Im Tempel des Hippokrates

Bild von Susanne und Torsten

Man sollte meinen, dass Augenkliniken auf blinde oder stark sehbehinderte Patienten ausgelegt sind. Und ebenso hält sich das Gerücht, dass das Personal und die Pflegekräfte im Umgang mit unserem Personenkreis geschult werden. Die Wirklichkeit sieht meist anders aus.

Im Frühjahr 2017 veröffentlichte ich die Beiträge „Die Klinik mit der Nummer“ und „Der Standardpatient ist nicht blind“, die sich um Barrieren und Behandlung in der Augenklinik drehen. Dadurch bekam ich von Thorsten, der zusammen mit Susanne den Blog Aus der Zeit gerutscht schreibt, eine erfundene Geschichte von einem fiktiven Termin in einer Klinik zugeschickt, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Im Tempel des Hippokrates
Es ist kalt und windig an diesem Morgen. Mit Rucksack und Stock habe ich mich auf den Weg zur U-Bahn gemacht. Die Nacht war kurz. Vor so einem Eingriff ins Knie bin ich doch etwas nervös gewesen. Aber es wird schon gehen. Und wie klappt wohl die Aufnahme im Krankenhaus, wo ich doch nichts sehe? „Ach, es gibt doch Inklusion, Integration, Rehabilitation usw. Da werden sie sich schon um so einen blinden Patienten wie mich kümmern“, versuche ich mich zu beruhigen.

Gut, bis zur Drehtür kenne ich mich von Besuchen her aus. Ja ein großer, riesiger Raum. Hier muss ich richtig sein. Wie ein Luchs schleiche ich weiter, um zu hören, wo wohl der Empfang ist. „Zur Aufnahme gehen Sie bitte dort hinüber“, höre ich und spreche den mutmaßlichen Empfänger dieser Botschaft an. Der ist nett und nimmt mich mit. „Hier müssen wir eine Nummer ziehen. Ich mache das für Sie. Sie haben 57.“ Na prima, klappt doch wie am Schnürchen. Mein Helfer zeigt mir noch einen Stuhl und entschwindet. Ich döse ein bisschen. Immer wieder ertönt ein Gong. „Oh, welche Nummer war das wohl?“ Ich denke es und frage es zaghaft in die Runde. „38“, antwortet mir jemand. Ich habe also noch Zeit und döse weiter. Irgendwann frage ich wieder und erfahre: „62.“ Die Nummer 65 ist freundlich und lässt mich vor. Die Empfangs-Dame ist auch freundlich und nimmt meine Arztbriefe entgegen. „So, bitte füllen Sie diese Dokumente sorgfältig aus und kommen dann wieder rein“, sagt sie und drückt mir einen Packen Papier in die Hand. Wir klären in fruchtbarem Dialog, dass dies ja nun schwierig ist. Sie sieht das ein und sagt: „Ich lasse sie erstmal auf Station bringen.“ Nach längeren Telefonaten fährt sie fort: „Die Orthopädie hat keinen frei, ich lasse sie erstmal von der Gynäkologie abholen.“ Na gut, so komme ich wenigstens weiter. Der Magen knurrt. Ich sollte ja nüchtern erscheinen. Es ist zehn Uhr.

In der Gynäkologie
Da sitze ich nun auf dem Flur von Station B5 III. Viele Menschen hasten an mir vorüber. Irgendwann fragt mich jemand, was ich hier wolle. „Ich soll aufgenommen werden“, sage ich und reiche meine Dokumente. Sie blättert lange. „Blatt sechs Rückseite,“ murmele ich. „Da steht, wo ich hin muss.“ „Aja, die Orthopädie hat heute ein paar Notfälle. Aber Sie sind ja blind. Da lasse ich sie mal auf die Augenstation bringen. Die Sozialfrau kommt gleich.“ Es kommt die Frau vorbei, die auf Station Bücher und Zeitschriften verteilt. „Möchten Sie vielleicht die Zeitung von heute?“, fragt sie mich. „Nein, aber haben Sie vielleicht einen Leitfaden auf CD, wie ich hier zurechtkomme?“ Sie bedauert sehr und verspricht, die Sozialfrau zu benachrichtigen. Statt dieser kommt ein BufDi mit Rollstuhl. „So, ich bringe Sie jetzt auf Ihr Zimmer.“ Na prima, ich bin schon völlig groggy. Deshalb bin ich sogar dankbar für den Rolli, mit dem ich als blinder Patient ja leichter zu verfrachten bin. „Dies ist Herr Meier, Ihr Zimmernachbar. Der zeigt Ihnen alles“, sagt mir der BufDi fröhlich. Es stellt sich heraus, dass Herr Meier gestern operiert wurde und beide Augen verbunden hat. Da ist dann nichts mit Zimmer-Zeigen. Ich bin eh viel zu müde und hungrig. Oh Wunder, da kommt bald das Mittagessen. „Sie habe ich gar nicht im Plan“, sagt die nette Frau zu mir. „Zeigen Sie mal bitte Ihre Dokumente!“ Wieder langes Blättern. „Seite sechs, Rückseite“, murmele ich. „Oh Sie müssen auf die Orthopädie. Ich sage der Sozialfrau Bescheid.“ Herr Meier und ich hungern. Ich kriege nichts und er kann mit verbundenen Augen nicht essen.

