Wie schütze ich mich wirksam vor blinden Menschen? – Ein Gastbeitrag von Kadir Türkyilmaz

Eine Satire über die Unzugänglichkeit von Internetseiten für blinde und stark sehbehinderte Nutzer.

Das Titelbild zeigt Kadir in einem schwarzen Sakko mit weißem Hemd.

Moderne Kommunikationstechnik erleichtert vielen Menschen das Leben; doch zuweilen werden auch Personen ausgeschlossen, welche auf diese Möglichkeiten angewiesen sind: blinde und sehbehinderte Menschen. Wie diese Menschen sich das Internet zunutze machen, ist schnell erklärt:

Mittels so genannter Screenreader, also Programme, die den Inhalt eines Bildschirms auslesen und z. B. über eine Sprachausgabe oder Braillezeile ausgeben, können sie Texte schnell erfassen. Das Internet spielt für sie bei der Informationsbeschaffung eine nicht unerhebliche Rolle.

Leider werden zuweilen in sozialen Medien, wie Facebook, sogar von seriösen Institutionen der Einfachheit halber Texte in Form von Bildern bereitgestellt. Und das, obwohl diese Einrichtungen doch für _ALLE_ Menschen gedacht sind. Warum werden dann einzelne Personengruppen ausgeschlossen, indem man die Regeln zur Barrierefreiheit missachtet? Dabei würden alle Menschen davon profitieren. Man stelle sich nur vor, die Inhalte würden so gestaltet, dass man sowohl Text als auch Bilder vorfindet, wäre das nicht viel einfacher? Dieser Gastbeitrag ist als Satire zu verstehen und dennoch verleiht der Autor seiner Hoffnung Ausdruck, dass möglichst viele Menschen auf diesen Missstand aufmerksam werden und entsprechend handeln.

Um sich vor blinden Menschen zu „schützen“, bedarf es einiger recht einfacher Regeln, die hier im Folgenden näher erläutert werden sollen:

Verwenden Sie grundsätzlich Bilder mit Texten. So bleibt der Inhalt Ihrer Botschaften für blinde Menschen unerreichbar. Außerdem sehen Bilder schick aus – und Ihnen geht es ja um ein gutes Image. Machen Sie sich keine Sorgen. Der Großteil Ihrer Leser wird es Ihnen danken, denn im Vergleich zur „normalsehenden“ Gesellschaft ist die Zahl der blinden Nutzer recht gering. Schätzungsweise gibt es 500.000 blinde Menschen in Deutschland. Die meisten sind Menschen, die im Alter von Blindheit betroffen sind, also bleibt nur ein geringer Teil – sagen wir weniger als 100.000 -, denen Sie nicht unbedingt alles recht machen müssen. Konzentrieren Sie sich auf die Gesellschaft der Nichtbehinderten. Ihr Augenmerk gilt denen.

Schützen Sie bereitgestellte Dateien und Dokumente mittels DRM. Damit ist gewährleistet, dass Ihre Inhalte definitiv nicht für den recht kleinen Anwenderkreis zugänglich sind. Der Durchschnittsblinde wird schon bei den Bildern aufhören, Gedanken an die Zugänglichmachung Ihrer Inhalte zu verschwenden.

Schützen Sie Ihre Kommentarfunktion mit einem Captcha, das sich zudem alle paar Sekunden aktualisiert. Jeder normalsterbliche Mensch kann innerhalb von sagen wir 15 oder 20 Sekunden erfassen, was auf dem Bildchen zu erkennen ist und es entsprechend eingeben.

Eine weitere, sehr wirksame Methode der Informationsbarriere besteht darin, dass Sie Grafiken verwenden, die Sie nicht beschriften. Diese werden bei richtiger Programmierung dem Blinden gar nicht erst angezeigt. Hier gilt das Sprichwort: Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß.

Unterlegen Sie Ihre Inhalte mit bunten Farben und Animationen. Das sieht nicht nur schön aus, sondern lockt die Besucher in Scharen auf Ihre Seiten.

Ganz wichtig!!!

Blinde sind es gewohnt, dass sie sich alles erkämpfen müssen. Ist etwas nicht barrierefrei? Kein Problem, eine E-Mail an den Seitenbetreiber ist schnell verfasst. Wird nicht darauf reagiert? Auch kein Thema, das kennen die schon. Erstellen Sie Textbausteine, die im Ernstfall an die Betroffenen geschickt werden, um Ihr Gewissen zu beruhigen. Aber wie gesagt, nur im Ernstfall. Normalerweise tun Sie sich keinen Gefallen damit, auf jede einzelne E-Mail zu reagieren. Droht Ihnen jemand mit einer Bundesbehörde oder gar dem Gleichstellungsbeauftragten irgendeiner Einrichtung, sollten Sie eben vorbereitet sein – aber nur für diesen Fall. Denn stellen Sie sich einmal vor, Sie reagieren auf die E-Mail eines einzelnen Blinden. Er erzählt Ihnen etwas von Barrierefreiheit und dass er Ihre Texte nicht lesen kann. Sie schreiben ihm, dass Sie nicht wissen, wie Sie Ihre Inhalte für ihn zugänglich machen können. Denn natürlich müssen Sie heucheln und den Verständnisvollen mimen. Sie sind schließlich eine Person des Öffentlichen Rechts; zumindest repräsentieren Sie eine solche Einrichtung. Der Blinde wiederum gibt Ihnen jede Menge Informationen, die Ihre EDV-Abteilung wiederum nicht versteht – ist ja menschlich. Dann haben Sie den Ärger, weil Sie dem Blinden Hoffnungen gemacht haben, wo diese einfach nicht angebracht sind.

Ergo ist es das kleinere Übel, wenn Sie nicht reagieren. Sitzen Sie grundsätzlich alle Fragen zur Barrierefreiheit Ihrer Angebote aus – Sie schonen damit nicht nur Ihre Nerven, sondern sparen Zeitressourcen, die sie wiederum anderweitig einsetzen können.

 

Autor: lydiaswelt

Blinde Mutter sehender Kinder mit arabischem Hintergrund

2 Kommentare zu „Wie schütze ich mich wirksam vor blinden Menschen? – Ein Gastbeitrag von Kadir Türkyilmaz“

  1. Wer Blinde von seiner Webseite aussperrt, schießt sich quasi selbst ins Knie. Die Crawler der Suchmaschinen haben die gleichen Probleme wie Blinde Menschen. Nur mit der Folge, dass nicht barrierefreie Inhalte auch schlechter für die Ergebnisse der Suchmaschinen gewertet werden. Bilder mit Text mögen noch in den sozialen Netzwerken funktionieren. Bei Google und Co hat man damit aber sehr schlechte Karten.

    Somit ist Barrierefreiheit die Grundvoraussetzung für eine ordentliche Suchmaschinenoptimierung und hilft ganz nebenbei auch blinden Menschen die Inhalte auf einer Seite richtig wahrzunehmen. So einfach ist das.

    Gefällt 2 Personen

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