Im Jahr 2017 meldete ich mich in einem herkömmlichen Fitnessstudio an. Obgleich das Probetraining gut lief, stimmte der Inhaber meiner Mitgliedschaft nur zu, wenn ich entweder mit sehender Begleitung käme oder eine komplette Verzichtserklärung unterschriebe. Hier würde ich auf sämtliche Schadensansprüche verzichten, auch wenn das Verschulden beim Betreiber läge. Dem stimmte ich zu. Die gesamte Geschichte, die sich über ein Jahr hinzog, könnt Ihr in „Als ich versuchte, in einem Fitnessstudio zu trainieren“ nachlesen.
Das ist kein Einzelfall. Dieser Mann wurde aus dem Fitnessstudiogeworfen, weil er eine Frau angestarrt haben soll. Holger wurde aufgrund seiner Blindheit vom Training ausgeschlossen. Diese Frau durfte nach einem Inhaberwechsel nicht mehr alleine im örtlichen Schwimmbad trainieren. Ich selbst besuchte einige Male einen Pilateskurs. Die Kursleiterin beschwerte sich anschließend beim Betreiber darüber, dass sie die Übungen immer verbalisieren sollte.
In den letzten Jahren gab und gibt es immer wieder YouTube Videos, in denen die Übungen erklärt werden. Doch haben Menschen mit Sehbehinderung, die zu Hause trainieren, so keine Möglichkeit, ein Feedback durch die Kursleitung zu bekommen.
2023 beendete meine Tochter ihre Ausbildung als Physiotherapeutin. Ihr Mann kommt ebenfalls aus dem Sportbereich. Gemeinsam mit meinem Mann und mir entstand die Idee für das Start-up „Bewegte Inklusion“. Angeboten werden unterschiedliche Fitnesskurse zum Hören, die durch die Möglichkeit ergänzt werden, die Übungen via Zoom erklärt zu bekommen. Das Ganze sollte digital barrierefrei sein. Nach einer Testphase, die wir mit anderen blinden Personen durchliefen, konnten wir an den Start gehen. Zum Glück bekamen wir eine Förderung durch die Aktion Mensch, die sonst nur regionale Angebote fördert. Das verdanken wir der Unterstützung des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen (BSBH), dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), dem Dezernat für Inklusion und Barrierefreiheit in Neu-Isenburg und natürlich den Betroffenen, die uns bei dem Vorhaben unterstützten.
Mit unserem Angebot haben wir uns für den hessischen Gründerpreis beworben. Und jetzt sind wir unter den Finalisten!Das entsprechende Video dazu könnt Ihr hier anschauen. Am 01.11.2024 entscheidet sich dann, ob wir noch weiterkommen.
Hier ist die Seite von Bewegte Inklusion. Und so gelangt Ihr direkt zu den Fitnesskursen. Die App im App-Store gibt es hier zum Download. Die Bewertungen stammen von Personen, die die App ausführlich getestet haben.
Für die Zukunft arbeiten wir daran, dass die barrierefreien Sportangebote von „Bewegte Inklusion“ als Präventionsangebot von den Krankenkassen getragen werden.
Und jetzt lade ich Euch dazu ein, über diesen Beitrag in den Kommentaren zu diskutieren.
2 replies on “Fitnesskurse zum hören ”
Wow, groÃartig und Respekt für alles, was ihr da aufgebaut habt, liebe Lydia! Man möchte ja lokale Sportstudios wirklich unterstützen und auch für mehr Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung in diesem Bereich sorgen, aber leider machen viele Betroffene immer wieder diese diskriminierenden Erfahrungen, die wirklich unfassbar sind. Wie empowernd und konsequent, etwas Eigenes zu kreieren. Mich interessiert das wirklich sehr und ich werde mich mal in Ruhe einlesen. Ich kann mir vorstellen, dass die App auch etwas für mich wäre und ich die Einheiten auch meinen gesundheitlichen Möglichkeiten entsprechend anpassen kann, da ich ja auch mit einer neurologischen Erkrankung lebe und nicht jeder Tag kräftemäÃig gleich ist. Aber gerade für uns Menschen mit Behinderungen, auch mit Kombinationen von Behinderungen, ist Bewegung sehr wichtig, damit es nicht zu weiteren Beeinträchtigungen kommt. Danke aber erstmal für diese Arbeit und dafür, dass du aus deiner heftigen Diskriminierungserfahrung etwas so âSportlichesâ für uns alle gemacht hast. Herzliche GrüÃe auch an dein tolles Team!
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Tolle Idee, ich meine es gibt Hörbücher, Podcasts … warum nicht auch Fitnesskurse zum Hören. Find‘ ich gut.
Da gibt es doch bestimmt noch mehr was man vertonen könnte.
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