Die Behinderung der Eltern ausnutzen

Es gibt eine Frage, die viele neue Bekanntschaften von mir beschäftigt, sobald sie wissen, dass nicht nur ich blind bin, sondern auch mein Mann eine Sehbehinderung hat. Die Leute mit großem Mundwerk stellen sie sofort, andere brauchen lange dafür. Aber in beiden Kategorien brodelt die Frage: „Nutzen die Kinder Eure Behinderung nicht auch schon mal aus“? 
Liebe Miteltern, Lehrer und Erzieher!

haben Eure Kinder noch nie eine Schwäche von Euch ausgenutzt, um etwas zu erreichen? 
Ich denke, dass jeder lösungsorientiert denkende Mensch sich überlegt wie er möglichst schnell an ein bestimmtes Ziel kommen kann. Und dabei werden selbstverständlich Schwachpunkte des Gegenübers einkalkuliert. Für den Versicherungsvertreter mag das der Vertragsabschluss für eine Haftpflichtversicherung sein, für ein Kind das Stückchen Schokolade, dass es stibitzen kann, ohne dass die Eltern es merken. 
Wenn ich mir das bewusst mache, kann ich die Frage mit einem klaren Nein beantworten. Denn wenn mein Kind eine weitere Scheibe der Lieblingswurst vom Tisch nimmt, oder die ungeliebte Käsescheibe wieder zurück auf den Teller legt, dann tut es das nicht mit dem Gedanken: „Die ist ja blind, mit der kann ich es machen“, sondern eher mit dem Gedanken „Ich mag Wurst lieber als Käse. Mal sehen ob Mama das merkt“. 
Lösungsorientierte Kinder suchen nach Möglichkeiten ein Ziel zu erreichen. Und sie sind lernfähig. Sie erkennen, dass Mama weniger sieht als Papa, dass man ihr einen Gegenstand in die Hand gibt, oder sie beschreibt, da Draufzeigen keinen Erfolg haben. 
Jedes Elternteil hat Stärken und Schwächen. Und da Kinder lernfähig sind, lernen sie diese einzuschätzen und ihr Handeln danach auszurichten.

Dafür galt, dass ich vieles, was die Kinder taten, nicht sehen konnte. Dafür habe ich vieles gehört. Ich weiß noch, als meine Tochter in der ersten Klasse ihrer Freundin erzählte, dass sie leise sprechen müssten, da ihre Mama sonst mithört. 
Aber auch ich bin lernfähig. Wenn ich nicht will, dass meine Kinder heimlich an Süßigkeiten gehen, dann habe ich sie auch nicht in großen Mengen zuhause. Oder ich bewahre sie für Kinder unerreichbar auf. Gleiches gilt für Putzmittel, Medikamente und andere Gefahren. 
Kommen wir mal zum Angstfaktor „Digitale Medien“. Wir hatten einen Fernseher. Und der stand im Wohnzimmer. Diesen habe ich nie verteufelt, sondern mir gemeinsam mit meinen Kindern Filme angesehen. Heimlich Fernsehen war sozusagen uninteressant. Und wenn man das reglementieren will, so bietet die Technik diverse Hilfsmittel an, die das ermöglichen. Gleiches gilt für den Computer, den meine Kinder hatten. Ein Smartphone hatten meine Kinder erst zu einem Zeitpunkt, als ich sie nicht mehr reglementieren wollte. Sie hatten inzwischen gelernt welche Seiten man besser nicht aufruft, und wie man mit persönlichen Daten umgehen sollte. 

Problematisch wurde es, als meine Kinder in die Schule kamen, und ich Arbeiten und andere Mitteilungen abzeichnen sollte. Ich habe es so gehalten, dass ich nichts unterschrieben habe, was ich nicht selbst lesen konnte. Kamen die entsprechenden Nachrichten nicht per E-Mail zu mir, so ließ ich sie mir von einer dritten Person vorlesen. Das war mir wichtig, um sämtliche Versuche meine Behinderung ausnutzen zu wollen, im Vorfeld zu vermeiden. Gleichzeitig habe ich meinen Kindern immer wieder gepredigt, dass schlechte Nachrichten kein Weltuntergang sind. Und sie sind nur halb so schlimm, wenn ich es vom Kind selbst erfahre. Es war ein langer Prozess, hat sich aber letztlich bezahlt gemacht. Heute kann ich darauf vertrauen, dass ich die Nachrichten aus erster Hand und ungefiltert bekomme. Dafür bin ich dankbar. Denn ich weiß, dass nicht alle Eltern dieses Glück haben, und nicht alle Kinder sich trauen schlechte Nachrichten mit nach Hause zu bringen, aus Angst vor strafen oder Liebesentzug. 
Kurz, ich bin in erster Linie Mutter. Ich habe zwei Kinder, mit allen Eigenschaften, die sie als Kinder mitbringen. Und ich habe ihnen vorgelebt, dass der Überbringer schlechter Nachrichten nicht gleich enthauptet wird. Und noch etwas: Ein Kind veräppelt mich nicht aufgrund meiner Behinderung, sondern aufgrund eines Ziels, welches es gerade jetzt erreichen will. Und es ist an mir als der erfahreneren Mutter das nicht zu persönlich zu nehmen. Ich will einfach glauben, dass meine Kinder mir zu keinem Zeitpunkt wirklich wehtun wollten. 

6 Antworten auf “Die Behinderung der Eltern ausnutzen”

  1. Ich finde du beschreibst ein ganz tolles und gesundes Elternverhalten. Mit dieser Einstellung kann einem als Eltern bzw. Elternteil gar nicht viel passieren, da Vertrauen, Respekt und ein liebevoller Umgang einfach ein großes Fundament bilden. Ich glaube, dass die Gedanken, die sich andere um die „Gefahren“ einer Behinderung machen, viel größer sind, weil es ihnen einfach fremd und nicht einschätzbar erscheint. Für eure Kinder ist das aber von Beginn an der Alltag und stellt wahrscheinlich für euch und eure Kinder weniger Einschränkung dar als man als Außenstehender so vermutet. Und Kinder finden überall Lücken und Schlupflöcher, egal wie viel man sieht, hört, riecht oder sonstwie wahrnimmt. Deswegen ist das gegenseitige Vertrauen wohl der Schlüssel 😉

    Liebe Grüße
    Steffi

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    1. Liebe Steffi, Verbote sind nur gut und wirksam, wenn ich diese auch kontrollieren kann. Und wenn ich das aufgrung meiner Behinderung oder einer anderen Einschränkung nicht kontrollieren kann, brauche ich andere Lösungen.

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