Sportangebote gibt es heute genug. Fitnessstudios, Kurse für jedes Fitnesslevel und unzählige Trainingsvideos und Apps für zu Hause.
Eigentlich könnte man meinen, dass jeder problemlos die Möglichkeit hat, Sport zu treiben.
Eigentlich.
Denn wenn man blind oder sehbehindert ist, beginnt die Suche nach einem passenden Sportangebot oft mit ganz anderen Fragen. Werden die Übungen so erklärt, dass ich sie nachvollziehen kann? Kann ich selbstständig trainieren? Und manchmal stellt sich sogar die Frage: Bin ich dort überhaupt willkommen?
Ich weiß, wovon ich spreche.
Im Jahr 2016 wollten meine Kinder unbedingt in einem Fitnessstudio trainieren. Also ging ich mit und regelte zunächst die Verträge für meine damals noch minderjährigen Kinder. Irgendwann bekam ich selbst Lust, etwas für meine Fitness zu tun und vereinbarte ein Probetraining.
Das lief gut. Mir wurden die Geräte gezeigt und ich konnte sie ausprobieren. Fahrrad, Laufband und der Zirkel waren für mich ohne fremde Hilfe zugänglich. Bei einem weiteren Termin trainierte ich dann unter normalen Bedingungen. Ich fand selbstständig die Umkleide und die Geräte wieder. Zwei Übungen musste die Trainerin bei mir korrigieren – aber das tat sie auch bei anderen Trainierenden.
Nach dem Training sagte mir die Trainerin, dass sie kein Problem darin sehe, dass ich dort trainiere. Sie hatte erlebt, dass ich mich selbstständig zurechtfinde und trainieren kann.
Eigentlich hätte ich jetzt einfach einen Vertrag unterschreiben können.
Aber meine Mitgliedschaft musste noch vom Inhaber genehmigt werden.
Und plötzlich wurde aus einer einfachen Anmeldung eine Geschichte, die sich über Monate hinzog. Angeblich musste die Versicherung erst prüfen, ob ich dort überhaupt trainieren dürfte. Schließlich sei ich die erste Kundin mit einer Sehbehinderung.
Am Ende sollte ich nur unter besonderen Bedingungen trainieren dürfen. Man wollte eine Sondervereinbarung mit mir abschließen. Es gebe keine Kapazitäten, jemanden abzustellen, der mich herumführt. Außerdem könnten andere Mitglieder ja etwas auf dem Boden liegen lassen.
Dabei hatte ich längst gezeigt, dass ich mich selbstständig zurechtfinde. Und auch ein sehender Mensch kann über eine Hantel stolpern.
Spätestens da war für mich klar: Hier geht es nicht darum, ob ich trainieren kann. Hier geht es darum, welches Bild Menschen von blinden Menschen im Kopf haben.
Ich wollte keine Sonderbehandlung und keinen Aufpasser. Ich wollte einfach trainieren. So wie alle anderen auch.
Diese Erfahrung ist inzwischen einige Jahre her. Aber wenn ich heute über „Fitness zum Hören“ nachdenke, fällt sie mir wieder ein.
Denn das Problem beginnt nicht erst an der Tür eines Fitnessstudios.
Auch in herkömmlichen Sportkursen sind blinde und sehbehinderte Menschen nicht immer willkommen. Und selbst wenn sie teilnehmen dürfen, sind viele Angebote darauf ausgerichtet, dass man zuschaut.
Der Trainer macht eine Bewegung vor und sagt: „Jetzt macht ihr das genauso.“ Ein Video läuft und es heißt: „Schaut auf den Bildschirm.“
Aber wie soll man etwas nachmachen, das nur gezeigt und nicht erklärt wird?
Genau hier setzt „Fitness zum Hören“ an.
Statt darauf angewiesen zu sein, Bewegungen zu sehen und nachzumachen, werden die Übungen so beschrieben, dass man sie hören, verstehen und selbstständig umsetzen kann. Im Mittelpunkt stehen die Bewegung und die eigene Körperwahrnehmung.
