Wie wichtig ist ein sehender Mann?

Wenn ich erzähle, dass ich blind bin und Kinder habe, dann kommt in 90 % aller Fälle die Frage: aber ihr Mann sieht doch? Darüber schreibt meine heutige Gastautorin.

Das Foto zeigt eine blinde Frau.

Sezen ist blind und Mutter eines Kleinkinds. Ihr Mann ist normal sehend. Heute schreibt sie auf meinem Blog über ihre Erfahrungen mit dieser Familienzusammensetzung.

Der folgende Beitrag, den ich als Gastbeitrag für diesen Blog verfasse, beschäftigt sich mit der Aussage, die ich seit Beginn meiner Ehe und insbesondere als Mutter immer wieder höre.

Ich bin selbst geburtsblind, mein Mann und mein 13 Monate alter Sohn sehen.

Bei vielen Gelegenheiten zeigt sich mir, dass es vielen Leuten nicht klar ist, dass der sehende Partner einem zwar bei vielem hilft, jedoch keinen Assistenten ersetzen soll und kann.

Nehmen wir das Beispiel Frühförderung.

Ich beantragte für mich zur Unterstützung bei der Adaption von Büchern in Brailleschrift, sowie für das Aussuchen geeigneter Spielsachen und für vieles mehr, Frühförderung. In Hessen haben blinde Eltern Anspruch darauf, auch mit sehenden Kindern diese Leistung zu erhalten, um präventiv eventuell durch die Blindheit der Eltern auftretende Entwicklungsverzögerungen des Kindes zu erkennen und zu verhindern. Die Frühförderung ist also für mich, nicht für mein Kind.

Bei der Beantragung wurde ich darauf hingewiesen, dass ich aufgrund meines sehenden Partners vielleicht eine Ablehnung erhalten könnte. Die Argumente, dass mein Partner einer Arbeit nachgeht, die ihn durch den Schichtdienst nicht immer zu Hause sein lässt, überzeugten schließlich. Auch kann man meinem Mann nicht die Fachkenntnisse aufbürden und voraussetzen, die eine ausgebildete Pädagogin vorweisen kann.

Diese Argumentation muss ich immer dann anwenden, wenn mich Menschen treffen, die mich fragen, wer bringt dein Kind in die Kita und denen dann die Aussage folgt, dein Mann sieht doch, er kann das ja machen.

Mein Mann ist ein Mensch mit Job, einem Bedürfnis nach eigener Freizeit und geht auch sonst anderen familiären Verpflichtungen nach.

Die reine Tatsache, dass er sehend ist, enthebt mich als Mutter nicht meiner Verpflichtung, dafür zu sorgen, geeignete Lösungen zu finden, damit ich mein Kind in die Kita bringe, an Elterninfos herankomme und vieles mehr. Dazu hole ich mir, wenn ich es mir für angebracht halte, Hilfe.

Außer der Frühförderung nutze ich die Hilfe des Wellcome-Projektes, welches mir eine ehrenamtliche Kraft zur Seite stellt, die beispielsweise mit mir und meinem Sohn spazieren geht, damit auch mein Mann sich mal erholen kann.

Auch wenn mein Mann ein liebender Vater ist und mich nach Kräften unterstützt, so kann man ihm nicht automatisch die Rolle des Vollzeitassistenten aufbürden, was keiner von uns beiden möchte.

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

13 Kommentare zu „Wie wichtig ist ein sehender Mann?“

  1. oh ja, das kenne ich sehr gut…
    zwar war unsere Situation ein bisschen anders jedoch: Als ich von heute auf morgen erblindet in meinen Haushalt zurück kam, verlangte man von meiner damals 16-jährigen Tochter, dass sie nebebn ddrer schule nicht nur ihr Leben neu in den Griff bekommen müsse sondern auch mir dabei helfen müsse mein/unser Leben wieder in den Griff zu bekommen. Keine Haushaltshilfe keine Fahrthilfe keine Schulung kein gar nichts sie sollte mir assistieren, hätte aber selbst auch Assistenz brauchen können, da ihre Mutter ja erst einmal relativ unbrauchbar geworden war und der ganze Haushalt neu organisiert werden musste. . wir standen erst mal vollkommen alleine da. Göttin sei Dank waren wir schon ein alleinerziehende-T eam Team uns warf nichts so schnell aus der Rolle. So meisterte meine Tochter zum Beispiel alleine zu hause einen Wasserrohrbruch ,während ich in der Augenklinik nach der x-ten OP aus der Narkose erwachte.

    inzwischen ist meine Tochter zwar von zu Hause ausgezogen. Nun erwartet Gott und die Welt, dass mein jetztiger Partner automatisch Assistenz für mich macht; trotz Vollzeitjob und eventuell auch noch vorhandenem eigenen Leben. setze wie „“der kann das doch mal eben“ machen“, der ist doch sowieso da, du hast doch deinen Mann“… ja, die kennen wir auch zu genüge.
    .

