computer ausschließlich über die Tastatur. Eine Maus kommt nur dann kurzfristig zum Einsatz, wenn mal ein Nichtblinder an diesem Arbeitsplatz sitzt.

Damit das möglich ist, läuft eine Software im Hintergrund, die ständig nach Textelementen auf dem Bildschirm sucht und mir diese in Sprache umwandelt. Das nennt man Screen Reader. Die Sprache kann ich nach meinen Bedürfnissen anpassen, also Stimme, Geschwindigkeit, Betonung, und so weiter. Das ist so wie das Schriftbild auf dem Bildschirm, welches sich ein Sehender so einstellt, dass das Arbeiten angenehm ist.

Ich werde oft gefragt wie ich das mit dem Schreiben mache. Denn ich kann die Tasten schließlich nicht sehen. Eine der am häufigsten gestellten Fragen ist, ob es sich um eine spezielle Blindentastatur handelt. Nein, tut es nicht. Diese gibt es. Aber ich brauche sie nicht. Jede gelernte Schreibkraft schreibt blind. Denn ab einer bestimmten Schreibgeschwindigkeit kann das Auge den Fingerbewegungen nicht mehr folgen. Hinsehen würde also die Fehlerquote erhöhen. Zu meiner Schulzeit hatte ich ab dem 5. Schuljahr Maschinenschreiben als Pflichtfach. Und ab der 7. Klasse gehörte eine mechanische Schreibmaschine nebst einer Schreibmaschine für Braille zu meiner Grundausstattung für die Schule. Auf dieser Maschine mussten ab dem 9. Schuljahr sämtliche ‚Arbeiten getippt werden. Die Ausnahmen bildeten die Naturwissenschaften. Der Grundgedanke war, dass blinde in der Lage sein mussten auch mit normal sehenden schriftlich zu kommunizieren, ohne dass diese die Brailleschrift beherrschten. Dementsprechend wurden auch Tippfehler in Arbeiten negativ gewertet. Spätestens jetzt strengte man sich in diesem Fach etwas mehr an. (-:

In der Schule gab es auch einen Raum, der mit elektrischen Schreibmaschinen ausgestattet war. Auch an diesen wurden wir unterrichtet. Ich kam damit lange nicht zurecht, da der Anschlag doch ein ganz anderer ist als auf der mechanischen Schreibmaschine. An einem P’C habe ich zum ersten Mal geschrieben, nachdem ich mein Abitur bereits hatte. Das erste was ich tat war den Anschlag auf hart einzustellen. 6 Jahre auf der mechanischen Schreibmaschine hinterlassen schließlich ihre Spuren.

Eines der ersten Dinge, die ich zu schätzen gelernt habe war die Braillezeile, die das Korrekturlesen wesentlich erleichterte, und die Möglichkeit sich den getippten Text nochmal per Sprache ausgeben zu lassen. Durch die schnellere Sprechgeschwindigkeit kann ich mir auch während des Schreibens ansagen lassen was ich geschrieben habe und sofort korrigieren, wenn ich das für nötig halte.
Heute möchte ich meinen Computer auf keinen Fall mehr missen. Er verleiht mir eine Unabhängigkeit, die für mich sehr wichtig ist. Ich schreibe meinen Text, Brief oder was auch immer dann wenn ich es möchte, und nicht wenn jemand da ist, der das für mich tun könnte. Ein handelsüblicher Drucker sorgt dafür, dass ich eben diesen Brief ausdrucken kann. Geht es darum einen Briefumschlag zu adressieren, so habe ich einen kleinen Etikettendrucker. Die Adresse schreibe ich über den Computer, Drucke sie aus und kann den Briefumschlag direkt damit bekleben.

Ein weiterer Schritt in die Unabhängigkeit kam für mich 2003, als ich meine erste E-Mail-Adresse einrichtete. Jetzt konnte ich schriftliche Dinge direkt über den PC verschicken, ohne diese vorher umständlich ausdrucken, adressieren und wegbringen zu müssen. Eine wesentliche Erleichterung ist es für mich, wenn man mir Informationen per E-Mail schickt. Diese werden direkt von meinem Computer vorgelesen und können daher schneller bearbeitet werden.

