Nähen ohne zu sehen – so geht’s

Lydia sitzt vor einer Nähmaschine

Blind und nähen, wie passt das zusammen? In diesem Zusammenhang höre ich immer wieder Sätze wie: „Du könntest Dich schneiden“, oder „An der Nähmaschine können sich sogar Sehende verletzen“. Von der Fragestellung nach Schnitt oder Muster wollen wir mal gar nicht erst reden. Auch ich dachte lange Zeit so. Denn meine Kenntnisse und Erfahrungen reichten nicht weiter als bis zum Vernähen eines Fadens oder einen Knopf annähen. Auch fühle ich mich eher an der Stricknadel zuhause.

Ich wurde eines Besseren belehrt, als ich an einem Workshop teilnahm, den Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, anbot. Dieser richtete sich sowohl an blinde und sehbehinderte Teilnehmer, als auch sehende Personen, die es einmal blind probieren wollten. Reiner ist selbst blind, und näht viel in seiner Freizeit.

Fangen wir mal ganz vorne an. Denn am Anfang steht die Idee. Und die bekamen wir durch Reiner vermittelt, der eine Tasche aus drei gleichgroßen Quadraten gefertigt hatte. Diese sollten wir zuschneiden und zusammennähen.

Lydia misst mit einem Zollstock Stoff aus

Abmessen und Zuschneiden des Stoffs
Mit einem Lineal, einem Maßband oder einem festen Zollstock wird die Länge des Stoffs abgemessen. Reiner zeigt uns einen Zollstock mit taktilen Markierungen im Abstand von 1 cm, und einer anders fühlbaren Markierung für 5 und 10 cm. Diesen legt man an dem Stoff an, und markiert sich die Länge. Es geht einfacher, wenn man den Stoff fixieren kann, damit dieser nicht wegrutscht oder Falten werfen. Dafür kann man ein Hilfsmittel aus dem professionellen Nähbereich verwenden.
Ist der Stoff erst mal ausgemessen und fixiert, kann er zugeschnitten werden. Man kann hierfür eine Nähschere verwenden, oder einen Cutter. Damit kann man direkt am Lineal entlang schneiden, sollte aber ein Schutzbrett zwischen Tisch und Stoff legen. Auch dieses Zubehör ist in einem Geschäft für Nähbedarf erhältlich.

Lydia schneidet ein Stück Stoff zu

Ränder abstecken und bügeln
Sind die Quadrate fertig zugeschnitten, knicken wir an den Seiten die umgenäht werden sollen etwa 2 cm ab. So entsteht eine saubere und gut fühlbare Kante. Diese wird mit herkömmlichen Stecknadeln abgesteckt. Um die Kante zu festigen, werden die Kanten noch mal gebügelt.

Zusammennähen
Ich empfehle allen sehbehinderten Nutzern einer Nähmaschine sich das Gerät im ausgeschalteten Zustand von allen Seiten zu betasten und erklären zu lassen. Außerdem ist es wichtig ein Gerät zu benutzen, das sich per tastbarer Schalter oder Drehregler bedienen lässt. Touchscreen geht für blinde Nutzer gar nicht. Gut und hilfreich ist eine Einfädelhilfe. Das geht nicht nur für sehende schneller, sondern senkt bei allen Beteiligten die Verletzungsgefahr.

Die Auswahl des Stoffs
Dennoch möchte ich auch diese Frage thematisieren. Bei unserem Workshop stellte sich das Problem nicht, da der Stoff vorgegeben wurde. Sehende Teilnehmer gehen primär nach der Farbe oder der Musterung des Stoffs. Als blinde Nutzerin ist für mich der Stoff selbst wichtig. Wie fühlt er sich an? Wie fällt er? Wie klingt es, wenn ich mit der Hand darüber streiche? Das sind Fragen, die sich für mich erst mal stellen. Farbbeschaffenheit ist eine Information, welche mir ein technisches Hilfsmittel zur Farberkennung liefert, bzw. eine sehende Person, die mir die Auskunft erteilt. Und hier ist es davon abhängig, ob es mir wichtig ist, dass die Farbe auch anderen Leuten gefällt, oder ob es mir, und nur mir gefallen soll. Die Wahl einer Farbe, oder eines Musters, welches sichtbar ist, stellt somit immer einen Kompromiss dar, wenn es mir wichtig ist, dass es auch anderen gefällt. Denn die Person, welche mich beraten hat, steht für sich und ihren eigenen Geschmack, und nicht für alle anderen Menschen, deren Meinung mir wichtig ist. Es setzt also im wahrsten Sinne des Wortes blindes Vertrauen voraus.

Bereits Im Oktober 2016 initiierte das Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit vier renommierten Modehochschulen aus Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien das Recherche- und Ausstellungsprojekt BEYOND SEEING. Im Rahmen von internationalen Recherche-Workshops, einer Ausstellung und einem diskursiven Begleitprogramm zielt das Projekt darauf ab, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus wahrnehmbar zu machen. Bislang nicht miteinander in Berührung gekommene Zielgruppen – Designstudierende, blinde und sehbehinderte Teilnehmer sowie Experten verschiedenster künstlerischer Disziplinen – werden erstmalig zusammengebracht, um gemeinsam innovative Designkonzepte zu entwickeln. Dieses Projekt durfte ich als blinde Bloggerin aus Deutschland ein stückweit begleiten, und werde nach und nach über verschiedene Aspekte berichten. In „Mode, Kunst und Shoppingtour“ habe ich über die Veranstaltung berichtet, die im Oktober 2016 in Berlin stattfand. Weitere Beiträge, die sich um die Ausstellung in Paris ab dem 18.01.2018 drehen, sollen folgen. Ich möchte eine angehende Modedesignerin zum Thema „Mode für blinde Menschen“ fragen, über die Reise selbst schreiben, und über die Wahrnehmung von Kunst, wenn man blind ist.

Wenn Euch meine Beiträge gefallen, dann freue ich mich, wenn Ihr meinem Blog folgt. Für jetzt lade ich Euch ein, in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.

Bilder für Blinde zugänglich machen

Lydia Hält lächelnd einen Käsekuchen hoch

Neulich schickte mir eine Freundin auf Facebook ein Foto. Die Absenderin wusste, dass ich blind bin. Dennoch kam dieses Bild ohne jegliche Beschreibung zu mir.