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  2. Sehr mutiger und interessanter Post und eigentlich schade, dass du erst Argumente aufbringen musst, damit dein Antrag bewilligt wird. Nur weil dein Mann sehen kann, muss er sich nicht um alles kümmern und das neben seiner Arbeit und seiner Freizeit, die ihm zusteht. Manchmal kann man die Bürokratie in Deutschland nicht verstehen und ich finde es schade, dass immer die falschen Leute darunter leiden müssen.

    liebe Grüße
    Josy von http://www.dasfraeuleinwunder.de

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  3. Sehr interessanter Beitrag!
    Es ist toll, dass eine eine solche Unterstützung gibt aber auch wirklich schade, dass diese manchen verwehrt wird, nur weil der Partner sehen kann. Ich denke auch, dass es in einer Ehe auf keinen Fall zu einem „Assistentenverhältnis“ kommen sollte. Jeder sollte schließlich selbstständig sein und seinen eigenen Teil zur Erziehung des Kindes beitragen können. Ganz egal, was für Einschränkungen es gibt.

    Liebste Grüße
    Mai von SPARKLEANDSAND.com

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  4. Es ist wirklich schade, das noch immer gedacht wird, das man mit einer Behinderung immer unbeholfen, schwach und hilflos sein muss und ich verstehe auch nicht, warum der nicht Behinderte Partner immer als „Mädchen für alles“ genommen wird.
    Ich finde es wirklich klasse, das du diesen Beitrag verfasst hast, ich weiß nicht wie viele das wirklich so ehrlich gemacht hätten.
    LG Lenniac

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  5. Interessanter Bericht, wobei es durchaus schade ist, dass es offensichtlich Menschen gibt, die keinerlei Verständnis dafür haben, dass auch der Partner gerade in solchen Situationen auch mal etwas Erholung und Zeit für sich benötigt! Nur weil er ggf. viele Dinge „einfacher“ erledigen kann, ist auch er nur ein Mensch, welcher, wie wir alle, mal Ruhe und Entspannung braucht! Ich haben großen Respekt davor, wie du damit umgehst, welche Wege du beschreitest, um das alles umzusetzen und welche Lösungen du findest! Hut ab für so großes Engagement! Alles Gute euch dreien! Liebe Grüße

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  6. Ich finde es schade, dass viele Leute, nur weil der Partner sehen kann, automatisch davon ausgehen, dass er alle Aufgaben erledigen kann. Mir fehlt da bei anderen einfach ganz häufig die Empathie. Warum wollen sich viele Leute einfach nicht in andere hineinversetzten? Lieber ihren Standunkt vertreten, ohne die genauen Hintergründe der Situation zu kennen?
    Ich finde es deshalb so toll, dass es diesen Beitrag hier gibt. Dass das alles mal ausgesprochen und erklärt wird. Damit Außenstehende eben doch verstehen, worum es wirklich geht.

    Toller Beitrag. Viele Dank. 🙂

    Liebe Grüße,
    Lisa von lisamary.de

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  7. Sehr interessant, zu lesen! Ich muss gestehen, dass ich mich mit dem Thema Blindheit noch nie auseinandergesetzt habe, da ich persönlich damit noch nie zu tun hatte. Aber wenn man das liest, macht es Sinn – es ist etwas, was einem nicht direkt bewusst ist, aber wichtig. Denn nicht nur bei diesem Thema wird leider schnell davon ausgegangen, dass der Partner Aufgaben übernehmen kann, obwohl er genau wie jeder andere auch sein eigenes Leben und seine eigenen Aufgaben hat.

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  8. Du hast vollkommen recht und ich finde toll, wie du dich darum kümmerst. Ich habe überhaupt eine große Achtung vor euch Blinden und sehbehinderten Menschen, die ihre Kinder groß zieht. Das ist eine große Herausforderung und ihr meistert sie super! Die Arbeit in der Frühförderung Fahrrad sicher auch die Bindung zwischen dem Blinden Elternteil und dem Kind. Ich stelle mir das manchmal nicht ganz einfach vor, wenn das sehende Kind mit dem sehnen Elternteil Blickkontakt aufnehmen kann, aber mit dem Blinden Elternteil eine ganz andere Kommunikationsform entwickeln muss. Kinder sind das sicher sehr erfinderisch und wahrscheinlich auch unproblematisch. Wenn aber am
    sehendrb Elternteil allzu viel hängen bliebe, dann glaube ich wäre das schlecht für die Bindung beispielsweise zwischen der blinde Mutter und dem sehnen Kind. Also, weiter so! Und ich finde super, dass hier auch darüber geschrieben wird!

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    1. Kinder sind da sehr erfinderisch. Meine haben sehr schnell begriffen, daß sie mir einen Gegenstand in die Hand geben müssen, damit ich ihnen sagen konnte wie das heißt. Und so was wie Zunge herausstrecken machte auch keinen Sinn, wenn Mama nicht reagiert.

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