Wie viele Menschen auf dieser Welt meide ich den Papierkrieg so gut es eben geht. Aber nur ein Teil meiner Phobie kann ich mit Faulheit begründen. Papier ist geduldig. Es hat auch damit zu tun, dass es für mich mit Zeitaufwand verbunden ist mir den Inhalt eines Schreibens zugänglich zu machen.

Während ein normalsehender Leser einfach mal den Brief aufmacht und draufschaut, muss ich technische Hilfsmittel einsetzen, um mir das entsprechende Schreiben zugänglich zu machen. Der ein oder Andere hat vielleicht schon mal davon gehört, dass es Vorlesesysteme für Blinde gibt. So etwas Ähnliches nutze ich auch. Das Blatt wird auf einen Scanner gelegt und fotografiert. Dieses Bild wird an den Computer übertragen und an eine OCR-Software geschickt. Dieses Programm macht aus dem Bild wieder Text, der vom Screen Reader vorgelesen werden kann. Je besser der Ausdruck des Briefes, desto weniger Fehler macht die Texterkennung. Und um mir einen Brief zugänglich zu machen, brauche ich ein Vielfaches an Zeit als ein normalsehender Briefempfänger.

Bei handschriftlichen Eintragungen funktioniert das leider nicht. Denn das lässt sich bisher noch nicht in vordefinierte Raster einordnen. Wenn meine Krankenversicherung schreibt, bekomme ich manchmal Formulare mit Feldern, die teilweise angekreuzt wurden. Ich bekomme von der Texterkennung die Namen der Formularfelder vorgelesen, jedoch nicht den Inhalt. Barrierefrei ist etwas anderes. Hier bin ich auf die Hilfe einer sehenden Vorlesekraft angewiesen.

Ein weiteres Beispiel aus meinem Alltag sind die schriftlichen Mitteilungen aus der Grundschule. Die Lehrkraft schreibt sie von Hand in das Heft, und die Eltern sollen diese abzeichnen. Das hat beides bei mir nicht funktioniert. Nach drei Jahren habe ich es aufgegeben die Lehrkraft um Mitteilungen per Mail oder telefonisch zu bitten. Zwei Mütter aus der Klasse meiner Tochter haben mich dann mit den relevanten Informationen per E-Mail versorgt. In der weiterführenden Schule hingegen gab es diese handschriftlichen Mitteilungen nicht mehr. Dafür hatte ich von einigen Lehrern den Luxus von Informationen per E-Mail. Und das bedeutet für mich Unabhängigkeit und damit auch mehr Lebensqualität.

Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich mit Computern, die man mitnehmen kann. Denn ich möchte nicht nur an meinem Schreibtisch arbeiten können, sondern gerade wo ich bin. Ich möchte die Wahl haben im Urlaub, im Zug oder auf einem Seminar meinen Computer zur Verfügung zu haben. Und so habe ich meinen Arbeitsplatz so konzipiert, dass ich die wesentlichen Komponenten, also Notebook und Braillezeile, transportbereit habe. Alles andere steckt in einer Doggingstation.

Ampel Pfosten küsst man nicht

Ich habe einen Sehrest von ca. 2 %. Die sehe ich auf dem linken Auge, während ich rechts nur noch Lichtschein und wirklich große Umrisse wahrnehmen kann.

