Messen mit zweierlei Maß

Susanne und ich kennen uns seit vielen Jahren. Es ist eine dieser Freundschaften, die trotz der Entfernung über Jahre halten. Im Herbst 2017 hat sie mich für ein Wochenende zu sich nach Hamburg eingeladen, und für ein unvergesslich schönes Wochenende gesorgt.

Ich freue mich, dass sie heute wieder einmal zu Gast auf meinem Blog ist. Auch die folgenden Beiträge stammen von ihr:
für Selbstverständlichkeiten bewundert werden,
Tag der offenen Moschee, was passiert da eigentlich? Und
Heißt selbständig auch schnell sein?

Messen mit zweierlei Maß
Es ist ein schöner Nachmittag und mein Freund und ich erwarten Besuch von zwei älteren Damen, die wir gut kennen. Ich bin vor kurzem in meine Wohnung hier in Hamburg eingezogen. Die beiden Damen haben einiges aufgetrieben, das ich gebrauchen kann. Ich freue mich sehr auf den Besuch und habe ein kleines Cafégedeck vorbereitet.
Mit großem Hallo begrüßen und Umarmen wir uns, alles ist gut. Ich freue mich riesig über das, was sie mir mitgebracht haben, und gebe Ihnen natürlich auch etwas dafür. Die beiden sind sehr nett, sehr fit und umtriebig und treiben immer eine Menge auf, das sie aus Haushaltsauflösungen und von Flohmärkten bekommen. Solche Möglichkeiten habe ich als gesetzlich blinde Frau eher nicht. So bin ich für die Unterstützung außerordentlich dankbar, da mein Geldbeutel nicht so dick gefüllt ist. Das Gespräch nimmt seinen Lauf, der Kaffee schmeckt, es wird viel gelacht.
Plötzlich beginnt sich eine der beiden Frauen umzuschauen: „Aber hier muss mal wieder geputzt werden, hier liegen Hundehaare herum! Hast du niemanden, der dir dabei hilft?“ Wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da! Ich bin nicht oft sprachlos, aber in diesem Moment bin ich einfach nur stumm! Wie soll ich jetzt reagieren? Wie soll ich mit dem fertig werden, was ich gerade empfinde. Da ist auf der einen Seite die nette Hilfe und die netten Gespräche, und dann das! Mir geht durch den Kopf, was ich und meine Assistentinnen in den letzten Tagen alles getan haben, damit die Wohnung langsam wohnlich wird, damit es sauber und präsentabel ist. Ich wohne erst ein paar Monate in der Wohnung, und mein Hund ist gerade neu eingezogen. Vieles ist noch provisorisch und ich bin dabei mich in meiner neuen Lebensumgebung in Hamburg einzuleben. Ich freue mich über jeden netten Kontakt und über jede Unterstützung, die ich gerade am Anfang bekommen kann.
Was aber mache ich mit einer solchen Aussage? Im ersten Moment bin ich stumm. Ich kommentiere also die Aussage nicht weiter. Durch den Kopf geht mir allerdings: was würdet ihr machen, wenn ich mich bei euch so verhalten würde? Es ist ein Messen mit zweierlei Maß! Ein Hundehaar, eine staubige Fensterbank, ein aus Zeitgründen nicht gesaugter oder gewischter Boden, das alles würde bei einer nicht behinderten Person nicht weiter auffallen. Sie hatte eben einfach keine Zeit. Aber bei mir? Bei mir darf man/frau sich einmischen. Alles nur gut gemeint! Schließlich helfen wir ja sonst auch und bringen etwas mit! Auch wenn ich dafür zahle, die beiden haben sehr viel Zeit und Arbeit investiert, um mit gutem Geschmack etwas Passendes auszuwählen. Wenn ich Ihnen also sage, was mir in diesem Moment auf der Zunge liegt, sowas wie: „Das geht euch nichts an! Wie dreist seid ihr eigentlich?“ Oder die Frage, von eben: „Was wäre, wenn ich das bei euch machen würde?“
Ich stelle es ja immer wieder fest: mit dem Label „gut gemeint“ kann irgendwie alles gerechtfertigt werden. Und mit dem Satz: „Du siehst es ja nicht!“ erst recht. In diesem Moment fühle ich mich richtig hilflos. Eigentlich müsste ich Leute, die sich bei mir so verhalten, die so über meine Grenzen trampeln, rauswerfen. Andererseits sind da aber eben die vielen netten Begegnungen, sind da die vielen Handreichungen, die wirklich toll sind und für die ich sehr dankbar bin.
Das große „Fragezeichen“ bleibt. Ich habe bis heute für dieses Thema keine gute Lösung gefunden. Und ich erlebe es oft, dass Leute beleidigt sind, wenn ich Ihnen eine Grenze setze, weil ich etwas selbst kann, oder es einfach als übergriffig empfinde, wie sich manche Leute verhalten. Das fängt beim ungefragt angefasst werden an, geht weiter über die Bemerkungen und Kommentare zu meiner Hundehaltung, und hört in meinen Privaträumen auf.
Und das ist es: Meine Wohnung ist mein Refugium. Es ist der Raum, in den ich mich zurückziehen kann. Ich möchte mich hier sicher fühlen, den Hut aufhaben. Ich möchte Menschen unvoreingenommen willkommen heißen, Gastgeberin sein und sie bewirten können. Das alles ist irgendwie oft überschattet von dem Gefühl unter einer Dauerbeobachtung, unter so etwas wie Dauerbewährung zu stehen. Das führt leider oft zu dem Eindruck, dass Menschen, die mich besuchen, nicht unvoreingenommen meine Wohnung betreten. Es scheint, als würden sie das Haar auf dem Boden, dass die Assistentin eventuell vergessen hat, oder dass mein Hund direkt nach dem putzen dort hinterlassen hat, suchen. Vielleicht bestätigt das ihr Weltbild, das ich regelmäßig versuche bei meinem Umfeld ins Wanken zu bringen.