In früheren Beiträgen habe ich bereits beschrieben, wie blinde Nutzer den PC oder das Smartphone nutzen. Auch diese technischen Hilfsmittel haben Grenzen. Beispielsweise bei einem Text, der in ein Bild eingebettet ist. Mein Screen Reader erkennt ein Bild. Und vielleicht auch noch Bruchteile des Textes. das war es dann auch schon. Ich kann also nicht, wie ein sehender Nutzer, innerhalb von Sekunden erfassen was ich da bekommen habe, sondern muss einigen Aufwand betreiben. Ich kann z. B. das Bild durch ein Programm zur Texterkennung schicken, und versuchen den Text aus dem Bild erkennen zu lassen. Wenn das Foto gut gemacht ist, und der Kontrast stimmt, dann geht es. Aber bei vielen Fotos, an denen sich ein Grafikdesigner bei den Lichteffekten ausgetobt hat, geht das nicht.

Immer wieder erreichen mich Fotos, die nicht beschriftet sind. Und das von Menschen, denen meine Sehbehinderung bekannt ist. Ein Absender, den ich darauf aufmerksam machte, empfahl mir, dass meine Kinder mir den Text ja vorlesen könnten. Hallo, geht’s noch? In meinem Facebook Account hat niemand anderes was verloren. Und schon gar nicht in meinen persönlichen Nachrichten. Auf die Frage, ob er sich seine Liebesbriefe auch von einer dritten Person vorlesen lassen würde, bekam ich keine befriedigende Antwort.

So, genug gemeckert. Jetzt habe ich einige Anregungen, wie es besser geht. Denn es ist nicht sehr aufwändig blinde Menschen am bildlichen Geschehen teilhaben zu lassen. das geht mit einfachen Bordmitteln.

Text als Bild

So sieht das Foto aus, welches ich zu Beginn dieses Beitrags erwähnt hatte. Ich hätte den Inhalt selbst lesen können, wenn die Nachricht als Text zu mir gekommen wäre. Nämlich so:

„Hey, eine Frage an Dich… Kennst Du den wunderbarsten Menschen der Welt? Kennst Du die wertvollste Person, die es gibt? Kennst Du den Menschen, der einfach unersetzbar ist? nein? Na dann guck aber mal ganz schnell in den Spiegel!!! Jaa, ich meine DICH!!! Schicke das an jeden, deren Freundschaft dir etwas bedeutet, auch an mich. Bekommst du sie nur einmal zurück, bist du kein guter Freund, bekommst du sie mehr als dreimal bist du ein echter Schatz!“

Text auf einem Bild

Das ist ein Text, den alle Screen Reader sofort auslesen können. Und das in Echtzeit.

Bilder als Anhang einer E-Mail

Ein Foto, das auf dem PC gespeichert wird, hat einen Namen. Dieser lässt sich ändern. Aus einem kryptischen Namen, der gern vom System vergeben wird, kann man eine Beschreibung machen. Diese könnte beispielsweise „Lydia hält lächelnd einen Käsekuchen.jpg“ heißen. Unter diesem Namen habe ich das Beitragsfoto abgespeichert. Bekomme ich ein so beschriebenes Bild, kann ich es mit eben diesem Namen abspeichern, und später wiederfinden. Auch wenn mehrere Bilder in derselben E-Mail kommen. Problematisch wird es, wenn die Beschreibung nicht im Dateinamen steckt, sondern im Text der E-Mail. Dann ist es für mich unmöglich die Beschreibung dem entsprechenden Bild zuzuordnen.

Gleiches gilt, wenn ich Bilder auf einem USB-Stick, oder anderem Medium bekomme. Haben die Dateinamen keine Beschreibung, kann ich alleine nichts damit anfangen.

Grafiken und Fotos beschriften

Screen Reader können Grafiken zwar als solche ausmachen, jedoch nicht beschreiben. Daher ist es wichtig, dass diese mit einem aussagekräftigen Text hinterlegt werden.

In vielen Blogs, die ich verfolge, sehe ich viele Fotos, die wichtig für den Kontext sind, jedoch keinerlei Beschriftung aufweisen. Dabei gibt es die Felder für Beschreibung und Alternativtext, die von Programmen, die blinde Leser benutzen, ausgelesen werden können. Und nicht nur WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.

Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.

Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plug-Ins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.

Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Ich habe von vielen Bloggern gehört, dass auf Seminaren vermittelt wird, dass diese Felder unwichtig sind, und daher ruhig ignoriert werden können. Ich hoffe, dass auch zu diesen Seminarleitern durchdringt, dass auch blinde und sehbehinderte Nutzer im Internet unterwegs sind.

Was heißt ein Foto beschreiben?

Die Beschreibung eines Fotos sollte kurz und aussagekräftig sein. Wer macht was, womit und wo. Evtl. könnte auch der Gesichtsausdruck wichtig sein. Für sehende Nutzer mag das absolut unwichtig sein. Für uns blinde Leser jedoch ist das sehr wichtig, um am bildlichen Geschehen teilhaben zu können.

Also, liebe Versender von nicht beschrifteten Bildern!
Wenn Ihr wollt, dass der Empfänger Eure Nachricht auch wahrnehmen kann, dann beschriftet oder beschreibt Eure Bilder entsprechend. Dann hat der Empfänger die Wahl das Bild weiterzuschicken, abzuspeichern, oder ins Nirwana zu befördern. Auf jeden Fall aber kann er dies selbständig tun. Bei Fotos, die ohne Beschriftung kommen, weiß man nicht, ob sie doch eine wichtige Information enthalten. Meine persönliche Lösung dafür ist, dass Fotos, die von Leuten kommen, die mir nur selten etwas schicken, direkt und kommentarlos gelöscht werden, erst recht, wenn sie wissen, dass ich das Foto nicht sehen kann.

Tja, und wenn Ihr wirklich nicht wisst, wie Ihr das machen könnt, dann fragt den Empfänger doch einfach wie er oder sie es gerne hätte. Denn mein Beitrag stellt nur einige Anregungen vor, und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine bildschöne Zeit.

Eure Lydia

Apps, die blind bedienbar sind

Lydia hält lächelnd ein iPhone vor der Brust.

Seit 2012 ist das IPhone mein ständiger Begleiter im Alltag. Damals hatte mich ein Freund darauf gebracht, und mir die Bedienungshilfen gezeigt, die das Gerät von Haus aus mitbrachte.