Auf der Straße orientiere ich mich mit Hilfe meines Blindenlangstocks. Damit sichere ich meinen nächsten Schritt ab. Die grobe Orientierung erfolgt über meinen Sehrest. Ich habe ein eingeschränktes Gesichtsfeld. D. h., dass ich beim Sehen den Kopf drehen muss, wenn ich Gegenstände oder Hindernisse erkennen möchte, die nicht direkt vor mir liegen. Und auch das ist von der jeweiligen Beleuchtung abhängig. Ich bin stark lichtempfindlich. Normales Tageslicht ist für mich schon zu hell. Deshalb trage ich draußen eine starke Sonnenbrille. Sie hat keine Stärke. Ihre einzige Aufgabe ist es bestimmte Lichtwellen auszufiltern, damit ich die Augen ein bisschen benutzen kann.
Ich bin zügig unterwegs. Zugegeben, ich laufe etwas schneller als üblich, da ich es heute besonders eilig habe. Mit dem Blindenlangstock ertaste ich mir beim Laufen durch Pendeln meinen nächsten Schritt. Zwischen der stark befahrenen Straße an meiner linken Seite und dem Gehweg verläuft noch ein Fahrradweg. Also eine viel zu hohe Geräuschkulisse für mich, um evtl. Hindernisse auch akustisch wahrzunehmen. Und ein Stück laufe ich auch noch gegen die Sonne. Kurz, ich empfinde solche Wegstrecken als ziemlich anstrengend und konzentrationsintensiv.

Und wie jeder andere habe auch ich mal einen etwas schlechten Tag. Auf einmal macht es Klong, und mein Lauf wird abrupt gestoppt. Ich sehe erst mal Sternchen und realisiere langsam, dass ich gegen einen Laternenpfahl oder Ampelpfosten gelaufen bin. Also im wahrsten Sinn des Wortes dumm gelaufen. Es tut höllisch weh, und ich habe Mühe mich zu sortieren. Gleichzeitig aber weiß ich auch, dass ich mir nicht allzu viel Zeit damit lassen darf. Denn ich ahne es bereits.

Und da kommt sie schon, die gefürchtete Stimme aus dem Hintergrund. Weiblich, mitleidvoll und tadelnd. „Haben Sie sich wehgetan“? Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern setzt noch einen drauf. „Sie müssen doch aufpassen, wenn Sie laufen“.
Ich glaube, die meint das ernst. Und ganz gleich was ich antworten werde, ich werde sie nicht erreichen. „Mensch, Frau“, denke ich mir, „Kannst Du mich nicht erst mal meinen Schmerz auskosten lassen?“
Jeder, der irgendwann einmal gegen einen Pfosten, eine Wand oder eine halb offene Tür gelaufen ist wird mir Recht geben. So was tut weh. Das passiert nicht nur blinden. Das passiert auch einemnormalsehenden. Und so was passiert aus den unterschiedlichsten Gründen. Entweder hat man nicht richtig aufgepasst, nicht richtig hingesehen, und oder war einfach abgelenkt. Fakt ist jedoch, dass kein gesunder Mensch mit Absicht gegen schmerzhafte Hindernisse läuft.

Also bitte, liebe Leser. Wenn Ihr seht, dass jemand gegen etwas läuft, oder vielleicht auch gestolpert ist, fragt nicht nach ob er sich wehgetan hat. Das empfinde ich als eine der unsinnigsten Fragen in dieser Situation. Und auch die Ermahnung besser aufzupassen ist jetzt absolut fehl am Platz. Das hat derjenige inzwischen selbst schon lange erkannt, bevor Ihr den Mund aufmacht. Wenn Ihr etwas Sinnvolles sagen wollt, dann fragt einfach ob Ihr etwas für die Person tun könnt.

Das Motto heißt hier Hilfe anbieten und dem anderen die Entscheidung überlassen, ob er Euer Angebot annimmt oder nicht. Und fühlt Euch bitte nicht persönlich beleidigt, wenn Eure Hilfe abgelehnt wird. Denn Ihr habt es hier mit einem erwachsenen zu tun, der höchstwahrscheinlich in der Lage ist zu entscheiden was jetzt für den Moment das Beste für ihn ist.