Es kommt wieder irgendwer, die sich als Schwester So-und-so vorstellt. „Ich bringe sie nun zur Orthopädie“, flötet sie. Diesmal darf ich laufen, stoße mir aber dreimal das kaputte Knie, weil überall was rumsteht. Wieder lande ich auf einem Stuhl.

Irgendwann frage ich einen der vorüber hastenden Menschen, wo denn die Kapelle sei. „Hier gleich um die Ecke. Ich bringe Sie hin“, sagt eine nette Dame. Auf dem Weg erzählt sie mir, dass sie heute als Vertretung der Sozialfrau hier sei. „Die ist nämlich als Notfall in der Orthopädie.“

Plötzlich Ruhe und Frieden. Ich sitze auf einer Bank in der Kapelle. Meine Aufnahme-Unterlagen, fast so dick wie das Gesangbuch, liegen friedlich neben diesem. „Wie herrlich es doch im Herzen des Tempels der Gesundheit sein kann“, denke ich bei mir. Mein Knie tut auch schon gar nicht mehr weh. Eine Wunderheilung? Egal, ich muss jetzt hier raus und endlich was essen.

Eine Woche später kriege ich abends einen erbosten Anruf: „Hallo, hier spricht die Sozialfrau von den städtischen Kliniken. Sie sollten doch heute eingeliefert werden. Ich habe Sie den ganzen Tag gesucht und dann Ihre Papiere in der Kapelle gefunden. Da befürchteten wir schon das Schlimmste!“

Das schreibt Thorsten über seinen Blog:
Gemeinsam mit Susanne Glandien habe ich den Blog „Aus der Zeit gerutscht“ im August 2015 gestartet, weil wir beide gern schreiben. Häufig über Politik, aber auch persönliche Erlebnisse. Mit der Zeit kamen ein paar Rubriken hinzu. Es entstand die Geschichte eines blinden Mannes, der selbständig wird. Oder die Abenteuer eines kleinen Roboters, der die Erde beobachten soll und sich immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Barrierefreiheit ist für uns Aufgabe und Thema in einer eigenen Rubrik. Wir freuen uns über Euren Besuch und Eure Meinung zu dieser fiktiven Begebenheit.

Der Standardpatient ist nicht blind

Lydia bei einer Augenärztlichen Untersuchung

Bild: Lydia während einer augenärztlichen Untersuchung.

