Hürden einer Augenklinik

Vor einem dreiviertel Jahr habe ich gemeinsam mit dem behandelnden Arzt entschieden, dass ich mich einer weiteren Hornhauttransplantation am rechten Auge unterziehen würde. Wir wussten beide, dass diese Operation riskant war. Die letzte OP dieser Art am rechten Auge hatte zu einer Abstoßungsreaktion geführt, die dafür verantwortlich war, dass sich die Hornhaut immer mehr eintrübte. Jetzt konnte ich gerade Mal hell und dunkel voneinander unterscheiden, während ich auf dem linken Auge noch grobe Umrisse sehe.

In der ersten Aprilwoche kam der Anruf, dass ein passendes Transplantat verfügbar sei. Ich könnte bereits am kommenden Montag aufgenommen werden. Allerdings würde man mich am Freitagnachmittag anrufen, um mir Bescheid zu sagen. Denn vorher würde erst mal eine Qualitätskontrolle erfolgen. Wir hatten jetzt Dienstagnachmittag. Also ausreichend Zeit, um alles Notwendige zu erledigen, Termine zu verlegen und was sonst noch so anfällt.
Am Freitag war ich die meiste Zeit zuhause, und wartete auf den Anruf der Augenklinik. Der kam nicht. Irgendwann begann ich selbst dort anzurufen. Allerdings erklärte mir der Anrufbeantworter, dass ich außerhalb der Sprechzeiten anrufe. Tja, die hatten mich vergessen. Und ich hatte jetzt genau zwei Optionen, nämlich den Montag abzuwarten und erst mal nachzufragen wie die Qualitätskontrolle verlaufen sei, oder gleich hinzufahren, und dabei das Risiko einzugehen wieder nach Hause geschickt zu werden.
Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit, und packte einen Rucksack mit allem, was ich für eine Woche Krankenhausaufenthalt brauchte.
In der Augenklinik angekommen, stand ich erst mal vor dem Automaten. Eine Dame half mir eine Nummer zu ziehen und las mir diese auch noch vor, mit den Worten „Ich pass für Sie auf“. Die Unsitte mit den Nummern mag ich gar nicht, weil sie mich von fremden Menschen abhängig macht. Und nichts und niemand garantiert mir, dass dieser Mensch mich nicht doch vergisst. Wenn es denn schon sein muss, dann bitte mit einer Sprachausgabe, oder einem Menschen, der einen aufruft. Mir hilft es nicht, wenn eine Nummer mit dem dazugehörigen Schalter aufleuchtet. Ich finde, dass eine solche Unsitte nichts in einer Augenklinik verloren hat.
Irgendwann fand ich den Weg zum richtigen Schalter, gab meine Unterlagen ab, und bekam eine Begleitung zur Station. Super fand ich, dass ich nur ein paar Minuten warten musste, bis jemand mir mein Zimmer zeigte. Während ich bei meinem letzten Aufenthalt eine schwerhörige, etwas verwirrte Bettnachbarin hatte, die ständig versuchte mit mir zu reden, hatte man mir diesmal eine Dame in meinem Alter zugeteilt, mit der ich mich verstand. Da war jemand sehr umsichtig bei der Aufteilung der Patienten.
Und jetzt kam das Aufnahmegespräch auf Station. Die Mitarbeiterin, die das mit mir führte, füllte das mit mir aus. Dieselben Fragen wie immer, dieselben Infoblätter wie immer. Wäre es nicht super, wenn man diese einmal in Braille- oder Großschrift umsetzen würde? Damit würde man den Mitarbeitern etwas Arbeit sparen, und ich könnte mir die Infos in aller Ruhe durchlesen.
Krankenpflege, Anästhesisten und andere Stellen im Krankenhaus kommen immer wieder ins rotieren, wenn es mal wieder gilt ihre umfangreichen Formulare auszufüllen. Diese wünsche ich mir elektronisch und Barriere arm. Dann könnte ich diese zuhause ausfüllen und mitbringen.

