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Anregungen zum blind schminken

Blindsein und sich schminken? Darüber schreibt meine heutige Gastautorin, die ein Buch darüber geschrieben hat.

Meine heutige Gastautorin ist Jennifer Sonntag, die bereits die Beiträge Ich und Ehrenamt oder auch mal nicht für mich geschrieben hat. Auch diesmal greift sie ein Thema auf, welches unter Betroffenen immer wieder kontrovers diskutiert wird. Nämlich das Schminken als blinde Frau.

Der Geschmack von Lippenrot

Warum ich mir das Schminken nicht abschminke
Während sehende Frauen auf ein unüberschaubares Angebot an Beauty- und Schminkratgebern zurückgreifen können, gab es für blinde Geschlechtsgenossinnen in den letzten fast 50 Jahren nur eine mir bekannte, buchgewordene Schminkanleitung, die eine blinde Frau für andere blinde Frauen veröffentlichte. Es handelt sich um „Die Kunst des Schminkens“ von Dorothy Pirozzi, einem erblindeten Model aus Amerika. Da ich nicht weitere 50 Jahre warten wollte, entschloss ich mich, für blinde Schminkfreundinnen das Buch
„Der Geschmack von Lippenrot“ zu schreiben.
Mit meinem Wunsch, mit anderen blinden Frauen über dekorative Kosmetik in Austausch zu kommen, bin ich nicht allein. So durfte ich Gemeinsam mit der blinden YouTuberin Tina Sohrab zum Braille-Festival 2019, in einem Beauty-Talk Rede und Antwort zu unserer gemeinsamen Leidenschaft stehen. Die ebenfalls blinde Moderatorin der Veranstaltung, Hanna Reuther, interviewte Tina zu ihren Tutorials und mich zu meinem Ratgeber und auch das Fernsehen war vor Ort. Wegen so eines banalen Themas? Für uns sehbeeinträchtigte Frauen ist das nicht banal, weil wir, wie bei vielen anderen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, ganz eigene Tricks und Kniffe erlernen müssen. Oft werden diese im Falle dekorativer Kosmetik von sehenden Profis vermittelt. Am bekanntesten sind wohl die Schminkkurse von Rene Koch, die er auf Wunsch blinder Frauen ins Leben rief und auf die er sich selbst in Dunkelexperimenten vorbereitete. Ich finde es super, wenn nun auch wir betroffenen Frauen selbst, wie damals Dorothy Pirozzi, diese Angebote als Expertinnen in eigener Sache ergänzen. Und ja, auch von blinden Männern kommen zunehmend Anfragen zu kosmetischen Belangen.

Oft habe ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich mich für Beauty-Themen interessiere. Sogar nach einer ganz normalen Pflegebehandlung hatten andere Kundinnen meine Kosmetikerinnen gefragt, warum ich als Blinde dort hinginge. Diese Logik verstehe ich nicht. Soll ich, da ich erblindet bin, diese hilfreichen Routinen unterlassen, nur, weil ich das Ergebnis nicht sehe? Gerade die Besuche bei meiner Frisörin, Kosmetikerin oder Nagel-Designerin geben mir die Sicherheit, dass alles im Rahmen ist. Manchmal schminke ich mich dann zusätzlich noch gern ein bisschen. Hier tauchen dann weitere Fragezeichen auf: „Warum macht sie das, sie sieht es ja selber gar nicht?“ Da ich mir auch bei der Auswahl von Kleidung und Schmuck Gedanken um meinen Stil mache, ist der Lippenstift für mich dann das passende I-Tüpfelchen, ein geliebtes Markenzeichen.

Bereits als junges Mädchen trug ich mir gern Lippenstift auf. An unserer Sehbehindertenschule war ich mit meiner Freundin damals eher eine Ausnahme, was das Interesse für Schminkutensilien betraf. Eine strenge Lehrerin hatte mich sogar einmal richtig kräftig in den Hintern getreten, sodass ich in die Ranzenecke fiel. Dabei trug ich den Lippenstift im Schulhaus gar nicht, aber dass ich einen besaß, muss Ärgernis genug gewesen sein. Oder waren die gestylten Haare und das kurze Röckchen Stein des Anstoßes? Zum Trost gab es zwar einen Radiergummi, aber ich hatte gelernt, dass bei manch alter Reha-Pädagogin „Mädchenkram“ sowas wie der Ruch des Bösen war. Begründung: „Dann brauchst du dich nicht wundern, wenn dir was passiert“. Ich hätte mir statt dessen Selbststärkungskurse für junge sehbehinderte Mädchen gewünscht und gern auch blinde junge Frauen kennengelernt, mit denen ich mich hätte identifizieren können, da ich später auch erblinden sollte und mir kein Leben als graue Maus vorstellen wollte. Toll fand ich immer unsere Schulaufführungen, bei denen wir uns richtig rausputzen oder verkleiden durften, meist mit unserer Tanzgruppe und ja, gerade in diesen kreativen Bereichen gab es auch mehr Offenheit für unser Ausprobieren.

