Blind einkaufen und Corona

Lydia richtet den Einkaufsfuchs auf ein Produkt im Supermarkt.

Über das Thema Einkaufen mit Sehbehinderung habe ich bereits mehrfach geschrieben. Dabei standen Themen wie Orientierung im Supermarkt oder das Erkennen der gesuchten Produkte im Vordergrund. Ich habe versucht Lösungen aufzuzeigen, die es unserem Personenkreis ermöglichen möglichst stressfrei und selbstbestimmt einkaufen zu gehen.
Bisher war meine persönliche Lösung so, dass ich einmal in der Woche eine Assistenz hatte, die gemeinsam mit mir durch den Supermarkt ging. Dabei ging es nicht darum eine Einkaufsliste abzuarbeiten, sondern auch mal neue Produkte zu entdecken, sich die Zutatenliste eines Produkts vorlesen zu lassen, oder auch mal Preise zu vergleichen. Denn diese lassen sich auch mit meinen technischen Hilfsmitteln schwer bis gar nicht lesen. Oder es erfordert viel Geduld, die ich oft nicht habe.
Für die restliche Zeit der Woche habe ich entweder selbst die paar Dinge eingekauft, die wir brauchten, oder eines meiner Kinder mit einer kleinen Liste einkaufen geschickt. Die Alternative wäre ein Lieferdienst gewesen. Außer die üblichen Märkte wie Amazon gibt es auch den Rewe Lieferservice, dessen Angebot für blinde User gut bedienbar ist. In der Regel wartet man nicht länger als zwei bis drei Tage auf seinen Einkauf, und kann stressfrei seine Produkte zusammenstellen.
Seit der Corona-Pandemie sieht es nun ganz anders aus. Alleine einkaufen ist nur bedingt möglich. Denn als Mensch mit Sehbehinderung orientieren wir uns an tastbaren Dingen im Supermarkt. Die Markierungen, die die Abstände im Supermarkt kennzeichnen, sind mit dem Blindenstock nicht fühlbar. Und da nicht mehr so viel Geräuschkulisse an der Kasse ist, fällt diese für mich als Orientierungsmerkmal im Supermarkt weg. Alleine Einkaufen geht also für mich nur in kleinen Läden, wo ich auch mal eine Richtungsanweisung bekommen kann. Die Alternative wäre eine sehende Begleitung. Und auch hier musste ich mich komplett anders organisieren. Denn meine vertraute Assistenz steht mir während der Corona-Pandemie nicht zur Verfügung. Wenn ich eine sehende Begleitung bekomme, dann eher ab der Mittagszeit. Das heißt im Klartext, dass ich begehrte Produkte nicht einfach so bekomme. Ich habe eine ganze Woche gebraucht, bis ich für unseren Haushalt das begehrte Toilettenpapier bekommen habe. Für meinen bevorzugten Küchenreiniger oder die Handseife habe ich nur drei Tage gebraucht.
In dieser Zeit haben mich viele super tolle Ratschläge erreicht, wie „Da müssen Deine Kinder mal die Nachbarstädte abklappern“, oder „Du hättest eben vorsorgen sollen“, oder es gibt doch Lieferdienste“.
Gerade die Lieferdienste sind ziemlich überlastet. Wenn man bei Rewe versucht zu bestellen, hat man Glück, wenn man einen Liefertermin innerhalb der nächsten vierzehn Tage bekommt. Das ist vor Allem für diejenigen ein Problem, die sich ihre Einkäufe ausschließlich darüber liefern lassen. Darunter sind viele Menschen mit einer Seh- oder Gehbehinderung. Diese müssen sich jetzt komplett umorganisieren.
Hilfe winkt durch ehrenamtliche Nachbarschaftshelfer, die sich in vielen Städten gründen. Es sind meist junge Menschen, die für die Personen aus Risikogruppen einkaufen gehen oder andere Besorgungen machen, damit diese nicht das Haus zu verlassen brauchen. Diese Gruppen findet man entweder über die regionalen Gruppen in sozialen Netzwerken oder auf den Internetseiten der Städte. Alternativ lohnt sich ein Anruf bei der Stadtverwaltung.