Vorher hatte ich ein handelsübliches Handy der Firma Nokia. Darauf wurde eine spezielle Software aufgespielt, die den Text auf dem Display in Sprache umwandelte. Damit war es möglich Nachrichten oder E-Mails zu verwalten, im Internet zu surfen oder Musik zu hören. Die Software kostete zusätzliches Geld, und war quasi ein Aton. Und dieses Handy hatte fühlbare Tasten.

Anfangs fürchtete ich mich ein bisschen vor meinem IPhone. Daher war es mir wichtig, dass ich eine Zweitkarte hatte, die in meinem alten Handy steckte. Falls etwas schief ging. In den ersten drei Wochen holte ich das IPhone nur hin und wieder aus der Schublade, um damit zu experimentieren. Das ging so lange, bis ich ein Gefühl für die Bedienung ohne fühlbares Display entwickelte. Ein weiteres Plus war die Bedienung von sozialen Netzwerken. Hatte ich diese vorher über den PC angesteuert, so konnte ich das mit dem Smartphone von überall her tun. Also auch ganz bequem vom Sofa aus.

Und so schlich sich das Smartphone immer stärker in mein Leben, und wurde mein Helfer im Alltag. Ich verbrachte viel Zeit damit neue Apps zu erkunden und mir Empfehlungen von anderen blinden Nutzern anzusehen. Im Laufe der nächsten Jahre erledigte ich immer mehr Aufgaben, die ich vorher auf dem PC erledigt hatte, über das IPhone. Denn dieses garantierte mir eine räumliche Unabhängigkeit.

Ich möchte meinen Lesern nachfolgend einige Apps vorstellen, die mich durch meinen Alltag begleiten. Dabei handelt es sich nicht nur um Apps, die für blinde und sehbehinderte Nutzer entwickelt wurden.

Die App Mbraille macht aus dem IPhone eine Braille Tastatur mit vollwertiger Textverarbeitung. Mit etwas Übung kann man darüber sogar die gesamte Bedienung des IPhone steuern.

Ich bin meistens mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Hier begleitet mich der Abfahrtsmonitor von Witali Aswolinskiy. Die App kann mich orten und mir die nächst gelegenen Haltestellen anzeigen, und deren Abfahrtstafel abrufen. Ich kann Haltestellen, die ich oft brauche, als Favoriten definieren, und sehr schnell darauf zugreifen. Diese werden mir in einer übersichtlichen Listenansicht angezeigt.

Blindsquare von MIPsoft ist eine Navigationshilfe für blinde Nutzer, die mir gerade in einer fremden Umgebung eine große Hilfe ist. Ich kann ein Restaurant, ein Hotel oder einen Bahnhof heraussuchen, und mir anzeigen lassen in welcher Richtung und wie weit entfernt dieser von mir ist. Und ich kann diese Informationen einer Navigationsapp übergeben, die mich hin navigieren kann.

Der KNFBReader ist eine sehr gute Texterkennungssoftware. Ich kann quasi ein Dokument fotografieren, und bekomme dessen Inhalt vorgelesen.

TapTapSee, CamFind Inc. beschreibt ein gerade gemachtes Foto in deutscher Sprache. Dies geschieht mit Hilfe von künstlicher Intelligentes.

Seeing AI von Microsoft Corporation vereint mehrere Funktionen in einer einzigen App. Es bietet eine Produkterkennung, eine Farbansage und eine Beschreibung von Dingen, die vor die Kamera gehalten werden. Auch Handschrifterkennung und eine Gesichtserkennung sind Teil dieser App, die noch nicht ganz ausgereift ist. Ich denke, dass da noch viel Potential dahinter steckt. Und ich wünsche mir, dass es diese App irgendwann auch in mehr Sprachen gibt.

Es gibt Situationen, die mit künstlicher Intelligenz nicht auskommen. Brauche ich eine sehende Hilfe, so kann ich diese per Videotelefonie abrufen. Das wird durch das Netzwerk und die App Be My Eyes ermöglicht. Weltweit stellen sehende Nutzer ihr Sehvermögen zur Verfügung. Fällt mir eine Schraube runter, die ich nicht alleine wiederfinden kann, so kann ich mein Gesprächspartner durch meine Kamera sehen, und mir dieses entsprechend mitteilen. Ich kann voreinstellen welche Sprache ich spreche, und werde nur mit Menschen verbunden, die dieselbe Sprache angegeben haben.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sicher werde ich irgendwann über weitere Apps schreiben, die mir helfen, mir gefallen oder auch nicht.

Tag der offenen Moschee, was passiert da eigentlich?

Susanne Aatz liest Braille

Auf dem Foto sitzt meine Gastautorin Susanne Aatz’ an einem Tisch. Ihre Finger gleiten lesend über eine mobile Braillezeile.

Susanne und ich kennen einander schon sehr lange. Durch ihren Umzug nach Hamburg beschränkte sich unser Kontakt auf Telefonieren und Schreiben. Bis ich dann Gelegenheit hatte sie Ende Oktober 2017 in Hamburg zu besuchen. Als sie mir im Laufe dieses Besuchs von ihrem Erlebnis „Tag der offenen Moschee“ berichtete, bat ich sie das einmal aufzuschreiben. Dabei ist dieser Bericht entstanden.

Das tägliche soziale Glaubensbekenntnis

Die Eröffnung des New Hamburg Festivals am 3. Oktober 2014 auf der Veddel führte meinen Freund, mich und eine kleine Gruppe Interessierter zum Tag der offenen Tür unserer örtlichen Moschee. Die islamische Gemeinde Veddel e. V. veranstaltete in Kooperation mit der örtlichen evangelischen Gemeinde eine Moscheeführung mit anschließendem Vortrag.

Die Veddel ist eine Insel zwischen Norder- und Süderelbe, mitten in Hamburg. Ich bin einige Monate zuvor in diesen einerseits interessanten, andererseits problembelasteten Stadtteil gezogen. Hier habe ich eine behindertengerechte Wohnung. Auf der Veddel leben zwischen Bahngleisen und der Autobahn A255 ca. 5000 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen auf denkbar engem Raum zusammen. Der Anteil an sozial schwachen Bewohnerinnen und Bewohnern ist sehr hoch. Dadurch bekommt das Quartier Brennpunktcharakter.

siehe näheres zum Stadtteil.

