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Wie aus einem Nein bewegte Inklusion wurde 

Blind zu sein darf kein Ausschlusskriterium für Bewegung sein. Trotzdem scheitert Sport für viele nicht am inneren Schweinehund, sondern an Barrieren, fehlender Verantwortung und Strukturen, die niemand hinterfragt. In diesem Beitrag erzählt Layla warum es nicht um Einzelfälle geht, sondern um ein systemisches Problem – und was passiert, wenn man sich damit nicht abfindet. Es geht um klare Grenzen, um Selbstbestimmung und um die Überzeugung, dass Sport kein Privileg ist, sondern ein Recht. Wie aus persönlicher Erfahrung konkretes Handeln wurde und was daraus entstanden ist, darum geht es in diesem Text.

Wie aus einer Unterschrift, die niemand leisten wollte, ein digitales Sportangebot für tausende wurde

 

Wenn ich heute auf Bewegte Inklusion schaue, dann sehe ich kein klassisches Gründungsnarrativ. Kein Start-up-Pitch. Kein Businessplan aus der Schublade.

Ich sehe Gespräche am Esstisch. Frust. Kopfschütteln. Und irgendwann diesen einen Satz, der alles verändert hat.

 

Aber der Reihe nach.

 

Eine Geschichte, die mich nicht losließ

2017 erzählte mir meine Mutter Lydia von einem Erlebnis, das mich nachhaltig beschäftigt hat. Sie wollte – wie so viele Menschen – fitter werden und hatte ein betreutes Probetraining im Fitnessstudio vereinbart. Geräte kennenlernen, Wege erklärt bekommen, danach selbstständig trainieren. Eigentlich ganz normal.

 

Doch am Ende sollte sie, weil sie blind ohne Begleitperson trainieren wollte, einen Vertrag unterschreiben, der alles andere als normal war.

Ein Haftungsausschluss, der so weit ging, dass selbst bei einem Unfall durch defekte Geräte keinerlei Anspruch bestanden hätte. Unabhängig davon, ob eigenes Verschulden vorlag oder nicht.

 

Meine Mutter unterschrieb das nicht.

Und ich verstand sofort: Das hatte nichts mit Fitness zu tun. Das war eine Frage von Verantwortung – und von Barrieren, die oft unsichtbar bleiben.

 

Sie schrieb darüber auf ihrem Blog. Die Geschichte machte lokal die Runde, das Fitnessstudio entschuldigte sich. Doch trainieren wollte sie dort nicht mehr. Die Story könnt Ihr im Beitrag Als ich versuchte in einem Fitnessstudio zu trainieren.  nachlesen.

 

Wenn Barrieren das eigentliche Problem sind

Was danach folgte, war fast noch ernüchternder.

Ein Fitnessstudio war nur über eine viel befahrene Straße ohne Blindenampel erreichbar.

Ein anderes lag zwanzig Minuten Fußweg von der nächsten Haltestelle entfernt.

Ein drittes war gut erreichbar – aber die Geräte nur über Touchscreens ohne Sprachausgabe bedienbar.

 

Irgendwann sagte meine Mutter diesen Satz, der mir im Kopf geblieben ist:

 

Der innere Schweinehund ist schon Herausforderung genug.

Aber die Barrieren machen ihn zum kleinsten Problem.

 

Und genau da wurde mir klar: Wir reden hier nicht über Einzelfälle. Wir reden über strukturelle Hürden, die Menschen davon abhalten, etwas so Selbstverständliches wie Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.

 

Vom Kopfschütteln zum Handeln

2022 saßen wir wieder einmal zusammen beim Abendessen. Fitnessstudios kamen zur Sprache. Meine Mutter erzählte die Geschichte erneut – diesmal meinem Mann Max. Ungläubigkeit. Diskussion. Kopfschütteln.

 

Und dann dieser Moment, den ich heute als eigentlichen Startpunkt sehe.

 

Aus „Da müsste mal jemand etwas tun“ wurde:

„Dann machen wir das jetzt.“

 

Was als familiäres Gespräch begann, wurde schnell konkret. Wir wollten wissen: Wie geht es anderen? Wo hakt es wirklich?

Die Rückmeldungen aus einer Umfrage über soziale Netzwerke sowie über die Verteiler der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe waren eindeutig: Der Bedarf an barrierearmen Sportangeboten ist riesig. Das bestehende Angebot reicht nicht ansatzweise aus.

 

Anfang 2023 gründeten wir Bewegte Inklusion.