Ich habe mich schon oft gefragt, ob Sehende/nichtbehinderte Leute sich untereinander genauso verhalten? Manche würden wahrscheinlich sagen ja: zum Beispiel, wenn Eltern zu ihren Kindern nach Hause kommen, oder die Schwiegermutter das Heim der ungeliebten „Nebenbuhlerin“, die ihr ihren Sohn weggeschnappt hat, in Augenschein nimmt.
Eine Behinderung scheint dieses Phänomen aber zu legitimieren und zu verstärken. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, irgendetwas finden sie immer. Und so fange ich langsam an mir sehr genau auszusuchen, wen ich bei mir zu Hause reinlasse. Ich möchte meine Wohnung als meinen Ort zum Wohlfühlen behalten. Ich möchte nicht selbst, mit unfreundlichem Blick, kritisch und oft abwertend, durch meine Wohnung gehen und mich fragen, ob sie vorzeigbar ist. Und doch tue ich das genau sehr regelmäßig. Ich hatte schon Diskussionen mit meinen Assistentinnen, weil sie das Phänomen nicht verstehen. Einfach zu sagen: „dann wehr Dich halt!“ oder: „Lass es einfach an dir abprallen!“ ist zu kurz gegriffen. Wie schon erwähnt: eine gute Lösung habe ich nicht. Ich fühle mich machtlos den Zuschreibungen gegenüber, die ein Weltbild zementieren, von dem ich hoffe, dass wir es irgendwann überwinden werden! An einigen Punkten auch umfangreichere Hilfe zu benötigen, steht den vorhandenen Fähigkeiten und der Normalität nicht im Weg! Und so sind es auch hier wieder die Barrieren in den Köpfen und das daraus resultierende Messen mit zweierlei Maß, die das Miteinander unnötig erschweren und für mich und andere Menschen mit Behinderungen zu echten Behindernissen werden!

Susanne ist gesetzlich blind und lebt in Hamburg. Die Dipl. Pädagogin und Peer Counselorin (ISL) ist ehrenamtlich in der Blindenselbsthilfe Hamburg tätig.

Ich danke ihr für diesen Beitrag, und freue mich auf Eure Meinung in den Kommentaren.