Neben der islamischen Gemeinde gibt es auch eine evangelische Gemeinde und die Immanuelkirche. Beide Gemeinden arbeiten häufig zum Wohle aller Bewohnerinnen und Bewohner zusammen. So fand am 3. Oktober nicht nur der Tag der offenen Moschee, sondern auch ein Stadtteilfest auf dem Gelände der evangelischen Kirchengemeinde statt.

Mein Freund und ich besuchten das Fest und erfuhren, dass ein begleiteter Besuch in der örtlichen Moschee angeboten wurde.

So fanden wir uns gegen 16:15 bei der islamischen Gemeinde ein. Die Moschee ist in einem Wohnhaus im Erdgeschoß untergebracht. Außer dem Schild vor der Tür der Gemeinde gibt es keinerlei Hinweise, die darauf hindeuten könnten, dass hier der Islam gelebt und praktiziert wird.

Wir wurden sehr freundlich willkommen geheißen und erhielten zuerst die Gelegenheit beim Nachmittagsgebet dabei zu sein. Für den Tag der offenen Moschee wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben. Eine nette junge Frau half meinem Freund und mir beim Schuhe ausziehen und verstauen und führte uns in den Gebetsraum der Männer. Dort saßen wir auf Stühlen, andere auf dem Boden, und lauschten dem Gebet. Ein bisschen fühlten wir uns wie Eindringlinge. Und so saßen wir still da und nahmen die sehr neuen Eindrücke in uns auf.

Im Anschluss wurde uns vom Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit und dem Imam der Gemeinde die Arbeit und die Struktur der Gemeinde erklärt. Zu Beginn seines kleinen Vortrages distanzierten sich der Imam und seine Vorstandsleute ganz deutlich von dem Gewaltakten des IS und vom sogenannten „Heiligen Krieg“!

Der Imam fragte in die Runde, was denn das Wort „Dschihad“ bedeuten würde. „Heiliger Krieg“ antwortete eine Teilnehmerin spontan. Ich betonte daraufhin, dass dies die Übersetzung ist, die in den Medien gebräuchlich ist.

Der Imam erklärte uns daraufhin, dass diese Übersetzung völlig falsch sei. Dschihad ist nichts anderes, so sagte er, als die tägliche Anstrengung oder Bemühung sich für seinen Gott, die Gemeinde und für seine Umwelt spirituell und sozial zu engagieren.

Der Tenor war, dass „Dschihad“ eher eine Haltung, denn ein Zustand ist. Jeder Mensch, der etwas Gutes tut, der sich engagiert, der über andere Menschen positiv denkt, wer anderen Beistand leistet, lebt „Dschihad“.

Wir sprachen dabei ausführlich über die Möglichkeiten den Koran auszulegen. Es wurde die Wichtigkeit des Dialoges vor allem innerhalb des Islams betont. Nur, wenn insbesondere junge Leute in ihrer Gemeinde eingebunden seien und im Umgang mit ihrer Religion angeleitet würden, könne eine Radikalisierung verhindert werden, erklärte der Imam.

Die radikalen Islamisten schadeten vor allem den Menschen in ihrer eigenen Religionsgemeinschaft, da sie zu ihrer Ausgrenzung und Stigmatisierung beitrügen, stellte der Imam weiter fest. Auf meine Frage, was sich denn geändert hätte, seit die Gräueltaten durch die Medien gehen, berichtete der Imam: Seit dem 11. September 2001 müsse sich jeder Muslim, müsse sich jede Gemeinde mal mehr mal weniger, bevor eine unvoreingenommene Begegnung möglich sei, von den Islamisten distanzieren und ihren Standpunkt klar erklären. Die Mitglieder der Gemeinde drückten Ihr Bedauern darüber aus.

Ziel der Arbeit muss also sein, dass innerhalb der Gemeinde eine verlässliche Gemeinschaft entsteht, die auf Unterstützung, soziales Miteinander und Toleranz zwischen Menschen, Kulturen und den Religionen setzt. Dies wird in der Zusammenarbeit beider Gemeinden auf der Veddel vorbildlich umgesetzt.

Die Aufgabe der Imame sei es den Koran und seine verschiedenen Deutungsmöglichkeiten im gesellschaftlichen Kontext so zu vermitteln, dass ein soziales Miteinander möglich ist.

Nach diesem Vortrag fühlte ich mich ein wenig ertappt. Denn ich kann nicht verhehlen, dass ich zu Beginn der Führung nicht ein wenig Sorge hatte. Vielleicht machst Du etwas falsch, dachte ich.

Es war eine gute Idee mit einer Gruppe in die Moschee zu gehen. So kam ein Dialog zu Stande, der sehr offen und entspannt verlief. Unsere Begleiterin zeigte uns auf unser Bitten hin noch die Einzelheiten der Moschee. Hier war dann noch einmal Gelegenheit zum Diskutieren und wir zogen Vergleiche zwischen der christlichen und der muslimischen Religion. Und vieles ist sich wirklich sehr ähnlich.

Wenn wir wieder einmal hingehen, sind wir entspannter, und werden dann keine Vorbehalte mehr haben.
Danke, liebe Susanne, für den schönen Bericht. Als Gastautorin bist Du mir stets willkommen.

Liebe Leserinnen und Leser,
wenn Euch das gefallen hat, freue ich mich, wenn Ihr auf „gefällt mir„ drückt, und oder einen Kommentar hinterlasst.
Eure Lydia

Interview mit Insan e. V. -Jugendprävention mal ganz anders

Insan

Talha und Tarik haben vor einigen Jahren zusammen mit Freunden den Verein Insan e. V. in Neu-Isenburg gegründet. Hier sollte jungen Erwachsenen Perspektiven aufgezeigt werden, das wollte ich genauer wissen. Wir trafen uns in einem Eiskaffee zum Gespräch. Hier ließ ich ein Aufnahmegerät mitlaufen und stellte den Beiden einige Fragen zu ihrer Arbeit. Dieses Gespräch wurde dann verschriftlicht und mit Unterstützung von Matze vom Blog Mainrausch etwas in Form gebracht. Dabei ist das folgende Interview herausgekommen.

Lydia:
Hallo, ihr Beiden! Seid ihr so nett, euch unseren Lesern kurz vorzustellen?