Ich verstehe es gut, wenn sich Frauen überhaupt nicht schminken wollen. Ich tue das privat auch eher selten. Mir ist nur wichtig, dass gerade blinde Frauen selbstbestimmt wählen können und sich nicht aus Mangel an Teilhabemöglichkeiten, also aus Not geboren, gegen etwas entscheiden müssen, was Ihnen eigentlich Freude bereitet. Für uns blinde Frauen ist der Markt an Möglichkeiten oft kleiner und barrierefreie Zugänge zu optischen Themen sind rar. Ich bin dann oft happy über den einen Krümel vom großen Beauty-Kuchen. Entscheidet Frau aber selbstbestimmt und nicht aus mangelnder Dazugehörigkeit, dass ihr der Lippenstift getrost gestohlen bleiben kann, dann finde ich das auch eine selbstbestimmte Wahl. Ich möchte dennoch nicht als oberflächlich verurteilt werden, weil ich mich auch gern mal schminke. Gerade weil ich doch eher ein tiefsinniger Mensch bin, der sich oft mit schweren Themen befassen muss, ist es für mich ein Ausgleich für die Seele, hin und wieder einfach mal in Lippenstiftfarben zu denken.

Bei meiner Fernseharbeit für die Sendung „Selbstbestimmt!“ lasse ich mich gern von meinen Make-up-Artistinnen unterstützen. Für ein richtiges HD-Make-up reichen meine alltagspraktischen Schminktechniken nicht aus, da müssen wirklich die Profis ran. Ich merke immer wieder, dass ich hier wirklich blindes Vertrauen brauche, denn gerade meine Augen reagieren sehr empfindlich und wir müssen uns gut darüber abstimmen, was in meinem Gesicht passieren soll. Hier bin ich auch tatsächlich manchmal etwas traurig darüber, dass andere Menschen später etwas im Fernsehen von mir anschauen werden, was ich selbst nur im Kopf kreieren kann. Da ich schon viele Jahre vor der Kamera arbeite, ist mir sehr bewusst, dass ich mich als Frau auch verändere, das ist auch ein Gefühl des Kontrollverlusts. Aber ich liebe die Beauty-Oase mit den Tiegeln, Tübchen, Paletten, Pinseln und Quasten, die vor jedem Drehtermin wie ein kleines Heiligtum aufgebaut wird. Und ich lerne dadurch auch immer wieder interessante Produkte kennen, die ich mir dann nachkaufe.

Wie ich mich ganz persönlich als blinde Frau, aber auch als Peer-Beraterin für andere blinde Frauen, dem Schminken mit Spürsinn genähert habe, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch „Der Geschmack von Lippenrot“. Oft werde ich gefragt, ob ich ein paar kurze Schminktipps geben kann. Gerade für blinde Frauen muss man etwas genauer beschreiben, deshalb ist kurz und knapp schwierig. Frau kann sich dann schnell vertun.  Ich versuche dennoch einige Einblicke zu geben, für detaillierte Schminkanleitungen sollten meine blinden Schminkfreundinnen aber lieber das Buch zur Hand nehmen.

Zunächst habe ich mich zu meinem Farbtyp und zu meinen Hautbedürfnissen beraten lassen. Danach wählte ich die passenden Produkte aus. Das war ein Prozess und ich lasse mich noch immer gern inspirieren. Die eigene Gesichtsform und alle Schminktechniken lernte ich in Ruhe durch Trockenübungen kennen. Ich selbst arbeite überwiegend mit Fingerspitzengefühl, also dem Tastsinn. So trage ich in vorgegebenen Massagebewegungen die Foundation auf und arbeite im gleichen System mit einem Beauty-Blender nach, einem Schminkschwämmchen, was wie ein kleines Ei geformt ist. Da ich über lose Puder als vollblinde Frau weniger Kontrolle habe, nutze ich hier ausschließlich kompakte Varianten und einen Puderpinsel. Wenn ich mich für Rouge entscheide, zähle ich zuvor ab, wie oft ich mit dem Rouge-Pinsel über mein Produkt gehe und achte darauf, dass ich auf beiden Gesichtsseiten gleich verfahre. Es ist wichtig sich zu informieren, wo bei einem selbst das Rouge richtig platziert ist. Manche blinde Frauen verwenden statt Pudern auch lieber Cremeprodukte. Hier lohnt es sich, selbst ein bisschen zu experimentieren, was einem leichter von der Hand geht.