Früher dachte ich immer, dass Augenärzte und Augenkliniken auf blinde und hochgradig sehbehinderte eingestellt sind. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Der Standardpatient ist meist älter und kommt in sehender Begleitung. Außerdem ist er nicht unbedingt blind, sondern verfügt noch über einen ausreichenden Sehrest, der ihm erlaubt den standardmäßigen Sehtest zu durchlaufen, oder ohne Begleitung der Krankenhausmitarbeiter von a nach b zu kommen. Der blinde Patient, der wie ich auch mal ohne Begleitung unterwegs ist, weicht total vom Standard ab.
Kurz zur Klärung der Begriffe: Bis zu einem Sehvermögen von 2% sprechen wir von Blindheit, bis ca. 5 % von hochgradiger Sehbehinderung und bis zu einem Restsehen von 30% gilt man als sehbehindert. Ich bin dem Gesetz nach blind, da mein Sehrest ca. 2% beträgt. Durch meine Hornhautverkrümmung bin ich sehr blendempfindlich. Normales Tageslicht ist mir schon zu hell. Daher trage ich draußen eine Brille mit Kantenfiltergläsern. Die sorgen dafür, dass mich das Licht nicht so blendet, und ich mich draußen grob orientieren kann.
Ich bekam das zum ersten Mal 1998 zu spüren, als mein behandelnder Augenarzt Urlaub hatte, und ich wegen eines akuten Problems seine Vertretung aufsuchte. Die Mitarbeiter der Praxis gaben direkt zu, dass sie mich nicht optimal versorgen konnten. Ich musste eine Weile suchen, bis ich einen Arzt gefunden habe, der auch vom Standard abweichende Patienten versorgen konnte.
Von meinen behandelnden Ärzten kannte ich das bisher so, dass Termine telefonisch oder persönlich mit mir vereinbart wurden. Nicht so bei der Augenklinik meines Vertrauens. Hier bekam ich die Termine grundsätzlich schriftlich mitgeteilt. Und zwar nicht per E-Mail, wie ich es gern gehabt hätte, sondern per Briefpost.
Es gab nur eine Ausnahme, nämlich vor einer kleinen Operation. Hier bekam ich einen Anruf, bei welchem der Termin mit mir vereinbart wurde. Die Bestätigung erhielt ich dann per Briefpost. Per E-Mail, so sagte man mir, dürfe man Termine nicht verschicken.
Manchmal habe ich mir vorgestellt, dass ich Kliniken und anderen Einrichtungen, die auf Briefpost bestehen, den anfallenden Schriftverkehr in Brailleschrift zukommen lassen würde.
Am besagten Tag war ich also pünktlich zur stationären Aufnahme um 9:00 Uhr in der Klinik. Dann durchlief ich das Prozedere mit Nummer ziehen und warten. In einem anderen Beitrag hatte ich bereits über dieses Thema geschrieben.
Auf Station angekommen wurde ich von einer Krankenschwester in Empfang genommen. Diese zeigte mir mein Zimmer und wies mir das Bett am Fenster zu, da noch eine Rollstuhlfahrerin erwartet wurde, für die das andere Bett besser passte. Okay, das hätten wir schon mal geklärt. Den Rest des Zimmers würde ich mir dann erarbeiten. Groß auspacken brauchte ich auch nicht, da ein Aufenthalt von zwei Tagen vorgesehen war. Es lebe der praktische Rucksack.
Irgendwann klopfte es, und ein auszubildender Krankenpfleger betrat das Zimmer. Er versorgte mich mit einem Kaffee und ging den Aufnahmebogen mit mir durch. Von ihm lernte ich auch wie das Bett einzustellen war und – ganz wichtig für mich – wo sich eine Steckdose befand.
Eine junge Ärztin holte mich ab und machte die Erstuntersuchung. Dabei bekam ich noch mal dieselben Fragen gestellt, die sich im Aufnahmebogen befanden. Leute, wo bleibt die Vernetzung? Anschließend ging es wieder zurück aufs Zimmer, wo inzwischen meine Mitpatientin eingetroffen war. Sie war älter, schwerhörig und wurde von ihrer Tochter begleitet. Sie war sehr kommunikativ und dabei etwas verwirrt. Wenn ich mich ihr mitteilen wollte, dann müsste ich beinahe schreien, um mich ihr verständlich zu machen. Das nenne ich Inklusion im Krankenhaus.
Ich atmete auf, als ich in die Augenambulanz gerufen wurde. Hier waren für heute diverse Untersuchungen für den morgigen Eingriff geplant. Als erstes kam eine Gesichtsfelduntersuchung. Ich erklärte der Mitarbeiterin, dass das bei mir nur Sinn macht, wenn ich Kontraste habe. Das Gerät war für meine Verhältnisse hell erleuchtet, und das Deckenlicht an. Für meine Lichtempfindlichen Augen problematisch. Damit war die Dame überfordert, weil das vom Standard abwich. Sie erklärte mir, dass sie nur bei bestimmten Erkrankungen im Dunkelfeld untersuchen dürfe. Letztendlich konnte ich sie davon überzeugen sich das Okay von woher auch immer zu holen, und alles war gut.
Als ich wieder zurück auf Station war, stand mein Mittagessen wahrscheinlich seit einer ganzen Weile auf dem Tisch. Ich hatte einfach nur Hunger. Deshalb war es mir so was von egal. Meine Zimmernachbarin hingegen versuchte mir immer wieder klarzumachen, dass es kalt sei. Und ich mit meinen inzwischen weit getropften Pupillen wollte einfach nicht reden. Also sah ich zu, dass ich nach dem Essen das Zimmer wieder verließ. Ich fand den Aufenthaltsraum und jemanden, der mir die dortige Kaffeemaschine erklärte. Nach dem Kaffee begann ich auf dem Krankenhausflur auf und ab zu gehen. Alles war besser als zu meiner Zimmernachbarin zurückzugehen. Normalerweise bin ich für ein Schwätzchen zu haben. Aber nicht mit weit getropften Pupillen. Da bin ich gestresst, und ziehe mich dann am liebsten etwas zurück, bis es wieder etwas besser geworden ist. Aber eben das konnte ich der Dame nicht so vermitteln, dass sie es verstand.
Endlich war der Oberarzt auf Station und wollte sich meine Augen ansehen. Anschließend wollte er noch eine Sache abklären, für die ich noch mal zur Augenambulanz begleitet werden musste. Das sollte durch die Pflegekräfte gemacht werden. Ich wartete also erst mal auf dem Flur, bis eine Krankenschwester mit einem Rollstuhl kam, und mich in einem keinen Widerspruch duldenden Ton aufforderte mich da reinzusetzen. Ich traute meinen Ohren nicht. Als ich ihr erklärte, dass ich laufen möchte, argumentierte sie damit, dass es so schneller ginge, und sie noch ganz viel anderes zu tun hätte. Nein, Freunde, nicht mit mir. Und erst recht nicht in diesem Ton. Kurz und gut, es endete damit, dass wir zu Fuß gingen. Ich hoffe, dass die Dame begriffen hat, dass blind und nicht ortskundig nicht mit gehbehindert gleichzusetzen ist.
Es war eine gute Stunde später, als ich wieder auf meinem Zimmer war. Inzwischen war es Abend geworden. Meine Zimmernachbarin erzählte mir, dass ihre Tochter sie nachher wieder abholen würde, da sie doch nicht operiert werden wollte. Also würde ich heute Nacht in den Genuss eines Einzelzimmers kommen.