Talha:
Talha
Gerne doch! Mein Name ist Talha, ursprünglich bin ich aus Bremen. Nach Frankfurt bin ich gekommen, um Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Islam und Pädagogik zu studieren. Schon seit einigen Jahren arbeite ich mit viel Herzblut in einem Präventionsnetzwerk. Vor kurzem dann konnte ich gemeinsam mit einigen Freundinnen und Freunden einen Verein für Jugendarbeit gründen. Dessen Name ist „Insan“ – dazu erzähle ich nachher gerne mehr. Ich will ja nicht gleich alles verraten!

Tarik:
Tarik

Und mein Name ist Tarik, aufgewachsen bin ich in Duisburg. Ich bin 28 Jahre alt und habe mich in Frankfurt Studien des Islam gewidmet. Inhaltlich haben Talha und ich uns also fast mit denselben Dingen beschäftigt. Ganz offiziell darf ich mich aber als Theologe bezeichnen!
Wir wollten uns Gedanken darübermachen, wie man noch viel früher ansetzen kann, wie Angebote junge Menschen noch viel früher erreichen können.
Diese Gedanken machen wir uns jetzt hauptamtlich in unserem Verein. Natürlich haben wir auch vorher schon ehrenamtlich viel geleistet, sodass wir all unsere Erfahrungen nun in unsere Arbeit für „Insan e.V.“ einfließen lassen können.

Lydia:
„Insan“, das bedeutet „Mensch“. Wie seid ihr auf diesen Namen gekommen?

Tarik:
Wir haben uns eine ganze Zeit lang Gedanken über einen zu unserem Verein passenden Namen gemacht. Wir haben uns gefragt: Was soll ein Name für unseren Verein leisten? Zunächst gefiel uns der Name „Bildungsakademie“, schließlich wollten wir Jugendbildungsarbeit betreiben. Andererseits wollten wir natürlich als Experten in ganz unterschiedlichen Fachbereichen Unterstützung für alle Menschen anbieten. Der Mensch, der stand für uns schon immer klar im Mittelpunkt, ganz unabhängig von seiner religiösen Zugehörigkeit, seines ethnischen Hintergrundes oder seiner Weltanschauung. Was lag also näher, als unseren Verein „Mensch“ zu nennen? Schlussendlich haben wir uns dann für eine etwas ästhetisch klingendere Variante des Wortes Mensch entschieden. Der Name „Insan“ war geboren!

Talha:
Wir werden ja immer wieder gefragt, warum wir uns „Mensch“ genannt haben. Sobald wir den Grund dafür erklärt haben, weiß unser Gegenüber gleich schon ziemlich viel über unsere Philosophie und unseren Antrieb. Eine tolle Sache, oder?

Lydia:
Vorwiegend richtet ihr eure Angebote aber an junge Erwachsene, oder? Gelten für diese bestimmte Altersgrenzen? Oder existiert sogar ein Mindestalter, ab dem eure Hilfe überhaupt erst Sinn macht?

Talha
Nein, wir haben keine fixen Altersgrenzen. Schon ab der Pubertät, vielleicht mit 15 oder 16 Jahren, macht unsere Arbeit Sinn. Neuntklässler haben schließlich schon ein wenig Lebenserfahrung sammeln können, haben eine gewisse Vorstellung von der Welt und eigene Aktivitäten entwickelt. Wir wollen ihnen dann einen Raum bieten, in denen sie ihr Potential entfalten können. Und nach oben, da gibt es keine Altersgrenze! Ich bin nun fast 30 und fühle mich selbst noch oft als Jugendlicher.

Lydia Zoubek:
Ja, und was soll ich denn da sagen? (lacht)

Tarik:
Du bist natürlich auch noch jugendlich! (lacht mit)

Lydia Zoubek:
Schon im Vorgespräch hattest du erzählt, dass euer Angebot Gesprächskreise beinhaltet. Für was und wen sind diese gedacht? Was bespricht man dort? Wofür ist das gut?

Tarik:
Zunächst einmal haben wir uns mit diesem Jugendbüro hier einen Raum gefunden, der mitten in der Stadt ist und somit gut von vielen Jugendlichen erreicht werden kann. Außerdem hat er einen ganz unabhängigen Charakter, was wichtig für unsere Gespräche ist.
Du willst wissen, über was wir hier so reden? Momentan reden wir zum Beispiel viel über Identität und Religion. Auch über ganz aktuelle Themen wird gesprochen – über das eben, was in den Medien zu sehen ist. Momentan ist dort das Thema Islam sehr präsent. Und wir diskutieren dann: Stimmt denn, was dort gesagt und behauptet wird? Wie sind unsere eigenen Erfahrungen, inwieweit berühren diese Themen unser eigenes Leben? Oftmals sprechen wir auch über ganz grundsätzliches.
Zum großen Teil kommen eben muslimische Jugendliche zu uns. Das heißt aber nicht, dass uns nicht auch schon Andersgläubige aufgesucht haben! Am Anfang bestand die Gruppe aus gerade einmal drei bis vier Jugendlichen. Gestern aber waren wir schon zu zehnt! Manche kommen sogar extra aus Offenbach.

Tarik:
Letztendlich ist es aber vor allem ein Raum frei von jeglichen Tabuthemen. Egal, was junge Menschen auch bewegt – hier können sie darüber sprechen! In unserer ersten Sitzung hatten wir gemeinsam erörtert: Was interessiert euch? Worüber würdet ihr gern sprechen, was liegt euch auf dem Herzen? Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Über die Jahre hinweg haben wir mit vielen pädagogischen Konzepten gearbeitet – einige unserer Mitarbeiter waren beispielsweise in Mannheim an der Entstehung von Kindertagesstätten beteiligt.
Unsere Erfahrung zeigt uns auch, dass junge Menschen ab einem gewissen Alter das Bedürfnis haben, eigene Erfahrungen und ihr eigenes Dasein aufzuarbeiten. Das ist ein sehr wichtiger Prozess, deswegen ermutigen wir die Teilnehmer stets dazu, sich selbst mit einzubringen. Wir begleiten das Ganze nur und bleiben Ansprechpartner. Wir wollen moderieren, nicht vorgeben! Die Gesprächsthemen werden jedenfalls allein von den Jugendlichen vorgegeben.

