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Zu prüde für die KI

Für mich als blinde Frau bietet künstliche Intelligenz klare Vorteile beim Einkaufen – selbstständig und informiert. Doch statt klarer Beschreibungen stoße ich auf Hindernisse, die das Einkaufen erschweren. Die Technik sollte mehr Freiheit ermöglichen.

Zu prüde für die KI

Warum blinde Menschen dieselben Informationen brauchen wie alle anderen

Ich liebe es, selbstständig zu sein. Dazu gehört für mich auch, ganz in Ruhe auf dem Sofa zu sitzen, durch eine Secondhandplattform für Mode zu stöbern und nach einem schönen Kleidungsstück zu suchen. Ich möchte selbst entscheiden, was mir gefällt, was ich kaufen möchte und worauf ich lieber verzichte. Dank künstlicher Intelligenz ist das für mich als blinde Frau heute viel einfacher als früher.

An diesem Tag stoße ich auf einen Bikini. Meine Sprachausgabe verrät mir, dass das Kleidungsstück angeboten wird. Ich werde neugierig und öffne das Produkt. Wie sieht der Bikini aus? Welche Farbe hat er? Wie ist er geschnitten? Gibt es vielleicht Gebrauchsspuren? Genau solche Informationen möchte ich haben, bevor ich mich für oder gegen einen Kauf entscheide.

Also bitte ich die automatische Bildbeschreibung meines Smartphones, mir das Foto zu erklären. Doch statt einer Antwort bekomme ich eine Meldung, dass das Bild möglicherweise anstößige Inhalte zeigt und deshalb nicht beschrieben werden kann.

Ganz ehrlich, in diesem Moment frage ich mich, ob das wirklich sein muss. Ich möchte doch nur wissen, wie ein Bikini aussieht. Sehende Menschen können das Foto problemlos betrachten und sich ihre eigene Meinung bilden. Mir wird diese Möglichkeit genommen, obwohl ich gerade auf die technische Unterstützung angewiesen bin, die mir mehr Selbstständigkeit ermöglichen soll.

Und genau das ist mein Problem. Die künstliche Intelligenz soll mir helfen, Informationen zugänglich zu machen. Stattdessen entscheidet ein automatisierter Filter darüber, welche Informationen ich bekommen darf. Was für sehende Menschen selbstverständlich ist, wird für mich plötzlich zur unüberwindbaren Hürde.

Dabei hat künstliche Intelligenz meinen Alltag beim Einkaufen erheblich erleichtert. Eine wichtige Unterstützung bietet mir die App Be My Eyes. Sie wurde entwickelt, um blinden und sehbehinderten Menschen im Alltag zu helfen. Mit der Funktion Be My AI kann ich ein Foto aufnehmen oder ein vorhandenes Bild hochladen. Die künstliche Intelligenz analysiert das Bild und beschreibt mir, was darauf zu sehen ist. Sie kann beispielsweise Farben, Kleidungsstücke und Gegenstände erkennen. Wenn ich weitere Informationen benötige, kann ich gezielt nachfragen. So bekomme ich einen Eindruck von Bildern, die mir sonst ohne fremde Hilfe nicht zugänglich wären.

Doch auch bei Be My Eyes zeigte sich, wie schnell eine gut gemeinte Schutzmaßnahme zum Hindernis werden kann. Im September 2023 konnten blinde Nutzerinnen und Nutzer mit Be My AI zeitweise keine Gesichter mehr beschreiben lassen. Hintergrund waren Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der möglichen Identifizierung von Personen.

Für blinde Menschen können solche Informationen wichtig sein. Wie sieht eine Person auf einem Foto aus? Lächelt sie? Welche Frisur hat sie? Wie ist ihr Gesichtsausdruck? Solche Fragen gehören zum Alltag und helfen dabei, Bilder und soziale Situationen besser zu verstehen.

Die Einschränkung stieß auf Kritik aus der Community. Nach Protesten wurde die Beschreibung von Gesichtern wieder ermöglicht. Dabei ging es um sichtbare Merkmale, nicht darum, Menschen anhand ihres Gesichts zu identifizieren.

Dieses Beispiel zeigt, dass technische Einschränkungen nicht unveränderlich sein müssen. Wenn Nutzerinnen und Nutzer ihre Erfahrungen einbringen und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden, können Lösungen gefunden werden, die sowohl Schutz als auch Teilhabe berücksichtigen.

