Essen im Dunkeln

eine Mitarbeiterin erzählt.

Zum ersten Mal kam ich durch eine Jugendgruppe der Blindenselbsthilfe mit dem Thema Essen im Dunkeln in Berührung. Damals veranstalteten wir einen Tag der offenen Tür. Ein Highlight war, dass Gäste eine schwarze Augenbinde auf bekamen. Sie durften nun ein Stück Kuchen blind essen, und wurden währenddessen mit einer Sofortbildkamera fotografiert. Dieses Bild durften sie zur Erinnerung an dieses Erlebnis mit nach Hause nehmen.

Seit mehr als 10 Jahren habe ich für diverse Dunkelprojekte gearbeitet. Dazu gehören auch Dunkelrestaurants, Dunkelkaffees oder Dunkelbars. Sie alle haben eines gemeinsam, nämlich dass man etwas zu sich nimmt, ohne es sehen zu können.

In den meisten Dunkelrestaurants, für die ich gearbeitet habe, wird ein Menü serviert, welches für den Gast unsichtbar ist. Er darf es mit seinen anderen Sinnen wahrnehmen, und gibt lediglich an ob er Fleisch oder vegetarisch möchte, und ob er bestimmte Lebensmittel grundsätzlich nicht essen möchte oder darf. Darauf wird dann bei der Zusammenstellung des Menüs Rücksicht genommen.

Die Philosophie dahinter ist, dass der Gast die Speisen und Getränke selbst erschrecken und mit seinen anderen Sinnen wahrnehmen soll. Am Ende wird das aufgelöst, so dass er weiß inwieweit er richtig gelegen hat. Wir sperren das Auge, welches sonst mit isst, während des Essens aus, und holen es später wieder dazu.

Die Kellner sind blind oder sehbehindert. Ihre Aufgabe ist es nicht nur Speisen und Getränke zu servieren, sondern auch die Gäste für das Thema Blindheit und Wahrnehmung zu sensibilisieren, Fragen zu beantworten und für die Belange der Gäste da zu sein.

Das beginnt damit, dass die Gäste im Dunkeln an den für sie vorgesehenen Tisch geführt werden. Sobald sie Platz genommen haben, erkläre ich ihnen ihren Platz. Möchte ein Gast zwischendurch den Raum verlassen, dann macht er das nicht alleine, sondern ausschließlich mit blinder Begleitung. Denn die kennt sich hier besser aus als der normal sehende Gast.

Am praktischen Beispiel lernen die Gäste, dass man auch ohne zu sehen lebenspraktische Fertigkeiten beherrschen kann. Und wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass Blindheit nicht gleich Dunkelheit und Hilflosigkeit bedeutet. Es ist quasi ein Perspektivwechsel im abgesicherten Modus.

Bei jedem Arbeitseinsatz kommt garantiert die Frage: „Ist der Koch auch blind“? Bis auf eine Ausnahme habe ich bisher stets mit sehenden Köchen zusammengearbeitet. Was die meisten Gäste beschäftigt ist wohl eher die Frage ob es möglich ist trotz Blindheit unfallfrei zu kochen. Tja, funktionierende Augen sind keine Garantie für eine genießbare Mahlzeit, wie ich schon öfter in meinem Leben erfahren durfte. Und ebenso unterschiedlich ist es auch bei Menschen mit einer Sehbehinderung. Ich erkläre den Gästen dann wie ich beim Kochen oder Backen vorgehe. In meiner eigenen Küche kenne ich mich aus. Da habe ich meine Ordnung und meine Haushaltsgeräte, die mir vertraut sind und meinen Anforderungen entsprechen. Mein Herd hat einrastende Knöpfe, so dass ich sofort fühlen kann auf welcher Temperatur er eingestellt ist. Und da ich meine Gewürze in gleichen Behältern untergebracht habe, habe ich sie mit Braille beschriftet. Das geht schneller als an jedem Gewürz zu riechen.

Und nein, ich verbrenne mir auch nicht regelmäßig die Finger auf dem Herd. Den kenne ich gut genug, um zu wissen wohin ich greifen darf und wohin besser nicht.

Problematisch wird es für mich in fremder Umgebung. Hier brauche ich ein bisschen, um mich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Was eine normal sehende Person mit einem Blick erfasst, muss ich mir erst mal ertasten oder von jemandem erklären lassen. Das dauert etwas länger.

Außer der von mir beschriebenen Art in einem Dunkelrestaurant zu arbeiten gibt es noch andere Konzepte. In einem Projekt wurden den Gästen lichtundurchlässige Brillen aufgesetzt. Der Gast hat damit zwar das Erlebnis Essen im Dunklen, die Bedienung erfolgt durch herkömmliche Servicekräfte. Dieses Vorgehen wird gern genutzt, um die Servicekräfte für nicht sehende Gäste zu sensibilisieren.

In anderen Lokalen wird mit sogenannten Nachtsichtgeräten gearbeitet. Dem Gast wird ein Essen im Dunkeln geboten, die Bedienung erfolgt jedoch nicht durch Blinde oder Sehbehinderte. Hier ist das Ziel auch nicht die Sensibilisierung oder Aufklärung der Gäste, sondern lediglich die gastronomischen Events essen im Dunkeln.

Ich habe noch nie in einem der zuletzt beschriebenen gastronomischen Events gearbeitet. Für mich fühlt sich das einfach falsch gegenüber den Gästen an. Und dafür würde ich mich nicht hergeben. Aber das ist und bleibt meine persönliche Meinung.

Wenn Ihr also plant im Dunkeln essen zu gehen, dann fragt vorher mit welchem Konzept das Lokal arbeitet, und entscheidet dann selbst ob Ihr damit einverstanden seid. Ansonsten bringt gute Laune und eine gesunde Neugierde mit. Den Rest machen die Mitarbeiter. Und zwar gemeinsam mit Euch.

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

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