Der Eingriff sollte am Mittag stattfinden. Theoretisch hätte ich also ausschlafen können. Aber Krankenhausalltag sei Dank wurde ich genauso früh geweckt wie alle anderen Patienten auf Station. Anschließend bekam ich eine ältere neue Mitpatientin. Sie war genauso klar im Kopf wie ich. Dennoch sprach die Krankenschwester die meiste Zeit nicht mit ihr, sondern mit ihrer Tochter über sie. Bei der gestrigen Bettnachbarin hatte ich das deren verwirrten Zustand zugeschrieben. Aber hier hätte die Krankenpflege direkt mit der Patientin sprechen können. Nicht nur Menschen mit Behinderung werden schon mal übergangen, sondern auch ältere Menschen.
Ich war schon einmal stationär in dieser Klinik. Und da hatte ich am Service absolut nichts auszusetzen. Diesmal habe ich viel Schulungsbedarf bei den Pflegekräften gesehen. Der Einzige, der uns alle mit zuvorkommender Freundlichkeit und intuitiv richtig behandelt hat, das war der auszubildende Krankenpfleger, der zu Beginn schon den Aufnahmebogen mit mir durchgegangen war. Auf Nachfrage erklärte er mir, dass ich die erste blinde Patientin sei, die er näher kennen lernt.
Natürlich drängt sich bei einigen die Frage auf, warum ich trotzdem immer wieder diese Klinik aufsuche, obwohl mir bestimmte Dinge Missfallen. Nun, ich gehe hin, weil ich mit deren augenärztlicher Behandlung sehr zufrieden bin, und deren Gründlichkeit schätze.
Dieselbe Beobachtung habe ich schon bei diversen Augenärzten und Augenkliniken gemacht. Die meisten Einrichtungen sind nicht auf blinde oder hochgradig sehbehinderte Patienten eingestellt. Dabei sollte man meinen, dass gerade die Mitarbeiter einer Augenarztpraxis oder Augenklinik mit unserem Personenkreis umgehen können. Aber darauf wird wahrscheinlich während des Studiums oder der Ausbildung sehr unzureichend eingegangen.
Dabei wäre es so einfach, wenn die Mitarbeiter uns Patienten fragen, wenn sie unsicher sind. Auch das habe ich schon in Kliniken erlebt, und es auch positiv vermerkt. Bei meinem vorletzten Aufenthalt in der Augenklinik wurde ich beispielsweise gefragt ob ich Hilfe bei der Körperpflege, beim Anziehen und so weiter brauche. Das fand ich super. Denn wer fragt vermeidet Missverständnisse und Fettnäpfchen.