Mein Gastkind aus Palästina – Teil 4

2 Monate ist es nun her, seit Amal bei uns lebt. Seither ist viel passiert. Im Haushalt bewegt sie sich immer sicherer und selbständiger. Es ist inzwischen normal, dass sie an den Wasserkocher geht und Tee zubereitet. Ich habe ihr gezeigt wie man T-Shirts oder Pullover auf Din A4 falten kann, was sie inzwischen sehr gut umsetzt. Momentan arbeiten wir daran, dass sie sicherer im Umgang mit Messer und Gabel wird. Sie lernt ihr Fleisch selbst zu schneiden und den Inhalt des Tellers zu beherrschen.
Eine meiner Leserinnen hat ein iPhone 5S für Amal gespendet, dass ich für sie eingerichtet und an unsere Familienfreigabe angeschlossen habe. Eine ebenfalls blinde palästinensische Freundin hat ihr den Umgang damit gezeigt. Weitere Einheiten sind in Planung.
Ebenso haben wir ihr gezeigt, wie sie die Euroscheine voneinander unterscheiden kann. In meinem Beitrag Wie erkennen Blinde Geld hatte ich das beschrieben.
Und natürlich darf auch der Freizeitbereich nicht zu kurz kommen. Sie hat inzwischen Bekanntschaft mit Gesellschaftsspielen gemacht. Hier noch ein Dankeschön an die Leserin, die uns ein Rommee Spiel für Blinde überlassen hat. Rommee spielt sie zwar noch nicht, dafür aber Mau-Mau.
Sie würde so gern stricken lernen. Ich selbst traue mir das allerdings nicht zu. Denn da ich nicht sehe was sie tut, muss ich es anfassen. Und wenn wir mit vier Händen an der Handarbeit herumtasten, stelle ich mir das ziemlich verwirrend vor. Vielleicht findet sich noch jemand, der wie ich Spaß am Stricken hat, und mir hilft ihr das zu vermitteln.

Anfang März wurde sie durch das Bürgerhospital Frankfurt kostenlos untersucht. Dabei ist rausgekommen, dass man evtl. etwas an ihrem Sehen verbessern kann. Allerdings haben wir es mit drei Fakten zu tun:
1. Es gibt wie bei jeder Operation keine Garantie auf Erfolg.
2. Ihr Schengen Visum läuft in weniger als einem Monat aus, die Wartezeiten auf die erste OP betragen garantiert acht Wochen.
3. Da ihre Auslandskrankenversicherung bei allem was die Sehbehinderung betrifft keine Kosten übernimmt, müssen wir diese irgendwie anders auftreiben.

Tja, das sind die Hürden, die mich gedanklich beschäftigen.
Inzwischen hat sich ihr Wortschatz in Deutsch deutlich vermehrt, so dass sie kleine Sätze zusammenbauen kann. Unterhaltungen, die darüber hinausgehen, führt sie weiter in Englisch.
Durch sie habe ich viel über das Leben blinder Menschen in Palästina erfahren. Als blinde Frau darf sie ihr Studium nur bis zu einem bestimmten Grad durchführen. Allein und blind auf die Straße gehen ist ein Nogo, da sie Gefahr läuft mit Steinen oder Unrat beworfen zu werden. Ebenso ist ihr der Zugang zur Berufstätigkeit oder zu einem eigenen Bankkonto verwehrt. Eine weitere Tatsache ist, dass blinde Menschen Analphabeten gleichgestellt werden. Das heißt, dass ihre Unterschrift nur in Form des Fingerabdrucks akzeptiert wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie mit einem Stift umgehen können, oder nicht. Diese Aussagen habe ich nicht nur von Amal, sondern von anderen blinden Bewohnern des Landes bekommen. Für Amal heißt das, dass sie ihr Zuhause noch nie ohne sehende Begleitung verlassen hat. Sie staunt immer wieder über Dinge, die man hier blind machen kann und darf. Ihr größter Wunsch ist eines Tages Übersetzerin für Deutsch, Englisch und Arabisch zu werden. In ihrer Heimat wird sie das niemals erreichen. Ich wünsche mir so sehr, dass ich ihr dabei helfen kann ihrem Ziel näher zu kommen. Noch fehlt mir die richtige Idee dazu. Aber der Name Amal bedeutet auf Deutsch Hoffnung. Und eben diese Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Noch mal Danke an diejenigen, die uns mit einer Spende über PayPal unterstützen. Es ist gut zu wissen, dass wir nicht alleine sind.

11 Antworten auf “Mein Gastkind aus Palästina – Teil 4”

  1. Es gibt so viele Hürden bei uns. Und so vieles, was im Argen liegt und dringend verbessert werden sollte. Und doch gibt es auch so vieles, wofür wir dankbar sein dürfen und sollten. Das zeigt dein Bericht deutlich. Ich hoffe mit dir für dein Gastkind – wie schade, dass so enorm viel Potenzial durch rigide Strukturen vergeudet wird! Die Welt könnte sich das eigentlich gar nicht leisten, und trotzdem tut sie so, als könnte sie es. Grrr.

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  2. Ich habe schon deinen letzten Beitrag auf Linkedin geteilt. Aber was mich entsetzt: Sind die Muslime wirklich so drauf, dass sie nach Blinden mit Steinen werfen? Ich erlebe sie hier in Deutschland eigentlich immer als diejenigen, die zuerst ihre Hilfe anbieten.

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    1. Nein, das hat nichts mit Muslimen zu tun. Es sind eher Kinder auf der Straße, die sich über Menschen mit Behinderung lustig machen, ohne dass sie ausreichend gemaßregelt werden. Dazu kommt die bisweilen mangelhafte Aufklärung über blinde Menschen.

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  3. Liebe Lydia, ich hatte ja gestern das Vergnügen Amal und Dich kennenzulernen und das hat mir wirklich viel Freude bereitet. Ich habe schon mal ein wenig meine Fühler ausgestreckt bezüglich Deiner Fragestellung, leider ist es tatsächlich so, dass sich recht wenig finden lässt, insbesondere, da ich mich vorher noch nie mit Themen wie Asyl und Visa beschäftigt habe. Ich bleibe aber dran und hoffe, dass ich Dir und Amal irgendwie weiterhelfen kann. Es ist einfach nicht richtig, dass Jemand keine Chance bekommt, weil er nicht sehen kann.

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