12 Antworten auf “Messen mit zweierlei Maß”

  1. Liebe Susanne,
    Ich kenne das auch, ich kann zwar sehen aber mein Haushalt ist auch nicht perfekt. Wenn das jemand kritisiert, überlege ich wie es gemeint ist. Eine Verwandte tut das um mich abzuwerten und das macht mich auch wütend. Grundsätzlich habe ich aber damit meinen Frieden gemacht als ich mir sagte, dass ich so ok bin wie ich bin und mich auch mag, obwohl es bei mir nicht immer pikopello aussieht. LG Dagmar

    Gefällt 2 Personen

  2. Es ist tatsächlich so, dass es bei mir im Verhältnis sehr sauber ist. Ich liege da durch aus Wert drauf. Es sind dann die Kleinigkeiten, die gefunden werden. Das muss dann auch sofort im entsprechenden Rahmen kommentiert werden . Ich habe das Selbstvertrauen, dass ich weiß, dass es bei mir in meiner Bude in Ordnung ist. Und wenn wir mal nicht dazu kommen, dann geht die Welt nicht unter. Mir geht es ja vor allem um die Verhaltensweisen, die weder von Verwandtschaft, noch von Freunden auf so eine Art an den Tag gelegt werden sollten. Ich falle der beiden Damen glaube ich übrigens, dass es einfach nur am Bewusstsein dafür fehlt, was zu viel eingreifen für das gegenüber bedeutet. Abwarten wollen sie niemanden . Es fehlt an Feingefühl und eben ein Bewusstsein!

    Gefällt 2 Personen

  3. Das war wirklich sehr interessant zu lesen. Ich finde die Bemerkung als Außenstehende auch sehr dreist, aber manche Menschen rühmen sich ja damit, „ehrlich“ zu sein. Da muss der andere halt durch… Wahrscheinlich hast du recht, dass du noch viel mehr bevormundet wirst, weil du nicht sehen kannst.

    Gefällt 1 Person

  4. Sorry, … aber dieser Kommentar von den Freundinnen ging leider viel zu weit!,….er war ja sogar schon regelrecht verletzend! ….sorry, aber das geht einfach zu weit,… nein,…. es geht absolut VIEL ZU WEIT !!! …. Denn DAS geht wirklich ganz massiv über das hinaus, was man seinen Gästen (mit einem sehr ernsten Blick) gerade so noch gestatten könnte… obwohl es wirklich schon absolut pietätlos ist, bzw. dieses Verhalten bereits sehr weit darüber hinaus geht was man gerade so, noch hinnehmen könnte! Und zwar ist es wirklich schon EINIGES drüber hinaus!! … und wenn sie DAS nicht bemerkt haben,… also, dann tut es mir wirklich ernsthaft leid, …. aber dann sind sie echte Elefanten im Porzellanladen! … Dann wurden die Sensoren der beiden, leider absolut pietätlos auf Null gestellt, bzw sind ihre Sensoren einfach defekt – so das es für dieses taktlose Verhalten, welches sie hier an den Tag gelegt haben, …. schon gar keine Entschuldigung mehr gibt! …….. So etwas dürfte ich ja nicht mal bei meiner eigenen Tochter bringen, obwohl ich weiß, daß sie schwerbehindert ist, daß das Putzen nicht immer ihre liebste Beschäftigung ist, aber daß sie dafür sehr engagiert in Vollzeit arbeitet und sie insgesamt auch noch täglich 3 bis 3,5 Std Hin- und Rückfahrt mit dem Auto dafür aufwendet,… also ist doch – vor allem zusammen mit diesen Hintergrundinformationen, alles gut, …. auch wenn ich dort am Wochenende dann wirklich mal etwas Staub oder Tierhaare sehe,. … Ja UND?!!! …. viel mehr freue ich mich doch darüber, dass sie einen liebevollen Freund hat, der trotz eigener Berufstätigkeit, Hobbys und umfangreichem Ehrenamt im DLRG, sogar noch die gemeinsame Wäsche und Küche wuppt, und dazu sogar auch noch den Kühlschrank befüllt und das er, obwohl er ganz bequem in der Kantine essen könnte, so ganz nebenbei auch noch fast täglich einkauft und sehr sehr lecker kocht!! … Also da würde ich mich aber schwer – und das hoffentlich schmerzhaft (!!!…) auf meine eigene Zunge beissen, anstatt dort auch noch irgendwas wegen ein klein bisschen Staub zu sagen!

