Zugänglichkeit bei Zeitungsartikeln

Wie viel online braucht der Mensch?

Der Tag des weißen Stocks beschließt die Woche des Sehens und findet jedes Jahr am 15.10. statt. Hier machen blinde und sehbehinderte Menschen durch unterschiedliche Aktionen auf ihre Situation und ihre Bedürfnisse aufmerksam.
Auch ich habe mich in diesem Jahr mit einer Aktion beteiligt. Ich habe mit einem Team eine Dunkelbar in meiner Heimatstadt organisiert, die wir mit Flyern, Verbreitung in sozialen Netzwerken und einer Pressemeldung beworben haben. Für die Offenbachpost war die Meldung interessant genug, um einen schönen Artikel darüber zu schreiben. Die Mitarbeiterin, die das entsprechende Interview mit mir geführt hat, schickte mir einen Direktlink zu. Außerdem hat die Frankfurter Neue Presse einen Artikel über Blindheit am Tag der Veranstaltung veröffentlicht, nebst einem Gastbeitrag aus meinem Blog. Beide Artikel waren für mich gut lesbar, da diese als für mich zugängliche Onlineausgabe verfügbar waren.
Der Tag der Veranstaltung kam, und damit auch eine Mitarbeiterin der Offenbachpost. Diese schaute sich alles an, stellte Fragen und machte ein entsprechendes Foto. Andere trauten sich offenbar nicht zu uns in die Dunkelbar. Wahrscheinlich hatten die alle Angst im Dunkeln.
Zwei Tage später wurde der Beitrag in der Printausgabe veröffentlicht. Und noch einen Tag später erfuhr ich von dessen Existenz, weil eine Freundin ihn mir vorgelesen hat. Ich fragte bei der Verfasserin nach, und erfuhr, dass dieser Artikel ausschließlich in der Printausgabe verfügbar ist. Ich habe die Verfasserin sofort darauf aufmerksam gemacht, dass dieser für blinde Nutzer damit nicht lesbar ist. Nachdem ein paar E-Mails hin und her gegangen waren, wurde der Artikel auch online verfügbar gemacht. Damit war er für blinde Nutzer, die einen PC oder ein Smartphone bedienen können, ohne fremde Hilfe lesbar.
Solche Erfahrungen machen blinde und sehbehinderte Menschen immer wieder. Dementsprechend wähle ich die Medien aus, die für mich zugänglich sind. Das kann ein Podcast sein, aber auch die Onlineausgabe einer Zeitung, deren Inhalte ich lesen möchte. Wer nur eine Printausgabe zur Verfügung steht, den lese ich einfach nicht, fertig! Jedenfalls wenn Alternativen verfügbar sind.
Im Beispiel des Artikels über mich gab es nur die Alternative, dass mir jemand diesen vorliest. Wäre er online verfügbar gewesen, hätte ich selbst lesen können was da über mich geschrieben wurde. Das heißt für mich lesen ohne Barriere. Denn wer schon mal versucht hat sich mit einem Vorlesegerät für blinde Personen durch die Printausgabe einer Zeitung zu quälen, der weiß wie zeitaufwändig das sein kann.

Liebe Medienmacher,
wenn Ihr über Menschen mit einer Sehbehinderung schreibt, dann liegt es auch in Eurer Verantwortung dafür zu sorgen, dass diese Euren Artikel auch ohne fremde Hilfe lesen können. Das geschieht mit dem PC oder einem Smartphone. Diese verfügen über die Möglichkeit sich den Artikel mittels einer Sprachausgabe, Braillezeile oder Großschrift zugänglich zu machen. Und zwar dann, wenn sie den Artikel lesen wollen, und nicht wenn irgendeine Assistenz gerade Zeit dafür hat. Wir nennen das Selbstbestimmung. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich den Beitrag mehrmals lesen und darin navigieren kann. Und ich kann ihn, wenn ich das möchte auf meinem Blog verlinken, damit meine Leser auch etwas davon haben.

Herzliche Grüße
Eure Lydia

7 Antworten auf “Zugänglichkeit bei Zeitungsartikeln”

  1. Die Gedankenlosigkeit mancher Menschen macht mich oft fassungslos.. Eine gute Freundin, die gehörlos ist, hat sich auf eine Stelle beworben und in der E-Mail zu Beginn direkt deutlich gemacht, dass sie nicht hören kann und gefragt, ob sie trotzdem in Frage käme. Die Antwort kam…telefonisch. Das Gespräch hat dann ihr Freund geführt. Es wurden Rückfragen gestellt und gesagt, man melde sich wieder – dies ist auch passiert, wieder telefonisch. Und das ganze ging dann, ich glaube, fünf mal hin und her (sie mailte, die Antwort war ein Anruf), bis sie ihr abgesagt haben, weil sie ja als nicht hörende Person dort nicht arbeiten könne. Allein die völlige Blödheit und Ignoranz, eine gehörlose Person anrufen zu wollen, macht mich so wütend. Aber dann auch erst nach Wochen eine klare Antwort liefern zu können (meiner Meinung nach spielt die Gehörlosigkeit bei dem Job keine Rolle beziehungsweise er wäre für sie machbar) ist schon unfassbar dreist.

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  2. Gilt die gleiche Argumentation auch für Bücher? ich meine, kannst du mit den handelsüblichen E-Books etwas anfangen? Ich frage deshalb, weil ich bei einem Verlag arbeite und eine blinde Freundin habe, die Bücher ausschließlich als Hörbuch oder in Braille konsumiert. Das mag eher mit ihrer persönlichen Vorliebe als der Beschaffenheit von E-Books und Lesegeräten zu tun haben, aber mich würde interessieren, wie du das siehst. Soweit ich weiß, haben Lesegeräte mittlerweile doch auch eine Vorlesefunktion.

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