Talha:
Genau. Schließlich machen wir keinen Frontalunterricht, sondern einen Workshop. Wir lesen Texte, Werke und Artikel durch. Im Anschluss gibt’s dazu ein Frage-/Antwortspiel, die Jugendlichen sollen dabei möglichst gut untereinander ins Gespräch gekommen. Ihre Vielfalt bringt eine schöne Dynamik in die Gespräche hinein: Manche der jungen Leute kennen sich bereits, manche auch nicht. Der Eine studiert bereits, während ein Anderer noch mit dem Abitur beschäftigt ist. Egal, in welcher Situation sich ein Teilnehmer befindet: Hier findet er den Raum vor, in dem er sich ganz frei und ohne Druck von außen aussprechen und austauschen kann. Hier wird niemand be- oder verurteilt, das ist uns ganz wichtig.
Zwei weitere Säulen unserer Arbeit sind außerdem Ausflüge und Sport. Vor dem Jugendklub lädt ein Fußballkäfig zum Kicken ein, auch Basketball kann gespielt werden. Solche Sachen sind gleichfalls wichtiger Bestandteil unseres Angebots!

Lydia Zoubek:
Leider hört man aber auch immer wieder von Jugendlichen, die mit dem Gedanken spielen, in den Dschihad zu ziehen. Kannst du mir sagen, was junge Erwachsene zu solchen Überlegungen treibt? Was bewegt sie dazu, eine solche Richtung einzuschlagen?

Tarik:
Ja, leider. Hinter solchen Absichten können ganz unterschiedliche Motivationen stecken. Man kann nicht pauschal sagen, dass ein ganz bestimmter Schlag von Jugendlichen eine spezielle Neigung hin zur Radikalisierung hätte. Genauso wenig, wie es ein Patentrezept dafür gibt, sie von solchen Überlegungen abzubringen.
Eine große Rolle hierbei spielt aber die ganz eigene Biografie eines jeden jungen Menschen.
Ein Video auf YouTube allein macht einen Jugendlichen noch lange nicht zum Dschihad-Kämpfer, oftmals sind Ursachen für eine spätere Radikalisierung bereits in früher Kindheit zu finden. Wenn in der Vergangenheit etwas geschehen ist, das bei den Jugendlichen bestimmte Dinge und Verhaltensweisen ausgelöst hat, wenn sie bereits als Kind Diskriminierungen ausgesetzt waren und deswegen gegenüber der Gesellschaft eine gewisse Abneigung erfahren haben – dann laufen sie Gefahr, auf eine schiefe Bahn zu geraten. Oftmals haben sie schlichtweg nicht gelernt, anderweitig mit solchen Erfahrungen umzugehen und ihre Wut zu kanalisieren.
Auf all diese verschiedenen persönlichen Geschichten müssen wir uns ganz individuell einstellen. Da gibt es sehr emotionale Jugendliche, die sich leicht mit Mitleid ködern lassen, deren Wut leicht entfacht werden kann. Es gibt aber auch solche, die aus tiefer religiöser Überzeugung den radikalen Weg einschlagen. Für sie ist das Wort eines Predigers quasi Gesetz.

Talha:
Und natürlich spielt auch die Gruppendynamik eine große Rolle. Für viele junge Menschen stellt sich in radikalen Kreisen erstmals ein Gefühl der Zugehörigkeit ein. Dieses Gefühl lässt sie dann oftmals auch fatale Wege beschreiten.
Wir müssen uns die Frage stellen: Wie kann es sein, dass sich in einer Gesellschaft, der es an nichts mangelt, Menschen derart abkapseln? Ich persönlich bin der Meinung, dass hier etwas schiefläuft, dass eine soziale Schieflage existiert.
Wer sozial nicht ausreichend gefestigt ist, egal ob in Elternhaus oder Freundeskreis, wenn jemand nicht über ausreichende Ressourcen verfügt, um dem Erwartungsdruck unserer Gesellschaft standzuhalten – dann besteht die Gefahr, dass er in alternative soziale Netze abdriftet. Doch diese sind niemals eine positive Alternative!
Anerkennung und Geborgenheit sind Grundbedürfnisse eines jeden Menschen. Und es ist fatal, wenn diese nur noch innerhalb radikaler Kreise gestillt werden. Menschen, die sich ein Leben außerhalb dieser Strukturen schon gar nicht mehr vorstellen können, sind besonders anfällig für fatale Handlungen. Die religiöse Ideologie ist da eigentlich zweitrangig. Unsere Aufgabe ist es, ihnen anderweitig Anerkennung und Geborgenheit zu vermitteln – und sie schließlich als verlässlicher Partner beim Ausstieg aus der radikalen Szene zu begleiten.

Talha:
Einem Großteil unserer Jugendlicher – ich würde mal sagen, bei über 90 Prozent! – fehlt eine Vaterfigur. Auch das allein bedeutet natürlich nicht, dass potentiell alle von ihnen gefährdet sind. Aber diese fehlende Vaterfigur löst eben etwas in einem Jugendlichen aus, sie versuchen, diese Lücke zu füllen. Und leider sind es manchmal alleine radikale Gruppen, die diese Lücke zu füllen vermögen.

Lydia Zoubek:
Konkret bedeutet das also, dem Jugendlichen fehlt ein männliches Vorbild, das er irgendwann innerhalb einer radikalen Gruppe finden kann. Sie fühlen sich endlich ernst genommen.
Nun frage ich mich: Wie erreicht ihr einen solchen Jugendlichen? Wie findet ihr Zugang?

Tarik:
Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten Menschen zu erreichen. Da gibt es die klassischen Methoden der Sozialarbeit, da gibt es die aufsuchende Jugendarbeit. Es gibt viele Wege, nicht alle führen bei jedem zum Ziel. Zum Glück gibt es außerdem noch zahlreiche andere Institutionen, an die wir verweisen können, wenn jemand Hilfe sucht.
Seit drei Jahren arbeiten wir auch mit gefährdeten Extremisten und Radikalisierten. Hier ist es ganz wichtig, jemandem eine langfristige Begleitung an die Seite zu stellen, damit der Erfolg eines Ausstiegs gewährleistet werden kann. Es ist nicht immer einfach, mit unseren begrenzten Mitteln eine solche langfristige Partnerschaft zu erhalten. Auch unseren Möglichkeiten sind leider Grenzen gesetzt. Viel wichtiger ist es, sich zu fragen: Wie kann man von vornerein verhindern, dass junge Menschen in radikale Richtungen abgleiten? Es gilt, die Ursachen zu bekämpfen, weit bevor es zu spät ist und sich ein Mensch radikalisiert hat. Wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, kann ich nur noch versuchen, es zu retten und aus der Szene zurück zu holen.
Diese Gedanken müssen bundesweit gemacht werden, genau wie es ein bundesweites Netz von Anlaufstellen geben muss, wo junge Menschen sich gut aufgehoben fühlen und über all das sprechen können, was sie bewegt. So wie sie das auch bei uns tun können. Unser Einflussgebiet ist natürlich begrenzt – doch wir sind absolute Lokalpatrioten! Wir haben Lust auf die Menschen unserer Heimat, wir haben Lust auf Community. Und die soll natürlich genauso Lust auf uns haben! Wir sind neugierig auf sie, unterbreiten ihnen ein Angebot. Und freuen uns immer wieder, wenn sie darauf eingehen!