Bei automatischen Bildbeschreibungen auf dem Smartphone und bei anderen KI-Systemen stellt sich deshalb eine ähnliche Frage. Was passiert, wenn ein Algorithmus ein Bild vorschnell als anstößig einstuft? Die Beschreibung kann dann verweigert werden, obwohl es sich lediglich um ein harmloses Foto von Badebekleidung oder Unterwäsche handelt. Die Maschine unterscheidet möglicherweise nicht ausreichend zwischen einem gewöhnlichen Produktfoto und tatsächlich problematischen Inhalten.

Ein Bikini ist schließlich ein Kleidungsstück und kein anstößiger Inhalt.

Natürlich müssen KI-Systeme Grenzen setzen, wenn es um illegale Darstellungen oder die Verletzung von Persönlichkeitsrechten geht. Aber zwischen problematischen Inhalten und einem gewöhnlichen Foto von Badebekleidung sollte eine künstliche Intelligenz unterscheiden können.

Besonders deutlich wird die Problematik bei Nacktheit und erotischen Bildern. Blinde Erwachsene haben ebenso wie sehende Menschen das Recht auf Selbstbestimmung, Neugier und eine eigene Sexualität. Blindheit macht niemanden unmündig. Warum sollte eine erwachsene blinde Person Informationen nicht erhalten dürfen, die ein sehender Mensch ganz selbstverständlich wahrnehmen kann?

Das Problem ist nicht, dass KI-Systeme Schutzmechanismen haben. Das Problem entsteht dann, wenn diese Mechanismen zu pauschal greifen. Sehende Menschen können das Bild weiterhin sehen. Die Einschränkung trifft vor allem diejenigen, die auf eine Bildbeschreibung angewiesen sind. Damit wird aus einer vermeintlichen Schutzfunktion eine zusätzliche Barriere.

Digitale Barrierefreiheit bedeutet schließlich mehr, als dass eine App mit VoiceOver bedienbar ist. Entscheidend ist, ob ich tatsächlich dieselben Informationen erhalte wie andere Menschen. Eine Technik, die mir einerseits Selbstständigkeit verspricht, darf mir andererseits nicht ohne triftigen Grund den Zugang zu Informationen verwehren.

Ich fordere deshalb die Anbieter von KI-Systemen auf, ihre Filter differenzierter zu gestalten. Harmlose Produktfotos von Bikinis und Unterwäsche sollten sachlich beschrieben werden können. Schutzmechanismen müssen zwischen unterschiedlichen Inhalten unterscheiden, statt pauschal alles zu blockieren, was möglicherweise zu viel Haut zeigt. Erwachsene Nutzerinnen und Nutzer sollten möglichst selbstbestimmt entscheiden können, welche Bildbeschreibungen sie erhalten möchten, soweit dies rechtlich und technisch verantwortbar ist. Und Menschen mit Behinderungen müssen bei der Entwicklung und Verbesserung dieser Technologien von Anfang an mitreden und mitentscheiden.

Ich verlange keine Sonderbehandlung. Ich verlange Gleichberechtigung. Wenn sehende Menschen selbst entscheiden dürfen, wohin sie schauen, warum sollte eine blinde Frau nicht selbst entscheiden dürfen, was ihr beschrieben wird?

Mich interessiert eure Meinung: Ist eine solche Sperre ein notwendiger Schutz oder eine unnötige Bevormundung? Schreibt eure Gedanken und Erfahrungen in die Kommentare. Denn digitale Barrierefreiheit betrifft uns alle und zeigt, wie ernst wir es mit gleichberechtigter Teilhabe wirklich meinen. Wer die Bildbeschreibung mit Be My Eyes selbst ausprobieren möchte, findet die App kostenlos im App Store für das iPhone unter https://apps.apple.com/de/app/be-my-eyes/id905177575 und im Google Play Store für Android unter https://play.google.com/store/apps/details?id=com.bemyeyes.bemyeyes.

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Von lydiaswelt

Ich bin blinde Mutter von zwei Kindern. Beiträge aus meinem Alltag und dem meiner Gastautoren finden hier eine Plattform.

One reply on “Zu prüde für die KI”

Ich kann zwar sehen, aber ich kann deinen Unmut durchaus nachvollziehen. Auch bei Anfragen meinerseits hat die „Moralschranke“ schon zugeschlagen. Warum das System genau bei der einen Frage, bei dem einen Bild eine Prüderie an den Tag legte war mir nicht wirklich ersichtlich. Erklären kann es die KI meistens auch nicht. Hier bedarf es sicherlich Nachbearbeitung.

Aber es zeigt auch, dass wir davon abhängig werden, welche Grenzen die KI Anbieter selbst definieren. Je nachdem darf ich mich zwar über Waffen erkundigen aber vielleicht nicht mehr über Geschlechtskrankheiten.

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