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Ich will nicht stets über Blindheit sprechen

Fragen wie „Kann man da noch was machen“ begegnen Menschen mit Behinderung immer wieder. Ein paar Gedanken dazu.

Es ist Mittwochabend, als ich in die U-Bahn steige. Ich habe einen ereignisreichen Tag hinter mir, der meine ganze Kraft gefordert hat. Jetzt bin ich nur noch fix und fertig, und möchte einfach nur nach Hause. Wie gern würde ich jetzt einen Knopf drücken, und mich per keine Ahnung was nach Hause beamen lassen. Aber diese Technik gibt es noch nicht. Also nutze ich die öffentlichen Verkehrsmittel, mit dem Wissen, dass ich in einer guten Stunde zuhause sein werde. Jedenfalls, wenn die S-Bahn keine Verspätung hat, und die Haltestellenansagen im anschließenden Bus funktionieren.
Da ich erst mal zehn Minuten mit der U-Bahn fahren werde, setze ich mein Headset, um bei einem Hörbuch ein bisschen zu entspannen.
Ich bin keine Minute in der Bahn, als ich von einer Stimme aus meinen Gedanken geholt werde. Eine Dame fragt: „Darf ich Sie was Fragen?“ Hm, hat sie ja schon. Und obwohl ich weiß was gleich kommen wird, will ich einfach daran glauben, dass sie nur eine Fahrplanauskunft oder so haben möchte. Also schaue ich sie an, und schenke ihr meine Aufmerksamkeit. Und da kommt sie, die Frage aller Fragen: „Sind sie schon immer blind?“ „Ja, bin ich“, antworte ich, und möchte eigentlich nicht hier sein. Und da kommt sie schon, die nächste aller Fragen: „Kann man da nichts machen?“ „Nee, ich bin freiwillig blind, weil es gerade Modern ist eine Behinderung zu haben“, möchte ich am liebsten antworten. Aber das verbietet mir meine gute Erziehung, und gibt mir eine höfliche Antwort vor. Dann kommen die üblichen Bezeugungen von Bewunderung dafür, wie gut ich mein Leben meistere, gefolgt von der Erzählung, dass sie einen Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder sonst wen hat, der nicht gut sehen kann, eine Brille trägt, oder von seinem sehenden Partner umsorgt wird. Ich bewundere mich jetzt auch gerade. Nämlich dafür, dass ich höflich bleibe, ihr aktiv zuhöre, und mich beim Aussteigen aus der U-Bahn mit einem Lächeln verabschiede. Wenn es diese Auszeichnung gäbe, hätte sie sich auf jeden Fall für die Nervensäge des Jahres qualifiziert.
Ich bin ein Mensch, der gern aufklärt, der viel Zeit damit verbringt die Fragen nicht blinder Personen zu beantworten, und der das gern tut. Aber auch bei mir gibt es Tage, die meine ganze Kraft fordern. Tage, an denen ich nicht zum zehnten Mal erklären möchte, dass ich ein selbstbestimmtes Leben mit Familie führe. Und ich möchte nicht ständig diese Frage „Kann man da nichts machen“ beantworten.
Liebe Menschen ohne Sehbehinderung! Stellt Euch vor, mein Leben spielt sich nicht ausschließlich rund um meine Sehbehinderung ab. Diese ist eine Eigenschaft von ganz vielen anderen Eigenschaften. Und genauso vielfältig sind meine Interessen. Ich möchte also nicht ausschließlich meine Sehbehinderung zum Gesprächsthema machen, sondern gern auch alle anderen Themen, die mich und meine Gesprächspartner interessieren. Man kann sich mit mir ebenso über Katzen, Strickmuster, Kochrezepte oder über das nächste Urlaubsziel unterhalten. Und wenn es darum geht sich über leer gekaufte Regale im Supermarkt meines Vertrauens zu wundern, oder über das aktuelle Weltgeschehen zu diskutieren, dann bin ich ebenfalls gern dabei.

So, und jetzt seid ihr dran. Welche Themen nerven Euch, wenn fremde Personen Euch ansprechen? Schreibt sie in die Kommentare.

Von lydiaswelt

Ich bin blinde Mutter von zwei Kindern. Beiträge aus meinem Alltag und dem meiner Gastautoren finden hier eine Plattform.