Talha:
Genau. Eben das, was man „gelungene Bildungsarbeit“ nennt!

Lydia Zoubek:
Das bedeutet also auch, dass junge Leute zu euch kommen können, ohne Angst vor etwaigen Konsequenzen haben zu müssen? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie oft Angst haben, dass ihre Eltern etwas über ihre Besuche bei euch erfahren…

Tarik:
Damit hast du voll und ganz Recht! Genau legen wir so großen Wert darauf, einen ganz unabhängigen und diskreten Raum anzubieten. Sonst wäre das Projekt wohl zwecklos.

Lydia Zoubek:
Und wenn die jungen Leute von euch überzeugt sind, dann können sie jederzeit wieder zu euch kommen?

Talha:
Genau. Ich habe feste Zeiten, in denen ich im Büro anzutreffen bin. Egal, ob jemand kommt oder nicht. Und wenn ich dort sitze, dann bin ich bereit, über alle Themen zu sprechen und ein offenes Ohr zu haben. Egal, ob nun nur Einer, ob zehn oder ob zwanzig Leute kommen!
Und sollte ich mal überrannt werden, dann ist das auch kein Problem:
Dann höre ich mir die einzelnen Anliegen genau an und schaffe danach Gruppen mit den Leuten, die momentan dasselbe beschäftigt. Da gibt es nämlich sowohl große Gemeinsamkeiten als auch große Unterschiede!

Tarik:
Wir betreiben ja auch ganz bewusst keine Präventionsarbeit, das können wir gar nicht leisten. Wir betreiben Bildungsarbeit. Viele Arbeitskonzepte gegen Extremismus zielen auf das Narrativ innerhalb extremistischer Gruppierungen ab. Wir finden allerdings, dass dies sehr antagonistisch wirkt. Wir glauben, das ist eine zu wenig erfolgversprechende, eine zu wenig positive Art, jungen Menschen entgegen zu treten. Wir wollen narrativ im positiven Sinne sein; unabhängig von althergebrachten Konzepten zur Extremismus-Arbeit.
Ich halte mich nicht an irgendwelche starren Vorgaben pädagogischer Konzepte, ich orientiere mich allein an den Bedürfnissen der Jungen und Mädchen, die unsere Hilfe suchen. Deswegen schreiben wir auch keine Gesprächsinhalte vor. Wir fragen nur: „Was beschäftigt euch? Was denkt ihr darüber?  Woran glaubt ihr selbst? Wie geht ihr damit um?“. Ich will mal ein Beispiel bringen: Ein Großteil der Jugendlichen, die zu uns kommen, sind Muslime. Doch das bedeutet doch noch lange nicht, dass wir sie wie eine große, homogene Masse behandeln können! Wir schauen genau hin, hören uns genau an: Wo sind die Unterschiede? Wo liegen Gemeinsamkeiten? Ein Mensch besteht doch nicht allein aus seinem Glauben! Wir bemühen uns sehr, auch den Jugendlichen einen solchen differenzierten Blick zu vermitteln – denn oftmals haben sie bereits ein sehr pauschales Weltbild entwickelt.

Lydia Zoubek:
Der muslimische Glaube also als nur eine Eigenschaft von vielen?

Talha:
Ganz genau! Oftmals werden auch die Jugendlichen selbst von der Gesellschaft stigmatisiert, auf ihren Glauben reduziert. Oder aber: Niemand interessiert sich für ihren Glauben, weder Schule noch außerschulische Angebote.
Es gilt, hier einen Mittelweg zu finden. Ich zum Beispiel bezeichne mich gern als „Bremer Muslim“. Viele Fragen dann: „Wieso Bremer? Du bist doch Türke!“. Darauf entgegne ich dann: „Natürlich habe ich türkische Wurzeln, aber ich bin nicht in diesem Land aufgewachsen. Meine Kultur ist auch die Bremer Kultur. Und das empfinde ich als Bereicherung!“. Die Jugendlichen bezeichnen sich auch oft selbst als „Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Diesen Begriff finde ich furchtbar! Wir sprechen viel lieber von „Jugendlichen mit kulturellen Zusatzqualifikationen“, wenn wir von ihnen sprechen. Das klingt doch deutlich positiver, oder? Auch und gerade für die Jugendlichen. Sie sehen sich dann nicht mehr als ein Halb-Halb-Wesen, sondern können ihre kulturelle Abstammung verbunden mit dem Ort, an dem sie leben, als doppeltes Glück empfinden. Sie kennen mehrere Sprachen, mehrere Esskulturen, mehrere Weltansichten – ist das nicht tatsächlich eine große Bereicherung?
Natürlich ist Religion immer ein wichtiger Aspekt. Religion wird in der sozialen Arbeit leider häufig auch vernachlässigt. Auch Religion muss Raum finden! Religion ist im Alltag überall ein Thema, dem kann man sich nicht entziehen. Und dafür brauchen die jungen Leute ein gewisses Grundlagenwissen. Neulich sind wir zum Beispiel in einer religiös gemischten Gruppe auf Jesus zu sprechen gekommen. Das war für alle sehr spannend! Auch über den Stammvater Abraham haben wir uns unterhalten, der für Juden, Christen wie auch Muslime eine große Bedeutung hat. Und die Jugendlichen waren begeistert! Sie wollten mehr erfahren, fragten mich sogar nach Empfehlungen für Lektüre.

Lydia Zoubek:
Lesen ist prima. Gibt’s deine Empfehlungen auch als E-Books?

Talha:
Na, das vermute ich doch! Wir treffen uns jedenfalls bald wieder mit der Gruppe, wir bringen Kekse mit und lesen gemeinsam.

Lydia Zoubek:
Gerne werde ich dieses Interview um einige deiner Lese-Tipps ergänzen!

