Beobachten, nicht nur eine Augensache

Auf dem Bild sind fünf Blumentöpfe auf einer Fensterbank zu sehen, die unterschiedliche Pflanzen beinhalten. Optisch sieht man, dass es unterschiedliche Pflanzen in verschiedenen Größen sind, man sieht die Farben der einzelnen Pflanzen und Töpfe. Und wer sich ein bisschen mit Pflanzen auskennt, der kann diese auch benennen.

Aber was nehme ich als blinder Mensch wahr?
Ich kann fühlen, dass 5 Blumentöpfe auf einer Fensterbank stehen. Ich fühle, dass der erste von links und der zweite Topf von rechts gleich sind, und dass die anderen sich ebenfalls gleich anfühlen. Bei denen gibt es einen kleinen Stab, der nach oben ragt, und den man nach oben bewegen kann. Alle Töpfe sind viereckig, und haben abgerundete Ecken. Sie sind aus Kunststoff. Die beiden ersten Töpfe von links stehen in einem Untersatz.
Die zweite Pflanze von links ist eine marokkanische Minze. Das fühle ich an den Blättern. Außerdem hat sie einen markanten Duft. Rechts davon wächst ein Salbei vor sich hin. Auch er hat ganz besondere Blätter und duftet bereits. Die restlichen Pflanzen sind Geranien in unterschiedlichen Wachstumsstadien. Diese kann man riechen, wenn man leicht an den Blättern reibt. Im rechten Topf fühle ich ein großes Blatt, das am Rand eine trockene Stelle hat. Links daneben ist eine große Geranie, die viele Blätter verschiedener Größen hat. Ganz oben beginnt eine erste Blühte zu wachsen. Der kleine Stamm fühlt sich schon recht robust an, lässt sich aber ein Stückchen biegen. An zwei Stellen ist er nicht so gerade gewachsen. Zwei Holzstäbchen stützen ihn ab.
Die Feuchtigkeit der Erde ist unterschiedlich hoch. Die Fensterbank ist aus Granit, und die Scheibe aus Glas. Links davon fühle ich die Gardine und den Vorhang.
Was ich nicht beobachten kann.

Hinter der Fensterscheibe hört meine Information auf. Ich kann nicht sehen, dass man in einen Garten schaut, dass man mehrere Gartenhütten, Häuser und vielleicht auch die benachbarte Straßenkreuzung sehen kann. Ich weiß das alles, weil ich hier zuhause bin, oder mir das von jemandem beschrieben wurde.

Was sagt uns das alles?
Nun, es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen. Einmal das visuelle, das die meisten Menschen als erstes nennen. Und daneben gibt es noch die Wahrnehmungen durch die anderen Sinne, über die wir Menschen verfügen. Bei uns blinden Menschen sind diese nicht von vornherein besser, sondern sie sind besser ausgeprägt. Denn jemand, der nicht sieht, versucht möglichst viel an Information auf andere Art und Weise zu bekommen. Es ist also ein Langzeittraining, dass sinnesbehinderte Menschen in die Lage versetzt Dinge wahrzunehmen, ohne diese sehen zu können.
Menschen, die später erblinden, tun sich damit erst mal schwer. Es dauert eine ganze Weile, bis das Gehirn und die Wahrnehmung sich darauf einstellen. Und dann muss man das richtig üben. In der Regel passiert das mit professioneller Hilfe, sprich mit einem Reha Lehrer. Diese Menschen sind darauf spezialisiert spät erblindeten Menschen beim Erlernen von Orientierung und lebenspraktischen Fertigkeiten zu helfen. Und es liegt oft an einem selbst diese Dinge zu trainieren.

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade von Alice zum Thema Beobachten teil.

5 Antworten auf “Beobachten, nicht nur eine Augensache”

  1. Ich danke dir für deinen wichtigen Standpunkt. Er gerät oft aus dem Fokus, weil er nicht alle betrifft. Spannend fand ich, dass die Schwerpunkte, die du gesetzt hast, ganz andere sind. Wo Farben keine Rolle spielen, rücken Formen und Texturen in den Mittelpunkt. Einen lieben Gruß, Alice

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  2. leider erfahre nicht alle spät erblindeten von der Möglichkeit sich einen Reha Lehrer zukommen zu lassen. Und manchmal dauert es (fast zu) lange…
    da wären solche Beiträge wieder eine hier zum Beispiel sehr wichtig, aber auch die muss man erst einmal finden.
    herzliche Grüße Dagmar

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