Und noch etwas zum Schluss. Bitte geht einfach weiter. Das Schlimmste für mich ist, wenn die Person dann neben oder hinter mir herläuft und jeden meiner Schritte kommentiert. Mir gibt es das Gefühl akribisch beobachtet zu werden. Und das empfinde ich als stark verunsichernd. Auch wenn es nicht so beabsichtigt ist, gibt es mir das Gefühl, dass mein Beobachter nur darauf wartet, dass ich einen Fehler mache, um diesen wieder zu kommentieren, oder für den nächsten Kaffeeklatsch aufzupeppen. Für diejenigen, die gerne etwas zum Erzählen haben wollen sei gesagt: Denkt Euch doch Eure eigene Geschichte aus. Damit ist uns beiden geholfen.

Kleider machen Leute – einkaufen und zusammenstellen von Kleidung, wenn man blind ist.

Als ich zum ersten Mal alleine Wohnte, tauchte irgendwann die Frage auf, wie ich das denn mit dem Anziehen mache. Ich verstand den Sinn dieser Frage nicht gleich. Denn anziehen gehörte für mich zu den elementaren Dingen wie Körperpflege oder essen. Ich war 20 und hatte mein Studium begonnen. Vorher hatte ich im Internat gelebt, und während der Ferien bei meiner Familie. Und nichts und niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass meine Komolitonen im Studentenwohnheim über Dinge staunten, die für mich vollkommen normal waren.

Als ich klein war, wurde ich von meiner Mutter angezogen. Und so wie jedes normal entwickelte Kind habe auch ich irgendwann nach und nach gelernt mir die Kleidung selbst anzuziehen. Sehende Kinder schauen hin, blinde Kinder erfühlen ihre Kleidung. Meine Mutter machte zwischen mir und meinem ein Jahr jüngeren Bruder kaum einen Unterschied. Daher fiel es mir nicht auf, dass sehende beim Anziehen auf Knöpfe, Reisverschlüsse oder Socken schauen müssen, um sich diese anziehen zu können. Ebenso selbstverständlich war es auch, dass unsere Mutter bestimmte was wir Kinder trugen.

Ich war 9 Jahre alt, als ich in eine Blindenschule kam. Ich reiste Sonntagabend an und war Freitagnachmittag wieder bei meiner Familie. Hier musste ich mich zum ersten Mal mit meinem Kleiderschrank und dessen Ordnung auseinandersetzen. Eine Erzieherin räumte ihn für mich ein und zeigte mir in welchem Fach ich Hosen, Pullover oder Unterwäsche finden konnte. Ich lernte mir abends die Sachen für den nächsten Tag über einen Stuhl zu legen, und bereits getragene Kleidung in einen Wäschekorb zu legen. Dort wurde die Wäsche gesammelt und nach dem Waschen von den Erzieherinnen wieder nach derselben Anordnung in den Schrank eingeräumt. Voraussetzung dafür war, dass sämtliche Kleidungsstücke mit Namen versehen waren. Unsere Erzieherinnen achteten auch darauf, dass unsere Kleider in Ordnung waren und halfen auch mal, wenn etwas farblich nicht zusammen Paste. Ich weiß noch wie eine der Erzieherinnen mit mir das Schuhe binden übte. (-:

Eine Veränderung gab es, als ich zweieinhalb Jahre später in eine andere Wohngruppe kam. Hier musste ich meinen Schrank selbst einräumen und meine Schmutzwäsche in einem Wäschesack sammeln und am Wochenende mit nach Hause nehmen. Dementsprechend überschaubar war die Menge der Kleidung.

Ich kam an jedem Wochenende nach Hause. Die Heimfahrt wurde für mich von der Schule aus per Auto organisiert. Nur zu den Weihnachtsferien, Osterferien und Sommerferien musste die Heimfahrt durch die Eltern organisiert werden. Dann wurde auch sämtliche Kleidung mitgenommen. Meine Mutter sah alles durch, sortierte aus und sorgte für Nachschub. Mein Job war lediglich Kleidung anzuprobieren.
Eine weitere Veränderung ergab sich, als ich mit dreizehn Jahren auf das Gymnasium nach Marburg wechselte. Von nun an gab es nur einen freien Samstag im Monat, so dass ich nicht mehr an jedem Wochenende zuhause war. Unsere Wäsche wurde an eine Wäscherei gegeben. Hierzu mussten wir eine Liste der Dinge erstellen, die in der Wäsche waren. Anfangs half eine Erzieherin bei der Auflistung. Später tippte ich die Liste mit einer Schreibmaschine und legte sie der Wäsche bei.