9 Antworten auf „Ich will nicht stets über Blindheit sprechen“

Grins. Um deine Frage nach den nervigsten Fragen zu beantworten (ich bin nicht blind):
1. „Wo kommen Sie EIGENTLICH her?“ (Ich bin Migrantin und zusätzlich ca. alle 2,5 Jahre interregional umgezogen.)
2. „Wo haben Sie denn so gut Deutsch gelernt?“ (Deutsch ist meine Haupt- und Familiensprache; ich habe mein Berufsleben lang als Journalistin und Publizistin für deutschsprachige Medien gearbeitet.)
Und ja, es gibt Dinge jenseits meines zufälligen Geburtslandes und meiner ebenso zufälligen Hauptsprache, die mich (mehr) interessieren.
Solidarische Grüße von
Elke

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Hallo Lydia,
du sprichst mir aus der Seele. Ich bin hochgradig sehbehindert und war heute wegen der Lichtverhältnisse und fremder Umgebung sehr auffällig unterwegs (Sonnenbrille, Anstecker und Stock).
Ich wurde zig mal leer angebrüllt: „es ist grün, Achtung Stufe, Kurve, Auto im Weg, Stange“ oder eben einfach im vorbeilaufen angeschwiegen. Das ist ja gut gemeint, aber irgendwie… doof und wenig hilfreich.
Fein war der Bahnarbeiter, der ungefragt meine Stockhand mitsamt Selbem packte und mich mit sich zerrte. Ich wäre fast über mein eigenes Hilfsmittel gefallen!
Bei mir war es dann ziemlich das gleiche Gespräch wie deines mit einem Mann am Bahngleis. Hier sieht der Bruder schlecht.
Dazu kamen einige Rempler, die wohl meine Aufmachung nicht bemerkt haben, oder einfach die Straßenmarkierung selbst testen wollten.
Im rammelvollen Bus kannte ich zum Glück die Strecke gut und verlagerte im freien Stehen mein Gewicht.
Und alles an einem Vormittag…
Ich bewundere mich grad selbst ein wenig – fürs erreichen des Ziels ohne Tote. 😉
Es gab auch einige liebe, hilfreiche Leute. Aber irgendwann wollte ich schon nach der Vorsicht Kamera fragen.
LG Tan

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Nervigste Fragen:
„Wann sind Sie wieder gesund?“ – Das ist angeboren. (In der Variante: „Guck mal, die Tante da hat aua Bein“ gegenüber Kindern nervt es mich auch. Ich habe kein „aua Bein“ und man könnte auch kleinen Kindern schon erklären, dass es auch Menschen gibt, die so alt sind wie Mama/Papa/… und Behinderungen haben…)
„Hatten Sie einen Unfall?“ – Nein, ICP. Das ist angeboren.
„Hatten Sie einen Apoplex?“ – Nein, ICP. Das ist angeboren.

Alle diese Fragen werden oft gefolgt von ellenlangen Geschichten wer in der eigenen Familie alles Apoplexe oder Unfälle hatte und wie schlimm das sei. (Und dass man bitte Verständnis und Mitleid haben will).

„Können Sie überhaupt arbeiten?“ – Ich habe drei Jobs und zwei Berufsabschlussprüfungen, dankeschön.
„Können Sie überhaupt Sex haben?“ – Das geht wildfremde (sic!) Personen einen Dreck an.
„Ist das Ihr Kind?“ – Und wenn es so wäre…
„Kann man das Kind nicht wenigstens gesund machen?“ – Der ist gesund, er ist bloß taub.
„Kann der mal einen Beruf ergreifen?“ – Wäre das hier nicht Deutschland, dann wäre dieses Kind sich sehr sicher mal einen Studienplatz zu bekommen.
„Dass Ihr Mann Sie das alleine machen lässt…“ – Das ist mein Assistent, der arbeitet für mich und Sie dürfen ihn gerne meine linke Hand nennen, dankeschön.

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Ich werde oft auf mein Kopftuch angesprochen. Normalerweise nervt mich es nicht, weil ich mit einem Dialog eine kleine Brücke schlagen möchte.
Aber neulich bei der Frauenärztin war ich echt sauer. Ich sollte noch einen Termin vereinbaren und stellte mich hinter eine deutsche ältere Frau.
Dann drehte sich die Frau zu mir um und fing an sich mit mir zu unterhalten.
„Wann ist es denn soweit?“, fragt sie mich.
Im April sei es soweit, antworte ich.
„Das wievielte Kind ist es denn?“, möchte sie noch wissen.
„Das ist mein viertes.“, antworte ich.
Dann mustert sie mich ernst von Kopf bis Fuß und fragt dann im ernsten Ton: „Aber muss das den sein?“
Für einen Moment bin ich sprachlos, dann sage ich, das das für uns so passt und gebe mir alle Mühe mich zusammen zu reißen. Ich fand das eine saublöde Frage, die sie sich auch hätte sparen können.