Lidschatten trage ich mir mit den Fingern auf und streiche dafür mit der Fingerspitze zuvor über meine meist hellen Pudertöne in der Palette. Auch hier zähle ich wieder ab, um für jede Seite gleich viel Material zu verwenden. Ein Reinigungstuch für die Fingerkuppe liegt stets in Griffbereitschaft. Auch auf dem Lid gehe ich mit systematischen Streichbewegungen vor und setze manchmal noch einen weiteren Akzent mit einer dunkleren Lidschattenfarbe. Bei der Wimperntusche lasse ich die Hand mit der Spiralbürste „einfrieren“ und zwinkere die Farbe mit der Wimper vorsichtig von der Bürste ab. Sehende Frauen machen es genau umgekehrt. Sie halten die Wimper still und bewegen die Bürste hindurch. Manche Frauen beherrschen den Lidstrich blind, dazu gehöre ich leider nicht. Das ist wirklich die Königinnenklasse, weil man hier sehr exakt und symmetrisch arbeiten muss. Hier ist Permanent-Make-up eine schöne Alternative. Will ich mich an die Brauen trauen, nutze ich gern Puderstifte. Damit meine Brauen schön in Form bleiben, mache ich ihnen feste Zupftermine.

Zu meinem Lieblingsutensil, dem Lippenstift, gäbe es so viel zu sagen. Deshalb wähle ich an dieser Stelle meine aktuell bevorzugte Variante aus. Es gibt einen Lippenstift, der den ganzen Tag lang hält und mit dem ich sogar essen kann. Er wird mit einem ähnlichen Applikator aufgetragen, wie ein Lipgloss. Hier muss ich nur etwas aufpassen, da dieser Dauerlippenstift so farbintensiv, wie eine Tinte ist und auch die Lippenkontur besser treffen muss, als ein Lipgloss. Um den Umgang mit dem Applikator zu üben, rate ich für den Anfang erstmal zu einem farblosen Gloss. Hier ist es auch nicht so schlimm, wenn etwas daneben geht. Bei farbintensiven Lippenstiften jedoch, auch bei den Klassikern, die man aus der Hülse drehen muss, ist es wichtig, mit der eigenen Lippenkontur vertraut zu sein. Hier fallen Ausrutscher deutlicher auf. Aber das ist alles eine Übungssache und Schminken lernen wir nur durch Schminken!

Es ist für mich wahnsinnig spannend, mich mit anderen blinden Frauen über ihre Schminkerfahrungen auszutauschen und ich finde es auch immer super und bereichernd, wenn eine es ganz anders macht, als ich. Bei sehenden Frauen gibt es ja auch viele verschiedene Techniken. Ich betrachte mich deshalb immer nur als Impulsgeberin und möchte anderen blinden Frauen Lust auf das Thema Schminken machen, was dann jede ganz selbstbestimmt ausgestalten kann. Gehen wir also in sinnlichen Schritten und mit viel Fingerspitzengefühl auf die Suche nach dem Duft unseres Teints, dem Klang unseres Wimpernschlags und dem Geschmack unseres Lippenrots!

Von lydiaswelt

Ich bin blinde Mutter von zwei Kindern. Beiträge aus meinem Alltag und dem meiner Gastautoren finden hier eine Plattform.

2 Antworten auf „Anregungen zum blind schminken“

Danke Euch, das ist spannend! Ich selber schminke mich seit Jahren nicht mehr, früher, vor allem als Jugendliche habe ich es aber getan, ohne je irgendeine Anleitung zu bekommen. Allerdings habe ich mich auch immer auf Wimperntusche und Lippenstift beschränkt, alles Andere war mir zu fehleranfällig. Wimperntusche nutze ich auch heute noch zu besonderen Anlässen oder wenn ich mal vor eine Kamera muss. Das mit den Lippenkonturen ist wahr. Ich habe dann immer versucht, Lippenstifte zu verwenden, die sich mit feuchten Fingern wieder abwischen ließen, so dass ich um die mir gut vertraute Kontur herum vorsichtshalber korrigieren konnte. Bei der Wimperntusche mache ich es ähnlich – grundsätzlich wasserlöslich und immer danach erstmal mit feuchten Fingern über die Augenlider und seitlich abwischen, was möglicherweise drübergegangen ist. Ich mache es klassisch und bewege das Bürstchen. Das mit dem Zwinkern muss ich ausprobieren, das klingt sinnig. Aber richtig sicher fühle ich mich mit alledem nur, wenn ich eine sehende Kontrollperson greifbar habe, die quasi eine Endabnahme macht 🙂 Und über die Jahre ist es mir auch zu nervig geworden, mir den ganzen Tag lang nicht die Augen reiben oder ins Gesicht fassen zu können, daher die Faulheit in Sachen schminken.

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Hi Lydia,

danke für diesen spannenden Beitrag!

Viele Grüße

Marco

Möchten Sie mehr über mich und mein Unternehmen erfahren? Dann schauen Sie sich den Beitrag in Galileo über uns an:

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