Taktile Leitlinien.
In Krankenhäusern wünsche ich mir taktile Leitlinien, die mich zum Ausgang, zum Wartebereich, Anmeldung oder zur Toilette leiten. Auch auf Station wäre es gut, wenn die wichtigen Räume durch taktile und kontrastreiche Leitlinien gekennzeichnet würden. Nicht nur blinden Patienten, sondern auch ältere Patienten mit Sehschwäche, die das größte Klientel ausmachen, könnten sich dann selbständiger orientieren.
Schulung der Mitarbeiter im Umgang mit blinden und sehbehinderten Patienten.
Die meisten Pflegekräfte treten in alle erdenklichen Fettnäpfchen. Da wird gern mal mit der Begleitperson kommuniziert, das Brot vorsorglich geschmiert, oder über den Kopf des blinden Patienten hinweg entschieden was er alles alleine kann, und was nicht. Diese These wird nach dem eigenen Weltbild ausgerichtet. Die wenigen Mitarbeiter, die wirklich hervorragende Arbeit machen, fallen daher sofort ins Auge. Die Blindenverbände bieten Workshops an, um mit den größten Missverständnissen aufzuräumen. Aber die wenigsten Krankenhäuser nehmen dieses Angebot wahr.

WLAN, das erhalten bleibt.
Als ich vor drei Jahren eine Woche auf Station war, habe ich mir einen WLAN-Schlüssel geben lassen. Da es diesen ausschließlich in Papierform gibt, habe ich mir die Zugangsdaten auf ein Diktiergerät sprechen lassen. Ich musste feststellen, dass ich diese Daten mehrmals am Tag neu eingeben musste. Das ist nicht nur ziemlich nervig, sondern für Menschen, die Schwierigkeiten bei der Eingabe haben, eine Barriere. Ich war irgendwann so genervt davon, und entschied mich für meine eigenen mobilen Daten. Dieses Problem besteht noch immer. Und nicht jeder bringt einen guten Datentarif mit.

Das Angebot der Bewegung schaffen.
Nach der Vollnarkose sagt der Arzt gern, dass man sich ein bisschen bewegen soll, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bekommen. Wenn man Besuch bekommt, dann kann man dies auch gemeinsam umsetzen. Sonst kaum, wenn man sich in der Umgebung der Klinik nicht auskennt. Pflegekräfte sind oft so eingespannt, dass sie als Begleiter an der frischen Luft ausfallen. Hier sollte eine Möglichkeit geschaffen werden begleitet an die frische Luft zu kommen. Entweder durch ehrenamtliche Helfer, oder meinetwegen als optionale Leistung gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Denn nicht jeder ist so sicher, dass er sich seinen Weg durch ein Klinikum suchen möchte. Ich selbst habe das versucht, weil ich einfach nicht mehr herumsitzen oder liegen wollte und konnte. Und auf die Dauer wird der Krankenhausflur als Wegstrecke langweilig. Erst recht, wenn man nach jeder Runde von jemandem gefragt wird, wohin man denn möchte. Außerdem habe ich das Glück einen Bekannten in Kliniknähe zu haben, der mit mir spazieren gelaufen ist. Aber nicht jeder hat diese Möglichkeit.

Wieder zuhause angekommen, weiß ich meine eigene Couch, mein eigenes Zuhause und meine Unabhängigkeit von Dritten zu schätzen. Vielleicht sind diese Erlebnisse notwendig, um einem bewusst zu machen, was man hat, und nicht ausreichend wertschätzt.

16 Antworten auf “Hürden einer Augenklinik”

  1. Ich habe schon richtig verstanden: du warst in einer Augenklinik??? Man könnte doch erwarten, die hätten begriffen, dass ihre Patienten höchstwahrscheinlich ein Problem mit dem Sehen haben und entsprechend vorsorgen mit Hilfsmitteln! So schwierig kann das ja nicht sein. Tsts.

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  2. Das ist der ganz normale Wahnsinn in Deutschlands Augenkliniken. Als ich 2016 in einer Dortmunder Augenklinik war, fragte mich doch ein Assistenzarzt was ich denn für da für einen komischen langen Stock in der Hand habe – der Herr Doktor kannte in der Tat keinen Blindenstock und wusste auch nicht wofür der gut ist. Selbst im letzten Jahr als ich in Berlin auf der DOG Tagung war hatten die Ärzte in den Gängen Angst nur weil da jemand mit Langstock kam und wussten nicht wie Sie sich denn verhalten sollen. Trauriges Bild, dann braucht man sich nicht wundern, das die sich so schlecht mit Hilfsmittel usw auskennen. Braile Schrift wäre eine große Hilfe, doch das Pflegepersonal ist dann garantiert nicht in der Lage dieses zu lesen.

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  3. Liebe Lydia, ich lese gern in deinem Block und schicke dir heute eine Einladung zu unserer Veranstaltung am 17.4.18 (sehr kurzfristig :-(, ich weiß, sorry!) zum Thema Barrierefreiheit in Arztpraxen.

    viele Grüße Karen Müller

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  4. Hi Lydia,

    erst einmal hoffe ich dass deine OP gut verlaufen ist und du keine Probleme mit der neuen Hornhaut bekommen wirst!

