Vertrauen und Zutrauen

Markus Ertl an seinem Computerarbeitsplatz

Markus Ertl ist Inklusionsbotschafter. Er war bereits mein Gastautor in den Beiträgen Lasst mich auch dabei sein und blind wählen, so geht.s.

Was darf man Kindern zutrauen? Mit der Überschrift lädt Lydia zu Ihrer ersten Blogparade ein. Nachdem ich zwar eine klare Meinung, aber keinen eigenen Blog habe, möchte ich hier meine Gedanken dazu loswerden.

Auf den Beitrag von Lydia grenze ich das Ganze sogar nochmals ein.
Was dürfen blinde Eltern Ihren Kindern zutrauen?
Genauso viel, wie es auch sehende Eltern dürfen!

Um sein Kind zu fördern, um Fähigkeiten auszubauen und Kompetenzen zu stärken, braucht es Zutrauen und Verantwortung. Es braucht aber auch Anleitung und Kontrolle der Eltern, damit der Kompetenzerwerb mit Leichtigkeit und einer ordentlichen Portion Spielerei abgehen kann. Mit wie viel Zutrauen oder Verantwortung dies passiert, ist von der Persönlichkeit des Kindes und der Eltern abhängig. Ängstliche Eltern werden oft behütender agieren, vertrauensvolle Eltern werden eher Verantwortung übertragen. Kindern, die Vertrauen ausnutzen, werden die Eltern dieses kurzzeitig wieder entziehen, den anderen mehr Vertrauen schenken.
Ich finde sogar, dass Kindern oft zu wenig zugetraut, mindestens aber zu wenig zugemutet wird. Der Begriff „Helikopter“-Eltern oder „seinen Kindern den Arsch nachtragen“ sind ja oft begründet. Der Schulweg, 500 Meter weit, wird mit dem Auto gefahren. Lehrer haben sogar Angst, dass mit dem Elterntaxi sogar noch in die Schule gefahren wird. Für die Hausaufgaben zeichnen sich die Eltern selbst verantwortlich und Kindern wird auch kein schulischer Frust mehr zugemutet, ohne dass nicht die Schuld immer beim Lehrer gesucht würde, der Sitznachbar in der Schule unpassend wäre oder der Lernerfolg und die Noten ausschließlich von den Mitschülern abhängig gemacht werden.
Den Spagat zwischen Fördern und Behüten dürfen alle Eltern selbst verantworten. Der hat rein gar nichts mit blind oder sehend zu tun.

Richten wir jetzt mal die Aufmerksamkeit auf die blinde Elternschaft.
Wo ich Lydia uneingeschränkt recht geben möchte, dass ich selbst als blindes Elternteil, zusammen mit meiner Frau, am besten weiß, was ich meinen/unseren Kindern zutrauen/zumuten kann, und was nicht. Sollte es mal anders sein, dann werde ich, werden wir uns Rat bei kompetenten Stellen holen.
Unsere Gesellschaft sieht Eltern mit einer Behinderung nicht vor. Der blinde Mensch wird eher als hilflose Person gesehen, der zu behüten ist. So, und dieser mit seinem eigenen Leben schon überforderte Mensch wird dann nicht gleich als vollwertiges Elternteil gesehen.
Und deshalb sollten wir die Diskussion auch darüber führen, wie selbstbestimmt ein Leben mit einer Einschränkung sein darf, ohne dass andere in einer bevormundenden Art und Weise uns sagen, was gut und weniger gut für uns und unsere Kinder sei.
Es gibt oft meinen Kindern gegenüber die Aussage: „passt bitte gut auf Euren Papa auf!“. Dieser kleine Satz zeigt, welches Rollenverständnis auf unserer Familie lastet. Ich bin der zu behütende und meine Kinder sind die Behüter.
Unsere gelebte Rollenverteilung ist anders und leicht am Beispiel eines Tierparkbesuches erklärt, ein Ausflug, den ich mit meinen Kindern bereits öfters, auch schon im Kindergarten-Alter, gemacht habe.
Ich bin für die Ausflugs-Logistik zuständig. Wann geht der Zug, Was nehmen wir an Brotzeit mit, welche Kleidung nehmen wir mit. Die Mädels wissen ja selbst, wo Ihre Kleidung, ihre Jacken, Mützen usw. sind. Ich kontrolliere nur, ob wir dann alles eingepackt haben. Obwohl ich auch ohne eine führende Hand mobil bin, ist es ganz schön, die Kinder an die Hand zu nehmen und gemeinsam, abwechselnd zu zweit zu laufen. Zugfahrt mit typischen Zugfahrspielen, Blinden-Uno, Reaktions-Spiele, Wortspiele usw., schon sind wir da. Eine führt, die andere hält Ausschau nach der richtigen Nr. der U-Bahn, welche ich herausgesucht hatte. Der Weg zum Tierpark ist mit Tieren beschildert, da finden auch die Kinder alleine hin. Im Tierpark angekommen, laufen wir umher, die Kinder erklären mir, was sie sehen, ich freue mich und denen tut es gut, das erlebte gleich so zu verarbeiten. Zwischendurch gibt es Brotzeit auf einer Bank, dann dürfen die Kinder auf den Spielplatz, während ich raste. Meine Kinder lieben es, wenn ich Tiergeräusche imitiere, das darf natürlich hier auch nicht fehlen. Die Kinder schauen dann im Plan und sagen mir, was uns als nächstes erwartet. Im Plan sind die Tiere eingezeichnet und ich habe sonst auch eine gute Orientierung. Nach ca. 5 Stunden mit vielen Eindrücken geht es zurück. Halb schlafend, halb erzählend und auch ein bisschen stolz, dass sie den Weg „fast“ alleine gemeistert haben, geht es wieder heim.
Nur einmal brauchte ich eine sehende Unterstützung. Ich fragte eine Frau, ob sie doch bitte kurz nachsehen könnte, ob die Toiletten sauber sind.
Ansonsten gab es an den Ausflugs-Tagen keine Situation, bei der ich nicht genau gewusst habe, wie viel ich meinen Kindern übertragen darf und wo genau meine eigene Verantwortung für mich und meine Kinder lag.
Und diesen Ausflug kann ich gerne auf viele Situationen meiner Elternschaft übertragen.