 

Meine Rolle: von Anfang an mittendrin

Von Beginn an habe ich die inhaltliche Entwicklung der Angebote verantwortet. Meine Ausbildung und Erfahrung in der Physiotherapie und Kursleitung waren dabei zentral: Wie müssen Übungen erklärt sein, damit sie ohne visuelle Orientierung funktionieren? Wie viel Anleitung ist nötig – und wann wird sie zur Bevormundung?

 

Mir war wichtig, dass unsere Angebote nicht als Insellösung wirken, sondern durchdacht, professionell und alltagstauglich sind.

 

Zunächst dachten wir regional. Doch schnell wurde klar: Das Problem existiert nicht nur hier. Es ist überall.

 

Der Schritt in die digitale Welt

Ende 2023 saßen wir wieder am Esstisch.

Die Frage diesmal: Wie erreichen wir Menschen bundesweit?

 

Die Antwort lag nahe: digital.

Aber nicht als Video. Nicht als Bildschirmformat. Hier waren der Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen BSBH und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV uns gute Helfer, um unser Angebot an Menschen mit Sehbehinderung heranzutragen.

 

Audio.

 

Ich übernahm die Projektleitung für das durch Aktion Mensch geförderte Projekt „Fitness zum Hören“. Damit war der Grundstein für die digitale Ausrichtung von Bewegte Inklusion gelegt. Im Beitrag Fitneskurse zum Hören nachzulesen.

 

Audio statt Bildschirm. Freiheit statt Abhängigkeit.

Heute verbindet Bewegte Inklusion verschiedene digitale Angebote:

 

Eine Fitness-App mit reinen Audiokursen und begleiteten Live-Kursen.

Alle Kurse gibt es in zwei Versionen: eine ausführliche mit detaillierten Erklärungen und eine kürzere für alle, die einfach ins Schwitzen kommen wollen.

 

Live-Kurse schaffen zusätzlich Raum für Austausch, Rückfragen und Motivation.

Aktuell arbeiten wir außerdem an digitalen Sportevents und an der Entwicklung kassenzertifizierter Präventionskurse.

 

Das Ergebnis? Nicht nur mehr Bewegung, sondern mehr Selbstbestimmung.

Eine Nutzerin sagt sinngemäß:

„Endlich kann ich meiner Liebe zur Bewegung nachgehen, ohne auf andere angewiesen zu sein.“

Eine andere Rückmeldung aus den Live-Kursen:

„Ich bleibe zum ersten Mal wirklich dran – weil ich mich gesehen fühle und nicht allein trainiere.“

Und spannend: Immer mehr sehende Menschen entdecken Audiofitness für sich.

Lisa sagt:

„Meine Bildschirmzeit ist schon hoch genug. Beim Sport tut es gut, mal nicht draufzuschauen.“

Tanja ergänzt:

„Mit Kindern ist Audiofitness Gold wert. Keine zusätzliche Bildschirmzeit – und ich kann im Pyjama trainieren, ohne mich schlecht zu fühlen.“

 

Was mich besonders freut:

Nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen nutzen unsere Angebote. Immer mehr sehende Menschen entdecken Audiofitness für sich – weil sie weniger Bildschirmzeit wollen, flexibler trainieren möchten oder Bewegung besser in ihren Alltag passt.

 

Was wir gelernt haben

Bewegung braucht keine perfekten Räume.de

Keine Hochglanzstudios.

Und keine Verträge, die niemand unterschreiben möchte.

 

Sie braucht Zugang.

Sie braucht Flexibilität.

Und sie braucht Angebote, die sich an echten Lebensrealitäten orientieren.

 

Genau daran arbeiten wir bei Bewegte Inklusion – jeden Tag. Und zwar mit denen, die unser Angebot nutzen auf Augenhöhe.

 

Wenn du neugierig geworden bist, selbst ein barrierearmes Bewegungsangebot suchst, kooperieren möchtest oder als Förderpartner nachhaltige Wirkung erzielen willst:

Sprich uns an, oder schreibe eine E-Mail an info@bewegteinklusion.de.

Und so findest Du uns im Netz der Netze:
Webside ,
Facebook ,
Instagram ,
YouTube ,
– Tiktok ,
linkedin .

Denn Sport sollte kein Privileg sein.

Sondern eine Möglichkeit für alle, die Sport treiben möchten.

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Von lydiaswelt

Ich bin blinde Mutter von zwei Kindern. Beiträge aus meinem Alltag und dem meiner Gastautoren finden hier eine Plattform.

2 replies on “Wie aus einem Nein bewegte Inklusion wurde ”

Hallo Lydia,

leider ist die Mailadresse, die als Kontakt hinterlegt ist, nicht vollständig und so nicht nutzbar.

Viele Grüße

Marco

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