Wie sag ich’s einem Blinden? Teil 2

Wie kann man einer blinden Person einen Weg beschreiben? Welche Angaben machen Sinn? Und welche Informationen sind für blinde Personen unsinnig? Hier ein paar Werkzeuge zum besseren Verständnis.

Ich habe einen Sehrest von ca. 2 %. Für mich wirkt sich das so aus, dass ich in geschlossenen Räumen eine gute Orientierung durch das Sehen habe. Draußen sehe ich nur große Dinge wie Straßenkreuzungen, Autos, LKWs oder Hauswände. Ich erkenne den Unterschied zwischen einer glatten Hauswand und einem Schaufenster. Und wenn die Sonne nicht scheint, sehe ich auch, ob Auslagen vor dem Geschäft sind. Details wie die Auslagen selbst, Hausnummern oder Straßenschilder sehe ich nicht. 

Auch die Eigenschaften am Boden sehe ich nicht. Stufen, Bürgersteige und so weiter ertaste ich mir mit dem Blindenstock. In einem meiner nächsten Beiträge werde ich das näher ausführen. 

Wenn ich einen Ort zum ersten Mal aufsuche, habe ich mehrere Möglichkeiten. Habe ich Zeitdruck und keine gute Wegbeschreibung, dann nehme ich mir ein Taxi, oder organisiere mir einen netten Menschen aus meinem sozialen Umfeld, der mich begleitet. In der Regel bereite ich mich zuhause auf den Weg vor, indem ich mir anschaue welche Öffentlichen verkehrsmittel dort halten. Ein Anruf bei der entsprechenden Arztpraxis, dem Geschäft oder Amt ist ebenfalls recht hilfreich, um sich einen Weg beschreiben zu lassen. 

Eine Wegbeschreibung könnte lauten: „steigen sie aus dem Bus aus, gehen sie in Fahrtrichtung bis zur nächsten Kreuzung. Dort biegen Sie nach rechts ab. Der dritte Hauseingang ist es dann.“ Oder „Steigen sie auf der Straßenbahn, gehen gegen die Fahrtrichtung und überqueren die nächsten zwei Strassen. Wir sind direkt an der Ecke“. 

Ganz schrecklich finde ich Beschreibungen wie: „Fahren Sie bis zum Neckermanngebäude. Da sind wir dann direkt daneben.“ Ich brauche den Namen der nächstliegenden Haltestelle, weil ich das Neckermanngebäude vom Bus aus nicht sehe. Wenn ich diese nicht bekommen kann, dann brauche ich Strasse und Hausnummer. Daran kann ich mich orientieren oder eine Navigationsapp auf meinem IPhone bemühen. Das fühlt sich für mich sicherer an als den Busfahrer zu bitten mich bei besagtem Neckermanngebäude rauszuschmeißen.

Wenn ich ein bestimmtes Ziel suche, stelle ich möglichst präzise Fragen. Welche Hausnummer ist das? Ich suche die Hausnummer 5. Ich suche die Klingel der Praxis Dr. Müller. Wo befindet sich die Bushaltestelle? Mein Gegenüber sieht, dass ich blind bin. Dennoch kommen schon mal antworten wie „Da vorne“. Oder „ei, dort drüben“. Meist bin ich dann versucht zu sagen: „Ich sehe heute so schlecht“. Meist mache ich mein Gegenüber aber doch darauf aufmerksam, dass ich nicht sehen kann wohin sie oder er zeigt. Es ist in der Regel Gedankenlosigkeit, und kein böser Wille. 

Und so geht es richtig. Ich brauche gesprochene Richtungsangaben, wie Links, rechts, vor mir oder hinter mir. Der Zahnarzt ist von hier aus der 2. Hauseingang nach rechts. Das Brillengeschäft liegt direkt vor Ihnen. Oder Ich zeige Ihnen die Klingel von Dr. Müller. Gerne auch: Soll ich für Sie drücken? Wenn ich eine Erklärung nicht verstanden habe, hake ich nach. Denn ich möchte die Beschreibung haben, mit der ich am besten zurecht komme. Und es ist mein Job als Hilfesuchender meinem Gegenüber zu sagen was genau ich brauche. 

Von meinem gegenüber wünsche ich mir, dass er mir zuhört. Was zunächst einmal selbstverständlich klinkt, ist es nicht immer. Daher zum Abschluss eine kleine Geschichte, die mich heute noch zum Lachen bringt.

1996, Wiesbaden, Landeshaus. Ich komme zu Fuß vom Bahnhof und möchte die Kreuzung überqueren. Mit dem Blindenstock pendelnd überhole ich ein Pärchen, bleibe an der Ampel stehen und frage die beiden: „Können Sie mir sagen, wann di Ampel grün ist?“ Und die Dame antwortet: „Tut mir leid, ich bin nicht von hier.“

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

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