Was Kinder wirklich brauchen

Es gibt ganz viele Ratgeber darüber was Kinder brauchen, und wie man sie fördern, erziehen und begleiten soll. Die Meinungen sind genauso vielfältig wie die Verfasser selbst.
Was Ratgeber angeht, so habe ich keinen Einzigen zu Ende gelesen. Denn für mich als blinde Mutter gab es nie einen, welcher irgendwie auf meine Situation übertragbar war.
Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder uns ihre Bedürfnisse mitteilen. Und es ist an uns Eltern, Betreuern oder erwachsene Freunde diese zu erkennen und darauf zu reagieren.

An oberster Stelle stand bei mir Vertrauen. Ich musste lernen meinen Kindern zu vertrauen und ihnen nach ihren Möglichkeiten eigenständiges Handeln zuzutrauen. Das war für mich anfangs schwer auszuhalten. Ich erinnere mich an den ersten Ausflug alleine auf den Spielplatz, ins Schwimmbad oder auf die Kirmes. Ich musste lernen darauf zu vertrauen, dass meine Kinder sich wie vereinbart bei mir melden, wenn wir uns zwischenzeitlich getrennt hatten. Erst recht, als sich ihr Radius mit zunehmendem Alter erweiterte.
Ebenso ist es auch an mir ihnen vorzuleben, dass auch ich Bedürfnisse und Grenzen habe. Und dass ich mich an Vereinbarungen und Versprechen halte. Wenn die Spülmaschine ausgeräumt ist, gehen wir raus. Ich möchte nicht, dass Du nach mir schlägst. Ich mache mir Sorgen, wenn Du mir nicht Bescheid sagst, dass Du länger bei Deiner Freundin bleibst.
Vor ein paar Jahren bekam ich von meinen Kindern ein wunderschönes Kompliment gemacht. „Mama, bei Dir weiß man immer woran man ist.“ Darüber habe ich mich damals riesig gefreut.
Heute sind meine Kinder beide volljährig. Wir haben ein liebevolles Vertrauensverhältnis zueinander. Und dafür bin ich dankbar. Denn das bedeutet für mich, dass wir für uns das richtige Maß von Nähe und Distanz gefunden haben.

Im Zusammenhang mit blinden Eltern taucht oft die Frage auf, wie ich damit umgehe, dass sie meine Sehbehinderung ausnutzen, oder mich hintergehen. Besonders die vielen selbst ernannten Miterzieher sind der festen Überzeugung, dass meine Kinder sich ihre Freiheiten sowieso nehmen. Schließlich bin ich blind genug, um das meiste nicht mitzukriegen. Tja, Freunde des Misstrauens und der großzügigen Verbote, sehen ist nicht alles. Die meisten Eltern werden mir Recht geben, dass man ein Gespür dafür entwickelt, was das Kind gerade macht oder wie es ihm geht. Und daraus lässt sich vieles ableiten.
Eine weitere Regel war, dass ich nie einfach so Verbote erlassen habe, sondern ganz viel Überzeugungsarbeit gemacht habe. Es dauert ein wenig länger, hat aber eine nachhaltige Wirkung.
Tja, und dann kommt das Kind in ein Alter, in welchem es beginnt eigenständig zu handeln, seine eigenen Ideen umzusetzen und damit auch mal Fehler zu machen. Das war eine Zeit, die ich schwer aushalten konnte. Aber mit Vorhaltungen und Verboten kommt man hier nicht weit. Erst recht nicht, wenn man möchte, dass das Kind mit einem darüber spricht, und sich meine Vorschläge anhört.
Heute blicke ich auf zwei selbständig denkende, volljährige Kinder, die sich in vielem selbst zu helfen wissen, die aber bei Bedarf auch mal meinen Rat einholen.

Mit diesem Text nehme ich an einer Blogparade mit dem Titel „Was brauchen Familien wirklich“ teil. Diese läuft noch bis zum 15.06.2019.

6 Antworten auf “Was Kinder wirklich brauchen”

  1. Liebe Lydia,
    wie schön, dass du bei meiner Blogparade mitgemacht hast. Danke für deinen interessanten, klugen Beitrag!
    Vermutlich werde ich die Blogparade sogar noch um ein paar Tage verlängern, bin nämlich sehr gespannt auf noch weitere Antworten!🙂
    Lg, Sarah

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  2. Was für ein kluger Text und was für eine „erleuchtete“ Mama. Ich habe zwar keine Kinder, aber ich war einmal eines, und ich hatte Eltern wie du es hier beschreibst! Wir hatten ihr Vertrauen und Unterstützung, sie arbeiteten beide, jeder in seinem eigenen Betrieb, waren dementsprechend abwesend aber stets erreichbar und wir konnten jederzeit bei ihnen Hausaufgaben machen oder was fragen gehen. Ich denke heute noch gerne an diese Zeit zurück und danke es ihnen, uns geholfen zu haben verantwortungsvolle und lebenstaugliche Menschen zu werden! Du bist eine Mutter nach meinem Geschmack!

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  3. Ein sehr guter Text, den ich bestätigen kann. Meine Kinder sind mir noch nie weggelaufen, wenn ich alleine mit ihnen unterwegs bin. Sie kommen grundsätzlich zu mir zurück, wenn ich sie auf dem Spielplatz o. Ä. beaufsichtige und gehen auch nicht ohne mein Ok über eine Straße. Meine Große passt auf jedes andere Kind in ihrer Umgebung auf, v. a. auf ihre kleine Schwester, aber auch im Umgang mit Babys und Kleinkindern ist sie sehr vorsichtig. Und das alles habe ich nie von ihr verlangt oder ihr absichtlich beigebracht. Ich frage mich auch, woher die Annahme kommt dass unsere Kinder uns mehr auf der Nase rumtanzen würden als andere Kinder, ich erlebe das genaue Gegenteil. Die Freunde meiner Kids sind ziemlich kreativ was sowas angeht und da muss ich bei Treffen genauer aufpassen, meine wissen dass es für uns alle nur Stress bedeuten würde wenn sie z. B. irgendwelche Sachen verstecken, weglaufen oder was auch immer noch ihnen einfiele machen würden … Also nein, das kann ich nicht nachvollziehen. Solche Aussagen können eigentlich nur von Menschen kommen, die keine großartigen Berührungspunkte mit blinden Menschen haben. Wie du schon geschrieben hast ist das gegenseitige Vertrauen das A und O einer gut funktionierenden Eltern-Kind-Beziehung, egal ob mit oder ohne Behinderung. Ich für meinen Teil bin stolz auf meine Kinder, weil ich ihnen vertrauen kann und weiß, dass sie es nicht ausnutzen. Wenn sie irgendwann in die Pubertät kommen hoffe ich, dass es sich dennoch im Rahmen hält, aber bis dahin haben wir noch ein paar Jahre Zeit.

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