Ja, hin und wieder brauche ich sehende Hilfe. Als Vater entscheide ich wann meine Kinder eine Aufgabe für mich übernehmen, und wann ich mich für eine erwachsene Assistenz entscheide.
Ja, ich weiß was ich tue und was ich kann
Ja, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, dann dürfen meine Kinder auch für „uns“ gemeinsam sehen.
Nein, meine Kinder werden nicht für Assistenz-Dienste „missbraucht“, sollte es dabei ausschließlich um mich und mein Leben gehen.
Ja, ich gebe meinen Kindern Jobs im Haushalt. Was für meine Entwicklung gut war, das wird auch meine Töchter fördern.
Und ja, ich kann sehr wohl für meine Kinder sorgen, auch wenn wir zuhause, wie in allen Familien auch eine gewisse Arbeitsteilung pflegen.
Das nennt man Selbstbestimmt, und sollte ich das für mich einfordern, dann werde ich den Gedanken auch so bei meinen Kindern fördern. Dazu braucht es keine paternalistische Gesellschaft, keine gut gemeinten Ratschläge. Dafür braucht es eine Unterstützung in der Elternschaft durch inklusive Strukturen und auch eine Assistenz, wo diese gebraucht wird.

Und jetzt gebt Gas. Die Blogparade Was darf man Kindern zutrauen läuft noch bis zum 15.01.2019.

Ich danke Markus für die Anerkennung, die er mir und meiner Arbeit entgegenbringt.

Taxifahren mit Baby

Lydia trägt einen Teddy in einem Tragetuch vor dem Bauch

Da mein Mann und ich zu blind zum Autofahren sind, waren wir mit unseren Kindern stets mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Und wenn wir doch mal auf ein Auto angewiesen waren, dann fuhren wir mit dem Taxi. Aber im Babyalter habe ich das möglichst vermieden. Denn in Taxis gibt es zu 99,9 % keine Babyschalen, die für die Gewichtsklasse null im Auto vorgeschrieben sind. Eine Ausnahmeregelung bestand für Taxis. Hier lag es im Ermessen des Fahrers ein Baby zu transportieren oder eben nicht. Eine Geschichte fällt mir dazu ein, die mir das zum ersten mal klarmachte.

