Geräuschumgebung, zu laut oder zu leise

Geräusche spielen für blinde Menschen eine bedeutende Rolle. Das gilt für die Orientierung im Straßenverkehr, dem Ausmachen von Gefahrenquellen oder bei der Kommunikation mit dem Gegenüber. Ich kann nicht sehen, ob mir jemand freundlich zunickt und brauche eine direkte Ansprache. Den Ampelpfosten finde ich nur, wenn er sich irgendwie akustisch zu erkennen gibt. Und der laufende Motor eines Busses verdeckt die anderen Geräusche so sehr, dass ich nicht hören kann, ob ich die entsprechende Straße überqueren kann oder nicht.

Mein heutiger Gastautor Willi hat dieses Thema aufgegriffen. Er hat schon mal einen Beitrag für mich geschrieben, der sich um das blind Fernsehen oder ins Kino gehen dreht.

Und immer dieser Lärm
Eigentlich hatte ich mich sehr auf diesen Abend gefreut: Wir wollten, die meisten von uns blind, in das neue In-Lokal in unserer Stadt gehen. Während der Happy Hour gibt es für die Mädels die Cocktails billiger und wir Jungs lassen uns ein großes Bier schmecken. Internationale Küche gibt’s auch, da findet wirklich jeder was.
Doch schon als wir reinkommen, setzt bei mir der Fluchtinstinkt ein. Wir werden von ohrenbetäubender Musik empfangen. „Sucht Ihr einen Tisch?“ Die Kellnerin ist fast nicht zu verstehen. Wir rufen Ja im Chor, als hätte die Lieblingsmannschaft ein Tor geschossen. Siebugsiert uns an einen Tisch direkt unter dem Lautsprecher. „Entschuldigung, gibt es noch einen Tisch, an

dem es etwas leiser ist?“ Sie überlegt kurz und führt uns im Gänsemarsch durch das Lokal zu einem Tisch, der für uns vier gerade so ausreicht. Außerdem ist es hier dunkel, was sich noch rächen soll. „Wollt Ihr was trinken?“, fragt die Kellnerin so laut sie kann. „Wir wollen Cocktails“, schreien die Mädels. Unser einziger Guckling kann die Karte nicht lesen, so dass die Kellnerin nun ihr dünnes Stimmchen in die Waagschale werfen muss und die wunderbar benannten Cocktails und deren Zutaten vorlesen. Irgendwie finden wir alle etwas und nachdem sie sich durch die Speisen geschrien hat, kann auch unser Hunger gestillt werden. Wir wären wohl gern noch etwas geblieben, aber unserer Bitte, doch die Musik etwas leiser zu machen, wurde nicht entsprochen.

Sehbehinderte und blinde Menschen kennen diese Geschichte in vielen
Variationen. Unser Hörsinn ist ja unser einziges Kommunikationsmedium. Durch laute Musik an Orten, an denen wir uns unterhalten wollen, wird dieser total ausgebremst. Wir sind dann nicht nur blind, sondern de facto taub. Wer sieht, kann dem Nachbarn von den Lippen lesen und seine Worte mit Mimik und Gestik unterstreichen. Zwar waren bestimmt schon die Tavernen zur Römerzeit keine Orte der Stille, aber die Unsitte, jedes Lokal noch mit lauter Musik zu beschallen, griff erst in den letzten 30 Jahren um sich. Auf großen sommerlichen Stadtfesten überbieten sich die in der ganzen Innenstadt verteilten Bühnen mit ihren Beschallungsanlagen. Wenn es dann so laut wird, dass die Autos nicht mehr gehört werden können, wird es sogar gefährlich. Warum aber regen sich dieselben Leute über Kinderlärm auf, denen offensichtlich der elektromechanisch erzeugte Lärm nichts ausmacht? Wir müssen uns doch ernsthaft fragen, warum ein Hahnenschrei uns aufregt, während wir gleichzeitig die Musik um uns herum immer lauter hören müssen.
Aber auch von anderer Seite droht uns akustisch Ungemach: Manchmal führt Baulärm bei einigen von uns zu panikartigen Reaktionen. Deshalb werden in Marburg alle Baustellen, an denen es sehr laut sein kann, entsprechend von Bauarbeitern gesichert, die unsereins sicher durch die Baustelle begleiten.
Doch auch „Leisetreter“ machen uns Probleme: So erschrecken wir uns, wenn ein Radfahrer im vollen Tempo an uns vorbeischnurrt. Zu einer neuen Gefahrenquelle können Elektroautos werden, wenn sie ohne eine zusätzliche Schallquellen unterwegs sind.
Doch leider sind auch wir Blinden und Sehbehinderten nicht achtsam untereinander. Welchen infernalischen Krach wir entfalten können, zeigt sich an unseren Stammtischen. Hier könnte die Lautstärke einer Gruppe im Kindergarten durchaus Konkurrenz machen.

