Mein Gastkind aus Palästina – Teil 6

Heute ist es soweit. Amal wird zurück in ihre Heimat fliegen. Das Ticket ist ausgedruckt, der Koffer gepackt, und die Assistenz am Flughafen ist ebenfalls gebucht. In Amman wird sie von ihrer und meiner Familie abgeholt. So der Plan.

In den letzten Wochen haben wir gemeinsam an Perspektiven für Amal gearbeitet. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht für sie, dass sie zuhause die entsprechenden Deutschkurse absolviert, um anschließend hier zu studieren. Dafür hat sie in der kommenden Woche einen Spracheinstufungstest, für den ich ihr ganz viel Erfolg wünsche.

Sie hat hier eine Schulung an ihrem Laptop bekommen, um sicherer im Umgang damit zu werden. Und weil ich das Geld aus dem Spendenpool nicht für die OP ausgeben musste, haben wir es in ein iPhone und einen Orbit Reader investiert. Letzteres ist eine mobile und preisgünstige Braillezeile, die für den mobilen Einsatz oder auch stationär eingesetzt wird. Damit kann sie sich Literatur zugänglich machen, oder sich überall Notizen erstellen und diese später selbständig bearbeiten. Dazu gibt es sogar ein Tutorial auf Arabisch. Denn es ist mir wichtig, dass Hilfsmittel nicht nur angeschafft werden, sondern auch vom Nutzer beherrscht werden. Auch das haben wir hier in Angriff genommen.
Und da das Leben nicht nur aus Lernen besteht, habe ich in ein paar günstige Gesellschaftsspiele für blinde Nutzer investiert. Damit kann sie auch gemeinsam mit sehenden Personen spielen.
Eine weitere Überraschung betrifft ihre Augen. Nachdem anfangs nichts davon zu merken war, hat sich nach und nach ihr Sehen ein bisschen verbessert. Somit war die OP doch ein Erfolg für Amal, der ihr ein bisschen bei der Orientierung helfen wird.
Besonders freue ich mich darüber, dass sie ihren Aktionsradius nach und nach erweitert. Anfangs waren es nur ganz bekannte Wege, die sie alleine gelaufen ist. Später hat sie sich getraut sich auch mal in unbekannte Gefilde zu begeben. Sie fährt jetzt ganz selbstverständlich mit dem Bus nach Frankfurt, und ist kürzlich sogar alleine in die U-Bahn umgestiegen. Und sie traut sich inzwischen Hilfe von Passanten zu erbitten, wenn sie diese braucht. Das mag für viele banal klingen, ist aber für Amal eine große Leistung. Erst recht, da sie vor ihrer Reise nach Deutschland nie alleine auf die Straße gegangen ist. Dementsprechend groß waren ihre Ängste, die sie hier nach und nach abgebaut hat.
Amal hat nun fast ein halbes Jahr bei uns in der Familie gelebt. Sie hat die hiesige Kultur kennengelernt, und damit auch den Umgang mit Menschen mit Behinderung. Was meine Familie dafür tun konnten, das haben wir getan. Ohne meinen Mann und meine Kinder, die das mit getragen haben, wäre das nicht so gegangen.
Ein ganz besonderer Dank geht an all meine Follower, Freunde und Bekannte, die nicht nur mit Geldspenden, sondern mit Kreativität und viel Ermutigung für uns da waren.

Auch wenn Amals Aufenthalt in Deutschland heute endet, werde ich sie nicht einfach so abtun. Ich werde sie weiterhin mit Rat und Tat unterstützen. Den Spendenpool über PayPal werde ich weiter laufen lassen, ihn aber nicht mehr so bewerben. Das Geld, das darauf eingeht, werde ich ausschließlich dafür verwenden, um Amal mit kleinen Hilfsmitteln zu unterstützen. Und wenn es wieder Neuigkeiten gibt, werde ich hier auf dem Blog darüber berichten. Für jetzt wünsche ich Amal eine gute Heimreise, und dass es ihr gelingt möglichst viel Erlerntes in ihren Alltag zu übernehmen. Ich lasse sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen.

Eure Lydia

5 Antworten auf “Mein Gastkind aus Palästina – Teil 6”

  1. Liebe Lydia,
    es ist richtig toll und beeindruckend, was Ihr in einem halben Jahr geschafft habt und wie Amal Deinen Schilderungen zufolge aufgeblüht ist. So ein krasser Gewinn an Selbstständigkeit und Selbstvertrauen in so kurzer Zeit ist einfach nur bewundernswert – und Du hast ihr das ermöglicht.
    Ich habe bisher nur still mitverfolgt, wie das alles lief, aber bitte richte Amal unbekannterweise ganz liebe Grüße von mir aus. Ich wünsche ihr alles Gute und drücke ganz fest alle Daumen, dass ihr Traum vom Studium in Deutschland in Erfüllung gehen wird. Wenn sie so motiviert und aktiv weitermacht, wie bisher, hat sie gute Chancen, glaube ich.
    liebe Grüße
    Lea

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Lydia,
    auch ich lese deinen Blog eher still und war so begeistert, als Amal zu euch kommen konnte und was in dieser Zeit alles passiert ist und wie sich ihr Leben zum besseren gewandelt hat! Ich wünsche ihr, dass sie auch Zuhause nun einiges wird umsetzten können und sich eine gewisse Selbständigkeit beibehalten wird können!
    Meine Däumchen für ein Studium in Deutschland sind gedrückt!
    Ganz herzliche Grüße an euch alle,
    monerl

    Gefällt 2 Personen

  3. Hallo liebe Lydia!

    Die Beiträge von eurem Gastkind Amahl

    aus Palestina waren wirklich sehr interessant.

    Super, das du dich mit deiner Familie so nett um die amahl gekümmert hast.

    Hoffentlich kommt sie mit ihrer Familie wieder gut in ihre Heimat zurück.

    Auch die anderen Beiträge von dir sind sehr interessant.

    Ich lese mir die beiträge immer sehr intensiev durch.

    Mach so weiter. Viele liebe Grüße und einen schönen Tag wünscht dir

    Dein träuer bezieher Gottfried Trimmel aus Sollenau!

    Gefällt 1 Person

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