Mit 15 zog ich in eine Wohngruppe, die über eine Waschmaschine und einen Wäschetrockner verfügte. Wir durften weiterhin auf den Wäscheservice zurückgreifen. Ich begriff jedoch schnell, dass ich meine Lieblingsjeans schneller wiederbekam, wenn ich sie selbst wusch. Also ließ ich mich von einer Erzieherin in den Umgang mit der Waschmaschine einweisen. Ich stellte fest, dass waschen kein Hexenwerk war. Ich brauchte nur ein paar Grundregeln zu beherzigen. Beispielsweise lernte ich, dass man nicht sämtliche Wäsche in einer Maschine wusch. Ich lernte welche Farben man zusammen waschen durfte, und welche nicht. Ich speicherte in meinem Gedächtnis welches Kleidungsstück bei welcher Temperatur gewaschen wurde. Und wenn ich etwas nicht wusste, dann konnte ich eine Erzieherin fragen. Ich begriff irgendwann, dass nicht alles in den Trockner durfte. Außerdem roch die Wäsche schöner, wenn man sie auf einem Wäscheständer aufhängte. Tja, und wenn man das ordentlich tag, dann fühlte sie sich auch nicht so zerknittert an.

Ich befand mich in einem Alter, in dem junge Erwachsene ihren eigenen Kleidungsstil entwickeln. Eine Phase, die manchmal heftige Auseinandersetzungen mit den eigenen Eltern mit sich bringt. Das war bei mir nicht anders. Ferienzeit hieß mindestens einmal shoppen mit meiner Mutter. Und das in Form einer Ganztagsveranstaltung in verschiedenen Geschäften. Wenn sie der Meinung war, dass ich ein bestimmtes Kleidungsstück anziehen sollte, und ich mich darin nicht wohl fühlte, kam garantiert einmal das Totschlagargument: „Du siehst das doch nicht“. Und auch wenn sie Recht hatte, machte mich das unsagbar wütend. Erst recht, da mir der Vergleich mit anderen Jugendlichen fehlte. Meine Schwestern waren damals noch zu jung, um gemeinsam shoppen zu gehen. Und eine Freundin außerhalb meiner Schule, mit der ich solche Dinge hätte machen können, die hatte ich nicht.

Das erklärt vielleicht, dass ich über die Frage meiner Kommilitonen im Studentenwohnheim so erstaunt war. Ich denke, wir haben während dieser Zeit viel voneinander gelernt. Es war mir vorher schwer gefallen einen Rat bezüglich meiner Kleiderwahl von meiner Mutter anzunehmen. Von Mitstudenten ließ ich mir das gern gefallen. Ich lernte welche Kleidung zusammenpasste und entwickelte mein System Dinge so im Schrank anzuordnen, dass sie passten. Waschen konnte ich bereits, was einige meiner sehenden Mitstudenten noch nicht konnten.

Ich hatte nun mein eigenes Geld, und war somit unabhängig. Allerdings brauchte ich einige Zeit, bis ich mich traute auch Kleidung alleine einkaufen zu gehen. Zuerst nahm ich jemanden mit, da ich den Mitarbeitern in den Geschäften nicht vertraute. Es dauerte Jahre, bis ich einen gesunden Umgang mit der Kleiderfrage entwickelte. In der Regel ging ich in dieselben Geschäfte. Ich lernte auf die Rückmeldungen von Freunden zu achten. Wurde ich auf ein Kleidungsstück positiv angesprochen, so konnte ich getrost wieder in diesem Geschäft einkaufen gehen.