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Ich bin Deutsche und lebe seit 40 Jahren in Griechenland. Selbstverständlich werde ich immer gefragt, woher ich komme, wieso ich so gut griechisch kann und was ich von Frau Merkel halte. Wenn ich Pech habe, erzählt man mir auch noch, dass eine Schwester einen Deutschen geheiratet, ein Großvater von den Deutschen erschossen wurde und dass mein Mann Glück hat, weil Deutsche so gute Hausfrauen sind. Ich rege mich nicht mehr darüber auf, sondern genieße den Gesprächsanlass mit Wildfremden, die ich meinerseits nach Kind, Kegel und Weltanschauung ausfrage.

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Das bescheuertste und nervigste ist, wenn Leute mich und meinen liebsten fragen, ob wir den wissen wo wir hin wollen. Und ich bin dann oft zynisch. Ich sage dann manchmal so etwas wie: „ Wenn sie mich nicht retten, dann fahre ich heute noch in die Elbe!“ die ständige unterstellen, dass wir, weil wir nicht gut sie nicht wissen, wo wir hin wollen, finde ich mehr als diskriminierend.
Der nächste Punkt ist bei mir das Dasein als „Zootier“! Irgend jemand Start immer mich oder den Hund an, und ich frage dann, ob ich den Leuten helfen kann. die meisten reagieren erschreckt, beschämt und verdattert.
Von Ärzten werden wir immer wieder gefragt, in welcher Einrichtung ihr lieben. Da haben viele tatsächlich noch nichts gelernt.

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Ich verstehe noch nicht, was der Anlaß sein könnte, warum Du und Dein Liebster so gesehen werden, wie Du es beschreibtst. Das möchte ich. Bloggst Du? Hier habe ich nichts gefunden, was mich weiterleitet, bin zu müde, um eine Suchmaschine zu fragen. Gibst Du mir einen Tipp? Dankbar schaue ich dann in den nächsten Tagen.

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Bürgerlich trage ich polnische Namen, die auch neben meiner Bürotür stehen. Immer wieder kommen Menschen rein, die mit mir Polnisch reden wollen, es hartnäckig immer wieder versuchen, bis sie einsehen, dass ich sie wirklich nicht verstehe, was ich zu Anfang des Gesprächs gesagt. Erlebe ich dienstlich auch am Telefon.

Wenn ich sage, dass ich lesbisch bin:
– Du hast den Richtigen noch nicht gefunden.
– Hast Du es schon mal mit einem Mann versucht?
– Treffen wir uns? Ich werde es dir so besorgen, das kann doch keine Frau.

Ich habe einen Führerschein, kein Auto. Hatte ich nie, will ich auch jetzt nicht. Habe noch nie von einem Eigenheim auf der grünen Wiese geträumt. Habe keine Kinder. Bin mit Mitte Fünfzig acht mal geflogen, samt Rückweg.

– Du hast im Leben nichts geleistet.
– Kannst du Dir das nicht leisten?
– Du gönnst Dir nichts.
– Du musst doch was vermissen.

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es geht mir ganz genau so. fahre jeden tag u-bahn, zug usw. und habe die oben geschilderten Fragen ständig. habe mir daher auch angewöhnt, möglichst umgehend meinen mp3-player aufzusetzen, und selbst wenn ich dann die fragen höre, ignoriere ich sie an den stressigen Tagen dann einfach. habe ja den Kopfhörer sichtbar auf. Mit Hund gibts übrigens auch häufig die Variante, das gespräch über den hund aufzubauen, oder besser gesagt also eher mit dem Hund. „du bist aber eine Hübsche. Wie toll du und dein Herrchen das alles machen…“ allerdings, wenn jemand mit dem hund redet, musser eben warten bis der Hund auch antwortet. Erfahrungsgemäß tut Sie das selten ;-)Natürlich ist das zugegebenermaßen auch eher eine unhöfliche Reaktion meinerseits, aber man kann einfach nicht das ganze Jahr über die Umwelt aufklären. Es gibt Tage, da isses nicht drin. also zumindest bei mir nicht.

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