    Gefällt 1 Person

  5. Ich hatte früher auch einen Hund und die Aussagen da liegen Hundehaare kenne ich auch. Um solchen Bemerkungen ihre Überflüssigkeit deutlich zu machen, fielen meine Antworten gelangweit und verständnislos aus. „Ja, da müsste man gentechnisch dringend was machen, dass Hunde nicht ständig ihr Fell verteilen.“
    Es gibt natürlich immer wieder genug Nackenschläge auch ohne Hund. Man trifft sich bei dicksten Schmuddelwetter mit Regen und Herbstlaub und man wird darauf angesprochen, dass die Schuhe geputzt gehören. Ich kann gar nicht anders als beiläufig zynisch reagieren. „Ich habe gehofft das Ihnen / dir das auffällt, bis jetzt hatte sich noch niemand angeboten sie zu putzen.“ In der Regel kommt dann die Einsicht. „Naja, bei dem Wetter ist es ja kein Wunder. Sonst haben Sie immer saubere Schuhe.“
    Ich würde gerne besser damit umgehen können, leider fällt mir da nichts ein. Einfach runterschlucken, dass bringe ich nicht zusammen. Eine Diskussion darüber anfangen, dass ist mir zu blöd. Agressiver vorgehen fände ich würdelos.

    Gefällt 1 Person

  6. Ich bin gerade über den Blog gestolpert und kann als sehende nur sagen, dass mir das auch ab und zu passiert. Sobald man sich irgendwo in die Rolle des hilfsbedürftigen oder Ratsuchenden begibt tauchen schnell ganz liebe, engagierte Menschen auf, die dann aber an anderen Punkten wenig sensibel sind. Manche meinen sich überall einmischen zu dürfen, andere meinen man bekäme nichts auf die Reihe oder hat von nichts Ahnung, nur weil man bei einem Thema um Rat gefragt hat. Meistens sind es gutmütige Menschen, denen einfach ein bisschen Sozialkompetenz fehlt und die nicht merken, dass das verletzend sein kann. Ich antworte bei so etwas einfach „ja es ist nicht perfekt, aber ich habe einen Tisch und muss nicht vom Boden essen“ oder „ich hatte letzte Woche viel zu tun“. Nun ist es für mich so, dass ich keine größeren Einschränkungen habe – vor allem keine, die man direkt wahrnehmen kann bzw bei denen man mir extern gut helfen könnte. So kann ich mich bewusst in diese Rolle geben oder auch nicht. Wenn einem diese Wahl nicht gelassen wird, weil man die Rolle sofort über gestülpt bekommt passiert einem so etwas natürlich viel häufiger und auch von Stellen, wo man mehr Sozialkompetenz und Achtsamkeit erwarten dürfte, als bei hilfsbereiten alten Damen. Da ist es wahrscheinlich viel verletzender und schwerer zu entscheiden, wann man es einfach versucht zu überhören und wann man es anspricht. Ich habe hier jedenfalls gelernt, dass ich immer achtsam darauf sein sollte, wie viel Hilfe ich anbiete und wie ich das kommuniziere. Denn ich biete meine Hilfe gerne an, wenn ich sehe, dass etwas für jemand anderen schwierig sein könnte und ich gerade einspringen kann. Wie sollte so ein Angebot am besten aussehen? Wie formuliert man am besten, dass man gerne kurz unterstützt, sich aber auch nicht aufdrängen möchte und ein Nein genauso akzeptieren kann wie ein ja?

    Gefällt 1 Person

      1. Fragen ist immer besser als einfach machen. Wie oft erlebe ich, dass Menschschen mich ungefragt anfassen und in eine bestimmte Richtung ziehen oder schieben wollen. Wenn ich gefragt werde, kann ich annehmen, ablehnen oder nach der richtigen Hausnummer fragen.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s