Ich muss etwa 25 Jahre alt gewesen sein, als ich für eine Zeitlang wieder bei meiner Familie lebte. Wir hatten als einziges Kaufhaus einen C&A. Was ich gesucht hatte, weiß ich heute nicht mehr. Ich ging also an die Kasse und fragte nach Hilfe. Die Mitarbeiterin, die dann kam, kannte mich wohl schon länger. Jedenfalls fragte sie gleich: „Warum kommst Du nicht mit Mutti“? Ich konnte der Dame nicht klarmachen, dass auch ich ohne Mutter einkaufen gehe. Diese zweifellos gut gemeinte frage sorgte dafür, dass ich den Laden umgehend verließ und erst nach langer Zeit wieder einen Fuß hineinsetzte. Ich war eine erwachsene Frau und wollte auch als solche behandelt werden.

Es brauchte viele Jahre in freier Wildbahn, um meinen Kleidungsstil zu finden. Und fast ebenso viel Zeit war nötig, um herauszufinden wer als Berater zu mir passte. Ich erkenne in Geschäften sehr schnell wer als beratender Mitarbeiter mit mir harmoniert und wer nicht. Mir ist ein gepflegtes Äußeres wichtig. Gleichzeitig muss ich mich in der Kleidung wohlfühlen. Das ist auch die einzige eigene Rückmeldung. Das Auge des Verkäufers oder der Freundin müssen quasi den Rest übernehmen. Und das empfinde ich als Herausforderung für alle Beteiligten.

Shoppen ist bis heute etwas, dass ich nur mache, wenn es unbedingt sein muss. Stundenlang durch Bekleidungsgeschäfte und Schuhläden zu laufen empfinde ich als Stress und Zeitverschwendung. Daher bin ich froh, dass meine Kinder das inzwischen ohne mich machen können. So habe ich die Wahl mitzugehen oder nicht. Und dann bekommt das Shopping eine ganz andere Bedeutung.

Wenn ich gezielt nach Kleidern schaue, dann mache ich das gern mit einer sehenden Person meines Vertrauens. Die Kriterien sind denkbar einfach. Ein gutes Auge, das Respektieren meiner Meinung ohne mir die eigene aufzudrängen und Ehrlichkeit, wenn ein Kleidungsstück nicht so gut zu mir passt. An sich kein Hexenwerk, wenn die sehende Begleitung verinnerlicht hat, dass ich eine erwachsene Frau mit einer eigenen Meinung bin, die man ruhig ernst nehmen kann. Ich möchte mit meiner Begleitung auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Liebe Angehörige, die Ihr das vielleicht lest. Bitte unterlasst so Sätze wie „Du siehst es ja nicht“, oder „Ich sehe es im Gegensatz zu Dir“. Dass der Blinde etwas nicht sehen kann, weiß er selbst am besten. Und dass Ihr diejenigen seid, die sehen können, das ist ihm ebenfalls bewusst. Aber jemandem eine eigene Meinung oder einen eigenen Geschmack abzusprechen, nur weil er blind ist, wirkt von oben herab und damit ziemlich arrogant. Sätze wie „Ich finde, das diese Farbe nicht zu dir passt“, oder „Der Schnitt steht Dir nicht“, finde ich aussagekräftiger und längst nicht so verletzend. Ich weiß, Ihr meint es nur gut, wenn Ihr sagt: „Im Gegensatz zu Dir sehe ich, was die anderen tragen, und was gerade Mode ist“. Aber gerade solche Sätze vermitteln einem ein Gefühl der Hilflosigkeit und damit, dass er oder sie dem Sehenden ausgeliefert ist. Und niemand möchte das sein. Nicht umsonst heißt es „Ratschläge sind Schläge, die oft mehr weh tun als körperliche Gewalt“.

Blinde Eltern, sehende Kinder, Teil 4, pass schön auf die Mama auf.