    Wenn du nicht geschrieben hättest, dass du in einer Augenklinik warst hätte ich vermutet dass es sich um einen ganz normalen Klinikbesuch gehandelt hat.

    Dass diese ganzen Formulare nicht in digitaler Form im Internet zum Download bereitstehen, hatte ich bereits vor 10 Jahren häufiger angemerkt. Das sich daran seither nichts geändert hat ist traurig, aber wie heißt es so schön das Internet ist ja „Neuland“.

    Dass es niemanden gibt der Zeit hatte mit dir oder einen anderen Patienten mal eine Runde zu drehen liegt an dem chronischen Personalmangel den Krankenhäuser usw. seit Jahren beklagen.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass es genügend Arbeitslose gibt die diese Aufgaben gerne im Rahmen von 1€ Jobs erledigen würden.

    Gruß

    Stephan

    Besuche meinen Blog: https://blindfuchs.de

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  5. Hi Lydia,
    schon selten, so viel Un-Empathie in einer Augenklinik, auch wenn stark seheingeschränkte Personen ohne Begleitung nicht das Hauptklientel ausmachen, sehr seltsam..
    LG, Daniela
    PS: Ich hab dich getaggt für den Sunshine Blogger Award, da du für mich als Blogger Sonnenschein in das Leben bringst, vielleicht hast du Lust, mitzumachen

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  6. Hallo, danke für den Beitrag. Ich musste bei einer Augenuntersuchung auch feststellen, dass Mitarbeiter in Kliniken im Umgang mit blinden Menschen nicht geschult sind. Ich kam mit einer Einweisung von der niedergelassenen Augenärztin.Auf dieser wurde vermerkt, dass ich von Geburt blind bin. Diese Info wurde warscheindlich nicht an die aufnehmende Schwester weitergegeben und sie wollte mit mir einen Sehtest machen. Sie hatte auch keine Ahnung davon, wie man blinde Menschen führt. Der Augenarzt in der Klinik hat sich auch gewundert, dass ich als blinde Augentropfen nehmen kann. Er hat gedacht, dass dies immer meine Muttermacht. Das funktoniert aber nicht, weil ich während des STudiums in einer anderen Stadt wohne und sie nicht immer zur Verfügung steht. Mir hat einmal jemand gezeigt, wie man Augen eintropft und nach etwas Übung konnte ich es dann. Ärzte und Krankenschwestern sollten ein bisschen über Hilfsmittel Bescheid wissen. Dann könnten sie spät erblindete. Auch beraten.

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  7. Hallo! Kennt Ihr Polykliniken? In meiner Polyklinik war man zum tumb rumsitzen auf dem Flur verdammt, Musik hören unmöglich. (Lesen mit den Augen unmöglich und Braille kann ich nicht.) Denn: Wenn man den eigenen Namen beim Aufrufen nicht hört, dann wandert die Akte sofort wieder in den Keller. Und dann sitzt man bis spät abends hungrig da rum, sich wundernd, warum es nicht weitergeht.

    Wohlgemerkt, ich war die einzige Zwanzigjährige auf dem Flur und ich muss direkt vor den Ärzten gesessen haben!!! Die hätten mich wirklich „finden“ können. Das ist mir nur 1x passiert. Danach eben ohne Musik, mit Hunger und voller Blase stundenlang ununterbrochen auf die „Halbgötter in weiß“ lauschen.

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  8. Hinweis zum Thema WLAN:
    Apple hat im iOS eine Funktion eingebaut, die regelmäßig die MAC-Adresse im WLAN ändert. Die Zugriffspunkte nutzen jedoch die MAC-Adresse, um die Anmeldung zu speichern. Ändert das Smartphone diese Adresse dann bist Du aus Sicht des Zugriffspunktes ein neuer Nutzer und mußt Dich daher neu anmelden.

    Warum ändert sich die Adresse regelmäßig?
    Es gibt Dienste, die die MAC-Adressen sämtlicher Endgeräte an Zugriffspunkten speichern und somit ein Bewegungsprofil von Usern erstellen können. Um das zu verhindern, ändert das iOS die MAC-Adresse in regelmäßigen Abständen.
    Leider kann ich Dir adhoc nicht sagen, wie und wo man das ändern kann, weil ich noch nie ein iPhone benutzt habe.

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