Talha:
Aber noch einmal zurück zu unseren Jugendlichen: Ich hatte ja schon erwähnt, dass es ganz wichtig ist, vorhandenes Potential zu entdecken und anschließend zu fördern und in eine positive Richtung zu lenken. Um die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen, haben wir uns ein Konzept für Ideenwerkstätten überlegt. In diesen soll eigenes Potential entdeckt und Begeisterung entfacht werden.
Als konkretes Beispiel haben wir uns eine Schreibwerkstatt überlegt. Sie können sich von Bloggern und Autoren inspirieren lassen und anschließend selbst tätig werden. Eine weitere Idee wäre auch eine Kunstwerkstatt, in der gemalt und gezeichnet werden kann. Warum sollten nicht auch Begriffe wie „Zusammenleben“ oder „Toleranz“ künstlerisch dargestellt und anschließend vielleicht in einer Art Vernissage ausgestellt werden? Ich bin sicher, das würde sogar auf großes Interesse stoßen – und die Jugendlichen könnten stolz auf sich und ihre Kunstwerke sein!
asselbe gilt natürlich auch für eine Musikwerkstatt. Und unsere „Teestube“ mag ich auch nicht vergessen zu erwähnen, wo sich ganz zwanglos auf einen Tee getroffen und geplaudert werden kann.

Lydia Zoubek:
Vergleichbar mit dem „Café Grenzenlos“ in Neu-Isenburg? Ich war selbst leider noch nicht dort, aber ich musste eben daran denken.

Talha:
Genau! Darf ich noch von einer weiteren Idee erzählen? Nämlich den „Tag der Gebetsstätten“. Ich musste feststellen, dass kaum ein Zehntklässler jemals in einer Synagoge war. Das hat mich wirklich schockiert! Ich wollte daran etwas ändern, mit den Jugendlichen Gebetsstätten aller Religionen besuchen. Gerade das Rhein-Main-Gebiet strotzt doch nur so vor Vielfalt: Synagogen, Kirchen aller Art, Moscheen, sogar buddhistische Tempel! Solche Besuche sind sehr wertvoll und bauen Vorurteile ab.

Lydia Zoubek:
Wo du es gerade ansprichst: Ich finde Kirchen faszinierend! Jede von ihnen hat ihre ganz eigene Geschichte. Und an vielen wurde jahrzehntelang gebaut! Der Baumeister wusste quasi von vornherein, dass er die Fertigstellung nie erleben wird. Das finde ich total spannend!

Talha:
Allerdings! Wenn du dann noch einen Vertreter der Gebetsstätte dafür gewinnen kannst, seine Religion ganz unbefangen vorzustellen und zu erzählen, was seine Religion für ihn bedeutet – dann gelingt ein ganz wunderbarer Perspektivwechsel.
Lydia Zoubek:
Ein Bau als Gebetsstätte tut ja erst einmal niemandem was. Dennoch höre ich immer wieder Muslime sagen, sie würden niemals eine christliche Kirche betreten.
Talha:
… umso wichtiger, zu zeigen, dass allein durch einen Besuch niemand seinen eigenen Glauben verliert!

Tarik:
Ganz genau! Es geht lediglich darum, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Einfach nur, aufeinander zuzugehen. „Aufstehen, aufeinander zugehen, voneinander lernen, miteinander umzugehen“ – von wem war dieses Lied doch gleich?

Lydia Zoubek:
Hey, den Song kenne ich! Aber frag‘ mich nicht, von wem das ist und wie es heißt…
[ANMERKUNG DES TRANSKRIPTORS:
„Aufstehen, aufeinander zugehen“ vom Interpreten Sven Schumacher]

Tarik:
Was zählt, ist am Ende zu vermitteln: Auf einen Menschen kann man zugehen und mit ihm ganz unverbindlich und vorbehaltlos sprechen. Niemand muss deswegen irgendeinen anderen Glauben annehmen, jeder darf denken und glauben, was er möchte. Ein solcher Austausch hat nichts mit einem „Missionieren“ zu tun!

Lydia Zoubek:
Ich bin sowieso ein großer Fan davon, sich Bauten anzuschauen. Da steckt so viel drin! Architektur, Mathematik, Physik… und natürlich Leidenschaft! Und Kommunikation! Wie haben die Bauarbeiter früher nur miteinander kommuniziert? Viele konnten ja gar nicht lesen und schreiben… Haben sie wohl gezeichnet? Und wenn ja, mit was? Alte Gebäude werfen so viele Fragen auf!

Tarik:
Mir ist dazu noch ein schöner Begriff für unser Handeln eingefallen: „Wir stärken das Wir“. Denn das „Wir“ soll kein abgrenzender Begriff sein, sondern ein Begriff einer allumfassenden Gemeinschaft!

Lydia Zoubek:
Ich bin mir sicher, einige meiner Leser würden euch nun gerne unterstützen. Wie können sie das tun? Welche konkrete Hilfe könnt ihr brauchen?

Talha:
Die größte Hilfe ist sicherlich, einfach mal vorbeizuschauen. Egal, ob ein Leser selbst Hilfe sucht oder sich einfach einbringen möchten:
Wir sind Mittwochabends zwischen 19.00 und 20.30 im Jugendbüro. Ein Jeder ist ganz herzlich eingeladen, uns zu besuchen! Fragt uns, sprecht mit uns. Kommt auf uns zu, lasst uns gemeinsam Vorbehalte abbauen!

Tarik:
Außerdem kann man uns auch als Kooperationspartner unterstützen! Wir sind tätig im Präventionsrat der Stadt Neu-Isenburg und wollen Seminare in der Gedenkstätte Bertha Pappenheim anbieten. Wenn jemand Interesse hat, dabei mit uns zusammenzuarbeiten, darf er sich gerne bei uns vorstellen! Vielleicht stellen wir ja anschließend ein gelungenes Seminarkonzept auf die Beine!

Talha:
… und begnadete Künstler, Musiker und Maler können uns natürlich bei unseren Ideenworkshops unterstützen!

Tarik:
Darüber würde auch ich mich sehr freuen!
Das würde auch mich sehr freuen!

der Verein Insan e. V. ist in Neu-Isenburg ansässig. Hier geht es zum entsprechenden Auftritt auf Facebook. Außerdem ist eine Homepage in Arbeit. Diese findet Ihr hier.

Und nun lade ich Euch ein in den Kommentaren über diesen Beitrag zu diskutieren.