Ich danke Willi für seinen Beitrag. Und wie immer lade ich Euch herzlich ein, Eure Meinung in die Kommentare zu schreiben.

5 Antworten auf “Geräuschumgebung, zu laut oder zu leise”

  1. Der allgemeine und allgegenwärtige Lärm stört nicht nur euch Blinde! Persönlich habe ich seit ein paar Jahren Mühe die diversen Lärmquellen auseinander zu halten. Alles vermengt sich zu meinem Brei, was vor allem in einem Lokal schwierig wird; ich kann nicht mehr darauf konzentrieren, was mein Gesprächspartner sagt, dies obwohl ich eigentlich gut höre. Die Beschallung überall ist mehr als ärgerlich!

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  2. Es geht mir genau so wie in diesem Beitrag beschrieben. In den lokalen die ich regelmäßig besuche, ist es allerdings möglich, per Reservierung einen Tisch an einem etwas ruhigeren platz des Lokals zu reservieren. Meine Sehenden Freunde sind rücksichtsvoll genug, wenn wir ausgehen von sich aus einen ruhigeren Platz zu wählen. Gehen wir mit dem BSV aus, wird die Geräuschkulisse von vornherein mit den Mitarbeitern des Lokals oder der Wirtschaft besprochen. Baustellen sind in der Tat ein großes Ptroblem. Es grüßt frank Glatzel

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  3. Lokale in denen ich mich wegen der Lautstärke der Musik nicht unerhalten kann, wandern auf die Blacklist. Es geht auch mit schöner Musik im Hintergrund die eine Unterhaltung am TIsch ermöglicht.

    Wenn ich Musik richtig erleben möchte, dann gehe ich auf dem Wacken Open Air nach vorne – jedoch nicht ohne Ohrenstöpsel, weil der Schallpegel im Höhenbereich alles andere als gesund ist. Dort kannst Du übrigends gerne versuchen, gegen die Beschallung eine Unterhaltung zu führen – garantiert nur in den Spielpausen möglich.
    Ich bin dieses Jahr das 10. mal dort und freue mich schon über gute Musik vor den Bühnen und richtig schöne Unterhaltungen im Campingbereich. Unser Campinglager hat übrigends ganz bewußt keine eigene Musik, weil wir uns unterhalten wollen.

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  4. ihr glaubt ja gar nicht, wie sehr mir dieser Beitrag aus der Seele spricht. Auch ich empfinde es so, dass die Welt immer lauter wird. Mit zunehmendem Alter habe ich mehr Probleme damit. In Karlsruhe wird ja momentan die „kleinste Ubahn der Welt“ gebaut. Das war und ist mit sehr viel Lärm verbunden. Ich kann mich noch an eine Situation vor zwei Jahren erinnern, als an einer Haltestelle gebuddelt wurde. Dazu kreisten noch drei Hubschrauber ganz niedrig über dem Bundesverfassungs-Gericht. Das war das schlimmste Lärmerlebnis meines Lebens. Das war Krieg. Das war Bombenhagel. So ähnlich muss sich so etwas anfühlen. Ich konnte bei dem Lärm nicht mal nach Hilfe rufen. Das hätte niemand gehört, geschweige denn ich habe ja auch niemanden gehört. So einsam war nich noch nie in meinem Leben. An diesem Tag ist in mir etwas zerbrochen, das nie wieder so wird, wie es war. Als die Baustelle dann vorbei war merkte ich, dass ich dermaßen traumatisiert war, dass ich große Angst hatte, mich dort wieder zu bewegen. Ich musste das ganz neu üben, und musste sogar die hiesigen Mobilitätstrainer um Rat fragen. Und was Willy über laute Musik schreibt, da muss ich sagen, dass diese Unsitte sogar schon auf Veranstaltungen für Blinde, Einzug gehalten hat. Da wird bei Torball-Turnieren beim Seitenwechsel lauter Tecno oder schlimmeres gespielt. Da wird Abends nach den Spielen eine Band eingeladen, so dass jede Unterhaltung unmöglich wird, und, und, und.

    Wenn nicht mal mehr wir Blinden die Stille hüten und bewahren, wer dann? Ein maskulin visuell gesteuerter Augenmensch sicherlich nicht…

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  5. Noch etwas, was Blinde mit Hörbehinderten gemeinsam haben: Zu viele Geräusche schränken die Fähigkeit ein, sich zu orientieren. Aber anscheinend hat der alltägliche Greäuschpegel mittlerweile Ausmaße erreicht, die auch nichtbehinderte Menschen als unangenehm empfinden, wie suzyintheflow anmerkt.

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