Winter 1999 in Frankfurt am Main. Mein Mann und ich hatten im Baumarkt eingekauft und wollten mit dem Taxi nach Hause. Gekommen waren wir mit dem Bus. Aber mit den gekauften Brettern und Werkzeugen brauchten wir ein Auto. Damals war meine Tochter vielleicht ein Vierteljahr alt und saß bei mir im Tragetuch. Also gingen wir zum Taxistand. Der Fahrer schaute uns an und sagte: „Sie kann ich mitnehmen, Ihr Kind aber nicht“. Es war mein erstes Kind. Und so muss ich ihn ziemlich blöd angeschaut haben. Jedenfalls erklärte er meinem Mann und mir, dass er kein Baby ohne Babyschale befördern kann. Und diese hätten wir mitzuführen. Da half kein Diskutieren. Das war ebenso.
Es war Winter, es wurde dunkel, und der Einkauf ohne Auto nicht zu befördern. Und ich wollte einfach nur nach Hause. Also schlug ich meinem Mann vor mit dem Einkauf Taxi zu fahren, während ich mein Baby mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause bringen würde. Es war die praktikabelste Lösung für alle Beteiligten.
Eine blinde Frau mit Blindenstock und Baby im Tragetuch nebst einem beladenen Einkaufswagen vor einem Baumarkt ist sicherlich kein alltäglicher Anblick. Jedenfalls wurde ein Mann auf uns aufmerksam und hatte die Diskussion um die Mitnahme des Babys verfolgt. Spontan bot er an mich und mein Kind mitzunehmen. Er erklärte uns, dass er selbst Familienvater sei und die Problematik kennt. Dann wandte er sich an den Taxifahrer und sagte, er würde ihm hinterher fahren. Das wäre das Einfachste. Daraufhin sagte der Taxifahrer, dass er mich mit Baby ausnahmsweise mitnehmen würde. Und so fuhren wir alle gemeinsam nach Hause. Auch wenn ich lange nicht verstanden habe was den Taxifahrer dazu bewogen hatte seine Meinung zu ändern. Es war das kleinere Übel mir während der Fahrt vorhalten zu lassen, dass ich keine Babyschale dabei hatte.
Natürlich wollte ich das genauer wissen. Ich telefonierte also am nächsten Tag mit dem Taxiunternehmen meines Vertrauens. Der Geschäftsführer erklärte mir, dass nun mal eine Kindersitzpflicht besteht, ich also die Babyschale mitzuführen habe. Auf die Frage wie ich das als blinde Mutter machen sollte, konnte er mir keine Antwort geben. Eine Hand war für den Blindenstock reserviert, und auf dem Rücken trug ich immer einen Rucksack. Und jeder, der so eine Babyschale in Händen gehalten hat, weiß wie schwer und sperrig so ein Ding sein kann. Das erklärte ich meinem Gesprächspartner also. Darauf bot er mir an eine eigene Schale in der Taxizentrale zu deponieren. Wenn ich also ein Taxi brauche, würde der Fahrer hinfahren, die Schale abholen und anschließend mich einsammeln. Natürlich müsse man mir die Fahrt von der Zentrale zu mir in Rechnung stellen. Ich fragte gar nicht erst nach ob ich die Fahrt der Babyschale zur Taxizentrale ebenfalls zahlen muss. Denn diese Lösung war für mich absoluter Quatsch mit Sauce.
Ich war bestimmt nicht die einzige Frau mit Baby, die ein Taxi brauchte, ohne eine sperrige Babyschale mitzuführen. Also musste es dafür auch eine entsprechende Vorschrift geben. Nach längeren Recherchen hatte ich eine Mitarbeiterin vom Ordnungsamt am Telefon, die mir erklärte, dass die Taxifahrer nicht verpflichtet seien einen Kindersitz für die Gewichtsklasse 0 mitzuführen. Denn der Platz im Kofferraum wird für das Gepäck der Fahrgäste benötigt. Und es liegt im Ermessen des Taxifahrers ein Baby ohne Kindersitz mitzunehmen. Den genauen Auszug aus der Taxiverordnung ließ ich mir schriftlich geben.

Fahrten mit dem Auto waren also mit Baby eine reine Organisationssache. Ich versuchte diese auf ein Minimum zu beschränken. Eine andere Alternative war bei der Taxizentrale anzugeben, dass ich ein Baby dabei habe. Und dann ging die Suche nach einem Fahrer los, der ein Baby transportieren konnte oder wollte. Spontane Taxifahrten waren somit Glücksache. Später lernte ich einen Fahrer kennen, der einen Kindersitz für Kleinkinder dabei hatte. Den habe ich dann zuerst angerufen, wenn ich ein Auto brauchte. Aber zum Glück ist das Frankfurter Verkehrsnetz gut genug, um fast überall ohne Auto hinzukommen.