Vortrag vor blindem Publikum

Frauenstammtisch bei unserer ansässigen Blindenselbsthilfe. Wir haben eine Referentin eingeladen, die uns etwas über Wohnen im Alter vortragen wird. Mich persönlich interessiert das Thema nur am Rande. Dennoch nehme ich an dem Treffen teil. Denn es ist auch immer eine gute Gelegenheit andere Mitglieder zu treffen, einen Plausch miteinander zu halten und gemeinsam zu essen. Und falls mich der Vortrag unserer Referentin nicht anspricht, habe ich eine Handarbeit in meiner Handtasche. Stricken entspannt mich, und hilft mir dabei mich zu konzentrieren.
Die Referentin beginnt damit, dass sie eine Unmenge an Broschüren vor sich ausbreitet. Anschließend fängt sie an daraus vorzutragen. Soweit, so gut. Nach jedem abgehandelten Punkt kommt allerdings ein Satz, der mich stört. Nämlich „Ich habe Ihnen hier eine Broschüre dazu mitgebracht. Die kann Ihnen ja jemand vorlesen.“
Ich schreibe dieses Verhalten der Möglichkeit zu, dass die Referentin noch nie mit blinden Zuhörern gearbeitet hat, und lasse sie ihren Vortrag beenden. Anschließend gehe ich zu ihr nach vorne, und frage sie, ob es die Informationen auf den Prospekten auch in einer anderen Form gibt, die für Menschen mit einer Sehbehinderung besser geeignet ist. Damit meine ich Infos in Braille, Großschrift, als Audioversion zum Hören oder als Datei. Nein, gibt es nicht, bekomme ich als Rückmeldung, nebst den angebotenen Broschüren in Papierform. Aber die lehne ich strikt ab. Wer mein Interesse wecken möchte, sollte es mir möglichst leicht machen an seine Informationen zu kommen.
Wären mir die Informationen wichtig genug, dann hätte ich diese zuhause eingescannt, durch eine entsprechende OCR-Software laufen lassen, und für mich in Text umgewandelt. Allerdings ist das für Broschüren ziemlich zeitintensiv. Und so groß ist mein Interesse dann doch wieder nicht.
Wenn man einen Vortrag vor blindem Publikum hält, sollte dieser auch entsprechend gestaltet sein. Bilder und Filme bringen nur dann etwas, wenn diese eine entsprechende Beschreibung beinhalten. Hier ist weniger oft mehr. D. h. im Klartext, dass das gesprochene Wort größere Wirkung zeigt, als viele bunte Bildchen und Filmsequenzen. Das ist höchstens für nicht blinde Begleitpersonen oder sehbehinderte Teilnehmer interessant.
Was die obligatorischen Broschüren angeht, so erwarte ich nicht, dass diese stets in Braille, Großschrift oder Audio verfügbar sind. Jedenfalls nicht bei Organisationen, welche auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Es macht allerdings Sinn mit dem Organisator der Gruppe zu sprechen, und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Diese könnte beispielsweise sein, dass man die Infos als Datei zur Verfügung stellt. Diese kann dann in Braille oder Großschrift ausgedruckt werden. Gleiches gilt auch für die Visitenkarten, die gern am Ende jeder Veranstaltung überreicht werden. Diese haben für mich kaum mehr wert als ein Fetzen Papier ohne verwertbaren Inhalt.
Wenn mir die Info wichtig genug ist, bitte ich den Referenten mir diese per E-Mail zuzusenden, oder notiere mir die Kontaktdaten auf meinem Smartphone. Visitenkarten nehme ich nur selten an, da ich sehr schnell wieder vergessen habe was für ein Papier ich da entgegengenommen habe. Wenn es nicht anders geht, mache ich mit meinem Smartphone ein Foto davon, und vergebe einen sprechenden Namen dafür. Sätze wie „Das kann Ihnen ja eines ihrer Kinder vorlesen“ finde ich blöd. Ich allein bestimme von wem ich mir wenn überhaupt etwas vorlesen lasse. Nur weil meine Kinder sehend sind, heißt es nicht, dass sie mir permanent alles vorlesen müssen. Wenn mir jemand etwas verkaufen will, dann müssen die entsprechenden Infos für mich als Endkunden so verfügbar sein, dass ich sie ohne fremde Hilfe verarbeiten kann. Gleiches gilt für Organisationen und Vereine, die ein Interesse an meiner Mitgliedschaft haben.

Weiterführende Informationen:
in Blind am Computer erkläre ich wie ich am PC arbeite.
und Wie arbeitet ein Blinder am iPhone zeigt wie ich auch unterwegs arbeiten kann.

So, Ihr kennt jetzt meine Meinung dazu. Jetzt freue ich mich schon auf Eure.