Und das Schöne daran ist: Dieses Angebot ist nicht nur für blinde und sehbehinderte Menschen geeignet.
Auch sehende Menschen können davon profitieren. Denn muss man beim Sport wirklich ständig auf einen Bildschirm schauen? Vielleicht möchte man sich lieber auf den eigenen Körper konzentrieren, die Bewegung spüren und auf die Atmung achten.
Wir verbringen ohnehin schon einen großen Teil unseres Tages vor Bildschirmen. Vielleicht ist es manchmal sogar ganz angenehm, ihn beim Sport einfach einmal auszuschalten.
Bei „Fitness zum Hören“ hört man zu und setzt die Übungen um. Das macht das Angebot interessant für blinde und sehbehinderte Menschen ebenso wie für sehende Menschen, die beim Training nicht schon wieder auf einen Bildschirm fokussiert sein möchten.
Für mich ist das echte Inklusion. Nicht ein Angebot nur für blinde Menschen und ein anderes für sehende Menschen, sondern eines, das unterschiedliche Menschen nutzen können.
Und genau deshalb finde ich „Fitness zum Hören“ so wichtig.
Für viele blinde und sehbehinderte Menschen ist die Möglichkeit, selbstständig Sport zu treiben, noch immer keine Selbstverständlichkeit. Dabei geht es nicht nur um Fitness. Es geht um Gesundheit, Selbstständigkeit, Lebensqualität und darum, dazuzugehören.
Doch genau dieses Angebot braucht jetzt Unterstützung.
Damit die App betreut und weiterentwickelt werden kann, werden jeden Monat rund 10.000 Euro benötigt. Deshalb wurde eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.
Das Ziel ist einfach: Wenn 250 Menschen monatlich 40 Euro für eine Mitgliedschaft bezahlen würden, könnten damit die laufenden Kosten gedeckt werden.
Zurzeit gibt es bereits rund 80 Mitglieder. Viele zahlen allerdings noch den früheren Preis von 15 Euro oder nutzen ein kostenloses Probeangebot. Deshalb kommen derzeit nur rund 500 Euro im Monat zusammen.
Es fehlen also noch rund 9.500 Euro monatlich, damit die App langfristig erhalten bleiben kann.
Natürlich sind 40 Euro im Monat viel Geld. Der Betrag soll deshalb auch nicht dauerhaft so hoch bleiben. Zunächst geht es darum, das Überleben der App zu sichern. Danach sollen Wege gefunden werden, damit der monatliche Beitrag wieder sinken kann.
Und niemand muss eine Mitgliedschaft für 40 Euro abschließen. Wer bereits ein Abo hat oder sich diesen Betrag nicht leisten kann oder möchte, kann das Projekt auch mit einem kleineren Beitrag über die Crowdfunding-Kampagne unterstützen.
Oder ganz einfach, indem man anderen davon erzählt.
Denn manchmal hilft es schon, wenn eine gute Idee die richtigen Menschen erreicht.
Ich würde es schade finden, wenn ein Angebot verschwindet, das genau dort ansetzt, wo viele andere Sportangebote blinde und sehbehinderte Menschen noch immer ausschließen.
Wir reden viel über Barrierefreiheit und Inklusion. Aber am Ende zeigt sich beides im Alltag. Kann ich eine App nutzen? Kann ich einen Sportkurs besuchen? Bin ich in einem Fitnessstudio willkommen? Kann ich selbstständig trainieren?
Für viele Menschen sind diese Fragen selbstverständlich. Für blinde und sehbehinderte Menschen sind sie es leider noch immer nicht.
Deshalb braucht es Angebote wie „Fitness zum Hören“.
Wenn ihr mehr über das Projekt und die aktuelle Crowdfunding-Aktion erfahren möchtet, schaut euch gerne dieses Video an:
Zum Video: „Crowdfunding – Helft uns die App Fitness zum Hören zu retten“
Die Crowdfunding-Kampagne zu „Fitness zum Hören“ findet ihr hier:
Zur Crowdfunding-Kampagne „Fitness zum Hören“
Denn Sport gehört zum Leben. Und dazugehören sollte keine Frage des Sehens sein.