Pass schön auf die Mama auf

Meine Tochter war vielleicht zwei Jahre alt. Sie lief kurze Strecken an meiner linken Hand, während ich mir mit dem Blindenstock in der rechten Hand unseren Weg ertastete. Auf einmal sprach eine Frau meine Tochter an, mit den Worten: „Das ist aber schön, dass Du der Mama hilfst“. Ups, meint die das jetzt ernst? Vermutlich schon. Gern hätte ich sie gefragt, ob sie sich einem zweijährigen Kind blind im Straßenverkehr anvertrauen würde. Aber wie das eben so ist. Als ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, da war sie bereits weg.

Damals wusste ich nicht, dass mir dieses Verhalten recht oft begegnen würde. Und auch nicht, das ich mit der Zeit eine gewisse Schlagfertigkeit entwickeln würde, um auf solche Sätze zu reagieren.

Die Dame hat eine blinde Frau gesehen, die ein kleines Kind an der Hand hat. Mit blind wird gleich hilflos assoziiert. Es kann also nur so sein, das das Kind die Mutter führt. Für mich ist das inzwischen nachvollziehbar. Hätte sie ein bisschen weiter gedacht, dann hätte auch ihr klar sein müssen, dass ein kleines Mädchen in dem Alter nicht in der Lage ist mich sicher durch die Stadt zu führen. Mal abgesehen davon, dass ich für mein Kind verantwortlich bin, und nicht mein Kind für mich. Auch wenn ich blind bin, habe ich eine Aufsichtspflicht meinen Kindern gegenüber.

Mein Sohn war noch nicht ganz vier Jahre alt, und meine Tochter fünfeinhalb. Ich wollte mit meinen Kindern auf einen kleinen Weihnachtsmarkt gehen. Eine Bekannte, die vorher da war, verabschiedete sich von meinen Kindern mit den Worten: „Passt schön auf Eure Mama auf“. Auch hier habe ich mir die frage gestellt, ob sie sich zwei verspielten Kindergartenkindern buchstäblich blind anvertrauen würde. Jede Wette, dass sie es nicht tun würde. Eher würde sie mir erzählen, dass Kinder von Blinden eben viel sensibler seien, und natürlich viel früher selbständig. Denn schließlich müssten sie die Sehbehinderung ihrer Eltern kompensieren. Und ja, es gibt Tage, da würde ich es richtig klasse finden von meinen Kindern rundum umsorgt zu werden. Nur hat das nichts mit meiner Blindheit zu tun. Vielmehr befinde ich mich mit vielen anderen Miteltern in guter Gesellschaft. 🙂

Und auch das kann man noch Toppen. Meine Tochter war sechs Jahre alt, mein Sohn viereinhalb, als ich mit einer Freundin und ihrer Tochter in den Urlaub gefahren bin. Wir waren mit dem Zug unterwegs und mussten mehrmals umsteigen. Da ich nicht zum ersten Mal mit meinen Kindern Zug gefahren bin, hatten wir inzwischen unsere Logistik entwickelt. Irgendwann wies meine Freundin die Kinder an, sie sollten doch ihre Mama mitnehmen. Ich schrieb das der Hektik zu, und ignorierte das. Nachdem das aber weitere zweimal vorkam, bat ich sie das zu unterlassen. Wenn jemand meine Kinder anweist mich mitzunehmen, dann nur ich selbst. Und ich bestimme alleine ob und wann ich von jemandem mitgenommen werden möchte. In diesem Urlaub haben wir beide einiges voneinander gelernt.

Dass Kinder blinder Eltern generell früher selbständig sind, würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Das ist wie bei Familien mit nicht behinderten Eltern auch. Die typische Mutter gibt es genauso wenig wie den typischen Blinden. Es hängt also von vielen Faktoren ab wie dem familiären Umfeld, der Familiensituation und natürlich dem Kind selbst. Somit kann ich nur über meine eigene Familie eine verlässliche Aussage machen. Denn die kenne ich nun mal am besten.